Schule ohne Noten : Neue Wege der Leistungsbeurteilung

Die Kritik an Zensuren und Ziffernzeugnissen ist beinahe so alt wie die Noten selbst. Neue Ansätze beweisen, dass es Alternativen gibt und Leistungsbeurteilung auch ohne Noten möglich ist. Das Schulportal stellt Ideen und Konzepte vor.

Antje Tiefenthal / 01. August 2018
Grundschulkinder arbeiten im Klassenzimmer
Die Kinder der Waldschule Flensburg lernen sehr selbstständig. Ihr Lernstand wird mit Hilfe von Kompetenzrastern dokumentiert.
©Lars Rettberg (Deutsche Schulakademie)

Enno ist davon überzeugt: Er hält Noten für ein veraltetes System und sieht enormen Handlungsbedarf, wenn es um Bewertungsformen in der Schule geht. Enno ist kein Bildungsforscher oder Reformpädagoge – er ist Abiturient und hat erst vor wenigen Wochen den höchsten Schulabschluss erreicht. In den Schuljahren zuvor hat der junge Mann aus Hamburg erlebt, dass es auch ohne Zensuren geht.

Keine Zensuren von der ersten bis zur achten Klasse

Seine Schule, die Max-Brauer-Schule in Hamburg-Altona, verzichtet in den Klassenstufen eins bis acht vollständig auf Noten. Erst ab der neunten Klasse gibt es Notenzeugnisse. In den ersten acht Schuljahren bekommen die Kinder und Jugendlichen von ihren Lehrerinnen und Lehrern regelmäßig – mündlich und schriftlich – Feedback über ihre persönliche Lernentwicklung und den erreichten Lernstand. Das im Schulversuch „alles»könner“ erprobte und evaluierte Konzept der Leistungsrückmeldung befürworten nicht nur die Lehrkräfte, sondern auch die Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern. Sie schätzen, dass sie die individuellen Fortschritte ihrer Kinder und die daraus resultierenden weiteren Lernziele nachvollziehen können.

Die hohe Akzeptanz für eine Lernkultur ohne Noten und Leistungsdruck ist jedoch nicht die Norm. Das belegen mehrere Studien. Zum Beispiel hält laut einer 2016 veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov  die große Mehrheit der Deutschen Noten für sinnvoll. Mehr als acht von zehn der Befragten befürworten außerdem das Sitzenbleiben, wenn Schülerinnen und Schülern mit ihren Zensuren nicht die Erwartungen erfüllen. In krassem Gegensatz dazu machen sich viele Bildungswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler seit Langem für eine individualisierte Leistungsbeurteilung ohne Noten stark.

Lernentwicklungsbericht der Integrierten Gesamtschule Franzsches Feld in Braunschweig
Statt Ziffernzeugnisse erhalten die Schülerinnen und Schüler der Braunschweiger IGS Franzsches Feld Lernentwicklungsberichte.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Die Debatte um Noten ist nicht neu

Der Streit über das Für und Wider von Zensuren und Ziffernzeugnissen ist so alt wie das Schulnotensystem selbst. Befürworter argumentieren, dass Noten Vergleichbarkeit schaffen und zu mehr Leistung motivieren. Zu den bekanntesten Noten-Verfechtern gehört Josef Kraus, der bis 2017 30 Jahre lang Präsident des Deutschen Lehrerverbands war und eine Leistungsbewertung ohne Zensuren strikt ablehnt. Er plädiert sogar für eine noch strengere Bewertung. Auch manche Grundschulen setzen bewusst auf Zensuren ab der ersten Klasse, während sich gleichzeitig viele Bundesländer von Noten in den ersten Schuljahren abwenden.

Heft „Mein Lernweg“
Im Heft „Mein Lernweg“ dokumentieren die Schülerinnen und Schüler der Waldschule selbstständig, welches Lernziel sie erreicht haben.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Gegner wiederum stellen die Objektivität von Ziffern infrage und halten Noten für wenig gerecht. Diverse wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Lehrerinnen und Lehrer die Arbeiten ihrer Schülerinnen und Schüler trotz gleicher Ergebnisse unterschiedlich bewerten – abhängig zum Beispiel von der Herkunft der Kinder oder der Tagesform der Lehrkraft. Außerdem, so viele Kritiker des Zensurensystems, beschreiben Noten nur einen Zustand und geben keine Auskunft darüber, ob ein Kind sich verbessert oder verschlechtert hat.

Innovative Konzepte zeigen Wege aus der Noten-Falle

Dabei zeigen Schulen wie die Hamburger Max-Brauer-Schule, dass es echte Alternativen zu Ziffernzeugnissen und Schulnoten gibt. Ein erster Schritt ist zum Beispiel das Bremer Modell: Dort gibt es seit dem Schuljahr 2015/2016 in den Fächern Mathematik und Deutsch für Grundschulkinder keine Noten von Eins bis Sechs mehr, sondern Kreuzchen auf einer Skala von Eins bis Zehn. Ein Kreuz bei der Sieben bedeutet: Lernziel erreicht. Weniger Kreuze heißen, dass der Schüler oder die Schülerin noch Entwicklungsbedarf hat, mehr Kreuze zeugen wiederum davon, dass das Kind mit seinen Leistungen über dem Regelstandard liegt. Das sogenannte Kompetenzraster soll helfen, der Vielfalt in den Bremer Klassenzimmern gerecht zu werden sowie zugleich eine einheitliche und verbindliche Lösung für alle Schule sein.

In Montessori- und Waldorfschulen gehört der Verzicht auf Ziffernoten seit jeher zu den grundlegenden Prinzipien der pädagogischen Arbeit. Doch auch Schulen ohne reformpädagogischen Ansatz entwickeln und leben Konzepte, die zeigen, dass Schule ohne Noten keinesfalls automatisch Kuschelpädagogik bedeutet. In der Waldparkschule Heidelberg zum Beispiel gibt es seit über fünf Jahren bis zur achten Klasse keine Zensuren. Die Schülerinnen und Schüler treffen sich jede Woche mit ihrem Lehrer oder ihrer Lehrerin zu einem persönlichen Coaching-Gespräch, regelmäßige Lernbriefe ersetzen herkömmliche Notenzeugnisse, und Lerntagebücher helfen den Kindern der Waldparkschule zu verstehen, wo sie aktuell stehen und welches Lernziel sie als Nächstes anpeilen.

Schüler, Mutter und Lehrerin beim gemeinsamen Gespräch
An der Waldschule Flensburg gehören gemeinsame Gespräche zwischen Lehrkräften, Kindern und Eltern zur Feedbackkultur.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Dialog statt einseitige Beurteilung

Die Integrierte Gesamtschule Franzsches Feld in Braunschweig geht einen ähnlichen Weg. Auch hier gibt es keine Zeugnisse, die Schülerinnen und Schüler erhalten Lernentwicklungsberichte. Die Besonderheit: Neben den Fachrückmeldungen der Lehrkräfte, die die Kinder über ihren individuellen Lernfortschritt informieren, gehören dazu auch der Schülerinnen- und Schülerbrief sowie der Tutorinnen- und Tutorenbrief. Die Briefe sind ein Dialog zwischen Lehrkraft und Lernenden: Die Pädagoginnen und Pädagogen richten sich in ihrem Schreiben direkt an die Schülerin oder den Schüler und gehen fächerübergreifend und differenziert auf das Sozial-, Arbeits- und Lernverhalten ein. Die Schülerinnen und Schüler können in ihrem Brief darauf antworten, Wünsche formulieren und selbst ein Feedback geben.

Ob Enno mal bereut hat, dass er mehrere Schuljahre lang keine Zensuren erhalten habe? Nein, antwortet er. Im Gegenteil:

Ich bin überzeugt, dass ich in den Jahren, in denen ich keine Noten bekommen habe, sogar mehr gelernt habe, als in denen, wo es Noten gab.

Mehr zum Thema

  • Die Leistungsbeurteilung an der IGS Franzsches Feld ist besonders: Sie ist von einem Dialog zwischen den Lehrkräften und den Lernenden geprägt.
  • Die Schülerinnen und Schüler erhalten Briefe mit einem individuellen und differenzierten Feedback zu ihrem Lern-, Arbeits- und Sozialverhalten. Die Kinder und Jugendlichen haben Gelegenheit, in einem eigenen Schreiben an ihre Lehrerinnen und Lehrer darauf zu reagieren. Sie können den Austausch aber auch nutzen, um Wünsche oder Kritik zu äußern.
  • Hier geht es zum Konzept „Leistungsbewertung im Dialog“ der IGS Franzsches Feld, Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises.
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