Dieser Artikel erschien am 01.02.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Kristin Haug & Heike Klovert

Lehrer erzählen : Noten können nie gerecht sein

Was tun Lehrer, wenn sie nicht genau wissen, welche Note ein Schüler verdient? Hier berichten vier Lehrer, wie schwer es ihnen fällt, gerechte Zensuren zu geben.

Zeugnis (Symbolbild)
Zeugnis (Symbolbild)
©dpa

Wie gibt man Schülerinnen und Schüler faire Noten? Das ist eine der wichtigsten Fragen, die Lehrer in ihrem Berufs­all­tag umtreibt. Wie über­fordernd es sein kann, darauf eine Antwort zu finden, schilderte eine Lehrerin vor Kurzem in einem Artikel.

„Es ist eine Illusion, dass Lehrerinnen und Lehrer mit ihren Noten gerecht und verantwortungs­bewusst Leistungen wider­spiegeln können“, schrieb sie. Sie habe deshalb ihre Noten­gebung umgestellt und verteile nur noch gute Zensuren.

Viele Leser kritisierten die Lehrerin für ihre Entscheidung. Gute Noten für alle, das sei unfair gegen­über Schülern, die sich wirklich anstrengen, lautete ein Argument.

Dass unser Notensystem jedoch Schwächen hat, ist offen­sichtlich: Lehrer müssen die Leistungen von Kindern und Jugendlichen in sechs enge Schubladen sortieren – und sollen dabei möglichst auch die individuellen Umstände berück­sichtigen, in denen sich jeder Schüler befindet. Auch Hessen hat das Problem erkannt und erlaubt künftig bis zu 30 Schulen, ihre Schüler anders zu bewerten, etwa mit schriftlichen Beurteilungen.

Vier Lehrerinnen und Lehrer erzählen, wie schwierig es ist, Noten zu verteilen – und mit welchen Tricks sie sich behelfen:

Berufs­schul­lehrerin aus Bayern: „Ich mische alle Klausuren einmal durch“

„Ich versuche, gerecht zu benoten, aber gerade im Fach Deutsch ist das schwer. Obwohl auf den Klausuren keine Namen stehen, sondern nur Nummern, die ich nicht zuordnen kann, erkenne ich die meisten meiner Schüler an ihren Hand­schriften. Wenn ich weiß, wer die Klausur geschrieben hat, beeinflusst mich das schon. Wenn ich dann noch von anderen Lehrern erfahre, welcher Schüler immer Spitzen­leistungen erzielt und wer einmal sitzen geblieben ist, spielt auch das in meine Noten­gebung mit rein.

Aber ich wende ein paar Tricks an, um gerechter zu bewerten. Bevor ich korrigiere, mische ich alle Klausuren einmal durch, sodass ich die Arbeiten nicht in der Reihen­folge drannehme, nach der ich sie ein­gesammelt habe. Ich schreibe mir vorher außer­dem auf, welche Antworten ich erwarte und gleiche das dann mit den Antworten der Schüler ab.

Ich korrigiere auch immer erst Aufgabe eins bei allen Klausuren, dann kommt die Aufgabe zwei bei allen Klausuren dran. So lasse ich mich nicht davon beeinflussen, ob jemand Aufgabe eins, zwei und drei schon schlecht beantwortet hat und denke, dann ist die Antwort auf Frage vier bestimmt auch schlecht.

Wenn ich weiß, ein Schüler ist gerade in einer schweren Situation, weil die Eltern krank sind oder finanzielle Sorgen haben, kann sich das auf meine Bewertung auswirken – aber maximal um eine Note. Aller­dings versuche ich in solchen Fällen, mit den Schülern zu reden und sie zu fragen, ob sie die Klausur nicht lieber nach­holen wollen.“

Gymnasial­lehrer aus Hamburg: „Ich lasse mich nicht auf Diskussionen ein“

„Pia hat eine Eins geschrieben. Sie hat eine schematische Zeichnung erstellt, dafür hat sie eine Eins minus bekommen und eine Haus­auf­gabe abgegeben, für die ich mir ein Plus auf­geschrieben habe. Ihre Mappe ist voll­ständig und ordentlich. Im Unterricht macht sie alle Aufgaben gewissen­haft. Leider meldet sie sich so gut wie gar nicht. Das ist praktisch eine Fünf.

Lasse hat in der Arbeit eine Vier, die Zeichnung hat er nur so dahin­gekritzelt und seine Mappe ist lücken­haft und irgend­wie unappetitlich, ich mag sie gar nicht in die Hand nehmen. Dafür meldet er sich oft und bringt kluge Beiträge, manchmal schweift er aller­dings ab und erzählt plötzlich, dass die Engländer die Dampf­maschine schon 1760 erfunden hätten, dabei geht es gerade um Hurricanes.

Was soll ich denen für eine Note geben? Es gibt Kollegen, die rechnen jeden Beitrag mit Excel-Tabellen bis auf die Komma­stellen genau aus. Demnach bekäme Pia eine Drei plus und Lasse eine Drei minus. Ich gebe Pia eine Zwei minus und Lasse eine Drei. Ich muss auch die Stärken und Schwächen der Schüler berücksichtigen. Noten sind immer pädagogische Noten.

Wenn ich mich für eine Note entschieden habe, lasse ich mich nicht mehr auf Diskussionen ein. Auch wenn es manchmal hart ist. Wer außer mir soll die Qualität der Schülerbeiträge auch beurteilen? Sonst bekommt derjenige die besten Noten, der die beste Geschichte vorträgt, warum er unbedingt noch eine Zwei braucht. Die Kinder, die alles stumm akzeptieren, würden dann benachteiligt.“

Grundschul­lehrerin aus Rheinland-Pfalz: „Noten sind immer subjektiv“

„Im Studium sollten wir mal eine Mathe­arbeit beurteilen. Es kamen Noten zwischen Zwei und Fünf dabei heraus – in Mathe. In Deutsch ist die Beurteilung noch schwieriger. Deshalb muss man sich nichts vormachen: Noten sind immer subjektiv.

Außerdem können Noten gar nicht leisten, was sie leisten sollen. Unser Kultus­ministerium gibt vor, dass Noten nicht nur die Leistungen der Schüler unter­einander vergleichbar machen sollen, sondern dass sie auch den individuellen Fort­schritt jedes Kindes abbilden sollen.

Doch das ist unrealistisch. Dann müsste im Extrem­fall jemand, der sich sehr verbessert hat, eine Eins bekommen, obwohl sein Mit­schüler, der von Anfang an konstant gute Leistungen erbringt, eine Zwei hat.

Trotzdem würde ich nicht wollen, dass Noten abgeschafft werden, weil ich sehe, dass meine Schüler darauf brennen. Sie fragen nicht: Habe ich es gut gemacht? Wo kann ich mich verbessern? Sie fragen: Welche Note ist das? Sie arbeiten für eine Zensur, nicht für ein Schulter­klopfen.

Außerdem müssen wir sie auf das vorbereiten, was später kommt. Auf der weiter­führenden Schule oder an der Uni bekommen sie auch Zensuren. Wenn man die abschaffen wollte, müsste man das gesamte Bildungs­system umstellen.

Wir haben früher jahre­lang sogenannte Verbal­beurteilungen geschrieben, zusätzlich zu den Zeugnis­noten. Das war eine Heiden­arbeit für uns – und kaum jemand hat sie beachtet. Die wenigsten Schüler haben die Prosa verstanden. Und die Eltern haben sie nur gelesen, wenn sie mit der Note nicht einverstanden waren.“

Gymnasial­lehrerin aus Hamburg: „Ich sauge mir was aus den Fingern“

„Die Note zwei, die ich gebe, ist nicht dieselbe wie die meines Kollegen. Schon deshalb können Noten nicht gerecht sein. Je besser ich die Schüler kenne, desto gerechter kann ich bewerten.

Doch in Chemie unterrichte ich meist nur eine Doppel­stunde pro Woche. Wenn ich eine Klasse neu dazu­bekomme, habe ich die Schüler ein paar­mal gesehen, bevor ich ihnen zum ersten Mal Noten geben muss. Wenn dann auch noch mehrere Mädchen zum Beispiel lange blonde Haare haben, sich also stark ähneln, ist es schier unmöglich, sie gerecht zu bewerten. Ich sauge mir dann was aus den Fingern, weil es meine Pflicht ist.

Wenn es drauf ankommt, versuche ich jedoch, meine Schüler zu fragen, wo sie sich selbst sehen. Ich gebe ihnen eine Aufgabe, die sie still lösen können, und rede mit jedem einzeln in einem Neben­raum. Manchmal machen sie mich dann auf etwas aufmerksam, dass sie zum Beispiel oft beim Aufbau der Experimente geholfen haben. In dem Gewusel nehme ich das nicht immer so wahr.

Es bekommt aber keiner eine gute Note, nur weil er sagt, er sei toll. Wir haben eine Verpflichtung gegen­über den Universitäten, wir stellen eine Hoch­schul­reife aus. Schülern, die sich am Gymnasium sehr quälen, müssen wir andere Wege auf­zu­zeigen als ein Studium. Auch das ist unsere Aufgabe.

Individuelle Berichte wären aber viel besser als sechs Schubladen, die eigentlich nie passen. Ein guter Text würde auch einem Arbeit­geber mehr sagen als eine Note. Aber weil wir nun mal in diesem System sind, müssen wir uns anpassen.“

Sie haben JavaScript deaktiviert oder verwenden einen veralteten Browser. Aktuelle Browser finden Sie hier. x