Notendruck in der Schule : „Nicht alle Eltern erkennen, dass sich das Kind unter Druck setzt”

Statt Lob oder Tadel sollten Eltern verstehen, was hinter den Schulnoten stecke, rät der Pädagoge Björn Nölte. Er sagt: Zeugnisse mit Ziffern schaden dem Lernprozess.

Dieser Artikel erschien am 06.07.2022 in DIE ZEIT
Interview: Katrin Blum
Notendruck in der Schule
©David Inderlied/dpa

Die Sommerferien beginnen, Zeugnisse werden vergeben. Manche Schülerinnen und Schüler freuen sich auf Einsen und Zweien. Andere wiederum haben Angst, eine Vier oder Fünf zu bekommen. In Berlin ist sogar ein Sorgentelefon für diejenigen eingerichtet worden, die mit ihrem Zeugnis unzufrieden sind oder sich damit nicht nach Hause trauen. Wie gehen Eltern am besten mit den Schulnoten ihrer Kinder um? Und wie sinnvoll sind sie überhaupt?

ZEITmagazin ONLINE: Herr Nölte, meine Tochter freut sich immer, wenn sie eine Eins geschrieben hat. Das ist für sie ein Erfolgserlebnis. Sollte ich mich als Elternteil mit ihr freuen?
Björn Nölte: Natürlich freut man sich mit dem Kind über eine gute Rückmeldung. Aber die Einsen gibt es nur, weil es auch Vieren und Fünfen gibt. Insofern sind gute Noten erkauft durch schlechte.

ZEITmagazin ONLINE: Wie meinen Sie das?
Nölte: Die Notenverteilung läuft häufig so ab, dass eine Normalverteilung angestrebt wird: Der größte Teil der Klasse liegt im Durchschnittsbereich, dazu kommen einige gute und einige schlechte Schülerinnen und Schüler.

ZEITmagazin ONLINE: Was wäre besser als die Freude über die Note?
Nölte: Ich freue mich immer, wenn Kinder nicht abhängig von einer Fremdzuweisung sind, sondern selbst in der Lage sind, ihre Leistung einzuschätzen. Und wenn die Freude in der Sache liegt und nicht in der Ziffer. Als Lehrer habe ich die Erfahrung gemacht, dass Noten Lernprozesse oft beenden. Die Einserschüler machen irgendwann nicht mehr weiter, weil sie die Eins ja schon haben. Wenn man davon abkommt und ein anderes Bewusstsein schafft, dann hat man die Chance, dass auch diese Schüler über das übliche Maß weitermachen.

ZEITmagazin ONLINE: Oft merken Kinder schon beim Übergang von der Grundschule zu weiterführenden Schulen: Wer einen guten Durchschnitt hat, hat die Wahl. Wer keinen guten Durchschnitt hat, hat ein Problem. Was sagen Noten über Schülerinnen und Schüler überhaupt aus?
Nölte: Sie geben an, wie testfähig eine Schülerin oder ein Schüler in bestimmten Szenarien ist. Sie geben aber nicht an, wie groß das Entwicklungspotenzial oder das Leistungsvermögen sind. Wenn man sich die gewünschte Funktion von Noten anschaut, dann wird diese überhaupt nicht erfüllt: Kein Mensch glaubt ernsthaft, dass ein Abiturdurchschnitt wirklich Auskunft darüber gibt, ob dieser Mensch gut Medizin oder Maschinenbau studieren kann.

ZEITmagazin ONLINE: Immerhin bezeugt ein gutes Zeugnis, dass der Schüler oder die Schülerin diszipliniert lernen und Lerninhalte wiedergeben kann – was ihm oder ihr auch im Medizin- oder Maschinenbaustudium helfen wird.
Nölte: Aber diese meiner Meinung nach zu einfache Rechnung geht einher mit einer unfassbar hohen Abbrecher- und Frustrationsquote bei Studierenden. In Hochschulen, die ihre Studierenden mit anderen Auswahlverfahren als dem Notendurchschnitt auswählen, gibt es viel niedrigere Abbrecherquoten. Dort finden offenbar die richtigen Menschen den Weg in die Institute. Als Oberstufenkoordinator habe ich erlebt, wie sich Schülerinnen, die Medizin studieren wollten, ein ganzes Jahr Wiederholung aufgehalst und die Leistungskurse gewechselt haben, damit aus einer 1,3 eine 1,1 wurde. Sie wählten Kunst als Leistungskurs, um Medizin studieren zu können. Diese Schülerinnen hatten das System gut verstanden, aber die Zwänge dieses Systems führen eben zu solchen Absurditäten.

ZEITmagazin ONLINE: Sollten Noten so schnell es geht abgeschafft werden?
Nölte: Wenn wir Noten abschaffen wollen, müssen wir erst eine neue Lernkultur etablieren, die dialogisches Lernen in den Vordergrund stellt: viel Feedback, viele Gespräche mit den Schülern, um Selbstreflexion und Eigenverantwortung zu stärken und darüber die Kinder und Jugendlichen in die Lage zu versetzen, ihre eigene Leistung einzuschätzen. Dann fällt es auch leichter, nach Stärken zu suchen und Fehler nicht mehr als etwas Schlimmes anzusehen. In der Pädagogik ist man sich inzwischen einig, dass es um die sogenannten vier K als Zukunftskompetenzen gehen muss. Die erreicht man nicht mit Noten.

ZEITmagazin ONLINE: Was verbirgt sich hinter den vier K?
Nölte: Kommunikation, Kollaboration, Kritisches Denken und Kreativität im Sinne von Problemlösen. Wir brauchen also eine neue Form von Prüfungen, die diese vier K ermöglichen oder einfordern. In den Prüfungen, die wir derzeit haben, gelten zum Beispiel Kommunikation und Kollaboration als Betrugsversuche. Das heißt, wir bilden in den Prüfungen immer noch etwas ganz anderes ab, als wir bei Lernenden eigentlich als Kompetenzen fördern wollen.

ZEITmagazin ONLINE: Wie kann Schule ohne Noten ganz konkret funktionieren?
Nölte: Ein Beispiel: Wir haben gerade eine kleine Grundschule in Berlin-Zehlendorf gegründet. Diese Schule vergibt jetzt zum ersten Mal Zeugnisse. Das macht sie zum einen mit den offiziellen Formularen. Parallel dazu verschickt sie das gleiche Zeugnis aber noch mal in digitaler Form. In diesem Dokument gibt es Links, auf die Eltern klicken und nachsehen können, wie beispielsweise das Kind zu Beginn und im Vergleich dazu am Ende des Schuljahres gelesen hat. Mit dieser anschaulicheren Möglichkeit hoffen wir, das Interesse der Eltern auf die konkreten Leistungen der Schüler zu lenken und nicht so sehr auf das verbale Urteil oder auf die Ziffer.

ZEITmagazin ONLINE: Wie kommt das Konzept an?
Nölte: Bis jetzt sind die Eltern begeistert. Das kann dazu führen, dass dieser hoheitsvolle Akt der Zeugnisübergabe mit all den Ängsten entfallen kann, weil ein Parallelinstrument geschaffen worden ist, das bei Eltern hoffentlich mehr Aufmerksamkeit genießen wird.

ZEITmagazin ONLINE: Inwiefern sind Eltern heute ganz generell in die Bewertung der schulischen Leistungen ihrer Kinder involviert?
Nölte: Eltern sprechen häufig wahnsinnig viel über Noten, Notendurchschnitte und den Vergleich zu Mitschülern. Sie geben damit weiter, was sie selbst als Schülerin oder Schüler erlebt haben. Vieles, was an Druck und Leid im Zusammenhang mit Noten entsteht, geht von Eltern aus.

ZEITmagazin ONLINE: Die Zahl der Kinder und Jugendlichen mit Depressionen ist in den letzten Jahren stark angestiegen. Spielen Noten dabei eine Rolle?
Nölte: Ja, eine riesige. Der Psychologe Julian Schmitz hat in seinem gerade erschienenen Buch Soziale Ängste gezeigt, dass viele psychosoziale Störungen bei Kindern und Jugendlichen ihre Ursache in schulischen Bewertungssystemen haben. Das ist ein Armutszeugnis. Wir müssen den Umgang mit Leistung in der Schule so denken, dass wir jede einzelne Schülerin und jeden einzelnen Schüler brauchen und sie alle zu ihren Höchstleistungen bringen wollen. Wenn wir allen dazu verhelfen würden, ihre Schätze zu entdecken und zu fördern, würden alle gute Noten bekommen. Doch das ist im derzeitigen System nicht vorgesehen. In diesem System muss es auch schlechte Noten geben, weil Noten das einzige Vergleichsmittel darstellen. Das ist der falsche Auswahlmechanismus. Das Leid, das mit Schulnoten und der Angst vor Prüfungen einhergeht, ist immens.

ZEITmagazin ONLINE: Was ist die größte Angst der Kinder in Bezug auf ihre Zeugnisse?
Nölte: Ich glaube, dass die Angst, den Erwartungen ihrer Mitmenschen nicht zu entsprechen, sehr groß ist. Bei Geschwistern beispielsweise ist da eine große Scham, wenn der Bruder oder die Schwester eine bessere Note hat. Dann geht es auch um die Erwartungen der Eltern. Viele Eltern unterstützen ihre Kinder heutzutage in einem sehr großen Ausmaß. Das Kind kann diese Zuwendung aber auch als Erwartungshaltung wahrnehmen: Jetzt hat mein Papa mir doch so doll geholfen – und ich liefere trotzdem schlechte Noten ab.

ZEITmagazin ONLINE: Sie sagen, das notenorientierte System wird sich nicht von heute auf morgen ändern. Was sollten Eltern tun, die merken, dass ihr Kind darin nicht zurechtkommt?
Nölte: Es hilft schon, möglichst wenig über Noten und dafür über andere Dinge zu sprechen: Was hast du heute gemacht? Warst du zufrieden mit dem, was du erreicht hast? Hast du alles verstanden? Und wenn man doch über die Bewertung spricht zu fragen: Wie geht es dir damit? Fühlst du dich gerecht beurteilt? Da kann Kindern schon mal ein Riesenstein vom Herzen fallen. Auf keinen Fall sollten sie das Gefühl bekommen, dass die Zuneigung der Eltern von der Ziffer abhängt. Die Liebe sollte bei einer Fünf genau so groß sein wie bei einer Eins.

ZEITmagazin ONLINE: Was können Eltern tun, wenn das Kind sagt, es fühle sich ungerecht behandelt?
Nölte: Erst mal ist es gut, wenn das Kind mit den Eltern darüber spricht und es tatsächlich schafft, das in Worte zu fassen. Das Ziel sollte – abhängig vom Alter – sein, das Kind so zu stärken, dass es selbst mit den Lehrkräften sprechen kann, um für eine gerechte Beurteilung einzustehen.

ZEITmagazin ONLINE: Und was ist, wenn man als Elternteil wirklich das Gefühl hat: Mein Kind könnte in der Schule besser sein, strengt sich aber nicht genug an?
Nölte: Toll ist es, wenn Eltern gezielt nachfragen: Was genau hindert dich daran, deine Hausaufgaben in Deutsch zu machen? Gibt es etwas, woran du anknüpfen kannst? Was könnte dir helfen? Was hast du schon verstanden? Wenn die Jugendlichen älter sind: gemeinsam Ziele vereinbaren und in die Richtung später gezielt nachfragen. Weniger geeignet sind pauschale Urteile wie: Da musst du jetzt durch, ich hab mich da auch durchgequält, oder: Geschichte macht nun mal keinen Spaß.

ZEITmagazin ONLINE: Es gibt auch Schülerinnen und Schüler, die sich selbst Druck machen, egal, wie sehr ihre Eltern versuchen, den Druck rauszunehmen. Wie sollte man damit umgehen?
Nölte: Diese Schülerinnen und Schüler denken oft defizitorientiert: Was habe ich nicht so gut gemacht? Wo war ich nicht schnell genug? Das kann leistungsstarke Lernende genauso betreffen wie leistungsschwache. Es hilft, den Blick auf das zu lenken, was das Kind geschafft hat, welche Hürden es genommen hat, welche Umwege produktiv waren. Und die Eltern sollten den Blick wegbewegen vom Vergleich mit den Mitschülern beziehungsweise diese nur als Lernpartner des eigenen Kindes ansehen und nicht als Konkurrenten. Nicht alle Eltern erkennen übrigens, dass sich das eigene Kind unter Leistungsdruck setzt, hier müssen auch die Lehrkräfte sehr wachsam sein.

ZEITmagazin ONLINE: Was würden Sie Schülerinnen und Schülern raten, die jetzt ihre Zeugnisse überreicht bekommen?
Nölte: Seid euch darüber im Klaren, dass ihr alle eure Stärken habt. Ziffern sagen darüber recht wenig aus. Ihr müsst nur den Weg finden, auf dem ihr euch entfalten könnt. Eine Schülerin oder einen Schüler ohne Stärken habe ich noch nie gesehen.

BJÖRN NÖLTE

Björn Nölte ist Schulrat der Evangelischen Schulstiftung Berlin/Brandenburg. Vorher arbeitete er als Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politik an verschiedenen Gymnasien. Er ist Gründungsmitglied im Institut für zeitgemäße Prüfungskultur und hat gemeinsam mit Philippe Wampfler das Buch „Eine Schule ohne Noten: Neue Wege zum Umgang mit Lernen und Leistung” geschrieben.