Rechtschreibung : „Schultigu fü die faschpetuk“

Entschuldigung für die Verspätung? Auch die besten Korrekturprogramme können aus einem Buchstabensalat keine Wörter machen. Rechtschreibung zu lernen bleibt daher wichtig, sagt Didaktik-Professorin Julia Knopf.

Dieser Artikel erschien am 05.02.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Susanne Klein
Mit der Hand werde immer weniger geschrieben, daher seien Rechtschreibkenntnisse nicht mehr so wichtig, meint Winfried Kretschmann.
Mit der Hand werde immer weniger geschrieben, daher seien Rechtschreibkenntnisse nicht mehr so wichtig, meint Winfried Kretschmann.
©dpa

Als Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) vor einigen Tagen über den Stellen­wert des Recht­schreib­unterrichts sprach, war die Aufregung groß. „Die Bedeutung, Recht­schreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir heute ja nur noch selten hand­schriftlich schreiben. Wir haben ja kluge Geräte, die uns die Grammatik und die Fehler korrigieren“, hatte der frühere Gymnasial­lehrer gesagt. Seine eigene Bildungs­ministerin Susanne Eisenmann (CDU), ihre Kollegin auf Bundes­ebene, Anja Karliczek (CDU), die Präsidentin der Kultus­minister­konferenz, Stefanie Hubig (SPD), Lehrer, der Rat für deutsche Recht­schreibung – alle protestierten. Dabei fielen große Worte: Schlüssel­qualifikation, Kultur­gut, Grund­kompetenz. Doch warum eigentlich? Ein Gespräch mit Julia Knopf, Professorin für Fach­didaktik Deutsch in der Grund­schule.

SZ: Frau Knopf, Winfried Kretschmann hat viel Wider­spruch für seine Ansichten erfahren. Können Sie ihn verteidigen?
Julia Knopf: Nein. Dass die Recht­schreibung an Bedeutung verliert, weil wir weniger mit der Hand schreiben, ist Unsinn. Ortho­grafie spielt für das Schreiben in den digitalen Medien genauso eine Rolle. Die Frage ist doch: Brauchen wir Recht­schreibung generell, egal ob analog oder digital?

Und die Antwort?
Wir brauchen sie unbedingt. Wir haben vor mehr als einem Jahr­hundert eine einheitliche Orthografie eingeführt, damit wir Texte leichter verschriftlichen und besser lesen können. Stellen Sie sich die Straßen­verkehrs­regeln ohne Recht­schreib­normen vor: das pure Chaos. Das Gehirn kann Texte, die Standards folgen, viel störungs­freier verarbeiten. Es gibt Studien, die zeigen, dass allein fehlende Kommata das Lesetempo drastisch verringern.

Nun hat Kretschmann ja nicht gesagt, lasst uns doch diese über­flüssige Orthografie über Bord werfen. Er findet nur, Recht­schreib­unterricht sei nicht mehr so wichtig wie früher, weil die Korrektur­programme unsere Fehler ausmerzen.
Aber das stimmt so nicht. Viele aktuelle Programme finden nur ober­flächliche Fehler. Wenn ich ins Handy tippe „Das spielen mit dem Ball ist verboten“, akzeptiert es das kleine „s“, weil es keinen Unter­schied fest­stellt zu „Es ist verboten, mit dem Ball zu spielen“. Der Fehler bleibt stehen, weil der Kontext nicht erkannt wird.

Aber die Korrekturprogramme werden immer besser. Warum sollten wir uns nicht von ihnen helfen lassen?
Natürlich können wir uns von ihnen helfen lassen, und sie werden tatsächlich besser, zum Beispiel werden sie uns Synonyme vorschlagen können. Trotzdem muss jeder Einzelne weiterhin über Recht­schreib­kompetenzen verfügen. Wenn ich die Normen nicht mehr kenne, greifen auch die Programme nicht mehr. Über­spitzt gesagt: Wenn ich „Schultigu fü die faschpetuk“ eingebe, wird auch die beste Korrektur nicht darauf kommen, dass ich „Entschuldigung für die Verspätung“ meine. Das heißt, ich muss die Regeln kennen, um mich mit dem Programm verständigen und über­prüfen zu können, ob es seinen Job in meinem Sinne macht.

Geht es dabei auch um Autonomie?
Das auch. Es ist nicht sinnvoll, sich blind auf Hilfsmittel zu verlassen. Ich möchte in die Aktionen des Programms ein­greifen können, um meinen Text zu verändern, zu verbessern. Nur so behalte ich die Hoheit.

Demnach müssen Grund­schüler genauso Schreib­weisen pauken wie früher?
Rechtschreibung zu erlernen, heißt nicht, ein Wort zehn Mal korrekt in eine Zeile zu schreiben. Eine didaktisch gute Lehr­kraft lässt nicht einfach Wörter blind üben, sie erklärt Strategien, Merk­hilfen, Tricks. Ein Beispiel: Die Mehr­zahl von „Hand“, also „Hände“, wird mit „ä“ geschrieben. Das lernen die Kinder, dann suchen sie verwandte Wörter, etwa „Wand“, und wenden die Strategie auf das neue Wort an: „Wände“. Das ist etwas ganz anderes als Pauken, also Auswendiglernen.

Werden Grund­schul­lehr­kräfte dafür ausreichend ausgebildet?
Rechtschreibseminare sind nicht an jedem Studien­ort verbindlich, sollten es meiner Meinung nach aber sein. Bei mir an der Universität muss jede und jeder ein Ortho­grafie- und ein Grammatik-Didaktik­seminar absolvieren. Eine solche Ausbildung hilft Lehrern, gute Vermittler zu werden.

Und trotzdem verpasst jeder fünfte Viert­klässler bei der Recht­schreibung die Mindest­standards. Sind daran auch die Handys schuld?
Nicht nur, aber auch. Wir wissen aus Studien, dass die digitale Kommunikation die Recht­schreibung beeinflusst. Bei privaten Kurz­nachrichten wird besonders die Groß- und Klein­schreibung vernachlässigt und tendenziell geschrieben, wie man spricht. Deshalb ist der Recht­schreib­unterricht auch nicht unwichtiger geworden, wie Kretschmann sagt, sondern wichtiger. Und wir müssen auch bei den Schülerinnen und Schülern das Recht­schreib­bewusst­sein wieder stärker in den Mittel­punkt rücken. Das ist wahnsinnig wichtig.

Was heißt „Rechtschreib­bewusstsein“?
Kinder müssen erkennen, dass Rechtschreibung wichtig ist, und unter­scheiden können, ob sie eine Nachricht an die Freundin, einen Text in der Schule oder eine Bewerbung schreiben. Es ist belegt, dass Arbeit­geber aus fehlerhaften Bewerbungen negative Rückschlüsse auf die Disziplin und Ausdauer des Bewerbers ziehen. Sogar wenn ich beruflich einen Kurz­nachrichten­dienst wie Whatsapp verwende, muss ich anders schreiben als beim Chatten.

Heißt das, im beruflichen Umfeld gebe ich mir Mühe, im privaten ist es egal?
Auch private Nachrichten mit vielen Fehlern gelten mitunter als unaufmerksam, selbst unter jungen Leuten. Da denkt man: Der hat das schnell geschrieben, nicht mal mehr durch­gelesen – bin ich dem nichts wert?