Hauptpreisträger RBB Müritz : Lernen im Simulationslabor statt im Klassenzimmer

Sinkende Ausbildungszahlen und eine veränderte Berufswelt führten dazu, dass das Regionale Berufliche Bildungszentrum (RBB) Müritz in Mecklenburg-Vorpommern ein neues Lernkonzept für sich entwickelte. Die Schülerinnen und Schüler erhalten praxisnahe Aufträge, die sie selbstorganisiert und in Kooperation mit den anderen Ausbildungsbereichen bearbeiten. Die Jury des Deutschen Schulpreises hat das RBB Müritz jetzt zur besten Schule Deutschlands gekürt. Das Schulportal hat sich vor Ort angeschaut, was den Unterricht dort so besonders macht.

Florentine Anders 28. September 2022 Aktualisiert am 10. November 2022
Schüler im Simulationslabor des Regionalen Berufsbildungszententrums Müritz
Im Simulationslabor Pflege beobachtet die Lehrerin per Video, wie die Schülerinnen und Schüler die Aufgabe meistern.
©Patricia Haas
Schüler in der Holzwerkstatt
Im Fachbereich Holztechnik lernen die Schülerinnen und Schüler auch, Fenster und Türen zu zeichnen – per Hand und mit dem 3-D-Programm am Computer.
©Patricia Haas
Schüler arbeiten im CNC-Lab am Cormputer
Im CNC-Lab des Fachbereichs Holztechnik wurde Planung und Herstellung in einem Großraum zusammengeführt.
©Patricia Haas
Schülerinnen und Schüler sitzen im Lichthof zusammen und arbeiten in der Gruppe
In allen Fachbereichen erhalten die Schülerinnen und Schüler Aufgaben, die sie wie hier im Lichthof, in kleinen Gruppen selbstorganisiert lösen.
©Patricia Haas
Höhepunkt es Jahres ist die Regionale Kontaktbörse zur Berufsorientierung, die die Schülerinnen und Schüler aller Ausbildungsbereiche eigenständig vorbereiten.
©Patricia Haas
Köchinnen und Köche in der Ausbildungsküche
Die angehenden Köchinnen und Köche des RBBB Müritz übernehmen bei der Regionalen Kontaktbörse das Catering für die Aussteller.
©Patricia Haas

Ein Patient liegt im Bett auf der Intensivstation und ist an ein Atemgerät angeschlossen. In regelmäßigen Abständen piept das Gerät. Plötzlich fällt der Blutdruck ab. Was ist zu tun? Eine kleine Gruppe von Schülerinnen und Schülern des Bereichs Pflege steht vor einer herausfordernden Situation, wie sie jeden Tag in der Praxis auftreten kann. Sie müssen ihr gemeinsames Wissen abrufen, handeln – und das schnell. Dabei sind sie völlig auf sich allein gestellt. Herzdruckmassage oder doch lieber zuerst den Arzt anrufen?

Die Schülerinnen und Schüler befinden sich im Simulationslabor, kurz SimLab, des Ausbildungsbereichs Gesundheit und Pflege des Regionalen Beruflichen Bildungszentrums Müritz. Lehrerin Anne Kirschner sitzt im Regieraum und beobachtet durch eine verspiegelte Scheibe die Arbeit der Schülerinnen und Schüler. Gleichzeitig übertragen Kameras und Mikrofone alles, was im SimLab passiert, auf einen Monitor in ihren abgedunkelten Raum. Jeder Fehler der Schülerinnen und Schüler kann für den Patienten lebensgefährlich sein. Doch in diesem Fall sind Fehler erlaubt, die Videos werden später gemeinsam ausgewertet. Der Patient ist ein Simulator, eine Maschine in Menschengestalt. Lehrerin Anne Kirschner kann den Simulator aus dem Regieraum sprechen lassen, sie kann seinen Blutdruck oder die Herztöne verändern, je nach Aktion der Schülerinnen und Schüler. Alle nötigen Handgriffe und Abläufe haben sie zuvor im sogenannten Skill-Labor geübt, die Anwendung in komplexen, stressigen Situationen ist jedoch etwas anderes.

Das Simulationslabor zeigt eindrücklich, wofür das RBB Müritz steht: Handlungsorientiertes Lernen statt einer Trennung von Theorie und Praxis. Und zwar nicht nur in der Pflege, sondern in allen neun dualen Ausbildungsbereichen.

Das Simulationslabor zeigt eindrücklich, wofür das RBB Müritz steht: Handlungsorientiertes Lernen statt einer Trennung von Theorie und Praxis. Und zwar nicht nur in der Pflege, sondern in allen neun dualen Ausbildungsbereichen. Zu den herkömmlichen Klassenräumen gibt es sogenannte Labs oder Praxisräume, und die sind dank des Landkreises sowie Fördermittelgebern technisch besser ausgestattet als manch ein Betrieb, in denen die Schülerinnen und Schüler ihre duale Ausbildung machen.

Für den Arbeitsmarkt der Zukunft ausbilden

„Wir bilden für den Arbeitsmarkt der Zukunft aus!“ lautet der Leitsatz der Schule mit 1.400 Schülerinnen und Schülern an zwei Standorten. Um diesem Slogan gerecht zu werden, ist die Schule ständig im Wandel; Fachlehrerinnen und Fachlehrer bilden sich immer wieder fort, auch untereinander.

„Unsere Ausbildungsbetriebe sind sehr unterschiedlich ausgestattet, sodass Ausbildungsinhalte nicht immer vollständig abgebildet werden können. Wir unterstützen damit unsere Schülerinnen und Schüler, um sie für die vielfältigen Unternehmen in ihrem Berufszweig fit zu machen“, sagt Schulleiterin Birgit Köpnick.

Das CNC-Lab des Fachbereichs Holztechnik etwa wird auch von den Ausbilderinnen und Ausbildern der Betriebe immer wieder neugierig besucht. „Viele haben ja immer noch so ein Bild von Meister Eder mit dem Hobel im Kopf, wenn sie an eine Holzwerkstatt denken“, sagt Thomas Lehmann, Lehrer im Fachbereich Holztechnik. Einen Hobel gibt es an der Schule zwar auch, aber nicht in diesem Raum. Die Späne der riesigen Präzisionsmaschine werden durch ein großes Rohr direkt abgesaugt. Gleich daneben sitzen hinter einer halbhohen Glaswand wie in einem modernen Co-Working-Space die Schülerinnen und Schüler an ihren Rechnern und konstruieren mit 3D-Programmen Objekte, die sie dann von der CNC fräsen oder am 3D-Drucker drucken lassen können. „Früher wäre die Ausbildung an der Software in einem Klassenraum passiert, in unserem CNC-Lab haben wir Planung und Herstellung zusammengeführt“, sagt Lehmann.

Auch hier arbeiten die Schülerinnen und Schüler keine Unterrichtseinheiten ab, sondern lernen an Handlungsaufträgen. Manchmal sind es erdachte, manchmal echte Aufträge für die Schule selbst. Zum Beispiel war ein flexibles Mobiliar für die Schule gefragt, das sich als Podest wie auch als Regal nutzen lässt. Die Schülerinnen und Schüler haben verschiedene Entwürfe erstellt und schließlich selbst den Siegerentwurf, der dann umgesetzt wurde, gekürt. Natürlich nach festgelegten Qualitätskriterien. Auch der Kostenfaktor spielte eine Rolle.

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Die Auszubildenden der verschiedenen Gewerke arbeiten an gemeinsamen Aufträgen

Eine Besonderheit des RBB Müritz ist, dass die verschiedenen Fachbereiche nicht getrennt voneinander arbeiten. Die Schule ist eine Gemeinschaft, und wie im Berufsalltag arbeiten verschiedene Gewerke Hand in Hand. „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht“, erklärt Schulleiterin Köpnick. Die Anzahl der Schülerinnen und Schüler an staatlichen beruflichen Schulen hatte sich seit dem Jahr 2000 in Mecklenburg-Vorpommern halbiert, Schulstandorte mussten zusammengelegt werden. Seither gibt es eine große Vielfalt an Ausbildungsgängen an der Schule. Während berufliche Schulen oft auf eine Fachrichtung, etwa Gesundheitsberufe oder handwerkliche Berufe, ausgerichtet sind, ist hier vom Koch bis zum Mediengestalter eine große Bandbreite zu finden. „Wir haben die Vielfalt als Gewinn betrachtet und ein Konzept erarbeitet, in dem die Bereiche in verschiedenen Projekten übergreifend zusammenarbeiten; auch in der Praxis stehen Betriebe nicht für sich allein, sie erhalten Aufträge von anderen Unternehmen und geben selbst Aufträge raus“, erklärt Köpnick.

Auf die Spitze getrieben wird dieser Ansatz mit der jährlich stattfindenden „Regionalen Kontaktbörse“ zur Berufsorientierung für die neunten Klassen und Abschlussjahrgänge aller Schulen der Region. Die Schülerinnen und Schüler des RBB Müritz entwickeln etwa 20 verschiedene Workshops, in denen sie ihre Berufsfelder vorstellen. In einer großen Halle präsentieren sich 60 Betriebe. Die gesamte Vorbereitung und die Veranstaltung selbst werden von den Schülerinnen und Schülern übernommen. Ein „didaktisches Jahrescurriculum“, das fachübergreifend von den Lehrkräften entwickelt wird, sorgt dafür, dass alle wissen, wann sie mit welchen Aufgaben einscheren. Wie beim Hausbau können nicht alle Gewerke gleichzeitig loslegen. Die Mediengestalter erhalten den Auftrag für das Plakat und die Flyer von den Kaufleuten für Tourismus und Freizeit erst dann, wenn diese die Zielgruppenanalyse gemacht und den Slogan festgelegt haben. Der Fachbereich Pflege gibt in der Holztechnik Stellwände in Auftrag, wenn klar ist, wie der Workshop aussehen soll. Die Köche erhalten den Auftrag für die Versorgung der Ausstellerbetriebe, wenn das Budget steht, usw.

Die Schülerinnen und Schüler arbeiten selbstorganisiert in Gruppen an ihren jeweiligen Aufgaben, die den theoretischen Lernstoff in die Welt der Praxis übertragen.

Die Schülerinnen und Schüler arbeiten selbstorganisiert in Gruppen an ihren jeweiligen Aufgaben, die den theoretischen Lernstoff in die Welt der Praxis übertragen. Dabei variieren die Aufgaben je nach Niveaustufe und Lehrjahr.

Lara Kamberger und drei Mitschülerinnen aus dem dritten Lehrjahr des Fachbereichs „Tourismus und Freizeit“ haben die Tische zusammengeschoben. Sie schauen auf ihre To-do-Liste, die bis Ende November abgearbeitet werden muss. „Langsam steigt die Anspannung, denn der Zeitdruck wächst und es stehen noch jede Menge Aufgaben auf der Liste“, sagt Lara. „Dagegen war der Entwurf des Slogans im letzten Schuljahr entspannt.“ Jetzt müsse der Ablaufplan finalisiert werden, dabei seien sie auf die Zuarbeit der anderen Fachbereiche angewiesen. Erst dann könne die Werbekampagne starten, auf Instagram, auf Video-Leinwand im Zentrum von Waren, durch Besuche vor Ort in den eingeladenen Schulen. Busunternehmen müssten beauftragt werden, die die Schülerinnen und Schüler der eingeladenen Schulen abholen. Tombola-Preise wollen organisiert werden und vieles mehr.

Sind das alles wirklich Inhalte des Ausbildungsberufes? „Auf jeden Fall“, sagt die Schülerin. Buchhaltung, Reservierung, Veranstaltungsorganisation und Marketing, das alles gehöre dazu. Sie sei in ihrem Ausbildungsbetrieb in der Bootsvercharterung tätig, da würden zum Beispiel auch Firmenfeiern oder Hochzeiten angefragt.

Auch auf dem Weg zum Abitur oder zur Berufsreife gibt es handlungsorientierte Arbeitsaufträge

Neben den beruflichen Ausbildungsgängen bietet das RBB Müritz auch das Fachgymnasium mit verschiedenen Spezialisierungen und die Berufsvorbereitung, für Schülerinnen und Schüler ohne Schulabschluss an.

Doch selbst der Weg zur Berufsreife oder zum Abitur läuft hier anders als gewohnt. Auf dem Stundenplan für die Schülerinnen und Schüler, die ihren Schulabschluss nachholen, steht statt Mathe das anwendungsbezogene Modul „Meine erste eigene Wohnung“. Da berechnen die Schülerinnen und Schüler beispielsweise, wie viel Farbe sie zum Streichen eines Zimmers brauchen oder die Preisunterschiede der Stromanbieter.

Frontalunterricht gibt es kaum, auch in der Oberstufe nicht. „Wir erhalten fast in allen Fächern Arbeitsaufträge, die wir dann selbstorganisiert lösen“, sagt Mira Wahl, die auch Schülersprecherin der Schule ist. Wer nicht weiterweiß, könne jederzeit eine Lehrperson ansprechen. Lehrkräfte seien eher Lernbegleiterinnen und -begleiter auf Augenhöhe. Damit fühle sie sich perfekt auf das Studium vorbereitet, sagt sie. Nach dem Abi möchte Mira Lehramt für Mathematik und Physik studieren, und dann – wer weiß – vielleicht auch am RBB Müritz unterrichten. Damit wäre sie nicht die erste Schülerin, die als Lehrerin hierher zurückkehrt. Mit seinem überzeugenden Konzept zieht sich das RBB Müritz auch seinen eigenen Lehrernachwuchs heran.

Auf einen Blick

  • Das Regionale Berufliche Bildungszentrum (RBB) Müritz in Mecklenburg-Vorpommern ist Hauptpreisträger des Deutschen Schulpreises 2022.
  • Auszug aus der Jury-Bewertung: „Den Kern der Unterrichtsqualität – das hohe fachliche Niveau und den starken Bezug zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler – sichert das Team der didaktischen Jahresplanung. Alle im Bildungsgang beteiligten Lehrkräfte sind über die Arbeit in Fachgruppen in die Erarbeitung der didaktischen Jahresplanung eingebunden. Sie entwickeln individuelle Lernsettings und kundenorientierte Anforderungen kontinuierlich weiter – immer mit Blick auf die Arbeitsplätze der Zukunft.“, sagt Jurymitglied Wilhelm Windmann.
  • Das RBB Müritz eine staatliche berufliche Schule mit zwei Standorten und sechs Fachbereichen. Zudem können Schülerinnen und Schüler hier zum Abitur und zur Berufsreife geführt werden.
  • Es gibt dort 1.379 Schülerinnen und Schüler und 69 Lehrkräfte. Je nach Bildungsgang bleiben die Schülerinnen und Schüler ein, zwei oder drei Jahre.
  • Die Schule befindet sich im ländlichen Raum, dadurch haben Lehrkräfte und Lernende oft lange Anfahrtswege, einige wohnen auch im Internat.
  • Die Schule befindet sich im ländlichen Raum, dadurch haben Lehrkräfte und Lernende oft lange Anfahrtswege, einige wohnen auch im Internat.

 

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In einer Online-Veranstaltung auf dem Campus des Deutschen Schulpreises hat das Regionale Berufliche Bildungszentrum Müritz ihr Unterrichtskonzept und ihre Schulentwicklung vorgestellt.

Unterricht besser machen: Die Broschüre zum Deutschen Schulpreis 2022 (mit Workbook)

  • Bildungsexpertinnen und -experten der Schulpreis-Jury haben an allen nominierten Schulen hospitiert. Sie erklären, was den Unterricht aus ihrer Sicht auszeichnet.
  • Sie möchten mehr über den Weg der Schule erfahren? Die (Unterrichts-)Entwicklungskurven der Schulen machen deutlich: Unterrichtsentwicklung dauert Jahre, verläuft nicht linear und gelingt nur gemeinsam.
  • Im Workbook-Teil finden Sie fünf Methodenvorschläge mit Druckvorlagen, die Ihnen dabei helfen können, im Kollegium über Unterrichtsqualität ins Gespräch zu kommen.