Dieser Artikel erschien am 12.03.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Kathrin Zinkant

Gentechnik : Ökolobby dringt in den Schulunterricht vor

Der Informationsdienst Gentechnik bietet Lehrern und Schülern der Sekundar­stufe bereits seit 2010 Lehr­materialien und Vorschläge zur Unterrichts­gestaltung an. Die Informationen sind tendenziös und geben Fakten verzerrt wieder. Zweifel­hafte Studien werden als Beleg für die Hatz auf Gen­technik­kritiker gewertet.

Gentechnik ist unnötig und ein Werkzeug der bösen Agrar-Industrie - so die unterschwellige Botschaft in den Lehrmaterialien von keine-gentechnik.de.
Gentechnik ist unnötig und ein Werkzeug der bösen Agrar-Industrie - so die unterschwellige Botschaft in den Lehrmaterialien von keine-gentechnik.de.
©dpa

Wer seine Kinder in die Schule schickt, wünscht sich wohl, dass der Nachwuchs mit einer soliden Wissens­grund­lage für eine Orientierung im Beruf und im Leben daraus hervor­geht. Was genau aber im Unterricht vermittelt wird, auf welcher faktischen Basis Schüler gebildet werden, und wie neutral diese Lehre sein kann – das ist heute mehr als fraglich. Das zeigt unter anderem der Fall eines Internet­portals, welches unter dem unauffälligen Titel „Schule und Gen­technik“ tendenziöse Inhalte als Stoff für den Unterricht anbietet.

Der gentechnikkritische Informations­dienst Gen­technik bietet Lehrern und Schülern der Sekundar­stufe bereits seit 2010 Lehr­materialien und Vorschläge zur Unterrichts­gestaltung an. Dazu gehören Artikel, Grafiken, Planspiele und Filme, in denen vorgeblich wissen­schaftlich fundiert über den Einsatz und die Risiken von Gen­technik in der Land­wirtschaft informiert wird. Geld erhält das Portal von vier Stiftungen, die ihrer­seits dezidiert gen­technik­kritisch sind und ihre Haltung offen­kundig in den Schul­unterricht eingebracht sehen wollen. Autoren des Portals stammen aus Umfeldern, in denen gen­technisch veränderte Pflanzen als untrag­bares Risiko betrachtet werden.

Dazu gehört der Münchener Lobbyverein Test­biotech. Für Lehrer und Schüler ist dabei nicht auf den ersten Blick erkennbar, dass es sich bei den Verfassern der Materialien und Informationen um vehemente Gegner einer sogenannten „Agro-Gen­technik“ handelt. Das Emblem des Initiators ist auf der Website nur klein abgebildet, ein Link „keine-gentechnik.de“ zum Web­auf­tritt der Organisation leicht zu über­sehen. Im Themen­bereich des Portals finden sich jedoch Beiträge, die für Laien in über­zeugender Weise die Positionen der Ökolobby darstellen. So berichtet das Portal über den sogenannten Fall Séralini als Hetzjagd auf einen „unabhängigen“ Wissen­schaftler. Gilles-Eric Séralini hatte 2012 eine Studie veröffentlich, die eine krebs­erregende Wirkung von gen­technisch verändertem Mais und dem Glyphosat-haltigen Herbizid Roundup belegen sollte. Aufgrund erheblicher Mängel war die Studie dazu jedoch schlicht nicht in der Lage – was von zahl­reichen Wissen­schaftlern damals kritisiert wurde und konsequenter­weise zum Rückzug der Arbeit führte.

Die Séralini-Studie wird benutzt, um eine angebliche Hatz auf Gen­technik­kritiker zu belegen

Von Gentechnikgegnern wird die Studie jedoch weiter als Beispiel genutzt, um nicht nur vorgebliche Risiken durch Gen­technik zu untermauern, sondern gleich­falls, um eine Hatz auf gen­technik­kritische Wissen­schaftler zu belegen. So geschieht es auch auf dem Unterrichts­portal von „Schule und Gen­technik“. Der wissen­schaftlichen Kritik an der Séralini-Studie wird begegnet, „fehlende Schlüssig­keit“ sei kein Grund, eine Studie zurück­zu­ziehen. Der Rück­zug der Studie wird zudem in einen – nicht beleg­baren – Zusammen­hang mit dem Konzern Monsanto gebracht. Dass Séralinis Versuche mangel­haft waren, wertet die Autorin des Textes als Behauptung. Woran man gut oder schlecht gemachte Studien auch als Schüler oder Lehrer erkennen kann, erklärt sie nicht. Hinzu kommt, dass fast alle Informationen des Portals sich auf die alte, zumeist trans­gene Gen­technik beziehen. Auf das moderne Gene Editing, das im Ergebnis normaler Züchtung gleich­kommen kann, wird nicht näher eingegangen.

Ob solche „Unterrichtsmaterialien“ noch der Lehre dienen, oder der Meinungs­mache, ist daher eine Frage, der sich auch das Bundes­ministerium für Bildung stellen sollte. Auf Anfrage der SZ jedoch hieß es aus dem BMBF, dass es zu dem Thema keine Kommentierung gebe. Gen­technik­gegner sind dabei nicht die einzigen Interessen­vertreter, die durch Unter­richts­materialien versuchen wollen, das Welt­bild von Lehrern und Schülern zu formen. Auch andere, industrie- oder wissen­schafts­nahe Verbände bieten Material für den Unterricht an.

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