Schule von morgen : Lehrkräfte testen neue Unterrichtsformen

Wie sieht der Unterricht von morgen aus? In dem Projekt „Schools of Tomorrow“ vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin haben sich Lehrkräfte gemeinsam mit Künstlern oder Wissenschaftlern dieser Frage gestellt und mit Schülerinnen und Schülern experimentellen Lernformen ausprobiert. Die Ergebnisse werden im Herbst publiziert und sind teilweise auch schon online dokumentiert. Wir sprachen mit der Kuratorin des Projektes, Silvia Fehrmann.

Florentine Anders / 19. Juni 2018
Schülerinnen und Schüler der Friedensburg-Oberschule in Berlin erstellten selbst ihre virtuelle Lernumgebung mit den darin zu lösenden Aufgaben.
©Laura Fiorio

Das Schulportal: Das Buch „Schools of To-morrow“ ist mehr als 100 Jahre alt. Sie haben vor einem Jahr ein gleichnamiges Projekt am Haus der Kulturen der Welt [MO1] gestartet, um pädagogische Zukunftskonzepte zu entwickeln. Ist das nicht ein etwas verstaubter Ausgangspunkt?
Silvia Fehrmann: Das Buch „Schools of To-morrow“ von John Dewey erschien 1915 und sorgte weltweit für Aufmerksamkeit. Damals ging es um die Frage, wie sich Schule im Zuge der Industrialisierung, der Migration und Verstädterung wandeln muss. Heute stehen wir vor ganz ähnlichen Herausforderungen, nur dass die Industrialisierung durch Digitalisierung ersetzt wird. Aus meiner Sicht stehen die Schulen mit der Digitalisierung vor einer genauso großen Veränderung wie damals, es wird aber viel zu wenig darüber nachgedacht, was das für die Pädagogik bedeutet. Während die Welt um uns herum im Umbruch ist, haben sich die Unterrichtsmethoden sich im letzten Jahrzehnt kaum geändert. Diesen Stillstand wollten wir überwinden, indem wir Schulen mit verschiedenen Akteuren zusammengebracht haben, um experimentelle Ansätze zu testen.

Während die Welt um uns herum im Umbruch ist, haben sich die Unterrichtsmethoden sich im letzten Jahrzehnt kaum geändert
Silvia Fehrmann, Kuratorin von Schools of Tomorrow

Und waren die Schulen interessiert daran, Neues auszuprobieren?
Das Bedürfnis und Interesse, sich über neue Wege auszutauschen ist auf jeden Fall groß. Einige Lehrkräfte haben sich gleich mit konkreten Vorstellungen beworben, andere haben gemeinsam mit den Künstlern oder Wissenschaftlern Ansätze zu verschiedenen Fragen entwickelt. Natürlich wurden auch die Schülerinnen und Schüler ganz eng einbezogen, denn gerade im Zuge der Digitalisierung stellt sich ja die Frage: Wer lernt eigentlich von wem und wie lernen wir miteinander?

Welche Experimente fanden Sie besonders spannend?
An der Schule an der Jungfernheide in Berlin setzten sich die Schülerinnen mit der sozialen Situation in der Siemensstadt auseinander und insbesondere mit den Geschichten der Seniorinnen und Senioren, die dort leben, und dokumentierten ihre Ergebnisse auf einem spannenden Blog. Am Gymnasium Steglitz setzten sich die Schülerinnen und Schüler mit demokratischer Entscheidungsfindung auseinander. Das Fritz-Greve-Gymnasium Malchin in Mecklenburg-Vorpommern hat gemeinsam mit den Jugendlichen überlegt, wie sich die Schule den Herausforderungen des menschengemachten Klimawandels stellt. Sie entwarfen ein Modell für eine neue Mensa und sammelten Ideen für ein Mobilitätskonzept in der Schule, das den neuen Beziehungen zwischen Natur und Gesellschaft gerecht wird.

Gab es auch Unterrichtsformen, in denen neue digitale Möglichkeiten getestet wurden?
Ja, da gab es mehrere. Ein interessantes Unterrichtsprojekt gab es an der Friedensburg-Oberschule in Berlin. Dort konnten Schülerinnen und Schüler zusammen mit einem Medienpädagogen virtuelle Räume selbst programmieren, und zwar eine Schule der Zukunft gestaltet. Mit einer VR-Brille haben sie sich dann selbst in diesen Räumen bewegt. Es entstanden nicht nur Schulgebäude, sondern ganze Lernumgebungen mit Übungen, die sich die Jugendlichen selber ausgedacht haben. Wichtig war dabei die Erkenntnis, dass die Jugendlichen nicht abhängig sind von vorgegebenen Codes, wie in einem der gängigen Spiele, sondern selbst gestalten.

Werden die Versuche der Schulen ähnlich wie 1915 in einem Buch dokumentiert?
Wir wollen die Erfahrungen von „Schools of Tomorrow“ ausführlich dokumentieren, kommentiert von Zukunftsforschern und anderen Experten. Viele der Experimente können auch schon im Internet verfolgt werden. Die Publikation erscheint im Herbst, aber bereits jetzt gibt es auf  der Website vom Haus der Kulturen der Welt einen Überblick über die Schulprojekte und über den Ideenwettbewerb, mit dem wir über 200 Schulen im Nachdenken über die Schule von morgen einbezogen haben.

Silvia Fehrmann hat das Projekt "Schools of Tomorrow" kuratiert.
©Stefanie Pilick

Zur Person

  • Silvia Fehrmann war bis zum Januar 2018 stellvertretende Intendantin des Hauses der Kulturen der Welt. Dort kuratierte sie das Projekt „Schools of Tomorow“, das bereits 2017 begonnen hat und im Herbst mit einer Dokumentation abgeschlossen wird.
  • Im Januar 2018 hat sie für den Deutschen Akademischen Austauschdienst die Leitung des Künstlerprogramms übernommen.
  • Silvia Fehrmann hat in Buenos Aires Literaturwissenschaft, Jura und Psychologie studiert.
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