Förderung für Kinder : „Schreibt man Vogel mit zwei l?“

Sprachförderung für Kinder, in deren Familien kaum Deutsch gesprochen wird, ist gerade in den Ferien wichtig. In einem Projekt zeigen Studentinnen, was individuelle Unterstützung leisten kann. Doch Hilfe bräuchten viel mehr Schüler.

Dieser Artikel erschien am 31.05.2021 in der Süddeutschen Zeitung
Kathrin Aldenhoff
Schülerin liest
©Getty Images

Einen tierischen Knall gab es, so steht es im Buch. Tierisch – was für ein Wort, schwer auszusprechen für Mattia. Der Grundschüler stockt, setzt noch mal an. Eine Gruppe weiter sucht Zweitklässlerin Franceska einen Stift, mit dem sie die Namen aller großen Tiere, die ihr einfallen, auf ihr Arbeitsblatt schreiben kann. Und noch einen Tisch weiter sitzt Avan und fragt die Studentin Lena Meusel: „Schreibt man Vogel mit zwei l?“

Die elf Kinder, die am ersten Ferientag der Pfingstferien in der Bücherei der Grundschule am Ravensburger Ring sitzen, haben Probleme beim Lesen, beim Sprechen, beim Schreiben. Und können sie flüssig lesen, dann verstehen sie oft nicht, was sie da gerade vorlesen. Die Kinder kennen viele Wörter nicht und ihre Eltern können ihnen nicht helfen, weil sie meist schlechter Deutsch sprechen als ihre Kinder.

“Die Kinder, die wir ausgesucht haben, sprechen zuhause nur ihre Herkunftssprache“, sagt Richard Sigel. „Sie müssen mehr üben als die anderen. „ Richard Sigel arbeitet am Department für Pädagogik und Rehabilitation der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) und leitet mit Beratungslehrerin Susanne Stanner das Förderprojekt der LMU und der Bildungsstiftung der Stadtwerke München (SWM), zu dem auch diese Ferienschule gehört. Das Projekt gibt es nicht erst seit Corona, das gibt es seit mehreren Jahren an einigen Münchner Schulen. Und seit zwei Jahren an der Grundschule Ravensburger Ring. Es geht hier nicht darum, in der Ferienschule Lücken zu schließen. Es geht darum, dass in den Ferien keine neuen Lücken entstehen.

Kinder aus 43 Nationen besuchen die Grundschule am Ravensburger Ring tief im Westen der Stadt, 80 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund, manche sind hier geboren, andere sind erst vor kurzem nach Deutschland gekommen und leben noch in Gemeinschaftsunterkünften. Jedes fünfte Kind habe zusätzlichen Förderbedarf, sagen Schulleiterin Claudia Hirschnagl und Projektleiter Richard Sigel. Diese Kinder hatten es schon vor Corona schwer. Ein Jahr mit Schulschließungen und Distanzunterricht hat alles noch schwieriger gemacht.

Alle Schulen sollen nun fördern, Lernlücken schließen, mit Brückenkursen verhindern, dass die Gräben zwischen den guten und den schlechten Schülern noch tiefer werden. Das Münchner Referat für Bildung und Sport teilt mit, man arbeite an zusätzlichen langfristigen Maßnahmen, um die Folgen der Corona-Pandemie zu bewältigen. Dabei soll es einerseits um die fachliche Förderung der Kinder gehen: Unter anderem soll in den Kernfächern der Lernstand erhoben werden und die Schüler sollen dann entsprechend gefördert werden – auch beim Lernen lernen. Andererseits soll die psychische Gesundheit der Kinder gefördert werden.

Andere Maßnahmen laufen schon, sagte ein Sprecher des Bildungsreferats. An den städtischen Realschulen sowie den beiden Schulen besonderer Art seien im vergangenen Schuljahr zusätzliche Förderangebote in Deutsch, Mathematik und den Fremdsprachen eingerichtet worden, um Lernlücken zu schließen. Solche Brückenmodule gebe es auch an den Gymnasien. Das Ziel: dass die Schülerinnen und Schüler das Schuljahr schaffen.

Vor knapp drei Wochen stellte das Bayerische Kultusministerium dann das Förderprogramm „Gemeinsam Brücken bauen“ vor, damit sollen Angebote zur individuellen Förderung ausgebaut werden. Die Schulen sollen Geld für zusätzliches Personal erhalten, um im Regelunterricht individueller zu fördern. Nachmittags und in den Ferien soll es zusätzliche Kurse geben, außerdem ist ein Tutorenprogramm geplant, bei dem leistungsstarke Schüler schwächere unterstützen sollen.

Doch es gibt Kritik am Förderprogramm des Kultusministeriums: Der Bayerische und der Münchner Lehrer- und Lehrerinnenverband verweisen auf den Lehrermangel an den Schulen und kritisieren die enorme Zusatzaufgabe, die Schulleiter innerhalb kurzer Zeit zu leisten hätten, unter anderem die Rekrutierung externen Personals. Dass Kinder und Jugendliche zusätzlichen Förderbedarf haben, und zwar in ganz zentralen Lernbereichen, daran sei nicht nur Corona schuld, sagt Martin Schmid, Vorsitzender des MLLV. Schuld sei vor allem „der chronische Lehrermangel an den Grund-, Mittel- und Förderschulen“. Seit Jahren prangerten MLLV und BLLV an, dass die Angebote zur intensiven Förderung immer weiter zurückgefahren werden. Das gelte auch für absolute Kernbereiche wie die Sprachförderung.

„Die Kinder sollen Erfolgserlebnisse haben“

In dem Projekt an der Grundschule am Ravensburger Ring betreuen zehn Studentinnen im Fach Grundschulpädagogik an der LMU zwischen 30 und 40 Kinder. Und zwar nicht nur in den Ferien, sondern das ganze Schuljahr, vormittags oder nachmittags. Die Studentinnen sind angestellt und werden für ihre Arbeit bezahlt. Eine von ihnen ist Lena Meusel. Sie steht mit ihren Schülern Goodluck, Amira und Avan vor den Regalen der Bücherei, sie dürfen sich je drei Bücher aussuchen, die sie in den Ferien lesen sollen. Eines in der Gruppe, zwei für sich. Goodluck erzählt, dass er ein Buch über Wikinger gelesen hat. Und sucht sich eines der dicksten Bücher aus dem Regal.

Die Kinder sind in der zweiten Klasse, lesen nun aber gemeinsam ein Buch für Erstklässler. „Die Kinder sollen Erfolgserlebnisse haben“, sagt Richard Sigel. Es dürfe nicht zu schwer sein, aber auch nicht zu leicht. Es bedürfe vieler Tests und einer kontinuierlichen Begleitung, um zu wissen, was die Schüler gerade brauchen.

Lena Meusel arbeitet seit Januar im Projekt, Goodluck zum Beispiel begleitet sie von Anfang an. Sie und ihre Schüler treffen sich in den nächsten drei Tagen virtuell, in der zweiten Ferienwoche sehen sie sich noch einmal in der Bücherei, danach wieder drei Tage digital. Ob analog oder digital: Sie lesen gemeinsam, besprechen, worum es in den Büchern geht, und machen Wortschatz-Übungen.

„Wenn wir die Kinder zwei bis drei Jahre fördern, dann habe ich die Hoffnung, dass der Abstand zum Klassendurchschnitt gleich bleibt oder dass wir ihn verringern“, sagt Richard Sigel. Mit der Feriengruppe wollen seine Kollegin und er herausfinden, ob es klappen kann, ab dem kommenden Schuljahr einen Teil der Förderung digital anzubieten, über Videokonferenzen zum Beispiel. Drei bis vier Mal die Woche sollen die Studentinnen die Kinder nachmittags betreuen, jeweils 45 Minuten. „Damit die Förderung wirkt, müssen wir früh einsteigen, mehrmals in der Woche, über Jahre hinweg“, sagt Richard Sigel.

Diese Hilfe bräuchten eigentlich 100 Schüler an der Grundschule, sagt Sigel. Mehr, als Richard Sigel mit dem Projekt und Schulleiterin Claudia Hirschnagl über die Förderstunden der Lehrer auffangen können. Ein Drittel der Kinder, so schätzen die beiden, bekommen nicht die Förderung, die sie bräuchten. Weil die Zahl der Förderstunden nicht reicht. „Das deutsche Schulsystem hat Defizite“, sagt Richard Sigel. Es bräuchte zusätzliche Förderstrukturen, und zwar langfristige, vernetzte. Auch die Elternarbeit sei ein Riesenthema, fügt seine Kollegin Susanne Stanner hinzu. Und: „Man kann nicht bei allen Kindern ausschöpfen, was möglich wäre.“

Nach einer Stunde Lesen, Bücher auswählen und Wörter suchen ist es geschafft, für diesen Tag ist die Ferienschule vorbei. Avan stellt sich in die Schlange vor der Mensa, gleich gibt es Mittagessen für die Schüler, die auch in den Ferien im Ganztag betreut werden. Die Zweitklässlerin Fatima zieht mit ihrer Studentin los, um einen Beutel für ihre Bücher und Arbeitsblätter zu suchen. Die Mappe, die sie dabei hatte, ist gerade kaputtgegangen. Goodluck hat seine Bücher in den Rucksack gepackt und ist nach Hause gegangen.

Nur das mit dem iPad, das haben Lena Meusel und er vergessen; aber Goodluck braucht das Leihgerät für die Ferienschule. Lena Meusel sagt, sie wolle noch eben bei Goodluck zuhause vorbeischauen und ihm das iPad bringen. Ob das in Ordnung sei, fragt sie Richard Sigel. Der nickt. Hausbesuche gehören dazu.