Rudolf Steiner : 27. Februar 1861

Die Serie „Kalenderblatt“ erinnert an wichtige Ereignisse, die die deutsche Bildungslandschaft noch immer prägen. Der 27. Februar 1861 ist der Geburtstag von Rudolf Steiner, dem Gründer der Waldorfschule. Vor 100 Jahren wurde der Anthroposoph beauftragt, eine Schule für die Kinder der Arbeiter der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart aufzubauen. Heute gibt es weltweit rund 1.200 Waldorfschulen. Unumstritten war deren Gründer nie.

Annette Kuhn / 27. Februar 2020
Porträt von Rudolf Steiner, dem Gründer der Waldorfschule
Rudolf Steiner gründete 1919 die erste Waldorfschule in Stuttgart.

Das größte Vermächtnis von Rudolf Steiner ist die Gründung der Waldorfschule. Heute gibt es weltweit fast 1.200 Waldorfschulen, davon mehr als 800 in Europa und 252 in Deutschland. 1919 beauftragte gründete Emil Molt, der Besitzer der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart, für die Kinder seiner Fabrikarbeiter eine Schule. Mit dem inhaltlichen und pädagogischen Konzept beauftragte er Rudolf Steiner. Dieser bereitete zwölf Lehrkräfte in einem 14-tägigen Lehrgang auf ihre Arbeit vor. Denn in der „Astoria-Betriebsschule“, der ersten Waldorfschule, lief manches anders ab als bis dahin üblich.

Mädchen und Jungen wurden gemeinsam unterrichtet. Es gab weder Noten noch Lehrbücher. Unterricht fand nicht nur im Klassenraum, sondern auch im schuleigenen Garten statt. Buchstaben wurden nicht nur geschrieben, sondern auch getanzt.

Rudolf Steiner bekam für seine Doktorarbeit nur ein „Ausreichend“

Dass Rudolf Steiners Unterrichtskonzept einmal solch eine Verbreitung finden würde, war am Anfang seines Berufswegs kaum abzusehen. Geboren wurde der Österreicher am 27. Februar 1861 in einem kleinen Dorf im heutigen Kroatien, das damals zu Ungarn gehörte.

Seine Schulzeit verbrachte Rudolf Steiner in Wien, wo er sich besonders für Geometrie interessierte. Nach der Realschule besuchte er die Technische Hochschule in Wien und studierte dort Mathematik und Naturwissenschaften, um Realschullehrer zu werden – das ging auch ohne Abitur. Doch bis zum Examen reichte das Geld nicht.

Er ging nach Deutschland, arbeitete erst mal als Hauslehrer, forschte im Weimarer Archiv über Goethe und befasste sich darüber hinaus viel mit Philosophie. Doch es zog ihn wieder an die Uni. Er reichte in Jena eine Doktorarbeit ein, die aber abgelehnt wurde. Ein paar Jahre später versuchte er es mit dem Doktortitel noch mal in Rostock – da klappte es, wenn auch nur mit einem „Ausreichend“. Fuß fassen konnte er an den deutschen Universitäten dann allerdings nicht, zur Habilitation ließ man ihn nicht zu.

Seine Vortragsreisen managte eine Konzertagentur

Beruflicher Erfolg stellte sich erst ein, als Steiner nach Berlin kam und der Theosophischen Gesellschaft beitrat. Er befasste sich vor allem mit dem Spirituellen in der Welt – die Geburtsstunde der Anthroposophie. Diese Weltanschauung übertrug er in viele Bereiche des Lebens und Denkens, in die Landwirtschaft, die Ernährung, Architektur, die Medizin, die Religion und eben auch in die Pädagogik. Steiner absolvierte viele Vortragsreisen – so erfolgreich, dass eine Konzertagentur das Management übernahm.

Aber schon damals waren seine Ansichten nicht unumstritten. Er hatte Anhänger wie den Dichter Christian Morgenstern, der über ihn schrieb: „Es gibt in der ganzen heutigen Kulturwelt keinen größeren geistigen Genuss, als diesem Manne zuzuhören.“ Und es gab andere wie den Journalisten und Schriftsteller Kurt Tucholsky, der Steiner abschätzig als den „Jesus Christus des kleinen Mannes“ bezeichnete. Kontroverse Diskussionen gab es vor allem wegen der Vermischung von Wissenschaft und Glauben. Und kritisch gesehen werden heute auch seine Äußerungen zu Rassenfragen und Judentum.

Rudolf Steiners Vermächtnis ist die Waldorfschule

Mit 64 Jahren starb Rudolf Steiner im schweizerischen Dornach. Hier hatte er von 1913 bis 1919 das Goetheanum errichten lassen, heute Sitz der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Der Bau diente in seiner Architektur vielen Waldorfschulen als Vorbild.

Steiner wäre heute vielleicht längst in Vergessenheit geraten, die Kontroversen über ihn und einige seiner Ansichten würden keine Rolle mehr spielen, wenn er nicht eben auch die Waldorfschule gegründet hätte. Heute besuchen sie so viele Kinder und Jugendliche wie nie zuvor.