Mathematik : Probleme per App zerlegen

Für Raphael (21) und Maxim (23) Nitsche ist ein Traum wahr geworden. Sie haben eine App entwickelt, die „Schülern und Studenten wie ein Mathe-Lehrer perfekt Mathematik beibringt", wie Raphael Nitsche sagt. Diese App haben sie kürzlich für 12,5 Millionen Euro an das US-amerikanische Unternehmen Chegg verkauft, einen Konzern, der auf Onlinebildung spezialisiert ist. Wir trafen Raphael Nitsche in Berlin-Kreuzberg und sprachen mit ihm darüber, was im Mathe-Unterricht fehlt und wie es mit der App weitergeht.

Regina Köhler / 26. April 2018
Viele Schülerinnen und Schüler sind mit dem Mathe-Unterricht in der Schule überfordert und suchen Hilfe im Internet.
Viele Schülerinnen und Schüler sind mit dem Mathe-Unterricht in der Schule überfordert und suchen Hilfe im Internet.
©iStock

Deutsches Schulportal: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Mathe-App zu programmieren?
Raphael Nitsche: Das war 2009. Mein Bruder und ich haben damals schon Mathe-Nachhilfe gegeben und mitbekommen, dass die Schüler große Probleme mit Mathe haben. Ich war in der siebten Klasse, da habe ich die Mathe-Hausaufgaben in den Computer getippt und Kopien an meine Mitschüler verkauft, 50 Cent das Stück. Die haben sich um die Lösungen gerissen. Wir haben dann unseren Vater dazu gebracht, eine Mathe-App zu programmieren, die Schülern bei der Lösung von Aufgaben hilft. In der Anfangszeit haben mein Bruder und ich konzeptionelle Entscheidungen getroffen und uns um die Produktionsstrategie gekümmert. Oxana, die Frau meines Vaters, hat unsere Website gebaut. Wir waren ein richtiges Familienunternehmen. Mit 17 Jahren bin ich dann selbst ins Programmieren eingestiegen. Mein Bruder wurde zusammen mit meinem Vater Geschäftsführer.

Ihr Vater ist Mathematiker. Liegt Ihnen die Mathematik in den Genen?
Ich halte nicht viel von dieser Theorie. Viel wichtiger ist gute Bildung, die bereits in einem sehr frühen Alter beginnt. So früh wie möglich sollten Kinder das abstrakte Denken kennen und mit Zahlen umgehen lernen. Dafür sind die Eltern verantwortlich. Die Praxis sieht aber so aus, dass viele Kinder keine Berührung mit Buchstaben oder Zahlen haben, bis sie dann in die Schule kommen. Dabei sind sie schon mit vier Jahren durchaus in der Lage, abstrakt zu denken. Das habe ich bei meinem jüngeren Bruder gesehen. Der ist jetzt neun Jahre alt. Als er vier war, habe ich angefangen, mit ihm Schach zu spielen, und das klappte schon sehr gut.

Nach der zwölften Klasse werden nicht selten mathematische Analphabeten entlassen.
Raphael Nitsche, Mitentwickler der App „MATH 42“

Was muss sich ändern, damit mehr Schüler Mathematik besser verstehen und auch anwenden können?
Ich war zehn Jahre lang auf einer französischen Schule in München. Französische Schulen stellen viel höhere Anforderungen an die Schüler, und es wird von Anfang an viel mehr Wert auf Mathematik gelegt. In Deutschland zählt die Mathe-Note beim Abitur genauso viel wie die in Sport oder Kunst. Da stimmt doch etwas nicht! Nach der zwölften Klasse werden nicht selten mathematische Analphabeten entlassen. Und das stört kaum jemanden. Ganz anders wäre es, wenn Leute nicht schreiben könnten – das ginge gar nicht! Dabei ist Mathematik doch genauso wichtig. Lesen, Schreiben und Mathematik sind die Kernkompetenzen, die jeder beherrschen sollte. Schüler, die kritisches Denken auf mathematischer und sprachlicher Ebene beherrschen, denen fällt auch alles andere leicht. Sie derart zu befähigen muss Aufgabe der Schule sein.

Können Sie das genauer erklären?
In der Mathematik spielt das Ergebnis eigentlich gar keine so große Rolle. Wichtig sind die Schrittfolgen, die nötig sind, um dahin zu kommen. Man muss das Problem in kleine Schritte zerlegen, um ans Ziel zu kommen. Dazu ist strukturiertes, abstraktes Denken nötig. Und genau das hilft einem auch im echten Leben auf allen Ebenen. Wer ein kompliziertes Problem in kleine Einheiten zerlegen kann, der kann mit jedem Projekt fertigwerden. Mathematik ist also universell.

Die App „MATH 42“ zeigt Lösungsschritte.
Die App „MATH 42“ zeigt Lösungsschritte.
©math42

Was bedeutet eigentlich die „42“ im Namen der App?
„42“ ist eine Referenz auf Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Die Zahl 42 ist dort die Antwort auf alle Fragen. Das wollen wir für Mathe sein. Deswegen „MATH 42“.

Wie haben Sie sich gefühlt, als der Verkauf der App über den Tisch war?
Die Verkaufsverhandlungen haben im April 2017 begonnen, also genau vor einem Jahr. Wir haben lange Zweifel gehabt, ob das wirklich klappen wird. Im Oktober 2017 haben wir den Vertrag dann unterschrieben. Das war schon ein unglaublich gutes Gefühl. Mein Bruder und ich haben das mit der ganzen Familie gefeiert. Das war ein Erfolg für uns alle. Unser Vater hat das Projekt ja mit uns begonnen. Die Idee hatte allerdings mein Bruder.

Planen Sie, mit dem Geld etwas Neues auf die Beine zu stellen?
Nein, das Geld ist Privatbesitz unserer Familie. Mein Bruder, mein Vater und ich arbeiten jetzt erst mal eine Zeit lang für Chegg, das war Teil des Deals. Wir stellen gerade ein Team von zehn Leuten zusammen, das hier in Kreuzberg die Mathe-App weiterentwickeln wird. Das macht Spaß! Wir haben jetzt ja weniger Sorgen und deutlich mehr Ressourcen.

Wie wird die neue App aussehen?
Unsere App war zunächst vor allem für Schüler und Erstsemester gedacht. Wir wollen sie nun so erweitern, dass alle Studierenden sie nutzen können. Das werden nicht unbedingt Mathematikstudierende sein, sondern all jene, die gezwungen sind, sich in ihrem Studium mit Mathematik auseinanderzusetzen. Ingenieure etwa, Informatiker, Architekten, Psychologen. Sie müssen fit sein in Mathematik, sonst schaffen sie ihr Studium nicht. Die neue App soll noch einfacher zu handhaben sein und deutlich mehr Funktionen und Matheaufgaben enthalten.

Sie arbeiten jetzt also für ein US-amerikanisches Unternehmen, das seinen Sitz im Silicon Valley hat. Macht das Spaß?
Ja, unbedingt! Wir haben aber auch ganz schön zu tun. Im Vertrag stehen zwar 40 Stunden pro Woche, aber wir arbeiten oft länger. Wir fangen morgens zwar erst so gegen zehn oder elf Uhr an, machen abends dafür aber sehr lange. Mehrmals in der Woche gibt es eine Telefonkonferenz mit den Amerikanern. Wenn es bei uns 20 Uhr ist, ist es dort gerade mal 9 Uhr morgens. Also telefonieren wir oft erst um 21 Uhr. Deshalb ist der Arbeitstag meist ziemlich lang.

Zur Person

  • Der 21-jährige Raphael Nitsche ist gemeinsam mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Maxim Co-Founder der App „MATH 42“. Er hat bereits während der Schulzeit Mathematik an der Technischen Universität Berlin studiert.
  • Raphael hat genauso wie Maxim an verschiedenen nationalen Schachmeisterschaften und Mathematikwettbewerben teilgenommen. Bei der „French Overseas Schools – Math Competition“ belegte er den ersten Platz.
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