Heldinnen des Corona-Alltags : Samantha McGee, 35, Lehrerin, unterrichtet jetzt online

Das öffentliche Leben steht still, doch einige Menschen halten die Gesellschaft am Laufen. Hier kommen sie zu Wort.

Dieser Artikel erschien am 19.03.2020 in DER SPIEGEL
Miriam Olbrisch
Lehrerin Samantha McGee
Lehrerin Samantha McGee: „Ich vermisse die direkte Arbeit mit den Schülern“
International School on the Rhine
©privat

Überall in Deutschland bleiben Schulen und Kindertagesstätten in diesen Tagen wegen der Ausbreitung des Corona-Virus geschlossen – in den meisten Bundesländern erst einmal bis zu den Osterferien, vielleicht auch länger. Trotzdem sollen Schülerinnen und Schüler in dieser Zeit etwas lernen.

Viele Lehrkräfte verschicken Arbeitsaufträge per WhatsApp oder E-Mail, Eltern holen Umschläge mit Lernmaterialien für ihre Kinder am Schultor oder in den Lehrerzimmern ab. Einige wenige Pädagogen bieten trotzdem Unterricht an – online.

Samantha McGee, 35, ist eine von ihnen. Sie unterrichtet Gesellschaftswissenschaften an der privaten International School on the Rhine in Neuss:

„In diesen Tagen ist unsere Schule wie ausgestorben. Nur wir Lehrkräfte sind da, noch zumindest. Trotzdem sehe ich meine Schüler jeden Tag, pünktlich um acht Uhr beginnt der Unterricht. Daran hat auch das Virus nichts geändert.

Alle Lehrerinnen und Lehrer arbeiten derzeit noch wie gewohnt im Klassenraum, wir haben digitale Tafeln und Computer samt Webcam, mit der wir den Unterricht filmen und ins Netz übertragen. Meine Schüler sitzen zu Hause, am Schreibtisch in ihrem Zimmer, manche auch im Garten. Wir befinden uns in einer großen Videokonferenz. Ich kann mein Tafelbild mit den Schülern teilen – etwa wenn ich eine Grafik zeigen oder ein Video abspielen möchte. Über eine Software können sich die Jugendlichen „melden“, wenn sie etwas beitragen oder fragen möchten – ganz so, als würden sie im Klassenraum sitzen. Ich bekomme dann eine Anzeige auf meinem Bildschirm und kann ihnen das Wort erteilen. So sind sogar kurze Diskussionen möglich.

Was mich freut: Die Schüler gehen mit dieser neuen Situation sehr verantwortungsvoll um. Niemand ruft dazwischen oder macht Blödsinn. Trotzdem muss ich mich im Online-Unterricht mehr anstrengen, die Stunden spannend zu gestalten, damit die Schüler aufmerksam bleiben. Wenn sie zu Hause sitzen, können sie sich leichter ablenken als in der Schule. Zum Glück gibt es Kahoot, eine Software, mit der ich ganz einfach Quizze bauen kann, ähnlich wie „Wer wird Millionär?“: Eine Frage, vier Antwortmöglichkeiten, alle müssen abstimmen. So kann ich recht schnell feststellen, ob meine Klasse mir zugehört hat oder nicht.

Alle meine Kollegen unterrichten auf diese Weise. Für den Sportunterricht haben die Lehrkräfte extra Videos aufgenommen, auf denen sie Übungen vormachen. Die können die Kinder zu Hause wiederholen. Wir ermahnen die Schüler auch, sich in den Pausen oder nach Schulschluss regelmäßig zu bewegen.

Auch wenn der digitale Unterricht bei uns sehr gut funktioniert: Ich vermisse die direkte Arbeit mit den Schülern. Dafür bin ich doch Lehrerin geworden. Am letzten Tag vor dem Shutdown war ich richtig traurig, dass wir uns nun eine Weile nicht sehen können.

Wenn ich im Unterricht merke, dass es jemandem nicht gut geht, suche ich trotzdem das persönliche Gespräch: zu zweit im Video-Chat oder per Telefon. Viele unserer älteren Schülerinnen und Schüler sorgen sich um ihren Abschluss. Sie stehen kurz vor den Prüfungen zum International Baccalaureate, einer Art internationalem Abitur. Viele von ihnen wollen damit an einer Universität im Ausland studieren. Wird es die Hochschulen interessieren, unter welchen besonderen Bedingungen die Bewerber aus Deutschland in diesem Jahr die Schule beenden?“