Neue Studie aus Bonn : Kinder lernen Rechtschreibung am besten mit der Fibel

Viele Grundschülerinnen und -schüler haben Defizite beim Lesen und bei der Rechtschreibung. Bonner Psychologen haben drei etablierte Lernmethoden untersucht. Nur eine bekommt eine Top-Note: die klassische Fibelmethode. Das umstrittene „Schreiben nach Gehör“ schneidet in der Untersuchung deutlich schlechter ab.

17. September 2018
Zwei Kinder schreiben
Hochkonzentriert arbeiten zwei Kinder der Bremer Grundschule Borchshöhe an ihrer Aufgabe. Eine neue Studie aus Bonn belegt, dass Grundschulkinder, die mit der Fibel Schreiben und Lesen lernen, deutlich weniger Rechtschreibfehler machen als Schülerinnen und Schüler, die nach anderen Methoden arbeiten.
©Theodor Barth (Robert Bosch Stiftung)

Grundschülerinnen und -schüler lernen Rechtschreibung am besten nach der klassischen sogenannten Fibelmethode. Zu diesem Schluss kommt eine jetzt veröffentlichte Studie der Universität Bonn, bei der die Lernerfolge von gut 3000 Grundschulkindern in Nordrhein-Westfalen analysiert wurden. Mit der sogenannten Hamburger Schreib-Probe testeten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Vorkenntnisse von Kindern der ersten Klasse kurz nach deren Einschulung und nachfolgend an fünf weiteren Terminen bis zum Ende des dritten Schuljahres. Die Hamburger Schreib-Probe ist ein Standardverfahren, das in Diktat-Form die Rechtschreibleistungen von Schülerinnen und Schülern erfasst. Das klare Ergebnis: Die Fehlerquote bei Kindern, die mit der Fibel lernen, ist deutlich niedriger als bei Jungen und Mädchen, die mit Ansätzen wie „Lesen durch Schreiben“ und „Rechtschreibwerkstatt“ arbeiten.

Fibel, „Schreiben nach Gehör“ und „Rechtschreibwerkstatt“ im Vergleich

Bei der Fibelmethode werden Buchstaben und Wörter schrittweise und nach festen Vorgaben eingeführt. Danach lernende Kinder hatten mit Abstand die besten Rechtschreibkenntnisse, wie Una Röhr-Sendlmeier vom Institut für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie berichtet. Das Psychologenteam hatte über mehrere Jahre hinweg die Rechtschreibkenntnisse von Grundschulkindern in NRW verglichen, die nach drei verschiedenen Methoden Lesen und Schreiben lernten.

Viele Eltern seien in Sorge, weil ihre Kinder zum Ende der Grundschule die Rechtschreibregeln kaum beherrschten, so Röhr-Sendlmeier. „Sie fragen, ob dies auch mit der eingesetzten freien Lehrmethode zusammenhängen könnte, nach der die Kinder nur nach ihrem Gehöreindruck schreiben sollen.“

Praktisch keine empirischen Studien zur Wirksamkeit von „Schreiben nach Gehör“

Blick zurück: Das lange gängige Fibel-Lernen war mancherorts vor allem vom „Lesen durch Schreiben“ nahezu verdrängt worden, bis sich daran immer mehr Kritik entzündete, wie Bildungsforscherin Nele McElvany von der Universität Dortmund erläutert. „Tatsächlich ist problematisch, dass es praktisch keine empirischen Studien gibt, was die Wirksamkeit dieser Methode angeht.“ Die Idee: Schülerinnen und Schüler sollen möglichst viel frei schreiben und das Lesen darüber mitlernen. Korrekturen falsch geschriebener Wörter sind unerwünscht, weil das die Kinder demotiviere.

Dabei könne man Schülerinnen und Schülern sehr wohl Regeln und Prinzipien einüben lassen und sie zugleich mit positivem Feedback ermutigen, erklärt McElvany. Das Fibel-Lernen sei regelgeleitet, baue strukturiert aufeinander auf und setze auf Übungsphasen. Das Ergebnis der Psychologen mit der Top-Note für den Fibel-Ansatz hält sie für „nicht unplausibel“.

Der beteiligte Bonner Wissenschaftler Tobias Kuhl erläutert zu der Forschungsarbeit: „Wir sind wertfrei rangegangen.“ Das „Lesen durch Schreiben“ und die „Rechtschreibwerkstatt“ führten nachweislich zu vielen Fehlern. Ein fest vorgegebener Ablauf vom Einfachen zum Komplexen habe sich als klar überlegen erwiesen.

Fibelkinder machten deutlich weniger Rechtschreibfehler

Die mehr als 3000 Kinder wurden Kuhl zufolge zunächst nach ihrer Einschulung auf ihre Vorkenntnisse getestet. Danach seien fünfmal jeweils halbjährlich Diktate ausgewertet worden – immer waren Fibelkinder die leistungsstärksten. Schülerinnen und Schüler, die mit „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet wurden, machten am Ende der vierten Klasse im Schnitt 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler, „Werkstatt“-Schüler sogar 105 Prozent mehr als Fibelkinder. Auch Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch war, profitierten vom „Fibel“-Ansatz.

Orthografie ist Fleißarbeit

McElany zufolge lässt die Studie allerdings offen, ob es bei der Einschulung schon unterschiedliche Voraussetzungen bei den Kindern gab und inwieweit diese im Schulverlauf erhalten blieben. Angesichts der teils dramatisch schwachen Kompetenzen sei eine Methodendebatte wichtig. Orthografie sei Fleißarbeit und müsse in den ersten Schuljahren geübt werden. „Es ist wie auch das Lesen eine Kernkompetenz, die Grundschüler lernen müssen. Dafür brauchen sie in den Schulen und zuhause den zeitlichen Raum.“

Der Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU von Ende 2017 zufolge kann jeder fünfte Zehnjährige in Deutschland nicht so lesen, dass er den Text auch versteht. Und der bei Viertklässlern erhobene IQB-Bildungstrend 2016 ergab, dass nur 55 Prozent orthografische Regelstandards erreichen oder übertreffen.

Bildungsverband VBE sieht Studienergebnisse kritisch

Der Bildungsverband VBE zeigte sich hinsichtlich der neuen Ergebnisse skeptisch. Grundsätzlich sei es „nicht zielführend“, die Rechtschreibfähigkeit als einzelnen Aspekt losgelöst von allen anderen Lernprozessen zu untersuchen. Der Vorsitzende Udo Beckmann meint: „Eine einseitig festgelegte Rückkehr zum Unterricht mit der Fibel ist keine Lösung.“

dpa

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