„QuaMath“ : Neues Programm für besseren Matheunterricht

Nicht mal die Hälfte der Jugendlichen in Deutschland erreicht im Fach Mathematik die Regelstandards. Die Kultusministerkonferenz hat nun reagiert und mit dem Deutschen Zentrum für Lehrkräftebildung Mathematik (DZLM) das Zehn-Jahres-Programm „QuaMath“ vereinbart. Dabei sollen Lehrerinnen und Lehrer von 10.000 Schulen fortgebildet werden, um einen besseren Mathematikunterricht an den Schulen zu erreichen. Susanne Prediger, Professorin für Mathematik-Didaktik an der TU Dortmund und Leiterin des DZLM-Netzwerks, erklärt im Interview mit dem Schulportal, was die größten Baustellen im Matheunterricht sind, wie „QuaMath“ hier ansetzen will und warum auch die Schulleitungen gebraucht werden.

Annette Kuhn 25. Januar 2022 Aktualisiert am 23. September 2022 1 Kommentar
Mathematik neues Programm QuaMath
Um Mathematik verstehen zu können, dürfen Schülerinnen und Schüler nicht nur vorgegebene Rezepte auswendig lernen.
©iStock

Deutsches Schulportal: Der Ruf des Mathematikunterrichts ist angeschlagen. Für viele Kinder und Jugendliche ist Mathe ein Hassfach. Woran liegt das?
Susanne Prediger: Ja, das stimmt, Mathe ist für viele ein Hassfach. Aber gleichzeitig ist es auch für viele andere ein Lieblingsfach. Der Mathematikunterricht spaltet die Menschen entlang der Frage, ob sie eine echte Chance bekommen haben, Mathematik zu verstehen, oder ob sie unverstandene Rezepte auswendig lernen mussten und nur Frust hatten. Das ist eine große Baustelle, die wir angehen müssen: Alle Lernenden sollen die Gelegenheit bekommen, Mathematik zu verstehen! Das bedeutet, dass es neben dem Trainieren von Rechenfertigkeiten auch immer darum gehen sollte, mit welchem Stück Mathematik sich ein Problem im Alltag lösen lässt und was man sich unter einem formalen mathematischen Konzept vorstellen kann. Wir nennen das Verstehensorientierung.

Das Programm QuaMath ist auf zehn Jahre angelegt

Welche Baustellen gibt es noch?
Die zweite Baustelle ist: Wir müssen weg vom Oberflächenlernen – hin dazu, dass alle Lernenden wirklich aktiv ins Denken kommen. Mit oberflächlichem Lernen können Schülerinnen und Schüler zwar leidlich durch den Mathematikunterricht kommen, aber nur wenn sie diesen Oberflächenmodus verlassen und anfangen, aktiv zu denken, ist auch ein Verstehen möglich. Das nennen wir kognitive Aktivierung.

Drittens ist Mathematik das gemeinste Fach von allen. Gemein in dem Sinne, dass alles so unerbittlich aufeinander aufbaut. Eine kleine Lücke in Klasse 2 kann sich ein ganzes Schulleben lang rächen. Das macht Mathematik von den didaktischen Anforderungen her so viel schwerer als Fächer, die mehr horizontal organisiert sind und in denen die Themen nicht so kumulativ aufeinander aufbauen. Lehrerinnen und Lehrer müssen sich immer fragen, welche mathematischen Inhalte sie regelmäßig aufgreifen sollten, um die Lücken zu schließen und die Inhalte miteinander zu verknüpfen – das nennen wir Durchgängigkeit.

Dabei muss viertens immer der jeweilige Lernstand berücksichtigt werden, und die Lernenden müssen dementsprechend gefördert werden.

Und wir brauchen einen Unterricht, in dem mehr über Mathematik gesprochen wird, das ist der fünfte Punkt. Denn dann können Lehrkräfte die Gedanken der Lernenden zu Mathematik aufgreifen und gemeinsam weiterentwickeln. Das ist die Lernendenorientierung.

Zur Person

Susanne Prediger
©Dirk Lässig
  • Susanne Prediger ist seit 2006 Professorin für Didaktik der Mathematik am Institut für Entwicklung und Erforschung des Mathematikunterrichts (IEEM) der Technischen Universität Dortmund mit einer Arbeitsgruppe von mehr als 20 Personen.
  • Seit 2021 leitet sie das Deutsche Zentrum für Lehrkräftebildung Mathematik (DZLM) an der Abteilung für Fachbezogenen Erkenntnistransfer des IPN – Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik. Von 2017 bis 2020 war sie Vizedirektorin des DZLM.

Wegweisend sollte nicht missverstanden werden im Sinne von: Alle Lehrerinnen und Lehrer müssen ab heute alles ganz anders machen als bisher. Das funktioniert nie – und wäre auch nicht sinnvoll.

Wie will das Zehn-Jahres-Programms „QuaMath“ hier ansetzen?
Das ist ein großes Programm. Es wird eine Weile brauchen, bis Lehrerinnen und Lehrer den Unterricht in diese Richtung verändern. Ziel muss aber sein, dass der Unterricht konsequent auf den fünf Prinzipien aufbaut, die ich erklärt habe. Was heißt Verstehensorientierung im Arithmetik-Unterricht in Klasse 3, was heißt Durchgängigkeit im Geometrie-Unterricht in Klasse 8, was heißt Lernendenorientierung im Stochastik-Unterricht in Klasse 12? Wenn es uns gelingt, mit diesen fünf Prinzipien kohärent zu arbeiten, dann werden sich auch die mathematischen Kompetenzen der Lernenden verbessern.

In der Mitteilung der Kultusministerkonferenz zur Vorstellung von „QuaMath“ heißt es, das Programm sei „eine wegweisende Weiterentwicklung des Mathematikunterrichts“. Was ist das Wegweisende daran?
Wegweisend sollte nicht missverstanden werden im Sinne von: Alle Lehrerinnen und Lehrer müssen ab heute alles ganz anders machen als bisher. Das funktioniert nie – und wäre auch nicht sinnvoll, denn es ist ja nicht komplett neu, was wir machen. Vieles läuft schon gut, und wir wollen mit den Schulen gemeinsam überlegen, was sich verstärken lässt und wo Änderungen hilfreich wären.

Wegweisend ist das Programm eher mit Blick auf den Ansatz der Fortbildung. Mit „QuaMath“ werden neue Wege in der Zusammenarbeit zwischen Bildungssteuerung der Länder und der Wissenschaft beschritten. Das Fortbildungsprogramm basiert auf der Forschung zur Mathematikdidaktik und auf der Forschung zu Mathematik-Fortbildungen. Auch hier gibt es schon viel gute Praxis, doch oft besteht Fortbildung aus Einzelmaßnahmen, die zum Teil in unterschiedliche Richtungen laufen. Wegweisend wird der Schritt, die Einzelmaßnahmen in ein kohärentes, forschungsfundiertes Gesamtprogramm zusammenzubinden.

Fortbildungsangebote an die Bedürfnisse der Schulen anpassen

Wie sieht der Zeitplan von „QuaMath“ aus?
Wir haben bereits in einer Pilotphase mit einzelnen Schulen und zu einzelnen Inhalten Erfahrungen gesammelt. Die müssen wir jetzt „upscalen“, also auf eine größere Zahl von Schulen übertragen. Und wir beginnen nun die Verabredungen mit den Ländern.

Ab August 2023 qualifizieren wir dann die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, und ab August 2024 arbeiten wir mit den ersten Schulen. Den Vorlauf brauchen wir, um Fortbildungsangebote aufzubauen, die dann auch gut funktionieren und sich auf Basis der fünf genannten Prinzipien an die unterschiedlichen Bedürfnisse und Voraussetzungen der Schulen und der Schülerschaft anpassen lassen.

Welche Aufgabe haben die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren?
Die beteiligten Schulen werden in Schulnetzwerke mit jeweils fünf bis zehn Schulen eingebunden. An jeder Schule gibt es eine Gruppe von Lehrkräften, die sich mit der Veränderung des Mathematikunterrichts befassen und die sich mit anderen Lehrkräften aus dem Netzwerk treffen, Ideen austauschen, erproben und gemeinsam weiterentwickeln. Die Netzwerke werden geleitet von erfahrenen – und teilweise auch neuen – Fortbildnerinnen und Fortbildnern, das sind die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren.

Diese werden vom Deutschen Zentrum für Lehrkräftebildung Mathematik (DZLM) mit Material für den Unterricht und Videomaterial mit Unterrichtsszenen für die Diskussionen der Lehrkräfte versorgt. Und sie bekommen außerdem von uns Hintergrundwissen, wie Lehrkräfte typischerweise arbeiten – also, was ihnen leichtfällt, wo sie schnell zu Erfolgserlebnissen kommen, und was schwer ist, wo sie lange brauchen, um einen passenden Weg zu finden.

Außerdem bekommen wir über die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren Rückmeldungen. Es ist wichtig, diese Prozesse systematisch zu beforschen, um das Fortbildungsprogramm weiterzuentwickeln.

 QuaMath will ein Drittel aller Schulen erreichen

Wie sieht die Fortbildung konkret aus?
Wir denken daran, dass sich die Lehrkräfte alle sechs Wochen einen Nachmittag im Netzwerk treffen und dass sie jede Woche einmal in ihrer Schule zusammenkommen, um Ideen auszutauschen, Unterricht gemeinsam zu planen und gegenseitig im Unterricht zu hospitieren.

In anderen Ländern ist diese Form der Kooperation gängige Praxis. Aber in Deutschland ist es schon nicht einfach, eine Freistunde zu finden, um mal bei der Kollegin oder dem Kollegen im Unterricht zu hospitieren. Die zweitbeste Lösung ist daher: Die Lehrkräfte schauen sich gemeinsam Unterrichtsvideos an und beraten sich dazu, was gut läuft und was verbessert werden kann.

Das Programm will in zehn Jahren 10.000 Schulen erreichen. Das ist aber nicht mal ein Drittel aller allgemeinbildenden öffentlichen Schulen. Wieso nicht mehr Schulen?
10.000 Schulen ist schon eine sehr ambitionierte Zahl. Das ist weit mehr, als andere Programme erreichen. Und die Zahl werden wir auch nur schaffen, wenn wir genug gute Multiplikatorinnen und Multiplikatoren finden. Wenn es uns gelingt, in einem Drittel der Schulen beim Mathematikunterricht etwas in Gang zu setzen, dann kann man danach überlegen, wie man die anderen Schulen auch noch ins Boot bekommt.

Schulleitungen verpflichten sich, Lehrkräften Freiräume für die Fortbildung zu geben

Wie werden die 10.000 Schulen ausgewählt?
Das werden die Länder und Schulämter entscheiden, nach Freiwilligkeit und Bedarfen. Wir haben keine Sorge, nicht genügend Freiwillige zu finden – das klappt bisher immer gut. Schulen, die mitmachen wollen, müssen sich langfristig binden.

Wie wollen Sie das sicherstellen?
Wir werden dazu mit den Schulen Verträge abschließen. Wenn eine Schule bei dem Programm mitmacht, braucht sie eine Entscheidung der Fach- und Schulkonferenz und die Rückendeckung der Schulleitung, dass sie auf Dauer dranbleibt. Daher verpflichten sich die Schulleitungen zum Beispiel dazu, allen beteiligten Lehrkräften zum gleichen Zeitpunkt eine Freistunde zu geben, in der sie gemeinsam arbeiten können.

Fokussiert das Programm alle Schularten und Klassenstufen?
Ja, wir haben alle Schularten und Altersgruppen im Blick. Neu ist, dass sich QuaMath auch um die gymnasiale Oberstufe kümmert. Die letzten Unterrichtsentwicklungsprojekte waren immer auf Grundschulen und die Sekundarstufe I konzentriert. Und neu ist auch, dass wir die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher mit in den Blick nehmen, denn die mathematische Bildung im Kita- und Vorschulbereich wird hier bislang noch relativ wenig thematisiert – das werden unsere Kita-Spezialistinnen und -Spezialisten ändern.

Die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler in Mathematik in Deutschland sind vergleichsweise mittelmäßig, zum Teil sogar gering. Das aber nicht erst seit gestern. Schon die erste, 2001 veröffentlichte PISA-Studie und die TIMSS-Untersuchungen 1994 haben das gezeigt. Wieso kommt das Programm erst jetzt?
Es ist nicht so, dass nichts passiert ist. Es wurde nach TIMSS das SINUS-Programm (Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts; Anm. der Redaktion) entwickelt. Da gab es eine ganze Generation von engagierten Mathematiklehrkräften, die etwas verändert hat. Aber diese Generation stirbt inzwischen aus, und in den meisten Ländern ging das Programm nicht in die Fläche. Es gab auch weitere vereinzelte Initiativen, aber ein kohärentes Programm fehlt bislang. Ein solches zu entwickeln ist nun der Auftrag des DZLM.

Das Netzwerk des DZLM besteht aus 23 Professorinnen und Professoren, die wiederum viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um sich haben, die sich mit der Ausgestaltung und der Beforschung des Fortbildungsprogramms befassen. Ich bin froh, dass sich das Projekt auf sehr viele Schultern verteilt, sonst kann so ein großes Projekt nicht gelingen.

„QuaMath“ auf einen Blick

  • Das Programm „QuaMath – Unterrichts- und Fortbildungs-Qualität in Mathematik entwickeln“ soll über zehn Jahre laufen. Kern von QuaMath sind Anregungen zur Unterrichtsentwicklung und fachdidaktisch fundierte Fortbildungsmaßnahmen für Lehrkräfte.
  • Informationen gibt es auf der Website unter diesem Link.
  • Offizieller Start ist am 1. Januar 2023. Die Vorbereitungen haben aber bereits 2022 begonnen. Ab dem Schuljahr 2023/2024 werden Multiplikatorinnen und Multiplikatoren vom DZLM-Netzwerk für die Durchführung der Fortbildungsmodule sowie die Begleitung der Schulnetzwerke und Schulteams qualifiziert. Anschließend werden Multiplikatoren-Tandems ab dem Schuljahr 2024/2025 Fortbildungen für Lehrkräfte in den Schulnetzwerken der Länder durchführen.
  • Mit der Entwicklung des Programms ist das Deutsche Zentrum für Lehrkräftebildung Mathematik (DZLM) am Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) betraut. Es wird geleitet von Susanne Prediger und Christoph Selter von der Technischen Universität Dortmund sowie Jürg Kramer von der Humboldt-Universität zu Berlin.
  • „QuaMath“ soll gemeinsam mit den Ländern bundesweit umgesetzt werden. Die Fortbildungsmaßnahmen sollen mehr als 10.000 Schulen erreichen. Das sind etwa 30 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen.
  • Das DZLM erhält für die Entwicklung, Beforschung und Durchführung des Programms eine Fördersumme von 17,6 Millionen Euro für die ersten fünfeinhalb Jahre. Die Länder investieren zusammen jährlich weitere 5,5 Millionen Euro.