Schulen im Austausch : Wie ein Berliner Gymnasium aus Münster lernt

Wie lernen Schulen voneinander? Wie kann es gelingen, ein erfolgreiches Schulkonzept zu adaptieren? Welche Herausforderungen stellen sich dabei? Das Schulportal will Impulse geben, indem es bewährte Schulkonzepte vorstellt und anderen Schulen damit Anregungen für die eigene Schulentwicklung gibt. So ist das Gymnasium am Europasportpark in Berlin auf das Drehtürmodell – ein besonderes Förderkonzept – des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Münster gestoßen und will es nun selbst umsetzen. Das Schulportal zeigt an diesem Beispiel, wie dieser Prozess abläuft.

Annette Kuhn 02. August 2021
Lehrerin und Schulleiterin stellen ihr Förderkonzept vor
Lehrerin Catharina Banneck (l.) und Schulleiterin Katrin Schäffer wollen das Förderkonzept für sprachbegabte Kinder am Gymnasium am Europasportpark in Berlin umsetzen.
©Annette Kuhn

„Das wäre auch etwas für uns“, hat sich Catharina Banneck gesagt, als sie im Januar 2020 den Konzeptfilm zum Drehtürmodell, einer Strategie zur individuellen Begabungsförderung, des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Münster auf dem Deutschen Schulportal gesehen hat. Banneck ist Qualitätsbeauftragte und Lehrerin für Deutsch und Sozialkunde am Gymnasium am Europasportpark in Berlin. Die Schule gibt es erst seit fünf Jahren. „Wir sind im Werden und suchen noch unsere Richtung“, erklärt Schulleiterin Katrin Schäffer.

Drehtürmodell hilft Lernwege zu individualisieren

Bei der Profilbildung ist es der Schule wichtig, alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen in den Blick zu nehmen. „Wir haben uns bislang vor allem auf die Förderung der eher leistungsschwächeren Kinder in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch konzentriert“, erklärt die Schulleiterin. Im Drehtürmodell sieht sie nun eine gute Möglichkeit, auch mal die Kinder mit besonderen Begabungen in den Blick zu nehmen. Als sie das Konzept vorgestellt hat, ließen sich die Kolleginnen und Kollegen schnell begeistern. Schnell bildete sich eine Arbeitsgruppe mit mehreren Fachkolleginnen und Fachkollegen, die den weiteren Planungs- und Umsetzungsprozess koordinieren.

Das Drehtürmodell ermöglicht es Schülerinnen und Schülern, sich besonderen Herausforderungen zu stellen, die ihren individuellen Stärken entsprechen. Um ihre Lernwege zu individualisieren, verlassen sie ihre Klasse für einzelne Stunden, um am Unterricht einer anderen Klasse oder auch einem außerschulischen Projekt, zum Beispiel an der Universität, teilzunehmen.

Das Konzept zum Drehtürmodell

Das Drehtürmodell ist am Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium in Münster fester Bestandteil der individuellen Begabungsförderung und wird in verschiedenen Fachbereichen umgesetzt.

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Eins zu eins übertragen lässt sich ein Konzept einer anderen Schule natürlich nicht. Das war auch Katrin Schäffer gleich klar. Schon allein die Voraussetzungen sind am Annette-Gymnasium in Münster anders als in Berlin. Während in Nordrhein-Westfalen der Schulwechsel auf die weiterführende Schule nach der vierten Klasse erfolgt, findet der Übergang in Berlin normalerweise erst nach der sechsten Klasse statt. Wenn das Drehtürmodell dann in Münster ab der sechsten Klasse startet, kennen die Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler bereits gut und können einschätzen, für wen sich das Förderkonzept eignet.

Förderkonzept zunächst für den Unterricht in der zweiten Fremdsprache

In Berlin soll das Drehtürmodell mit Beginn der siebten Klasse starten, wenn die Schülerinnen und Schüler also gerade auf das Gymnasium gekommen sind. Um dennoch geeignete Schülerinnen und Schüler frühzeitig und verlässlich auszumachen, will das Berliner Gymnasium im kommenden Schuljahr damit beginnen, Kooperationen mit Grundschulen aufzubauen. „Das war ohnehin geplant“, erklärt Catharina Banneck, aber für eine erfolgreiche Umsetzung des Drehtürmodells sei die Zusammenarbeit besonders wichtig. Denn die Erfahrungen aus Münster zeigen, dass ohnehin nicht alle Schülerinnen und Schüler die ganze Zeit über dabeibleiben. Darum ist es wichtig, vor dem Start die Kinder gut zu kennen und zu wissen, wer das zusätzliche Pensum überhaupt schaffen kann.

Geplant ist im Gymnasium am Europasportpark, das Drehtürmodell zunächst im Fremdsprachenunterricht umzusetzen. „Das liegt zum einen daran, dass wir im Leitungsteam sehr sprachaffin sind“, sagt Katrin Schäffer. Zum anderen passe das Förderkonzept gut zu den Kindern der Schule. An das Gymnasium in Prenzlauer Berg kommen einige Kinder, die mehrsprachig aufwachsen. Wenn dann mit dem Eintritt in die siebte Klasse die Wahl der zweiten Fremdsprache ansteht – an der Schule Französisch oder Spanisch – sind auch immer ein paar Muttersprachlerinnen und Muttersprachler in diesen Sprachen dabei. Für diese Kinder sei es oft wenig motivierend, die Sprache, in der sie ohnehin zu Hause sind, noch einmal von Beginn an zu lernen.

Es gibt doch viel mehr Dinge zu bedenken, als ich anfangs dachte.
Catharina Banneck, Lehrerin am Gymnasium am Europasportpark, Berlin

Und noch einen dritten Grund gibt es: „Das Drehtürmodell in Französisch und Spanisch kommt für zwei bis drei Kinder pro Jahrgang infrage, das ist eine überschaubare Größe, die für den Anfang gut ist“, erklärt Katrin Schäffer.

Vorgesehen ist, dass diese Kinder dann im Französisch- oder Spanischunterricht in zwei der insgesamt vier Stunden ihre Klasse verlassen und in den Sprachunterricht einer Parallelklasse mit der jeweils anderen Sprache wechseln. Ein Schüler oder eine Schülerin einer Französischklasse wechselt dann also für zwei Stunden in der Woche in den Spanischunterricht.

Klingt eigentlich simpel und leicht umsetzbar. Catharina Banneck dachte das zuerst auch, aber wie viel Planung tatsächlich nötig ist, wurde ihr klar, als sie Kontakt zu der Koordinatorin der Begabungsförderung am Annette-Gymnasium in Münster aufgenommen hat. „Es gibt doch viel mehr Dinge zu bedenken, als ich anfangs dachte“, sagt sie heute.

Patinnen und Paten für den Informationsaustausch

„Die Schule in Münster stand ja irgendwann mal vor den gleichen Fragen wie wir und musste Lösungen finden.“ Für Banneck war es daher sehr hilfreich, dass das Schulportal nicht nur das Förderkonzept der Schule anschaulich präsentiert hat, sondern auch gleich eine Ansprechpartnerin genannt hat.

Durch diese bekam die Arbeitsgruppe in Berlin wichtige Hinweise: Die Schülerinnen und Schüler, die beim Drehtürmodell mitmachen, brauchen in beiden Klassen Info-Patinnen oder Info-Paten, die sie über die Themen und Aufgaben der Stunden, in denen sie nicht am Unterricht teilnehmen, auf dem Laufenden halten. Eine wichtige Frage ist auch, was die Schülerinnen und Schüler an Begleitung brauchen. In Münster trifft sich die koordinierende Lehrkraft mehrmals im Halbjahr mit den Schülerinnen und Schülern, die beim Drehtürmodell dabei sind, um zu besprechen, wie es läuft und wo möglicherweise zusätzliche Unterstützung erforderlich ist.

Durch Corona-Pandemie hat sich Zeitplan zur Umsetzung des Förderkonzepts verzögert

Außerdem müsse die Frage der Bewertung geklärt werden, betont die Schulleiterin. Müssen die Kinder Klassenarbeiten in beiden Sprachen schreiben? Werden in beiden Fächern Noten vergeben? Was zählt für das Zeugnis? „Damit sind ja auch rechtliche Fragen verknüpft“, so Katrin Schäffer.

All diese Herausforderungen haben das Berliner Gymnasium aber nicht davon abgehalten, das Förderkonzept weiter zu verfolgen. Der Zeitplan wurde allerdings durch die Corona-Pandemie durcheinandergebracht. „Eigentlich wollten wir im Schuljahr 2022/23 mit einem Pilotprojekt starten – aber dann kam Corona“, sagt die Schulleiterin. Neue Projekte zur Schulentwicklung mussten hinter dem Tagesgeschäft zurücktreten.

Man muss bei der Umsetzung eines neuen Schulkonzepts alle mitnehmen und darf niemanden außen vor lassen.
Katrin Schäffer, Schulleiterin des Gymnasiums am Europasportpark

Die Pilotphase für das Förderkonzept soll nun im Schuljahr 2023/24 beginnen. Die Erfahrungen sollen dann evaluiert und möglicherweise die Curricula angepasst werden, bevor das Drehtürmodell im Schulkonzept des Gymnasiums am Europasportpark fest verankert wird. Wenn sich das Modell bewährt, könne es vielleicht auch in anderen Fachbereichen umgesetzt werden, zum Beispiel in den MINT-Fächern, so Katrin Schäffer.

Aber das ist Zukunftsmusik. Nach den Sommerferien beginnt erst einmal die konkrete Erarbeitung des Konzepts, das dann in den Gremien der Schule abgestimmt wird. „Man muss bei der Umsetzung eines neuen Schulkonzepts alle mitnehmen und darf niemanden außen vor lassen“, sagt die Schulleiterin. Und das brauche alles viel Zeit, ergänzt Catharina Banneck: „Schule ist ein langsamer Dampfer.“

Der Zeitplan zur Umsetzung des Drehtürmodells

  • Bei der Adaption des Förderkonzepts ist das Berliner Gymnasium in mehreren Schritten vorgegangen:
  • Zunächst wurde die Idee des Drehtürmodells den Fachkolleginnen und Fachkollegen vorgestellt. Der Konzeptfilm des Schulportals eignet sich besonders dafür und kann einen lebhaften Einblick vermitteln.
  • Zur weiteren Planung und Konzeptentwicklung hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet.
  • Diese hat dann Kontakt zum Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium in Münster aufgenommen und sich über Herausforderungen und weitere Umsetzungsschritte ausgetauscht. Die dortige Koordinatorin des Modells hat auch viele Materialien für die Umsetzung zur Verfügung gestellt.
  • Als Nächstes wird jetzt ein konkretes Konzept erarbeitet, dass dann allen Gremien der Schule vorgestellt wird. Möglichst noch zum Ende des kommenden Schuljahres soll dieses durch die Schulkonferenz beschlossen werden.
  • Im Februar 2023 ist geplant, das Drehtürmodell beim Tag der offenen Tür vorzustellen.
  • Die Pilotphase für das Förderkonzept soll im Schuljahr 2023/24 starten.

Zu den Konzepten auf dem Schulportal

  • Die Konzepte auf dem Schulportal sind filmisch aufbereitete Impulse für Schulen und können eine Inspirationsquelle für die Schulentwicklung sein. Die Konzeptfilme sind keine Blaupausen, ermöglichen aber einen unmittelbaren und authentischen Einblick in die Arbeit ausgezeichneter Schulen.
  • Jedes Schulkonzept wird in Film, Wort und Bild ausführlich dargestellt, und es gibt an jeder Schule Ansprechpartner, an die sich interessierte Schulen wenden können, um sich über die Konzepte auszutauschen oder Hinweise zur Umsetzung zu bekommen.
  • Die Konzepte wurden entwickelt und erprobt von Preisträgern und nominierten Schulen des Deutschen Schulpreises. Das Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium gehörte 2018 zu den Preisträgern des Deutschen Schulpreises.