Drei Lehrerinnen berichten : Schulanfänger kennen kaum einen verlässlichen Schulalltag

Für die Schulanfängerinnen und Schulanfänger war das Pandemie-Schuljahr besonders schwierig. Kontinuität und Verlässlichkeit haben gefehlt, Regeln des gemeinsamen Lernens konnten nicht verinnerlicht werden. Drei Grundschullehrerinnen erzählen, welche Defizite sie in ihren ersten Klassen beobachten und was die Kinder jetzt brauchen.

Regina Köhler 12. Juli 2021 Aktualisiert am 14. Juli 2021
Viele Kinder haben noch nicht verinnerlicht, im Klassenverband zu lernen.
©Soeren Stache/dpa

Was passiert, wenn Kinder, die gerade erst eingeschult wurden, plötzlich zu Hause lernen müssen oder in der Schule nur eine Notbetreuung erfahren? Im Schuljahr 2020/21 ist genau das geschehen. Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass die Schulen kurz vor Weihnachten geschlossen werden mussten. Erst nach Ostern, Mitte April, konnten die Kinder wenigstens wochenweise zur Schule gehen. Normaler Schulbetrieb fand schließlich erst Ende Mai wieder statt— kurz vor Beginn der Sommerferien. Drei Klassenlehrerinnen an Grundschulen erzählen, was das für die Schulanfängerinnen und Schulanfänger bedeutet.

Schon die Einschulungsfeier war anders

Melanie Jakoby, 46, unterrichtet an der Mühlmattenschule, einer Grundschule in einem eher dörflich strukturierten Ortsteil von Freiburg. Sie ist Klassenlehrerin einer ersten Klasse, zu der 23 Schülerinnen und Schüler gehören. Die Kinder sind Anfang September 2020 eingeschult worden. Schon die Einschulungsfeier sei anders gewesen als sonst, sagt Jakoby. Abstandsregeln mussten eingehalten werden. Nur die Eltern durften dabei sein. „Es gab keine große Feier.“ In den Jahren zuvor hätten die vierten Klassen immer etwas vorgeführt. Auch das sei wegen Corona ausgefallen.

Von Dezember bis zum 7. Juni — durchbrochen von Phasen mit Wechsel- und Präsenzunterricht — habe die eine Hälfte ihrer Klasse zu Hause lernen müssen, die andere sei in der Notbetreuung gewesen, erzählt Jakoby. „Für die, die zu Hause waren, haben wir Aufgabenpakete zusammengestellt und uns dabei bemüht, machbare Aufgaben auszuwählen.“

Den Unterrichtsstoff in Deutsch und Mathematik hätten die Kinder zu Hause oder während der Notbetreuung ganz gut geschafft, sagt Jakoby. Es gebe zwar Rückstände, die könnten aber bis zu den Ferien und am Anfang des zweiten Schuljahres aufgeholt werden. Viel schwerwiegender sei, dass die Erstklässler das ganze Schuljahr über kaum eine Chance hatten, richtig in den Schulrhythmus reinzukommen. Ein großer Teil des Schullebens habe wegen Corona einfach nicht stattgefunden. „Es gab keine Schulfeste, keine Ausflüge, keine Projekte.“

Die Lehrerinnen und Lehrer hätten zudem kaum Zeit gehabt, eine Struktur zu etablieren, die den Kindern Halt geben, sie emotional auffangen kann. Dazu gehören bestimmte Rituale, die helfen, den Schulalltag zu meistern, aber auch Verlässlichkeit und Normalität. Als nach Pfingsten Präsenzunterricht wieder stattfinden konnte, habe sich gezeigt, dass viele Kinder es schwer hatten, sich wieder an die Klassensituation zu gewöhnen. „Vor allem die, die die ganze Zeit zu Hause waren, waren anfangs regelrecht überfordert.“

Jetzt geht es darum, den Klassenverband zu festigen

Auch für sie sei das Schuljahr emotional sehr anstrengend gewesen, sagt Jakoby „Mir fehlte es sehr, mit den Kindern zusammen zu sein, Ausflüge mit ihnen zu unternehmen, Zeit zusammen zu verbringen.“ Auch den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen habe sie vermisst. „Wir haben uns während der Schulschließung nur in den Online-Konferenzen sehen können. Das ist kein Ersatz für persönliche Gespräche.“

Im kommenden Schuljahr müsse es zunächst vor allem darum gehen, den Klassenverband zu festigen. „Der Klassenrat muss wieder aktiv werden, das ist eine wöchentliche Zusammenkunft mit dem Schulsozialarbeiter, in der die Kinder besprechen können, was sie beschäftigt oder Streit klären können“, sagt Melanie Jakoby. Sie hofft zudem, jeden Schultag auch wieder mit einem offenen Anfang beginnen zu können. „Das ist zu Beginn des Unterrichts eine Zeit, in der die Kinder miteinander spielen, sich austauschen oder auch an etwas frei Gewähltem arbeiten können.“

Jakobys Fazit: Der digitale Notstand an den Schulen, der allenthalben beklagt werde, spiele für die Schulanfänger keine große Rolle, viel wichtiger seien die Rahmenbedingungen, die soziales Miteinander ermöglichen und den Kindern emotionalen Halt geben.

Einige Kinder sind sehr auf sich bezogen

Gerhild Schilling (43), sie ist Klassenlehrerin einer ersten Klasse mit 26 Kindern an der Weiherhof-Grundschule in Freiburg-Herdern, fühlt sich kurz vor Ende des Schuljahres „von der Klassensituation her wie kurz nach Schuljahresbeginn.“ Viele der Kinder hätten es vor dem Lockdown noch nicht verinnerlicht, im Klassenverband zu lernen, sagt sie. Leise zu arbeiten, miteinander zu flüstern, sich an die Regeln des Umgangs miteinander zu halten, das alles müsste jetzt erst richtig eingeübt werden.

„Ich habe den Eindruck, dass einige Kinder sehr auf sich bezogen sind und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler nicht genug im Blick haben“, sagt Gerhild Schilling. Sich gegenseitig zu helfen, etwa etwas aufzuheben, was einem anderen heruntergefallen ist oder auch mal etwas sauber zu machen im Klassenraum, das müssten sie erst wieder lernen.

Im kommenden Schuljahr will Gerhild Schilling sich deshalb vor allem um den sozialen Aspekt ihrer Arbeit mit der Klasse kümmern. „Die Kinder müssen sich als Gruppe finden“, sagt sie. „Wir werden so viel Zeit wie möglich außerhalb der Schule zusammen verbringen, Ausflüge machen, öfter zusammen in den Wald gehen.“

Den Lernstoff haben die Schulanfänger ganz gut bewältigt

Den Lehrstoff in Deutsch und Mathematik, teilweise auch in Sachkunde, Kunst und Französisch, hätten ihre Erstklässler indes gut bewältigt, so Gerhild Schilling. Die meisten Eltern hätten sich sehr darum gekümmert, dass das Lernen zu Hause klappt. Größere Lücken gebe es nicht.

Wie auch Melanie Jakoby erzählt Gerhild Schilling, dass sie mit der Einführung der Buchstaben bereits vor dem Lockdown begonnen hatten. „Die Kinder wussten wie es geht. Mit Hilfe von kleinen Videos und der ihrer Eltern haben sie es dann zu Hause ganz gut geschafft, weitere Buchstaben schreiben zu lernen.“

Auch Lesen haben die meisten zu Hause geübt. Melanie Jakoby sagt, dass sie regelmäßig Leseblätter ausgegeben haben und die Kinder auch ihre Fibel zu Hause hatten. „Wir mussten uns darauf verlassen, dass zu Hause geübt wird, am besten täglich.“ Das habe gut gekappt. „Schließlich hatten wir die Eltern schon vor dem Lockdown gebeten, möglichst oft zu Hause zu üben.“

Lernen findet über Bindung statt

Petra Flender-Spieß (52), die an der Franz-Leuninger-Grundschule in Mengerskirchen eine erste Klasse leitet, betont, dass Lernen über Bindung stattfindet. Auch Verlässlichkeit und Kontinuität seien wichtig. All das habe in diesem Schuljahr wegen der Pandemie gefehlt.

In Hessen beginnen die Ferien am 19. Juli. Bis dahin, so hofft Flender-Spieß, werden die Kinder es schaffen, sich wieder als Klasse zu finden und die Beziehung zu ihr als Klassenlehrerin zu vertiefen. „Im kommenden Schuljahr wird es zunächst darum gehen, dass meine Schülerinnen und Schüler unsere Regeln für das Zusammenleben verinnerlichen und den achtsamen Umgang mit den Klassenkameradinnen und Klassenkameraden einüben.“ Für beides hätten sie in diesem Pandemie-Schuljahr nicht genug Zeit gehabt.

Mit dem Schreiben, Lesen und Rechnen sind auch die Erstklässlerinnen und Erstklässler in Mengerskirchen gut vorangekommen. „Wir haben darauf geachtet, dass die Kinder, die einen Förderbedarf haben und die, denen das Lernen zu Hause schwergefallen wäre, weil beispielsweise viele Geschwister da sind, in die Notbetreuung kommen konnten. Die anderen haben es zu Hause gut gepackt“, sagt Petra Flender-Spieß und lobt die Eltern, die alle „super mitgemacht haben.“