Dieser Artikel erschien am 19.03.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Jakob Wetzel

Hochbegabte : Schlauer als die Lehrer

Besonders intelligente Kinder fühlen sich im Unterricht schnell unterfordert. Speziell auf ihre Bedürfnisse einzugehen, stand lange Zeit nicht im Fokus der Pädagogen. Neun Schulen in Bayern arbeiten mittlerweile als Kompetenzzentren. Davon profitieren auch die anderen Schüler. Das Münchner Maria-Theresia-Gymnasium gilt deutschlandweit als Vorreiter.

Schüler an der Tafel
Sie können besser lesen, schreiben oder rechnen: Hochbegabte Kinder (Symbolbild) standen lange Zeit nicht im Fokus von Pädagogen. Das ändert sich allmählich.
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Das Abfragen der Vokabeln übernehmen die Kinder diesmal selbst, Thomas ist dran. „Was heißt ‘saepe’?“, will eine Mit­schülerin wissen, sie hat sich vorne neben das Lehrer­pult gesetzt. „Oft!“, sagt Thomas – aber das lassen ihm die anderen nicht durch­gehen. „Das hast du Thomas vorhin schon gefragt!“, beklagt sich ein Mädchen. „Das stimmt!“, sagt ein Bub und nickt. Also ein anderes Wort, „pugnare“, aber das weiß Thomas auch: „Kämpfen!“. Er darf ins Viertel­finale.

Es ist Montagnachmittag, die 5 d am Maria-Theresia-Gymnasium, eine Förder­klasse für Hoch­begabte, hat Latein-Unterricht. Die Kinder hätten ein Quiz zum Vokabel­lernen erstellt, sagt Lehrerin Sabine Wächter. Sie selbst hält sich im Hinter­grund. Und die Aufgaben werden schwieriger. „Was ist der Genitiv von ‘mos’?“, heißt es jetzt, und während die Halb­finalisten noch grübeln, gehen überall die Finger hoch, die Mitschüler hält es kaum auf ihren Sitzen. Die Finalisten schließlich müssen Grammatik­fehler in lateinischen Sätzen finden, die ihnen vor­gelesen werden, die Aufgabe ist knifflig, aber die Schüler lösen sie auch. Am Ende gewinnt Kai, er ist am schnellsten. Dann setzt er sich gleich wieder auf seinen Platz. Der Unterricht geht weiter.

Das Maria-Theresia-Gymnasium feiert an diesem Mittwoch Jubiläum: Seit 20 Jahren gibt es hier spezielle Förder­klassen für Hoch­begabte. Ab der fünften Klasse werden ausgewählte Schülerinnen und Schüler getrennt von den Regel­klassen unterrichtet; bis kurz vor dem Abitur bleiben sie zusammen. Das Gymnasium in der Oberen Au war bundesweit die erste öffentliche Schule, an der solche Klassen eingerichtet wurden. Heute gibt es alleine in Bayern neun; ins Maria-Theresia-Gymnasium kommen hoch­begabte Kinder aus München und dem östlichen Ober­bayern. Mehr als 400 Kinder hat die Schule bislang in ihre „d-Klassen“ aufgenommen, wie die Begabten­klassen intern heißen; etwa 250 haben schon Abitur. Und das Gymnasium gibt seine Erfahrungen als Kompetenz­zentrum weiter – auch an Schulen ohne Begabten­klassen.

Von der Förderung der Begabten profitierten auch die anderen, sagt Schulleiterin Birgit Reiter. Das Maria-Theresia-Gymnasium ist vier­zügig; etwa 160 der rund 880 Schüler besuchen eine d-Klasse. Dafür erhält die Schule zusätzliches Geld vom Kultus­ministerium, und das investiert sie: zum Beispiel in Wahl­fächer, von Robotics bis hin zu Sprachen wie Russisch und Schwedisch. Das Angebot wäre ohne die Begabtenklassen wohl geringer, sagt Reiter, dasselbe gelte für die Klassenfahrten. Und die Schule erprobt andere Unterrichts­formen, etwa Atelier­stunden in der Unter­stufe: „Die Lehrer stellen Material bereit, damit sich die Schüler selbst vertiefend mit dem Schul­stoff beschäftigen können“, erklärt Silvia Duschka, die zuständige Mitarbeiterin in der Schul­leitung. Was sie tun, könnten sich die Schüler aussuchen, „sie müssen aber dokumentieren, was sie machen.“ Wenn sie sich bewähren, werden solche Konzepte auch in die Regel­klassen über­tragen. Man wolle jedes Kind fördern.

Um in eine Begabtenklasse aufgenommen zu werden, muss ein Kind ein Auswahl­verfahren bestehen. 70 bis 100 Kinder würden sich jeden Januar bewerben, heißt es von der Schule. Dazu gehören Zeugnisse, Empfehlungs­schreiben der Grund­schulen und Motivations­schreiben der Eltern, gerne auch der Kinder. Es folgt ein Begabungs­test. Danach werden etwa 30 Kinder zum Probe­unterricht eingeladen. Aufgenommen werden am Ende 20 bis 22, die anderen erhalten Absagen. „Wir versuchen sehr transparent zu sein, wie der Prozess abläuft“, sagt Reiter. Versucht, sein Kind einzuklagen, habe bisher noch niemand.

Was die Begabtenklassen besonders macht, ist zunächst ihre Größe: Im Maria-Theresia-Gymnasium sitzen in den Regel­klassen bis zu 32 Schüler, die Begabten­klassen sind um ein knappes Drittel kleiner. Die d-Klassen beginnen zudem in der fünften Klasse mit Englisch und Latein, sie vereinen den sprachlichen und den natur­wissen­schaftlich-technologischen Zweig. Die Lehrer aber sind dieselben wie in den Regel­klassen, und einen eigenen Lehr­plan gibt es auch nicht. Das Arbeits­tempo freilich sei höher, sagt Reiter. Man wieder­hole weniger und gehe mehr in die Tiefe.

Für Lehrer seien die Klassen herausfordernd, sagt Reiter. „Oft haben die Schüler großes Vorwissen und möchten das diskutieren. Die Lehrer schlüpfen mehr in die Rolle von Moderatoren.“ Hoch­begabte redeten oft wie Erwachsene. „Da muss man auf­passen, dass man nicht aus dem Blick verliert, dass sie noch Kinder sind.“ Manchmal seien Schüler so gut in Mathe­matik, dass kein Lehrer mit­halten könne, erzählt Reiter. „Man muss auch als Lehrer den Mut haben zu sagen: Das weißt jetzt du besser als ich.“

Eine hohe Begabung zeigt sich nicht immer speziell in Mathematik; solche Klischees müsse man vermeiden, sagt Reiter, das sei geradezu das Erfolgs­rezept der Begabten­klassen. Man müsse die einzelnen Kinder sehen. Viele hätten weniger ein mathematisches als etwa ein sprachliches Talent. „Die Gruppen sind nicht homogen, im Gegen­teil“, sagt Silvia Duschka. Aber Gemeinsam­keiten gibt es doch. Hoch­begabte seien oft sehr neugierig und zeigten gerne, was sie können, sagen die Schul­leiterinnen.

Sie hätten einen ausgeprägten Gerechtigkeits­sinn. Sie seien „sehr empfindlich, was vermeintliche oder tatsächliche Ungerechtig­keiten angeht“, sagt Reiter. „Man muss viele Entscheidungen besonders gut begründen.“ Dabei sind Hoch­begabte nicht automatisch gute Schüler; auch das ist ein Klischee. Die Kinder haben nur die Anlagen dazu. „Vokabel­lernen muss man auch in einer Hoch­begabten­klasse“, sagt die stell­vertretende Schul­leiterin Irene Braun. „In der fünften Klasse müssen die Schüler erst lernen, dass sie über­haupt lernen müssen“, ergänzt Duschka.

„Vokabellernen muss man auch in einer Hoch­begabten­klasse“

Ein Klischee schließlich sei es auch, weswegen in Begabten­klassen lange vor allem Buben saßen. Anfangs seien an ihrer Schule zwei von drei Kinder in den d-Klassen männlich gewesen, sagt Reiter. Dahinter stehe zum Teil eine unter­schiedliche Wahr­nehmung der Kinder. „Wenn Jungs gute Leistungen brachten, hieß es: Sie sind hoch­begabt. Bei Mädchen hieß es einfach: Sie sind fleißig“, sagt Reiter. Dass die Menschen so denken, hätten wissen­schaftliche Studien bestätigt. Auch Eltern seien davor nicht gefeit – und diese machen den ersten Schritt, sie müssen ihre Kinder anmelden. Immerhin: Mittler­weile sei das Geschlechter­verhältnis weit­gehend ausgewogen.

Aus Sicht des Freistaats sind die Begabtenklassen ein Erfolg. Er hat sie in zwei Studien überprüfen lassen; dabei verglichen Forscher, wie es Schülern in Begabten­klassen und über­durch­schnittlich begabten Schülern in Regel­klassen ergeht. Schülerinnen und Schüler – es gibt hier kaum Unter­schiede – lernen demnach in Begabten­klassen schneller und fühlen sich außerdem besser integriert und anerkannt.

Felix Palm bestätigt das: Der 24-jährige Münchner hat von 2006 bis 2011 die Begabten­klasse am Maria-Theresia-Gymnasium besucht. Er schwärmt von der Klassen­gemeinschaft. „Man wird nicht als Streber abgestempelt, nur weil man sich freiwillig für den Schul­stoff interessiert“, sagt er. „Und es war eine Bereicherung, mit vielen Leuten zusammen­zuarbeiten, bei denen ich das Gefühl hatte: Die verstehen mich.“ In der Grund­schule sei das nicht so gewesen. „Da war einer im Unterricht, der immer meinte, es besser zu wissen. Und es oft tatsächlich besser wusste.“ Für seine Lehrerin sei das wohl eine Belastung gewesen.

Was sich verbessern könnte, sei denn auch die Schulung der Lehrer, findet Palm. Viele hätten nicht gewusst, wie sie mit Hochbegabten umgehen sollten, und mehr von ihnen verlangt als von anderen, das sei unnötig. Und das sei auch verkehrt, sagt Schul­leiterin Reiter. An die Schüler sollten keine höheren Ansprüche gestellt werden, das betone man bei Weiter­bildungen für Lehrer immer wieder. Besonders wichtig sei das, wenn es aufs Abitur zugeht. In dieser Zeit werden die Begabten­klassen ohnehin aufgelöst. Die letzten zwei Jahre lernen alle Schüler gemeinsam. Und alle erhalten die gleichen Abitur-Aufgaben.

Das Maria-Theresia-Gymnasium gibt sich überhaupt Mühe, die Schüler in Kontakt zu bringen. Man schaffe bewusst viele Möglichkeiten, sich kennen­zu­lernen, sagt Irene Braun. „Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass die Hoch­begabten­klassen nicht unter sich bleiben, sondern eingebunden sind und sich einbringen in die Gemeinschaft der Schule.“ So gehen die Jahr­gangs­stufen etwa gemeinsam auf Klassen­fahrten oder ins Schul­land­heim – und die Schüler aus den d-Klassen engagieren sich auch besonders bei „Schüler helfen Schülern“, der schul­internen Nach­hilfe.

Felix Palm findet, er habe stark von der Begabtenklasse profitiert. Auch für seine Berufs­wahl: So habe er mit der Schule etwa mehr­mals die Universität besucht und dort zum Beispiel einen Elektro­motor gebastelt. Jetzt studiert Palm Physik.

Das Studium erinnert ihn dabei manchmal an die Grund­schule, zumindest in einer Hinsicht. Er habe als Kind oft den Eindruck gehabt, er müsse im Gespräch mit Gleich­altrigen langsam formulieren, damit sie ihn verstehen, erzählt er. In der Begabten­klasse sei das anders gewesen. Aber jetzt, im Studium, da habe er dasselbe Problem wieder.