Dieser Artikel erschien am 01.06.2019 auf ZEIT Online
Autor: Martin Spiewak

„Deutschland verdummt“ : Pädagogik zum Gruseln

Der Thilo Sarrazin der Erziehung Michael Winterhoff hat wieder mal ein Buch geschrieben. Diesmal versagt das Bildungssystem. Warum kaufen Eltern und Lehrer seine Bücher?

Eine Grundschullehrerin erklärt einer Gruppe von Kindern die Geographie anhand eines Globus.
Michael Winterhoff stellt in seinem neuesten Buch „Deutschland verdummt" wilde Thesen auf – doch wer kauft ihm das eigentlich ab?
©Getty Images

Unsere Kinder verfügen „über keine Frustrationstoleranz und meiden jede Anstrengung“. Jeder „zweite Azubi hat eine Psyche wie ein Klein­kind“, in den Grund­schulen hinken gar „70 bis 80 Prozent der Kinder ihrer Entwicklung weit hinterher.“

Die Botschaften kommen einem bekannt vor? Der Sound vertraut? Tatsächlich: Er ist wieder da. Doktor Michael Winterhoff, Kinder­psychiater und Best­seller­autor hat ein neues Buch geschrieben. Winterhoff gilt als der Thilo Sarrazin der Erziehung in Deutschland und so heißt sein neustes Werk konsequenter­weise: Deutschland verdummt. Wie das Bildungs­system die Zukunft unserer Kinder verbaut. Ein knappes Dutzend Werke sind mittler­weile unter seinem Namen erschienen. Dabei war es egal, welches Buch man las. Denn Titel wie Warum unsere Kinder Tyrannen werden, Persönlichkeiten statt Tyrannen oder SOS Kinder­seele ähnelten sich wie die Thesen, die Winterhoff wie Text­bau­steine immer neu zusammen­setzt.

Die Psyche der Kinder verkümmert

Deutschlands Eltern haben es demnach verlernt zu erziehen. Statt ihrem Nachwuchs Grenzen zu setzen, behandeln sie ihn als Freund und Partner. Im Extrem­fall, der für Winterhoff meist die Regel ist, verbindet Erwachsene und Kinder eine Art „symbiotischer Beziehung“. Die Folge: Die Sprösslinge haben keine Chance, sich zu entwickeln, ihre Psyche verkümmert auf dem Stand eines Säuglings. Wenn diese Kinder erwachsen werden, gefährden sie unseren Wohlstand, ja die ganze Gesellschaft.

Hunderttausende Mütter und Väter haben diese Beschimpfungen gelesen – gelernt haben sie jedoch dem strengen Therapeuten Winterhoff zufolge nichts. „Der Kampf ist so gut wie verloren“, schreibt er nun. Die letzte Hoffnung „die Psyche der Kinder doch noch zu entwickeln, liegt also auf Kinder­garten und Schulen“. Darum also geht es im neuen Buch. Aber natürlich versagen Kita­personal, Lehrer­schaft und Bildungs­politik genauso wie die Eltern.

Das hat laut Winterhoff viele Gründe: die zu großen Klassen, die Sparpolitik, Pisa, der Föderalismus, die Kompetenz­orientierung, der Digitalisierungs­wahn … Man kennt die Aufzählung von anderen Beschreibungen des pädagogischen Nieder­gangs. Doch während Autoren wie Gerald Hüther oder Richard David Precht die Schulen als verkappte Dressur­anstalten geißeln, haben sie Winterhoff zufolge das Dressieren leider verlernt. Im Gegenteil, in deutschen Bildungs­anstalten herrsche die offene Anarchie.

In der Kita haben sich die Erwachsenen danach weitgehend auf den Beobachter­status zurück­gezogen: Die Kinder entscheiden selbst, wo sie spielen, wann sie essen und „ob und wann sie gewickelt werden“ (!). Später in der Schule lümmeln sich die Jungen und Mädchen auf „Puschel­teppichen“ oder „Sitz­säcken“ und greifen „je nach Lust und Laune“ mal zu einer Hör-CD, mal zu einem Lern­video. Wagt der Lehrer doch einmal, einen Hinweis für alle zu geben, würden die Kinder dies kaum verstehen.

Als Schuldigen macht Winterhoff die „Ideologie des offenen Unterrichts“ aus. Statt seine Klasse wie früher mit klaren Anweisungen zu führen („Jetzt holen alle das Deutschbuch heraus!“), würden die Lehrer heute ihre Schüler mit Aufgaben­zetteln abspeisen und sie dann ohne Anleitung und Hilfe allein lassen. Doch dieses „autonome Arbeiten“ über­fordere die Kinder und raube ihnen die Chance, zu lernen und sich zu entwickeln.

Schlechten offenen Unterricht gibt es tatsächlich zuhauf – so wie es schlechten Frontal­unterricht gibt, wo der Lehrer oder die Lehrerin über die Köpfe der Kinder hinweg redet. Ein Lehrer, der nur auf die Eigen­motivation seiner Schülerinnen und Schüler setzt und die Klasse bloß moderiert, hat seinen Job nicht verstanden. Doch verstehen sich tatsächlich so viele deutsche Pädagogen, wie Winterhoff behauptet, als passive „Lern­begleiter“? An wie vielen Schulen sind die Noten wie auch die Haus­aufgaben komplett abgeschafft? Und wo ist der offene Unterricht die durch­gehende Unterrichts­methode? Glaubt man den Ergebnissen der empirischen Bildungs­forschung sowie den Unterrichts­beobachtungen durch die Schul­inspektionen der Länder dürfte eher das Gegenteil der Fall sein: danach beherrscht der traditionelle Lehrer­vortrag (insbesondere nach der Grundschule) weiterhin den Schul­alltag.

Drei Erklärungen für den Erfolg Winterhoffs

Der offene Unterricht, oder besser der schüler­zentrierte Unterricht, versucht eine Antwort zu geben auf die wachsende Vielfalt in den Klassen­zimmern. Schüler kommen mit unter­schiedlichen Fähig­keiten in die Schule, lernen im eigenen Tempo, brauchen eigene Zugänge. Dafür gibt es unter­schiedliche Methoden, ob sie nun Lernstation oder Wochen­plan heißen, Projekt­unterricht oder Frei­arbeit. Die Methoden sind anspruchs­voll und wenn Lehrkräfte sie nicht beherrschen, gibt’s Chaos im Klassen­raum. Wenn es gut geht, lernen die Schüler jedoch, was sie heute am dringendsten brauchen: die Fähigkeiten, Probleme zu lösen und sich von Neuem nicht einschüchtern zu lassen.

Von alledem scheint der Autor freilich noch nie etwas gehört zu haben. Michael Winterhoff bastelt sich seine Schul­realität aus Zeitungs­artikeln, Meinungs­umfragen und Interviews mit Praktikern, die der Autor über das Buch streut. Da ist die „Gymnasial­lehrerin Frau D.“, der „Beruf­schul­lehrer H.“ und der „Hausmeister S“. Die Begründung für die Anonymität seiner Kronzeugen (Angst vor Repression) ist etwas seltsam, angesichts der Tatsache, dass gefühlt jede Woche eine Lehrerin ihr Leid in einem neuen Buch beklagt. Die Gesprächs­partner bestätigen außer­dem immer genau das, was Winterhoff vorher aus­geführt hat – oft mit fast identischen Worten („Früher hatten die Lehrer das Ganze im Blick, heute werden die Kinder kaum beachtet“). Das nährt den Verdacht, dass diese Gespräche so nie statt­gefunden haben.

Darüber hinaus sollen Fallgeschichten aus der Winterhoffschen Therapeuten­praxis aus Bonn seine Thesen belegen. Dieser rein pathologische Blick erlaubt jedoch kaum allgemein­gültige Aussagen über alle Kinder. Man befragt ja auch keinen Bordell­besitzer zum Zustand der Ehe in Deutschland. Immerhin eines ist besser geworden im neuen Buch: Die Anzahl der schiefen Metaphern, originellen grammatikalischen Konstruktionen oder Satz­girlanden, die irgendwo im Bedeutungs­nirwana enden, hat sich merklich reduziert. Hier zeigt offensichtlich der Beistand einer im Impressum genannten Konzept- und Text­beraterin Wirkung.

Nicht redigieren ließ sich der düstere pädagogische Pessimismus, der das ganze Werk des Autors durchzieht. Kinder und Jugendliche sind demnach rein lust­betonte Wesen, die eine kurze Leine benötigen. Wenn Erwachsene den Kindern erklären, warum sie etwas lernen sollen, dann ist das laut Winterhoff im Grund­schul­alter „schädlich“; dass Schüler ihre Leistungen im Unterricht selbst einschätzen „Unsinn“; Haus­aufgaben: „Frühestens wenn das Kind vierzehn Jahre alt ist, können sich die Eltern darauf verlassen, dass es sich aus eigenem Antrieb an den Schreib­tisch setzt.“

Zusatz­aufgaben, Nach­sitzen, Wiederholungen

Nur von welchen Kindern spricht Winterhoff hier: von seinen eigenen? Von seinen Patienten? Oder von den Schülern von Frau D. oder Herrn H.? Schon in seinem ersten Buch plädierte der Autor für die alte Lenkungs­pädagogik, also für Zusatz­aufgaben, Klassen­buch­eintragungen, Nach­sitzen sowie (in typischer Winterhoff-Prosa) „möglichst häufige Wiederholungen bei der Einübung der Grund­funktionen.“

Bleibt die Frage nach den Ursachen des Winterhoffschen Erfolgs. Warum kaufen Eltern, Lehrerinnen und Erzieher seine Bücher? Warum folgen sie den verschwurbelten Gedanken eines Psychiaters, dessen wichtigster Therapie­vorschlag darin besteht, in den Wald zu gehen? Der Kinder als „Monster“ bezeichnet und tatsächlich behauptet, mehr als die Hälfte von ihnen seien psychisch gestört.

Erklärung eins: der Expertenbonus. Als „Deutschlands bekanntester Philosoph“ (Precht) oder „Deutschlands renommiertester Hirn­forscher“ (Hüther) kann man zu allem etwas sagen, zur Schule ohnehin. Das gilt für Deutschland bekanntesten Kinder­psychiater erst recht.

Erklärung zwei: Horrorlust. Nichts lässt einen genussvoller gruseln, als die Gewissheit, dass die nächste Generation verloren ist. So war’s schon bei Sokrates.

Erklärung drei: der Entlastungeffekt. Wer die Winterhoffschen Alarmmeldungen liest, fühlt sich gleich besser, denn so schlimm ist es in der eigenen Klasse, Familie, Kitagruppe zum Glück noch nicht – und wenn doch, dann bekommt man die Schuldigen geliefert (Monster­kinder, Versager­eltern, vernagelte Bildungs­politiker).

Insofern wird auch dieses Buch seine Leser finden. Es hat alle Zutaten zu einem pädagogischen Bestseller.