Klimawandel : Nicht noch ein neues Schulfach

Der Klimawandel gehört in die Schule, fordern Wissenschaftler. Unbedingt. Aber der Konkurrenz­kampf zwischen den Fächern sollte aufhören.

Dieser Artikel erschien am 23.01.2020 auf ZEIT Online
Parvin Sadigh
Die Klimaaktivistinnen Greta Thunberg aus Schweden (1. Reihe, M) und Luisa Neubauer aus Deutschland (1. Reihe, 2.v.r) aus Deutschland nehmen an einer „Fridays for Future“-Demonstration am letzten Tag des 50. Weltwirtschaftsforums (WEF) teil.
Die Klimaaktivistinnen Greta Thunberg aus Schweden (1. Reihe, M) und Luisa Neubauer aus Deutschland (1. Reihe, 2.v.r) aus Deutschland nehmen an einer „Fridays for Future“-Demonstration am letzten Tag des 50. Weltwirtschaftsforums (WEF) teil.
©dpa

Klimawandel soll mehr Raum in der Schule bekommen, fordern Wissenschaftler. Italien führt ein Schulfach ein. Neuseeland schreibt landes­weit ein Curriculum für das Thema vor. Brauchen wir das auch?

Es stimmt ja: Curricula müssen angepasst werden an wissenschaftliche Erkenntnisse und gesellschaftliche Heraus­forderungen. Und Lehrer müssen reagieren können auf das, was in der Welt passiert. Dafür brauchen sie einen Rahmen, der ihnen auch die Zeit dafür gibt. Richtig ist ebenso, dass den Schülern ein fundiertes Wissen über den Klima­wandel vermittelt werden sollte. Denn auch ihr Verhalten wird darüber entscheiden, ob er begrenzt werden kann. Sie sollen sinnvoll handeln können und nicht auf Falsch­informationen herein­fallen.

Aber wir machen es uns zu einfach. Immer wenn ein gesellschaftliches Problem so richtig brennt, wird ein neues Schul­fach gefordert oder zumindest mehr Platz im Lehrplan. Sollen doch die Kinder alles besser machen als wir. Warum sollten wir noch etwas dazu­lernen? Ist ja ihre Zukunft. Finanz­krise? Wir brauchen ein eigenes Fach Wirtschaft, statt sofort die Strukturen zu ändern. Zu wenige wissen, wie man Geld richtig anlegt oder eine Steuer­erklärung macht: Auch da soll Wirtschafts­unterricht die Lösung sein. Ein Schul­fach Ernährung soll her, wenn die Zahl der Über­gewichtigen steigt. Glücks­unterricht, ja wirklich, wenn die Leistungs­gesellschaft zu viele Burn­outs produziert. Informatik – stimmt, das ist tatsächlich wichtig in Zeiten der Digitalisierung. Aber von Erster Hilfe bis zum Benehmen: Alles, wovor wir uns selbst drücken, sollen die Schulen auch noch in die bereits über­ladenen Stunden­pläne quetschen. Also auch klar: den Klima­wandel.

Dabei hat der längst seinen Platz in einem alt­ehr­würdigen Fach: Erdkunde nämlich. Die Kinder lernen dort heute nicht mehr nur Haupt­städte auswendig, sondern analysieren etwa, was Plastik­müll in den Meeren und CO2 beim Klima anrichtet und was das mit der Globalisierung zu tun hat – manchmal aber nur, wenn sie Glück haben und ihre Lehrer das Thema selbst einbringen.

Was genau in Geografie laut Lehr­plan unterrichtet wird, unterscheidet sich in den Bundes­ländern enorm, sagt Wolfgang Gerber, Vize­präsident der Deutschen Gesellschaft für Geographie (DGfG). In Leipzig, wo er unterrichtet, sei der Klima­wandel erst in der Ober­stufe tief­gründig vorgesehen. Sächsische Ober­schüler lernen also kaum etwas darüber, wenn ihr Lehrer oder ihre Lehrerin sich nicht außerhalb des Curriculums darum bemüht oder sie eine der dreizehn Klima­schulen in Sachsen besuchen, die sich um Nach­haltig­keit bemühen. Der Verband hat deshalb einen bundesweiten Bildungs­standard für Geografie entwickelt, in dem auch der Themen­komplex Mensch und Umwelt bis zum mittleren Abschluss verankert ist. Verpflichtend ist er jedoch nicht.

Zu wenig Geografie, zu spät der Klima­wandel

Allerdings schlug der Verband der Deutschen Schul­geographen kürzlich Alarm: Das Fach werde viel zu wenig unterrichtet. Hessen etwa wolle Politik- und Geschichts­unterricht zu Pflicht­fächern in der Ober­stufe machen, Geografie werde als frei­williges Fach in den Hintergrund gedrängt. Auch in anderen Bundesländern verliere Erdkunde an Bedeutung.

Aber was würde passieren, wenn Hessen nun statt Geschichte und Politik das Fach Geografie auf­wertete? Dann würden die nächsten Schlag­zeilen über anti­semitische und rassistische Gewalttaten die Politik­lehrer ihrerseits wieder aufschreien lassen: Wir haben zu wenige Stunden. Weder ein altes, noch ein neues Fach sollte ein anderes an den Rand drängen können, nur weil es politisch gerade populärer oder brisanter ist.

Fachübergreifende Projekte können ein anderer Weg sein: Warum sollen Schülerinnen und Schüler nicht vier Wochen lang nur das Thema Gesundheit aus verschiedenen fachlichen Blick­winkeln bearbeiten, inklusive Ernährungs­unterricht und Erster Hilfe? Zusammen­schlüsse von Fächern, die dauerhaft gemeinsam unterrichtet werden, sind bei Fach­didaktikern zwar oft unbeliebt. Sie haben auch gute Argumente: So bekommt etwa ein möglicher Politik-Wirtschaft-Geografie-Unterricht eben nicht auch drei Fach­lehrer und dreimal so viel Zeit – was natürlich in einer perfekten Welt wünschens­wert wäre. Wirtschaft und Geografie werden ohnehin schon oft fach­fremd unterrichtet, also von Lehrern, die gar nicht dafür ausgebildet wurden.

Aber richtig organisiert, hat ein solcher Zusammen­schluss trotzdem enorme Vor­teile. Weil etwa der Klima­wandel kein allein geografisches Thema ist, sondern auch ein politisches, historisches und wirtschaftliches. So wie Rassismus ein historisches, geografisches und politisches Thema ist. Es wäre jeweils klug, all diese Aspekte zusammen zu erörtern, statt ständig neue Fächer zu fordern. Einen Platz im Lehrplan braucht der Klima­wandel trotzdem.