Buch-Tipp

Schule ohne Noten : Neue Wege zum Umgang mit Lernen und Leistung

In dem Buch „Eine Schule ohne Noten. Neue Wege zum Umgang mit Lernen und Leistung“ aus dem Berner hep Verlag liefern die Autoren Björn Nölte und Philippe Wampfler fundierte Argumente gegen die gängige Praxis der Notengebung – und zeigen an praxisnahen Beispielen auch, wie es anders geht.

Corinna Gottmann, Simon Moses Schleimer, Vincent Steinl 30. Mai 2022 Aktualisiert am 07. Juni 2022
Noten sind nicht nur scheingenau, sie sind psychologisch und systematisch verzerrt und ungerecht – auch weil sie von vielen Faktoren beeinflusst werden, die nichts mit der Leistung von Lernenden zu tun haben. Sie messen also nicht nur nicht das, was sie messen sollen – sondern tun das auch unpräzise.
Björn Nölte und Philippe Wampfler

Wie können Inhalt und Aufbau des Buchs beschrieben werden?

Als „Plädoyer für ein Umdenken“, machen sich die Autoren Nölte und Wampfler, Mitglieder des Instituts für zeitgemäße Prüfungskultur, für Lernen ohne Noten stark und zeigen Schulen neue Wege auf. Das Buch steht damit in einer Reihe mit weiteren aktuellen Veröffentlichungen zu der Frage, welche Kompetenzen Schüler:innen benötigen, um aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Herausforderungen aktiv bearbeiten zu können, und wie diese in der Schule befördert werden können.

„Eine Schule ohne Noten“ besteht aus acht kürzeren Kapiteln, in denen die Autoren die gängige gedankliche und institutionalisierte Kopplung von Lernen und Notengebung im Unterricht kritisieren und gleichzeitig Vorteile alternativer Formen der Leistungsrückmeldung aufzeigen. Dabei stellen sie zeitgemäße Prüfungsformate praxisnah vor und diskutieren die Auswirkungen. Am Ende des Buchs werden zehn populäre Mythen zur Bedeutung von Noten aufgeklärt. Digitalisierung in Verbindung mit Lern- und Rückmeldungsprozessen zieht sich als Querschnittsthema durch das gesamte Buch.

Das Buch ist mit ganzseitigen Grafiken und sorgfältig ausgewählten Zitaten zwischen den Kapiteln ansprechend gestaltet.

Was ist das Besondere an dem Buch?

Die Autoren Nölte und Wampfler beschreiben praxisnah und wissenschaftsbasiert, warum es sich lohnt, konsequent auf Noten zu verzichten. Dies gilt insbesondere für die Etablierung einer neuen Lernkultur in einer Kultur der Digitalität. So stellen die Autoren überzeugend dar, wieso Noten „kein zeitgemäßes Mittel für die Leistungsbeurteilung“ sein können: „Herkömmliches Abfragen von Wissen und Bewertungen von Lösungen mit Noten“ sei obsolet in Zeiten des digitalen Wandels, in der Wissensmanagement, Lernen und Lernkultur, Möglichkeiten und Formen des Zusammenarbeitens verändert sind.

Den Autoren Nölte und Wampfler ist dabei bewusst, dass das Abschaffen von Noten ein Prozess ist. Sie stellen deshalb auch Prüfungsformate vor, die nicht notwendigerweise auf Noten verzichten, aber dennoch komplexere Rückmeldungen ermöglichen. Sie thematisieren, wer und was einer Abschaffung von Noten entgegenstehen, widerlegen Argumente und machen konkrete Vorschläge für Entwicklungsschritte.

Welche Bedeutung hat das Buch für Schulentwicklung und Veränderung von Schule?

Über Noten wird schulpolitisch und schulpraktisch bereits seit vielen Jahrzehnten diskutiert, worauf auch Nölte und Wampfler an unterschiedlichen Stellen im Buch verweisen. Ausgehend von einer umfassenden Kritik an der Notengebung, die sich argumentativ zum Beispiel auf das große Themenfeld der Bildungsgerechtigkeit oder aber, ganz konkret, auf Fehlerquellen der Notengebung stützt, verdeutlichen Nölte und Wampfler, dass die Abschaffung von Noten kein leichtes und zügig umsetzbares Schul- und Unterrichtsentwicklungsvorhaben darstellt.

Neben den Praxisbeispielen, die Instrumente vorstellen, mit denen auf Noten verzichtet werden kann oder die den Stellenwert von Noten verkleinern, wäre es ein zusätzlicher Gewinn gewesen, gelungene Schulentwicklungsprozesse, fördernde Strukturen und erfolgreiche Entscheidungs- und Kommunikationswege aufzuzeigen. Von der Darstellung und Diskussion solcher Gelingensbedingungen für schulische Entwicklungsprozesse – insbesondere auch von dem Umgang mit erwartbaren Widerständen – könnten insbesondere Schulen profitieren, die sich neu auf den Weg zu einer notenfreien Schule machen möchten. Nur am Rande greifen die Autoren das Thema Lernstandserhebungen auf, in denen sie keine Chance zur Ermöglichung von Schul- und Unterrichtsentwicklung erkennen, sondern vielmehr die Wiederholung der Fehler von Notengebung auf einer anderen Ebene.

Insgesamt stellt das Buch eine wertvolle Ergänzung zu kürzlich erschienenen forschungsbasierten und praxisnahen Publikationen zum Thema dar, wie beispielsweise die Bände Lernen ohne Noten. Alternative Konzepte der Leistungsbeurteilung“ von Silvia-Iris Beutel und Hans Anand Pant (Kohlhammer) oder „Gerechte Leistungsbeurteilung. Impulse für den Wandel“ von Silvia-Iris Beutel und Birgit Xylander (Reclam).

Warum sollten Pädagog:innen das Buch lesen?

Das Buch ist interessant für Schulpraktiker:innen – unabhängig davon, ob sie in Schulen tätig sind, die Noten geben, kurz vor dem Start in einen Schulentwicklungsprozess stehen, um Noten abzuschaffen, oder bereits auf dem Weg sind zu einer Schule ohne Noten. Konkrete didaktische Ideen werden praxistauglich aufbereitet und kontextualisiert. Aber auch weitere Bildungsinteressierte erhalten durch das Buch ausgewählte Einblicke in den Diskurs und verständlich aufbereitete Argumente für eine veränderte Leistungsrückmeldung.

Nölte, Björn & Wampfler, Philippe (2021): „Eine Schule ohne Noten. Neue Wege zum Umgang mit Lernen und Leistung“, hep Verlag AG Bern, 136 Seiten.