Rechenschwäche : Neue Leitlinie für Umgang mit Dyskalkulie

Wer nicht richtig rechnen kann, stößt im Leben an enge Grenzen. Besonders schwer haben es Kinder mit Dyskalkulie: Ihnen fällt es so schwer, Zahlen und Mengen zu erfassen, dass viele bereits bei den Grundrechenarten den Anschluss verlieren. Eine gezielte Therapie kann ihr mathematisches Verständnis erheblich fördern, aber viel zu selten kommt es überhaupt zur Diagnose. Eine neue Leitlinie von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie soll dafür sorgen, dass rechenschwache Kinder frühzeitig geeignete Förderung erhalten.

Alexandra Mankarios / 07. Mai 2018
Ein Rechenschieber auf einem Schreibtisch.
Kindern mit Dyskalkulie fällt es oft schwer, ein Verständnis für Mengen zu entwickeln.
©Hardt photography

Zwischen zwei und acht Prozent der Bevölkerung sind von der Rechenschwäche betroffen

Es gibt sie vermutlich an jeder Schule: Kinder und Jugendliche mit Dyskalkulie. Zwischen zwei und acht Prozent in der Bevölkerung sind von der Rechenschwäche betroffen. Bei der neurobiologischen Störung arbeiten bestimmte Hirnareale nicht wie bei anderen Menschen. Deshalb fällt es Schülerinnen und Schülern mit Dyskalkulie schwer, Zahlen miteinander in Verbindung zu setzen oder zum Beispiel ein Verständnis für Mengen zu entwickeln. Unerkannt kann Dyskalkulie über die Jahre zu einer immer größeren Belastung werden: Viele Kinder entwickeln eine regelrechte Mathematik-Angst, der Rückstand wächst, die Freude am Lernen sinkt. Häufig kommt auch Streit im Elternhaus hinzu, wenn das Lernen für die Mathe-Arbeit mal wieder nicht mit einer guten Note belohnt wurde.

Frühe Diagnose ist entscheidend

Ob jemand einfach nur nicht so schnell rechnet oder ob tatsächlich eine Dyskalkulie vorliegt, ist allerdings nicht leicht zu erkennen. Eine im März vorgestellte medizinische Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie soll es Ärzten, Therapeuten und auch Lehrkräften leichter machen, frühzeitig zu einer Diagnose zu kommen. Denn das Timing ist entscheidend. „Wenn man eine frühe Diagnose hat, kann man es mit einer Therapie innerhalb von gut zwei Jahren erreichen, dass sich ein Kind zumindest an den Klassenschnitt angleicht“, erklärt Annette Höinghaus vom Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie (BVL).

Der BVL gehört zu den 21 Verbänden, Fachgesellschaften Expertinnen und Experten, die die Leitlinie unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie entwickelt haben. Auf 71 Seiten stellen sie ausführlich den Forschungsstand zu Dyskalkulie vor und leiten daraus Handlungsempfehlungen ab. Bindend sind die Empfehlungen allerdings nicht. Vor allem Medizinerinnen und Mediziner nutzen solche Leitlinien – es gibt Hunderte davon für verschiedene Krankheitsbilder –, um auch in komplexen Fällen die bestmögliche Therapie für ihre Patientinnen und Patienten zu finden. Wie gut eine Leitlinie wissenschaftlich abgesichert ist, lässt sich an ihrer Klassifizierung ablesen. Die neue Leitlinie zur Rechenstörung trägt den Zusatz „S3“ – das steht für die höchste Qualitätsstufe.

Was Lehrkräfte über Dyskalkulie wissen sollten

Die frühestmögliche Diagnose identifiziert lediglich ein Rechenschwäche-Risiko, erst ab Ende des ersten Schuljahrs ist gemäß der Leitlinie eine Dyskalkulie klar zu erkennen. In der Schule lässt sich die Diagnose indes nicht stellen. „Lehrkräfte können aber Screenings durchführen“, erzählt Höinghaus. „Es gibt standardisierte Rechentests, die man schon ab Klasse 1 durchführen kann.“ Die Abweichung vom Durchschnitt in der jeweiligen Altersgruppe könne erste Hinweise auf eine mögliche Dyskalkulie geben.

Zusammen mit den Eltern sollten Lehrkräfte im Zweifelsfall eine vollständige Diagnostik einholen – etwa in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie oder einem sozialpädagogischen Zentrum. Die umfassende Diagnose ist unter anderem wichtig, um mögliche andere Ursachen für die geringen Mathematikleistungen auszuschließen. Zum Beispiel kann hinter den Rechenproblemen auch eine Aufmerksamkeitsstörung stecken.

In der Schule kann außerdem ein Nachteilsausgleich sowie Notenschutz – ähnlich wie bei einer Lese-Rechtschreib-Schwäche – den Druck für die Kinder verringern. Die Regelungen dafür unterscheiden sich allerdings in den Bundesländern erheblich. So erhalten etwa in Berlin rechenschwache Kinder in Klasse 3 und 4 einen Förderplan, der ihnen zum Beispiel einräumt, dass sie für Berechnungen bis zu 25 Prozent mehr Zeit bekommen, oder sie erhalten zusätzliche Hilfsmittel und unterschiedliche Aufgabenstellungen. Andere Länder dagegen – unter anderem Nordrhein-Westfalen und Bayern – erkennen die Rechenstörung gar nicht als Teilleistungsstörung an, entsprechend können die Lehrkräfte nur ihren gewöhnlichen pädagogischen Spielraum ausschöpfen, um betroffenen Kindern zusätzliche Förderung zukommen zu lassen.

Diagnose Dyskalkulie – und dann?

Eins der drängendsten Ziele der Leitlinie ist es deshalb, dass rechenschwache Kinder und Jugendliche überall in Deutschland geeignete Förderung erhalten. Eine Empfehlung lautet zum Beispiel, dass die Rechentherapie in Einzelsitzungen von mindestens 45 Minuten stattfinden sollte. Kürzere Sitzungen und Gruppentherapien bewirken erwiesenermaßen weniger.

In der Förderung zeigt sich oft, dass die Kinder andere Rechenwege besser nachvollziehen können. Deshalb sollte man sie auch auf Umwegen zum Ziel kommen lassen.
Annette Höinghaus, Pressesprecherin des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie

Warum das so ist, erklärt Höinghaus: „In der Therapie geht es erst mal um die Frage: ‚Wie schaffe ich es, dass dieses Kind ein Verständnis für eine Menge und eine Zahl entwickelt?‘“ Es sei viel Ausprobieren nötig, bis sich zeige, welche Hirnareale sich bei einem Kind anregen ließen, und bis „der Groschen fällt“. Therapeutinnen und Therapeuten nutzen zum Beispiel Wassergläser, Bauklötze oder auch Treppensteigen, um grundlegende Konzepte wie „mehr“ und „weniger“ greifbarer zu machen. Jedes Kind benötige eine andere Brücke, betont Höinghaus. Die Leitlinie empfiehlt deshalb auch, die Therapie nur von Personen durchführen zu lassen, die Erfahrung mit den evidenzbasierten Förderansätzen bei Rechenschwäche haben.

Auf Umwegen zum Ziel kommen

Eins allerdings vermag auch die beste Therapie nicht: die Dyskalkulie zu „heilen“. Aber wenn alles gut läuft, dann lernt ein Kind, seine Rechenschwäche mit anderen Strategien zu kompensieren. Wichtig findet Höinghaus, dass Lehrkräfte zumindest für Kinder mit Rechenschwäche nicht genau vorgeben, auf welchem Weg eine Aufgabe gerechnet werden muss. „In der Förderung zeigt sich oft, dass die Kinder andere Rechenwege besser nachvollziehen können. Deshalb sollte man sie auch auf Umwegen zum Ziel kommen lassen.“

Auf einen Blick

  • zwei bis acht Prozent der Bevölkerung haben eine Rechenschwäche.
  • Die „Rechenstörung“ ist im internationalen Klassifikationssystem für Diagnosen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter „F81.2“ gelistet.
  • Ursache ist eine neurobiologische Störung bestimmter Areale im Gehirn.
  • Eine Diagnose umfasst nicht nur Mathematiktests, sondern unter anderem auch motorische und psychosoziale Untersuchungen.
  • Je früher die Diagnose, desto aussichtsreicher die Therapie.
  • Bei einer geeigneten frühzeitigen Therapie können Kinder Leistungen im Klassendurchschnitt erreichen.
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