Serie „Krisenberufe“ : Niemand soll allein sein

Eda Korkmaz ist für ihre Schüler viel mehr als nur eine Lehrerin: Viele von ihnen sind aus ihren Heimatländern geflohen, alle sind ganz neu in Deutschland. Und alle tragen ihr Päckchen.

Dieser Artikel erschien am 05.08.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Nadine Bös
Lehrerin Eda Korkmaz während des Unterrichts mit ihrer Intensivklasse an der Frankfurter Paul-Hindemith-Schule, am Donnerstag den 07.07.2022
Eda Korkmaz unterrichtet Kinder aus sieben verschiedenen Ländern
©Maximilian von Lachner

Siehst du die Frau dort im Fenster? Siehst du den Baum dort im Hof? Siehst du die Leute dort im Park? Du bist nicht allein – niemand ist allein.“ Eda Korkmaz steht vorn im Klassenraum und singt. Als treffe es das Thema des Liedes, singt sie nicht lange allein. Zwar zaghaft und leise, manchmal ein bisschen verschämt, stimmen nach und nach zwölf Teenager mit ein. Die Strophentexte stocken zuweilen etwas, und die meisten singen „dorrrt“ mit gerolltem „r“ und „nischt“ mit „sch“. Zumindest der Refrain klappt aber nach wenigen Versuchen flüssig.

„Wir singen sehr viel im Unterricht“, sagt Korkmaz, 36 Jahre alt, studierte Mathematik- und Geschichtslehrerin mit Zusatzqualifikation in „Deutsch als Zweitsprache“. Obwohl sie von sich sagt, „eine schreckliche Stimme“ zu haben, hilft ihr die Musik bei ihrem aktuell wichtigsten Anliegen: ihrer Klasse Deutsch beizubringen. Hier, an der Paul-Hindemith-Gesamtschule in Frankfurt am Main, leitet sie seit neun Jahren die Klasse 7i. Das „i“ steht für „intensiv“, denn nicht nur sprachlich brauchen ihre Schülerinnen und Schüler eine intensive Betreuung. Sie alle sind neu in Deutschland, viele sind vor Krieg, Gewalt und Perspektivlosigkeit geflohen, jeder Einzelne hier trägt sein Päckchen.

In der Klasse 7i sitzen an diesem Donnerstag im Juli zwölf Kinder aus sieben verschiedenen Ländern, aus Eritrea, Bosnien, Rumänien, Moldawien, Russland, Marokko und Syrien. Obwohl es kurz vor den Ferien ist, wird am nächsten Tag ein Schüler neu hinzukommen – aus der Ukraine. Eda Korkmaz hat am Vortag das Aufnahmegespräch mit ihm geführt. Für sie ist es normal, dass sich ihre Klasse das ganze Schuljahr über verändert. In nächster Zeit werden wohl besonders viele Neue kommen; die Politik hat entschieden, dass wegen des Krieges in der Ukraine Intensivklassen in Hessen künftig 19 statt bislang maximal 16 Kinder aufnehmen müssen. Eda Korkmaz findet das falsch. „Der Unterricht ist ganz stark individualisiert“, begründet sie. Manche Schüler könnten kaum lesen und schreiben, manche beherrschten nur arabische oder kyrillische Buchstaben, wieder andere hätten eine hervorragende Vorbildung und wollten am liebsten den ganzen Unterricht auf Englisch bestreiten, obgleich sie ja eigentlich Deutsch lernen sollen. 19 Kinder – das seien einfach zu viele, um jeden und jede auf ihrem eigenen Niveau zu unterrichten.

Mehr als bloß Lehrerinnen

Wer Eda Korkmaz im Unterricht sieht, kann ziemlich gut beobachten, wie das mit dem Individualisieren funktioniert: Für ihre Arbeitsblätter – einen Lückentext – hat sie mehrere verschiedene Stapel vorbereitet. Jedem Kind teilt sie, je nach Leistungsstärke, ein Blatt aus einem anderen Stapel zu. Auf manchen sind Texte mit vielen Lücken, anderswo fehlen nur wenige Wörter. In manchen sind nur einfache Nomen einzusetzen, für andere muss man in der Lage sein, Verben zu konjugieren. Schüler, die ihr Arbeitsblatt beendet haben, schnappen sich blitzschnell bunte Vokabelkarten und beginnen, in ihrem eigenen Tempo deutsche Wörter auswendig zu lernen. Ab und zu nimmt Korkmaz ein Kind zur Seite und fragt den Wortschatz ab. Als jeder mit der Aufgabe fertig ist, nimmt die Lehrerin wieder den Faden auf und unterrichtet die Gruppe gemeinsam weiter.

Nicht nur die Bildungsstände sind unterschiedlich, auch die Zeitpunkte, zu denen die Kinder zur Klasse hinzustoßen, variieren. „Die Schülerinnen und Schüler kommen, wann immer ihre Eltern entscheiden, dass eine Ausreise erforderlich ist, besser gesagt: wenn sie eine Ausreise organisieren können“, sagt Korkmaz’ Kollegin Barbara Newels. Newels leitet die Klasse 5i, die die jüngeren Flüchtlingskinder im Alter zwischen 10 und 12 Jahren besuchen. Sie ist Korkmaz’ engste Kollegin. Zusammen mit der Lehrerin der 9i, die noch ältere Jugendliche von mehr als 14 Jahren aufnimmt, bilden sie ein Dreierteam, das sich stetig austauscht. „Wir sind der kleinste Fachbereich der Schule und halten zusammen“, sagt Newels.

Der Zusammenhalt ist ihnen wichtig, denn für ihre Schüler sind sie mehr als bloß Lehrerinnen: Alltagsorganisatorinnen, Schlüsselpersonen zur Verständigung in der neuen Umgebung, emotionale Stützen, Krisenhelferinnen. „Es gibt wirklich sehr, sehr tragische Geschichten“, sagt Korkmaz. „Es gibt Kinder, die zu Fuß hierhergekommen sind, Kinder, die auf dem Weg vergewaltigt wurden, Kinder, die sich die Arme ritzen. Am Anfang hat mich das sehr belastet, mit der Zeit lerne ich, irgendwie davon Abstand zu gewinnen.“

Sie hinkt immer hinterher

Leicht ist das nicht. Im Klassenraum der 7i hängen selbstgemalte Bilder, zwei stammen von einem Jungen, der ganz allein, ohne seine Eltern, nach Deutschland floh. „Während der Flucht hatte er die ganze Zeit Angstzustände, konnte nächtelang nicht schlafen, er fürchtete sich, dass man ihm seine Tasche klaut“, erzählt Korkmaz. Eines seiner Bilder ist ein Selbstporträt im Profil, der Junge sitzt in der Hocke mit dem Kopf vornübergebeugt und schläft auf seiner Tasche. Über dem Kopf schwebt eine Traumblase, darin ist wieder er selbst abgebildet, in der gleichen Hockstellung. Bloß statt der Tasche ist da der Schoß seiner Mutter, die seinen Kopf im Arm hält. „Dieser Schüler hatte massive Schlafstörungen“, erzählt Korkmaz. „Am Anfang habe ich immer gesagt: ,Du kommst nie pünktlich in die Schule, bist ständig zu spät.‘ Ich war sehr sauer. Dann habe ich herausgefunden, dass er einfach nicht schlafen konnte. Irgendwann ist er dann doch eingeschlafen, dann war es aber oft schon morgens, und so hat er es häufig nicht geschafft, pünktlich in die Schule zu kommen.“

Im Unterricht wirft Eda Korkmaz mit dem Beamer eine Tabelle an die Wand, in der einen Spalte ein lächelnder, in der anderen ein trauriger Smiley. Die Klasse soll Adjektive finden, die zu dem „Du-bist-nicht-allein“-Lied passen. Ist es schön? Traurig? Langweilig? Danach will Korkmaz aber noch etwas anderes wissen: „Stimmt es eigentlich, dass niemand allein ist? Seid ihr manchmal allein? Wann fühlt ihr euch allein?“ Und da beginnen die meisten zu erzählen. Von kleinen Wohnungen voller Geschwister, wo man niemals allein ist. Vom Alleinsein oder von der Langeweile, die es zuweilen mit sich bringt.

Aber auch andere Geschichten vertrauen sie ihrer Lehrerin an. In einfachen Worten, manchmal nehmen sie die Hände dazu und zeigen etwas. Stellenweise fehlt ihnen ein Wort, und sie versuchen, sich auf Englisch zu behelfen, aber das mag Eda Korkmaz gar nicht. „Kein Englisch, bitte“, sagt sie dann, ganz ruhig, aber bestimmt. Yafiet aus Eritrea erzählt davon, wie er in seiner dortigen Schule auf einen Baum klettern und einen Ast abbrechen musste, nachdem er „etwas falsch gemacht“ hatte. Es war der Ast, mit dem sein Lehrer ihn anschließend zur Strafe verprügelte. Elisa aus Syrien berichtet von der Schule in Tschechien, in die sie nach ihrer Flucht eine Zeit lang ging, bevor die Familie nach Deutschland kam. Von „rassistischen“ Mitschülern erzählt sie, die ihre Schwester gemobbt hätten. Und von Lehrern, die nichts dagegen unternahmen. Mahsa aus Iran berichtet vom Gefühl des Abgehängt-seins. Sie ist schon 14, hat aber aufgrund ihrer Fluchtgeschichte nur insgesamt vier Jahre lang eine Schule besucht. Immer hinkt sie irgendwie hinterher.

Homeschooling verlangsamte Integration

Eda Korkmaz findet, dass alle ihre Schülerinnen und Schüler etwas mehr hinterherhinken als früher. Das habe mit Corona zu tun, glaubt sie. Als die Pandemie begann, war ihr und ihrer Kollegin Barbara Newels schnell klar, dass es besonders für ihre Klassen eine Herausforderung werden würde. Darum wurden sie kreativ, jede auf ihre eigene Art. „Es hieß ja im Lockdown relativ schnell, dass die Viertklässler und Abschlussklassen in die Schule kommen dürfen“, erzählt Newels. „Ich habe einfach argumentiert: Meine Kinder sind wie Viertklässler. Sie stehen vor einem Abschluss, nämlich vor dem Übergang in eine Regelklasse. Und dann habe ich sie in die Schule gebeten. Meine Kinder waren insgesamt während der Lockdowns nur etwa drei Wochen lang komplett zu Hause.“

Eda Korkmaz dagegen versuchte sich mit ihren etwas älteren Schülern am Online-Unterricht. „Die einzigen Endgeräte, die meine Schüler anfangs hatten, waren ihre Handys“, erzählt sie. „Bis sie Laptops bekamen, hat es ungefähr ein Jahr gedauert. Ich war, glaube ich, eine der ersten Lehrkräfte, die gesagt haben: Okay, was ist denn die Alternative? Dass ich die Kinder gar nicht beschule? Dass ich ihnen Arbeitsblätter gebe, die sie nicht verstehen? Ich habe sie stattdessen dann eben übers Mobiltelefon beschult.“

Langsamer geworden ist die Integration bei den meisten trotzdem. Im Homeschooling lernte eine von Korkmaz’ Schülerinnen mit Baby auf dem Arm, ein anderer Schüler saß in der Besenkammer, ein dritter unter der Treppe in der Gemeinschaftsunterkunft, weil das Internet dort am stabilsten war. „Manche Schüler gingen auch zu Aldi oder Rewe, weil es dort WLAN gab, und dann standen sie für ihren Unterricht vor dem Supermarkt auf der Straße“, erzählt Barbara Newels.

Mittlerweile ist die Situation für die Lehrerinnen wieder leichter geworden. „Wir unternehmen total viel, auch außerhalb des regulären Unterrichts“, sagt Korkmaz. „Denn egal, was wir machen, die Schüler lernen Deutsch!“ Neulich war sie mit ihrer Klasse picknicken im Park. Sie lernten Wörter von „Decke“ bis „Baum“, außerdem ging es darum, den Weg in den Park korrekt auf Deutsch zu beschreiben. Vorher wurde abgesprochen, wer was mitbringt – Begriffe für Essen und Trinken kamen da ganz nebenbei. „Und es stärkt das Gemeinschaftsgefühl.“

Ihre Schülerinnen und Schüler sehen das ganz ähnlich. Danach gefragt, was ihr an ihrer neuen Schule am besten gefällt, antwortet die 13 Jahre alte Hena ohne viel nachzudenken: „Mit Frau Korkmaz spielen.“ Und was spielen sie da so? „Karten“, sagt Hena. Uno? Mau-Mau? „Nein, nicht so was“, Hena lacht. „Das mit den Wörtern.“ Besser kann sie es nicht erklären. Eda Korkmaz springt ein. Das Spiel sei ein selbst ausgedachtes, ein täglicher Wettbewerb mit den Vokabelkarten nach dem Motto: Wer weiß die meisten? Nicht alle in der Klasse seien gleichermaßen begeistert davon. „Manche sind auch schnell beleidigt, wenn sie verlieren.“ Sie versuche aber, dass es ein positiver Wettstreit bleibt.

Überhaupt versucht sie sehr viel, damit es ihre Schülerinnen und Schülern ein kleines bisschen leichter haben. Alle haben ihre Handynummer, und wem es mal ganz schlecht geht, der darf auch mitten in der Nacht anrufen. Ausgenutzt werde das nicht. Über Kontakte, die sie durch ein Ehrenamt hat, organisiert Korkmaz Anlaufpunkte für die Ferien, die einigen Schülern lang und öde erscheinen. Manchmal geht sie auch in ihrer Freizeit einfach mal mit der Klasse ein Eis essen. Sie will niemanden alleinlassen, ganz wie in ihrem Deutsch-Lern-Lied. „Meine Arbeit“, sagt sie, „die ist eine richtige Herzensarbeit.“

Lesen Sie kommende Woche in der 6. Folge unserer Serie „Krisenberufe“ wie die Münchener Sozialpädagogin Antonia Eckert in einer Erstaufnahme-Station ukrainische Geflüchtete betreut.