Rechenstörung : Dyskalkulie: Was Lehrkräfte und Eltern tun können

Wer nicht richtig rechnen kann, stößt im Leben an enge Grenzen. Besonders schwer haben es Kinder mit Dyskalkulie: Ihnen fällt es so schwer, Zahlen und Mengen zu erfassen, dass viele bereits bei den Grundrechenarten den Anschluss verlieren. Eine gezielte Therapie kann ihr mathematisches Verständnis erheblich fördern, aber viel zu selten kommt es überhaupt zur Diagnose. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu Symptomen, Diagnose, Thearapie und Nachteilsausgleichen bei Rechenstörungen.

Alexandra Mankarios 07. Mai 2021 Aktualisiert am 09. Juli 2021
Ein Rechenschieber auf einem Schreibtisch.
Kindern mit Dyskalkulie fällt es oft schwer, ein Verständnis für Mengen zu entwickeln.
©Hardt photography

Wie lautet die Definition für Dyskalkulie?

Dyskalkulie ist international als Krankheit anerkannt. Die Definition einer Rechenstörung durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) lautet folgendermaßen: „Diese Störung bezeichnet eine Beeinträchtigung der Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist.“  Umgangssprachlich werden die Begriffe Rechenstörung, Rechenschwäche und Dyskalkulie oft synonym verwendet. Tatsächlich meinen die Bezeichnungen „Dyskalkulie“ und „Rechenstörung“ das Gleiche. Aber nicht jede Rechenschwäche ist auch eine Rechenstörung bzw. Dyskalkulie im medizinischen Sinne. In jedem Fall benötigen die Schülerinnen und Schüler jedoch eine besondere Förderung. Kinder und Jugendliche mit Dyskalkulie gibt es vermutlich an jeder Schule. Zwischen zwei und acht Prozent in der Bevölkerung sind von der Rechenschwäche betroffen.

Was sind Ursachen und Symptome einer Dyskalkulie?

Bei der neurobiologischen Störung arbeiten bestimmte Hirnareale nicht wie bei anderen Menschen. Deshalb fällt es Schülerinnen und Schülern mit Dyskalkulie schwer, Zahlen miteinander in Verbindung zu setzen oder zum Beispiel ein Verständnis für Mengen und Zahlenräume zu entwickeln. Folgende Symptome können zum Beispiel Anzeichen für eine Dyskalkulie sein:

  • Schwierigkeiten beim Zuordnen von Mengen und Maßen, wie Zeit, Längen (was ist mehr oder weniger, größer oder kleiner….)
  • Probleme beim Schreiben von Zahlen
  • Matheaufgaben werden nur sehr langsam gelöst, häufig werden die Finger zum Abzählen genutzt

Welche konkreten Ursachen es dafür gibt, ist von der Wissenschaft noch nicht vollständig geklärt. Unerkannt kann Dyskalkulie über die Jahre zu einer immer größeren Belastung werden: Viele Kinder entwickeln eine regelrechte Matheangst und Vermeidungsstrategien, die Freude am Lernen sinkt. Verhaltensauffälligkeiten können deshalb ebenfalls Symptome sein.

Wie erfolgt die Diagnose einer Rechenstörung?

Ob jemand einfach nur nicht so schnell rechnet oder ob tatsächlich eine Dyskalkulie vorliegt, ist nicht leicht zu erkennen. Eine im März 2018 vorgestellte medizinische Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie soll es Ärzten, Therapeuten und auch Lehrkräften leichter machen, frühzeitig zu einer Diagnose zu kommen. Denn das Timing ist entscheidend. „Wenn man eine frühe Diagnose hat, kann man es mit einer Therapie innerhalb von gut zwei Jahren erreichen, dass sich ein Kind zumindest an den Klassenschnitt angleicht“, erklärt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL).

Der BVL gehört zu den 21 Verbänden, Fachgesellschaften Expertinnen und Experten, die die Leitlinie unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie entwickelt haben. Auf 71 Seiten stellen sie ausführlich den Forschungsstand zu Dyskalkulie vor und leiten daraus Handlungsempfehlungen ab. Bindend sind die Empfehlungen allerdings nicht. Wie gut eine Leitlinie wissenschaftlich abgesichert ist, lässt sich an ihrer Klassifizierung ablesen. Die neue Leitlinie zur Rechenstörung trägt den Zusatz „S3“ – das steht für die höchste Qualitätsstufe.

Wie können Lehrkräfte Anzeichen für eine Rechenstörung feststellen?

Die frühestmögliche Diagnose identifiziert lediglich ein Risiko für eine Rechenstörung, erst ab Ende des ersten Schuljahrs ist gemäß der Leitlinie eine Dyskalkulie klar zu erkennen. In der Schule lässt sich die Diagnose indes nicht stellen. „Lehrkräfte können aber Screenings durchführen“, erzählt Höinghaus. „Es gibt standardisierte Rechentests, die man schon ab Klasse 1 durchführen kann.“ Die Abweichung vom Durchschnitt in der jeweiligen Altersgruppe könne erste Hinweise auf eine mögliche Dyskalkulie geben. Auch hierzu gibt es Hinweise in der Leitinline.

Zusammen mit den Eltern sollten Lehrkräfte im Zweifelsfall eine vollständige Diagnostik einholen – etwa in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie oder einem sozialpädagogischen Zentrum. Die umfassende Diagnose ist unter anderem wichtig, um mögliche andere Ursachen für die geringen Mathematikleistungen auszuschließen. Zum Beispiel kann hinter den Rechenproblemen auch eine Aufmerksamkeitsstörung stecken.

Gibt es bei Dyskalkulie einen Nachteilsausgleich oder Notenschutz?

In der Schule kann ein Nachteilsausgleich sowie Notenschutz – ähnlich wie bei einer Lese-Rechtschreib-Schwäche – den Druck für die Kinder verringern. Die Regelungen dafür unterscheiden sich allerdings in den Bundesländern erheblich. So erhalten etwa in Berlin rechenschwache Kinder in Klasse 3 und 4 einen Förderplan, der ihnen zum Beispiel einräumt, dass sie für Berechnungen bis zu 25 Prozent mehr Zeit bekommen, oder sie erhalten zusätzliche Hilfsmittel und unterschiedliche Aufgabenstellungen. In Brandenburg kann zum Beispiel bei einer schweren Rechenstörung die Benotung bis zur Jahrgangsstufe 4 ausgesetzt werden.

In Bayern bieten seit dem Schuljahr 2018/2019 99 Förder- und Beratungsstellen an Staatlichen Schulämtern Grundschülerinnen und Grundschülern mit besonderen Schwierigkeiten beim Rechnenlernen Unterstützung. Sie ergänzen die unterrichtliche Förderung durch Lehrkräfte sowie Förderlehrkräfte und beraten Eltern und Lehrkräfte, wenn bei Kindern gravierende Probleme beim Rechnenlernen festgestellt worden sind. Einen Nachteilsausgleich oder Notenschutz gibt es in Bayern bei einer Dyskalkulie bisher nicht.

Welche Therapie hilft bei einer Rechenstörung?

Bei einer diagnostizierten Dyskalkulie wird neben den Fördermaßnahmen in der Schule eine zusätzliche Therapie empfohlen. Es gibt zahlreiche Anbieter für Therapien bei Rechenstörungen, allerdings sollte man diese sorgfältig prüfen.

Eine Empfehlung in der Leitlinie Dyskalkulie lautet zum Beispiel, dass die Rechentherapie in Einzelsitzungen von mindestens 45 Minuten stattfinden sollte. Kürzere Sitzungen und Gruppentherapien bewirken erwiesenermaßen weniger.

Warum das so ist, erklärt Höinghaus: „In der Therapie geht es erst mal um die Frage: ‚Wie schaffe ich es, dass dieses Kind ein Verständnis für eine Menge und eine Zahl entwickelt?‘“ Es sei viel Ausprobieren nötig, bis sich zeige, welche Hirnareale sich bei einem Kind anregen ließen, und bis „der Groschen fällt“. Therapeutinnen und Therapeuten nutzen zum Beispiel Wassergläser, Bauklötze oder auch Treppensteigen, um grundlegende Konzepte wie „mehr“ und „weniger“ greifbarer zu machen. Jedes Kind benötige eine andere Brücke, betont Höinghaus. Die Leitlinie empfiehlt deshalb auch, die Therapie nur von Personen durchführen zu lassen, die Erfahrung mit den evidenzbasierten Förderansätzen bei Rechenschwäche haben.

Der Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie hat daher einen definierten Weiterbildungsstandard zum „Dyskalkulie-Therapeuten nach BVL” erarbeitet. Die nach den Standards qualifizierten Therapeutinnen und Therapeuten sind auf der Homepage des Verbandes zu finden.

Eins allerdings vermag auch die beste Therapie nicht: die Dyskalkulie zu „heilen“. Aber wenn alles gut läuft, dann lernt ein Kind, seine Rechenschwäche mit anderen Strategien zu kompensieren. Wichtig findet Höinghaus, dass Lehrkräfte zumindest für Kinder mit Rechenschwäche nicht genau vorgeben, auf welchem Weg eine Aufgabe gerechnet werden muss. „In der Förderung zeigt sich oft, dass die Kinder andere Rechenwege besser nachvollziehen können. Deshalb sollte man sie auch auf Umwegen zum Ziel kommen lassen.“

In der Förderung zeigt sich oft, dass die Kinder andere Rechenwege besser nachvollziehen können. Deshalb sollte man sie auch auf Umwegen zum Ziel kommen lassen.
Annette Höinghaus, Pressesprecherin des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie

Wer kommt bei einer Rechenstörung für die Kosten einer Therapie auf?

Eine Kostenübernahme für die Therapie ist laut BVL in den meisten Fällen nicht gegeben. Unter bestimmten Voraussetzungen kann das Jugendamt die Kosten übernehmen, zum Beispiel wenn die seelische Gesundheit des Kindes durch die Rechenstörung beeinträchtigt ist oder eine solche Beeinträchtigung zu erwarten ist.

Für Familien die Sozialgeld oder Arbeitslosengeld II beziehen, ist auch eine Kostenübernahme über das Bildungs- und Teilhabepaket möglich. Die Lehrkraft muss in diesem Fall den Förderbedarf des Kindes bestätigen und bescheinigen, dass in der Schule eine solche Förderung nicht angeboten wird. Mitarbeit: Florentine Anders

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Therapie Dyskalkulie – Ein Informationsfilm des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie e.V.

Auf einen Blick

  • zwei bis acht Prozent der Bevölkerung haben eine Rechenschwäche.
  • Die „Rechenstörung“ ist im internationalen Klassifikationssystem für Diagnosen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter „F81.2“ gelistet.
  • Ursache ist eine neurobiologische Störung bestimmter Areale im Gehirn.
  • Eine Diagnose umfasst nicht nur Mathematiktests, sondern unter anderem auch motorische und psychosoziale Untersuchungen.
  • Je früher die Diagnose, desto aussichtsreicher die Therapie.
  • Bei einer geeigneten frühzeitigen Therapie können Kinder Leistungen im Klassendurchschnitt erreichen.