Schulen im Austausch : Vom Konzept zur Umsetzung – wie ein Berliner Gymnasium aus Münster lernt

Wie lernen Schulen voneinander? Wie kann es gelingen, ein erfolgreiches Schulkonzept zu adaptieren? Welche Herausforderungen stellen sich dabei? Das Schulportal will Impulse geben, indem es bewährte Schulkonzepte vorstellt und anderen Schulen damit Anregungen für die eigene Schulentwicklung gibt. So ist das Gymnasium am Europasportpark in Berlin auf das Drehtürmodell – ein besonderes Förderkonzept – des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Münster gestoßen und setzt es nun selbst um. Das Schulportal zeigt an diesem Beispiel, wie dieser Prozess abläuft.

Annette Kuhn 02. August 2021 Aktualisiert am 26. September 2022
Schüler und Eltern schauen auf Zettel zum Drehtürmodell
Ist das etwas für mich? Ole, Mike und Konstantin (v.l.) und ihre Eltern schauen sich beim Infoabend das Konzept des Drehtürmodells an.
©Annette Kuhn

„Das wäre auch etwas für uns“, hat sich Catharina Banneck gesagt, als sie im Januar 2020 den Konzeptfilm zum Drehtürmodell, einer Strategie zur individuellen Begabungsförderung, des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Münster auf dem Deutschen Schulportal gesehen hat. Banneck ist Qualitätsbeauftragte und Lehrerin für Deutsch und Sozialkunde am Gymnasium am Europasportpark in Berlin. Die Schule ist noch jung. „Wir sind im Werden und suchen noch unsere Richtung“, erklärt Schulleiterin Katrin Schäffer.

Drehtürmodell hilft Lernwege zu individualisieren

Bei der Profilbildung ist es der Schule wichtig, alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen in den Blick zu nehmen. „Wir haben uns bislang vor allem auf die Förderung der eher leistungsschwächeren Kinder in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch konzentriert“, erklärt die Schulleiterin. Im Drehtürmodell sieht sie nun eine gute Möglichkeit, auch mal die Kinder mit besonderen Begabungen in den Blick zu nehmen. Als sie das Konzept vorgestellt hat, ließen sich die Kolleginnen und Kollegen schnell begeistern. Schnell bildete sich eine Arbeitsgruppe mit mehreren Fachkolleginnen und Fachkollegen, die den weiteren Planungs- und Umsetzungsprozess koordinieren.

Das Drehtürmodell ermöglicht es Schülerinnen und Schülern, sich besonderen Herausforderungen zu stellen, die ihren individuellen Stärken entsprechen. Um ihre Lernwege zu individualisieren, verlassen sie ihre Klasse für einzelne Stunden, um am Unterricht einer anderen Klasse oder auch einem außerschulischen Projekt, zum Beispiel an der Universität, teilzunehmen.

Das Konzept zum Drehtürmodell

Das Drehtürmodell ist am Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium in Münster fester Bestandteil der individuellen Begabungsförderung und wird in verschiedenen Fachbereichen umgesetzt.

YouTube

Mit Klick auf „Video laden“ stimmen Sie zu, dass Youtube Cookies setzt und Daten (z.B. IP-Adresse) erhebt, die auch der Analyse des Nutzungsverhaltens, zum Ausspielen individualisierter Werbung im Google Werbenetzwerk oder der Verknüpfung mit einem Google-Konto dienen und in Drittländer (z.B. USA) übertragen werden können. Die Einwilligung ist freiwillig und jederzeit widerrufbar. Details finden Sie in unserer Datenschutzerklärung und bei Google.

Video laden

Geplant ist im Gymnasium am Europasportpark, das Drehtürmodell zunächst im Fremdsprachenunterricht umzusetzen. „Das liegt zum einen daran, dass wir im Leitungsteam sehr sprachaffin sind“, sagt Katrin Schäffer. Zum anderen passe das Förderkonzept gut zu den Kindern der Schule. An das Gymnasium in Prenzlauer Berg kommen einige Kinder, die mehrsprachig aufwachsen. Wenn dann mit dem Eintritt in die siebte Klasse die Wahl der zweiten Fremdsprache ansteht – an der Schule Französisch oder Spanisch –, sind auch immer ein paar Muttersprachlerinnen und Muttersprachler in diesen Sprachen dabei. Für diese Kinder sei es oft wenig motivierend, die Sprache, in der sie ohnehin zu Hause sind, noch einmal von Beginn an zu lernen.

Drehtürmodell soll mit zwei bis drei Kindern starten

Vorgesehen ist, dass die Kinder, die beim Drehtürmodell mitmachen, im Französisch- oder Spanischunterricht in zwei der insgesamt vier Stunden ihre Klasse verlassen und in den Sprachunterricht einer Parallelklasse mit der jeweils anderen Sprache wechseln. Ein Schüler oder eine Schülerin einer Französischklasse wechselt dann also für zwei Stunden in der Woche in den Spanischunterricht. „Das Drehtürmodell in Französisch und Spanisch kommt zunächst für zwei bis drei Kinder pro Jahrgang infrage, das ist eine überschaubare Größe, die für den Anfang gut ist“, erklärt Katrin Schäffer.

Lehrerin und Schulleiterin stellen ihr Förderkonzept vor
Lehrerin Catharina Banneck (l.) und Schulleiterin Katrin Schäffer wollen das Förderkonzept für sprachbegabte Kinder am Gymnasium am Europasportpark in Berlin umsetzen.
©Annette Kuhn

Eins zu eins übertragen lässt sich ein Konzept einer anderen Schule natürlich nicht, das war auch Katrin Schäffer klar. Schon allein die Voraussetzungen sind am Annette-Gymnasium in Münster anders als in Berlin. Während in Nordrhein-Westfalen der Schulwechsel auf die weiterführende Schule nach der vierten Klasse erfolgt, findet der Übergang in Berlin normalerweise erst nach der sechsten Klasse statt. Wenn das Drehtürmodell dann in Münster ab der sechsten Klasse startet, kennen die Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler bereits gut und können einschätzen, für wen sich das Förderkonzept eignet.

Kooperation mit Grundschulen

In Berlin soll das Drehtürmodell mit Beginn der siebten Klasse starten, wenn die Schülerinnen und Schüler also gerade erst die Schule gewechselt haben. Um dennoch geeignete Schülerinnen und Schüler frühzeitig und verlässlich auszumachen, hat das Berliner Gymnasium damit begonnen, Kooperationen mit zwei Grundschulen aufzubauen. „Das war ohnehin geplant“, erklärt Catharina Banneck, aber für eine erfolgreiche Umsetzung des Drehtürmodells sei die Zusammenarbeit nun besonders wichtig.

Im September 2022 hat Catharina Banneck zusammen mit ihrer Französischkollegin Jana Tichauer das zukünftige Unterrichtsmodell ihrer Schule auf einem Infoabend in der benachbarten Grundschule am Weißen See – eine der Kooperationsschulen – vorgestellt. Beide Schulen verbindet als Schwerpunkt die Förderung moderner Fremdsprachen. So gibt es in der Grundschule schon lange Frühenglisch ab der ersten Klasse und neuerdings auch ein Französischangebot als AG von der ersten Klasse an.

Direkte Ansprache von Kindern und Eltern

Ab diesem Schuljahr kommt nun auch Jana Tichauer an die Grundschule und bietet dort für die Klassen 5 und 6 Französisch als Wahlpflichtfach an. „Dabei lerne ich die Kinder gut kennen und sehe, für welche Kinder das Drehtürmodell ein geeignetes Angebot sein kann“. Die Kinder und ihre Eltern kann sie dann gezielt ansprechen, bevor die Wahl der weiterführenden Schule zu Beginn des zweiten Halbjahres ansteht. Die Französischlehrerin sieht darin einen effektiven Weg, weil Kinder und Eltern Begabungen oft nicht feststellen würden.

Auch die Eltern, die zum Infoabend gekommen sind, können sich das Modell für ihr Kind nicht so recht vorstellen. Ein Vater sagt: „Ich finde das Angebot super, wenn Kinder sprachlich begabt sind. Aber wir sind nicht so Sprachmenschen.“ Jana Tichauer lächelt dazu. Sie hört solche Einwände öfter, hat aber auch festgestellt, dass Eltern manchmal zu schnell auf ihre Kinder schließen und sich und ihre Kinder nur deshalb für weniger sprachaffin halten, weil sie keine guten Erfahrungen im Fremdsprachenunterricht gemacht haben.

Das ist ein freiwilliges Angebot. Schülerinnen und Schüler können jederzeit abspringen.
Catharina Banneck, Lehrerin am Gymnasium am Europasportpark, Berlin

Eine Mutter ist von dem Angebot beim Infoabend schnell überzeugt und kann sich vorstellen, dass ihr Sohn das einfach mal ausprobiert. Aber sie hat Sorge vor einer möglichen Überforderung: „Der Schnitt zwischen Grundschule und Gymnasium ist ohnehin schon groß, das kann ihm dann schnell zu viel werden.“ Aber hier kann Catharina Banneck beruhigen: „Das ist ein freiwilliges Angebot. Schülerinnen und Schüler können jederzeit abspringen.“ Die Erfahrungen aus Münster zeigen, dass tatsächlich nicht alle Schülerinnen und Schüler dabeibleiben. Umso wichtiger ist es, schon vorher zu schauen, ob die Kinder das Pensum überhaupt schaffen können.

Wie viel Planung tatsächlich nötig ist, um das Drehtürmodell an ihrer Schule zu starten, war Catharina Banneck am Anfang nicht klar. Aber sie hat dann bald gemerkt, dass vor der Umsetzung noch viel mehr Dinge zu beachten sind als das Aufspüren geeigneter Schülerinnen und Schüler.

Patinnen und Paten für den Informationsaustausch

Geholfen hat ihr aber der intensive Austausch mit der Koordinatorin der Begabungsförderung am Annette-Gymnasium in Münster. „Die Schule stand ja mal vor den gleichen Fragen wie wir und musste Lösungen finden.“ Für Banneck war es daher sehr hilfreich, dass das Schulportal nicht nur das Förderkonzept der Schule anschaulich präsentiert hat, sondern auch gleich eine Ansprechpartnerin genannt hat.

Durch diese bekam die Arbeitsgruppe in Berlin wichtige Hinweise: Die Schülerinnen und Schüler, die beim Drehtürmodell mitmachen, brauchen in beiden Klassen Info-Patinnen oder Info-Paten, die sie über die Themen und Aufgaben der Stunden, in denen sie nicht am Unterricht teilnehmen, auf dem Laufenden halten. Eine wichtige Frage ist auch, was die Schülerinnen und Schüler an Begleitung brauchen. In Münster trifft sich die koordinierende Lehrkraft mehrmals im Halbjahr mit den Schülerinnen und Schülern, die beim Drehtürmodell dabei sind, um zu besprechen, wie es läuft und wo möglicherweise zusätzliche Unterstützung erforderlich ist.

Notenvergabe ist bei diesem Förderkonzept eine Herausforderung

Außerdem müsse die Frage der Bewertung geklärt werden, betont Katrin Schäffer. Müssen die Kinder Klassenarbeiten in beiden Sprachen schreiben? Werden in beiden Fächern Noten vergeben? Was zählt für das Zeugnis? „Damit sind ja auch rechtliche Fragen verknüpft“, so die Schulleiterin.

All diese Herausforderungen haben das Berliner Gymnasium aber nicht davon abgehalten, das Förderkonzept weiter zu verfolgen. Der Zeitplan wurde allerdings durch die Corona-Pandemie durcheinandergebracht. „Eigentlich wollten wir im Schuljahr 2022/23 mit einem Pilotprojekt starten, aber dann kam Corona“, sagt die Schulleiterin. Neue Projekte zur Schulentwicklung mussten hinter dem Tagesgeschäft zurücktreten.

Corona hat den Zeitplan durcheinandergebracht

Die Pilotphase für das Förderkonzept soll nun im Schuljahr 2023/24 beginnen. Die ersten Erfahrungen sollen dann evaluiert und möglicherweise die Curricula angepasst werden, bevor das Drehtürmodell im Schulkonzept des Gymnasiums am Europasportpark fest verankert wird. Wenn sich das Modell bewährt, könne es vielleicht auch in anderen Fachbereichen umgesetzt werden, zum Beispiel in den MINT-Fächern, so Katrin Schäffer.

Aber das ist Zukunftsmusik. Nun geht es erst einmal darum, Kinder und Eltern für das Modell zu gewinnen. Beim Infoabend in der Grundschule ist vielleicht noch niemand dabei. Aber das Gymnasium am Europasportpark stellt das Modell ja auch noch mal im Januar beim Tag der offenen Tür vor. Und bis dahin macht sich Jana Tichauer im Französischkurs an der Grundschule auf die Suche.

Der Zeitplan zur Umsetzung des Drehtürmodells

  • Bei der Adaption des Förderkonzepts ist das Berliner Gymnasium schrittweise vorgegangen:
  • Zunächst wurde die Idee des Drehtürmodells den Fachkolleginnen und Fachkollegen vorgestellt. Der Konzeptfilm des Schulportals eignet sich besonders dafür und kann einen lebhaften Einblick vermitteln.
  • Zur weiteren Planung und Konzeptentwicklung hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet.
  • Diese hat dann Kontakt zum Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium in Münster aufgenommen und sich über Herausforderungen und weitere Umsetzungsschritte ausgetauscht. Die dortige Koordinatorin des Modells hat auch viele Materialien für die Umsetzung zur Verfügung gestellt.
  • Als Nächstes hat die Schule ein konkretes Konzept erarbeitet und dies allen Gremien der Schule vorgestellt.
  • Im Schuljahr 2022/23 stellt das Gymnasium am Europasportpark das Förderkonzept in den Grundschulen vor, mit denen das Gymnasium kooperiert. In der Grundschule am Weißen See bietet eine Französischlehrerin vom Gymnasium in den 5. und 6. Klassen auch Französisch als Wahlpflichtfach an und schaut dabei, ob es Schülerinnen und Schüler gibt, die sich für das Drehtürmodell eignen könnten.
  • Im Januar 2023 soll das Förderkonzept auch beim Tag der offenen Tür vorgestellt werden.
  • Die Pilotphase für das Förderkonzept soll im Schuljahr 2023/24 starten.
  • Nach dem ersten Jahr ist eine Evaluation geplant.

Zu den Konzepten auf dem Schulportal

  • Die Konzepte auf dem Schulportal sind filmisch aufbereitete Impulse für Schulen und können eine Inspirationsquelle für die Schulentwicklung sein. Die Konzeptfilme sind keine Blaupausen, ermöglichen aber einen unmittelbaren und authentischen Einblick in die Arbeit ausgezeichneter Schulen.
  • Jedes Schulkonzept wird in Film, Wort und Bild ausführlich dargestellt, und es gibt an jeder Schule Ansprechpartner, an die sich interessierte Schulen wenden können, um sich über die Konzepte auszutauschen oder Hinweise zur Umsetzung zu bekommen.
  • Die Konzepte wurden entwickelt und erprobt von Preisträgern und nominierten Schulen des Deutschen Schulpreises. Das Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium gehörte 2018 zu den Preisträgern des Deutschen Schulpreises.