Schülerstimmen : „Im Sportunterricht gibt es zu viel Drill“

Sport ist für viele Kinder und Jugendliche in der Schule das Lieblingsfach. Es macht ihnen Spaß, sich mal auszupowern, mit anderen zu spielen oder sich zu messen. Aber es gibt auch die frustrierenden Erfahrungen: Bei der Mannschaftsauswahl zuletzt aufgerufen zu werden. Sich nicht zu trauen, vom Dreimeterbrett zu springen, oder ausgelacht zu werden, weil die Rolle immer wieder schief ist. Das Schulportal hat acht Schülerinnen und Schüler zu ihren Erfahrungen und zu ihren Wünschen beim Sport in der Schule befragt.

Annette Kuhn / 20. Mai 2021 / 1 Kommentar
Sport in der Schule: vier Kinder im Tor
In der Klasse von Charlotte, Semih (hinten), Hugo und Esila (vorne) spielen fast alle gern Fußball. Und da Sportunterricht jetzt nur draußen stattfindet, gibt es auch nur wenig Alternativen.
©Annette Kuhn

Sportunterricht ist das Fach, das Schülerinnen und Schüler ihre gesamte schulische Laufbahn hindurch begleitet. Doch nur selten wird Sport in der Schule aus Sicht der Kinder und Jugendlichen betrachtet. Einige grobe Eckdaten hat eine Befragung von infratest dimap im Auftrag der „Sportschau“ von 2017 hervorgebracht: Demnach finden 78 Prozent der 14- bis 18-jährigen Jungen und zwei Drittel der gleichaltrigen Mädchen den Sportunterricht eher „gut“ bis „sehr gut“. Am beliebtesten sind Ballspiele, gefolgt von – mit großem Abstand – Schwimmen und Leichtathletik. Turnen hingegen mögen die meisten nicht.

Beim Thema „Notengebung im Sportunterricht“ sind die Schülerinnen und Schüler offenbar gespalten. 47 Prozent sprachen sich in der Umfrage für Noten in Sport aus, 40 Prozent sagten, es solle keine Noten geben, um schwächere Schülerinnen und Schüler nicht zu entmutigen.

Das Schulportal wollte genauer wissen, wie Schülerinnen und Schüler heute Sport in der Schule erleben, was sie mögen, was sie frustriert, wie sie die Qualität ihrer Sportlehrerin oder ihres Sportlehrers einschätzen und ob sie Schulsport während der Schulschließungen vermisst haben.

 

„Ich fände es schön, wenn wir mehr mitbestimmen könnten”

Josefine
Josefine, 12 Jahre

Josefine, 12 Jahre, 7. Klasse: „Sport in der Schule macht mir Spaß – da kann ich mich richtig auspowern! Gut finde ich, dass wir viel in Gruppen machen, nur passen die Gruppen leider nicht immer zusammen, wenn unser Lehrer sie zusammenstellt. Was mir aber an meinem Sportlehrer gefällt, ist, dass er die Übungen selbst vormacht. Ich finde das wichtig, weil man dann wirklich versteht, wie es gehen soll. Manche Lehrer sagen einem nämlich nur, was man machen soll, oder zeigen uns Bilder.

Ich fände es schön, wenn wir beim Sport in der Schule mehr mitbestimmen könnten – also zum Beispiel, welche Sportarten wir lernen wollen. Zwar sagen die Lehrer schon mal am Anfang des Schuljahres, man solle Bescheid geben, wenn einen etwas stört oder wenn man Wünsche hat, aber das ist sehr theoretisch. Es gibt dann gar keine richtige Zeit dafür, und man traut sich das dann auch nicht.

Außerdem weiß man ja auch nicht, wie das ankommt, ob die Lehrer dann vielleicht strenger werden oder man vielleicht eine schlechtere Note bekommt. Noten im Sportunterricht finde ich eigentlich nicht gut. Es gibt so ein paar Fächer, da sollte es keine Noten geben: in Musik, Kunst und Sport. Bei den Noten wird ja gar nicht darauf geschaut, ob jemand irgendwie eingeschränkt ist und vielleicht deshalb etwas nicht so gut kann.“


„Noten in Sport sind für mich ein guter Anhaltspunkt”

Semih, 10 Jahre, 5. Klasse: „Am liebsten spiele ich Fußball im Sportunterricht in der Schule. Und ich finde das schade, dass wir jetzt wegen Corona so wenig Sport haben und auch nur immer mit der halben Klasse. Da kann man nicht so viel machen wie sonst.

Vor Corona habe ich Fußball und Schwimmen am Nachmittag im Verein gemacht. Aber im Moment geht das ja leider nicht. Ich hoffe, dass Corona bald vorbei ist und dass es dann wieder mehr Sport gibt.

Noten machen mir nichts aus, die sind für mich ein guter Anhaltspunkt, damit ich weiß, wo ich stehe und wo ich mich noch mehr anstrengen muss.”

Semih
Semih, 10 Jahre

„Sport in der Schule hält die Klasse zusammen”

Leo
Leo, 15 Jahre

Leo, 15 Jahre, 9. Klasse: „Früher habe ich viel Sport gemacht. Ich war im Fußballverein, habe aber schon vor Corona damit aufgehört. Sport war früher mein Lieblingsfach in der Schule, aber jetzt hängt das sehr davon ab, was wir machen. Vor Corona haben wir viel Choreografien gemacht und Pyramiden gebaut. Weil ich sehr groß bin, stehe ich immer unten, und alle steigen auf mich drauf. Das nervt! Auch den meisten anderen hat das nicht so Spaß gemacht. Aber wir können selten mal beim Sportunterricht mitbestimmen.

In der Corona-Zeit habe ich gemerkt, dass Sportunterricht nur im Präsenzunterricht funktioniert. Wir haben zwar Übungsprogramme für zu Hause bekommen, aber die haben gar keinen Spaß gemacht. Und dann mussten wir uns auch noch dabei filmen oder fotografieren, wie wir Liegestütze machen. Kaum einer hat das aber wirklich gemacht. Das funktioniert doch auch nicht!

Sportunterricht finde ich aber wichtig. Sport in der Schule hält die Klasse zusammen. Besonders in der Grundschule habe ich das so erlebt. Doof finde ich nur, wenn man vor allen anderen etwas vormachen muss. Für einige ist das echt beschämend.“


„Manchmal habe ich Angst – vor dem Ball zum Beispiel”

Esila, 12 Jahre, 5. Klasse: „Mein Lieblingsfach ist Mathe. Sport finde ich nicht so gut – das ist mir oft zu anstrengend. Trotzdem gehört für mich der Sportunterricht zur Schule dazu. Und als die Schule wegen Corona zu war, fehlte mir auch der Sportunterricht. Manchmal habe ich aber Angst – vor dem Ball zum Beispiel oder ins Wasser zu springen.

Aber es ist auch ein schönes Gefühl, wenn man sich dann etwas traut und das geschafft hat. Und irgendwann ist die Angst nicht mehr so groß, den Ball abzubekommen. Fußball spiele ich jetzt zum Beispiel auch ganz gern.

Nicht so gut finde ich Noten im Sportunterricht – die sind unfair, denn alle Kinder sind doch so unterschiedlich. Und manche Sachen kann man eben gar nicht lernen.“

Esila
Esila, 10 Jahre

„Beim Sport in der Schule sollte man Druck rauslassen können”

Mika
Mika, 15 Jahre

Mika, 15 Jahre, 9. Klasse: „Sport war lange eins meiner Lieblingsfächer. Ich war auch immer ziemlich gut in Sport. Aber im Sportunterricht gibt es zu viel Drill. Eigentlich sollte Sport in der Schule doch dafür da sein, dass man Druck rauslassen kann und dass man sich bewegt. Stattdessen gibt es auch hier Druck. Oft geht es nur darum, seine Bestleistung abzurufen. Das finde ich falsch, Sport in der Schule sollte nicht so leistungsorientiert sein.

Wie will man denn auch die Leistungen vergleichen? In einer Klasse sind so unterschiedliche Menschen – der eine ist groß, der andere klein, einer macht außerhalb der Schule viel Sport, der andere nicht. Ich habe vor Corona zum Beispiel im Verein Basketball gespielt. Da bin ich dann natürlich besser als andere, aber ich kann doch dafür keine bessere Note bekommen!

Außerdem finde ich beim Sportunterricht das Soziale viel wichtiger als die Noten. Sport in der Schule sollte den Zusammenhalt in der Klasse fördern. Beim Ballspiel sind zum Beispiel alle aus der Klasse dabei – da gibt es keine Grüppchen wie sonst oft.

In der Corona-Zeit habe ich Sport vermisst. Da fehlte mir die Ablenkung und der Ausgleich zum Lernen zu Hause. Sportunterricht allein zu Hause funktioniert aber nicht. Für mich ist das ein Gruppenerlebnis und gehört zum Schulalltag dazu. Das lässt sich nicht online übertragen. Wahrscheinlich noch weniger als der Unterricht in anderen Fächern.“


„Der Sportunterricht bringt Abwechslung in die Schule”

Charlotte, 11 Jahre, 5. Klasse: „Ich finde es total schade, dass wir jetzt so wenig Sport in der Schule haben und auch nur draußen Sport machen können. In der Sportstunde liegt außerdem unsere Corona-Testzeit, darum haben wir für den Sportunterricht noch weniger Zeit. Aber es ist immer noch besser als gar nichts. Als die Schule zu war, gab es ja überhaupt keinen Sportunterricht.

Der Sportunterricht bringt Abwechslung in die Schule. Ich würde mir aber wünschen, dass wir in Sport öfter Spiele mit der ganzen Klasse machen. ,Sturm auf die Burg‘ finde ich zum Beispiel gut. Da läuft eine Gruppe von einer Seite auf die andere und muss Hindernisse überwinden. Die andere Gruppe muss sie dabei aufhalten. Das ist sehr abwechslungsreich, und man kann sich auch immer wieder neue Regeln und Hürden ausdenken.“

Charlotte
Charlotte, 11 Jahre

„Es macht mich stolz, wenn ich etwas geschafft habe”

Lilly
Lilly, 12 Jahre

Lilly, 12 Jahre, 7. Klasse: „Mir macht Sport nicht immer Spaß. Das hängt sehr davon ab, was wir machen. Manchmal ist mir Sport zu anstrengend. Ich mag auch nicht, wenn es sehr heiß ist. Oder wenn man etwas vormachen muss.

Gut an meinem Sportlehrer finde ich, dass er uns viel Zeit gibt, etwas Neues zu lernen. Bei Frisbee haben wir zum Beispiel an verschiedenen Stationen unterschiedliche Wurftechniken geübt und verschiedene Aufgaben bekommen. So schafft es jeder, das zu lernen. Und für die, die alles schon können, hat er Zusatzaufgaben, damit es für die nicht langweilig wird.

Wenn wir bewertet werden, bietet uns unser Lehrer oft verschiedene Aufgaben an, zwischen denen wir wählen können. Das ist gut, weil dann jeder das nehmen kann, was er kann oder wo er sich wohler fühlt.

Trotzdem finde ich Noten im Sport nicht gut, weil eben nicht jeder alles kann. Zumindest sind Noten nicht gut, wenn Lehrer dabei nur auf eine Tabelle schauen. Sie sollten immer berücksichtigen, ob einer sich anstrengt oder ob er geübt hat. Auf der anderen Seite motiviert es mich schon, wenn ich ein Ziel vor Augen habe und eine bestimmte Leistung erreichen will. Es macht mich dann stolz, wenn ich etwas geschafft habe.

Was ich überhaupt nicht mag, ist, wenn Schüler ihre Leistungen gegenseitig beurteilen sollen. Es ist mir unangenehm, wenn alle auf mich schauen. Peinlich ist es auch, wenn man bei der Mannschaftswahl als Letzter auf der Bank sitzt. Ganz schlimm ist es, wenn dann noch zwei übrig sind und sich die Gruppen darüber unterhalten, wer schlechter ist. So etwas ist auch nicht gut für die eigene Position in der Klasse. Sport ist ja ein wichtiges Kriterium für die Beliebtheit in der Klasse, besonders in der Grundschule.“


„Auch schon vor Corona hätte ich mir mehr Zeit für Sport in der Schule gewünscht”

Hugo, 11. Jahre, 5. Klasse: „Ich mache ziemlich viel Sport, dreimal in der Woche habe ich Fußballtraining. Und Fußball mag ich auch beim Sport in der Schule gern. Ich freue mich schon drauf, wenn wir wieder alle zusammen, also mit der ganzen Klasse, richtig Sportunterricht haben. Auch schon vor Corona hätte ich mir mehr Zeit für Sport in der Schule gewünscht.

Noten im Sportunterricht finde ich okay, ich will ja auch wissen, wie gut ich etwas kann.

Was nicht so gut ist: Beim Sport in der Schule geht es nicht immer so nett zu. Viele Kinder lachen, wenn man den Ball nicht ins Tor schießt oder beim Schwimmen einen Bauchklatscher macht. Wenn mir das passiert, ärgere ich mich; aber manchmal muss ich auch selbst lachen, weil es so lustig aussieht.“

Hugo
Hugo, 11 Jahre