Noten und Ziffernzeugnisse : „Wir müssen uns trauen, überholte Strukturen aufzubrechen“

Simone Fleischmann hält Noten für überholt: Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) kämpft deshalb für ein Umdenken im System Schule und fordert die Etablierung eines neuen Lern- und Leistungsverständnisses. Wie das aussehen kann und welche Alternativen es zu Noten und Ziffernzeugnissen gibt, erklärt Simone Fleischmann im Interview mit dem Schulportal.

Antje Tiefenthal / 29. Juni 2018
Ein Kind macht sich in der Schule Notizen
Simone Fleischmann sagt: „Dass alle zur selben Zeit das Gleiche leisten sollen, bedeutet, dass individuelle Bedürfnisse außer Acht gelassen werden.“
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Deutsches Schulportal: Wie dringend braucht das bayerische System der Leistungs­bewertung eine Reform?
Simone Fleischmann: Leistung wird in unserem Schulsystem in erster Linie als Grundlage für Zertifizierungen, Klassifizierungen und Auslese-Entscheidungen verstanden. Zertifizierung dominiert Förderung. Damit ist Schule ein Spiegelbild unserer Konkurrenz­gesellschaft. Ich sage: Wir müssen ein anderes Lern- und Leistungs­verständnis etablieren. Hierzu bedarf es eines Umdenkens im System Schule. Die Dominanz der Selektions­funktion von Schule muss gebrochen werden. Wir müssen weg vom Zwang zur ständigen Einordnung der Schülerinnen und Schüler in vermeintlich homogene Lerngruppen. Nur wenn Heterogenität akzeptiert wird, kann zukünftig eine neue Lern- und Leistungskultur entstehen, in der nachhaltiges Lernen im Sinne einer echten Kompetenzaneignung im Vordergrund steht. Wir müssen uns trauen, alte Zöpfe abzuschneiden und überholte Strukturen aufzubrechen. Das ist in Fragen der Schul- und Bildungspolitik dringend nötig. Die antiquierte Form der Leistungserhebung ist dafür ein gutes Beispiel.

Welche echten Alternativen gibt es zu Noten und Ziffern­zeugnissen in einer leistungs­orientierten Gesellschaft?
Schulisches Lernen und schulische Leistungsfeststellung müssen neu gedacht werden. In den Mittelpunkt sollten konstruktive, individuelle und kommunikative Prozesse rücken – und nicht allein die Note. Dass alle zur selben Zeit das Gleiche leisten sollen, bedeutet, dass individuelle Bedürfnisse außer Acht gelassen werden. Wir brauchen eine Schule, in der alle Kinder etwas leisten können und dürfen! Um jedes Kind ganzheitlich zu fördern, braucht es eine individuelle, prozesshafte Sicht auf die Entwicklung, den Lernfortschritt und die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten der Schülerinnen und Schüler.

Das heißt auch, dass alle Akteure – Schüler, Eltern, Lehrkräfte – in den Lernprozess des Kindes einbezogen werden, indem zum Beispiel gemeinsame Ziele formuliert werden. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, die Selbsteinschätzung mit der Fremdeinschätzung abzugleichen. Für Lehrerinnen und Lehrer müssen zeitliche Räume geschaffen werden, um den Kindern und Jugendlichen sowie deren Eltern individuelle Lernfortschrittsrückmeldung zu geben. Das bedeutet insbesondere auch, dass die Möglichkeiten, alternative Leistungsrückmeldungen einzusetzen, verbessert werden müssen. Ein auf Kompetenzorientierung basierendes Lernverständnis erfordert eine individuelle und prozessorientierte Leistungsbeurteilung.

Es sind die Lehrkräfte, die Noten vergeben und Leistungen beurteilen. Was halten Sie davon, den Spieß umzudrehen – und den Schülerinnen und Schüler die Gelegenheit zu geben, ihre Lehrerinnen und Lehrer zu bewerten?
Bewertung nur in Form von Noten empfinde ich auch hier als den falschen Weg. Generell sollte Schule ein Ort der Wertschätzung und des gegenseitigen Vertrauens sein. Das bedeutet auch, dass Schülerinnen und Schüler den Lehrkräften Rückmeldung geben können. Das passiert ja heutzutage schon in den Schulen – zum Beispiel, wenn die Kinder rückmelden, ob sie ein Thema verstanden haben oder nicht, und warum. Ich finde, wir könnten uns trauen, Schülerfeedback systematisch für den Unterricht zu nutzen. Allerdings darf das auf keinen Fall mit einer dienstlichen Beurteilung oder Ähnlichem zusammenfließen, sondern es soll den Lehrkräften helfen, ihren Unterricht

Zur Person

  • Simone Fleischmann ist seit 2015 Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnen­verbands.
  • Nachdem sie bis 2002 als Lehrerin und Schul­psychologin arbeitete, wechselte sie ein Jahr später als Konrektorin an die Anni-Pickert-Grund- und Mittelschule Poing. 2007 wurde Simone Fleischmann zur Leiterin der Schule berufen.
  • In ihrer Verbandstätigkeit setzt sich Simone Fleischmann schwer­punkt­mäßig unter anderem für eine bessere Förderung der Schülerinnen und Schüler ein, für moderne Lern- und Unterrichts­methoden – wie zum Beispiel das „Verständnis­intensive Lernen“ – sowie für eine Reform der Lehrerbildung.
Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands.
Simone Fleischmann ist die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnen­verbands.
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