Gymnasiale Oberstufe : Wieso es Zeit wird, den Weg zum Abitur neu zu gestalten

Immer mehr Schülerinnen und Schüler streben das Abitur an. Die Schülerschaft in der Sekundarstufe II wird damit heterogener – die pädagogische Arbeit in der Oberstufe hat sich aber in vielen Schulen kaum verändert. Um hier neue Impulse zu setzen, haben sich engagierte Schulen in zwei Innovationslaboren der Deutschen Schulakademie mit der Frage beschäftigt, wie eine zeitgemäße Oberstufe aussehen kann, und neue Lernformate entwickelt. Die dabei gewonnenen Erkenntnissen sind in das Buch „Die flexible Oberstufe” geflossen. Die Bildungsexpertin Cornelia von Ilsemann hat sich ihr Berufsleben hindurch mit dem Thema Oberstufe beschäftigt und die Innovationslabore in ihrer dreijährigen Arbeit begleitet. Im Interview mit dem Schulportal erklärt sie, warum eine Reform der Oberstufe notwendig ist und wie der Unterricht innovativer gestaltet werden kann.

Annette Kuhn 18. März 2021 Aktualisiert am 14. Oktober 2021 4 Kommentare
Neue Oberstufe Schüler in einem Klassenraum mit iPad
Selbst unter Corona-Bedingungen lassen sich in der Oberstufe Lernformate umsetzen, bei denen die Schülerinnen und Schüler kreativ und eigenständig arbeiten können.
©Daniel Bockwoldt/dpa

Deutsches Schulportal: Wieso ist es wichtig, die gymnasiale Oberstufe weiterzuentwickeln?
Cornelia von Ilsemann: Dafür sprechen mindestens die folgenden drei Gründe:

  • Die Heterogenität ist in der Oberstufe sehr viel größer geworden. Noch vor 20 Jahren haben 30 Prozent der Schülerinnen und Schüler Abitur gemacht, jetzt sind es 50 Prozent – in den Großstädten oft sogar noch mehr. Und die Schülerinnen und Schüler kommen mit vielfältiger Herkunftsgeschichte, sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, Begabungen und Interessen in die Oberstufe. Wenn der Unterricht das nicht berücksichtigt, verschärft sich die Bildungsungerechtigkeit in Deutschland.
  • Die Arbeitswelt hat sich deutlich verändert. Wissen bleibt wichtig, aber es reicht nicht mehr aus. Die Dynamik des gesellschaftlichen Wandels fordert von allen Jugendlichen Fähigkeiten, die über den Erwerb anspruchsvoller fachlicher Kompetenzen hinausgehen. Zunehmend sind überfachliche Sichtweisen und klare Werteorientierungen gefragt. Strategische, soziale, personale und kommunikative Kompetenzen gewinnen an Bedeutung. Die Jugendlichen müssen lernen, selbstständig zu arbeiten, Lernergebnisse zu reflektieren und zu verantworten und im Team Lösungen zu entwickeln. Das spiegeln uns auch die empirischen Studien zu den Studienabbrecherzahlen.
  • Die Digitalisierung verändert das Lernen in einem Maße, wie wir es noch gar nicht vollständig überblicken können. Schülerinnen und Schüler müssen dabei unterstützt werden, sich in der riesigen Menge an Informationen, die ihnen zur Verfügung steht, zu orientieren und Fakten von Fake News zu unterscheiden. Lernen wird vernetzter, die Formen informeller, die Kommunikation schneller, Feedback gewinnt erheblich an Bedeutung.

Wie muss die Schule auf diese veränderten Anforderungen reagieren?
Die Selbstständigkeit und die Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler müssen sehr viel mehr im Fokus stehen. Wichtig sind Formate, bei denen die Jugendlichen selbst Fragen stellen, sich dazu Informationen suchen, sie bewerten und gemeinsam mit anderen bearbeiten. Sie können dazu auch andere Lernorte aufsuchen; daraus ergeben sich gegebenenfalls neue Fragestellungen.

Diesen Lernprozess zu reflektieren und aus Fehlern zu lernen gehört unbedingt dazu. Das Lernen in der Oberstufe sollte also interdisziplinärer, projektorientierter und handlungsorientierter sein. Diese Form von neuer Lernkultur wurde auch in den Innovationslaboren erprobt.

Tatsächlich sind die Freiräume deutlich größer, als sie von vielen Schulen genutzt werden.

Können Sie an einem Beispiel erklären, wie innovativer Unterricht in der Oberstufe konkret aussehen kann?
Nehmen wir das Beispiel der Corona-Pandemie. Schülerinnen und Schüler sind davon unmittelbar betroffen. Hier bietet sich ein interdisziplinärer Unterricht geradezu an, in dem Fachaspekte der Fächer Biologie, Mathematik, Politik, Geografie und Ethik aufeinander bezogen werden.

Viele Fragen werden ja täglich in der Presse gestellt: Was bedeutet das exponentielle Wachstum konkret für die Kapazitäten in den Kliniken? Wie wirkt die Impfung, und welche logistischen Herausforderungen bietet eine Impfstrategie? Welche Entscheidungen der Politik sind aus medizinischer, ökonomischer, sozialer oder ethischer Sicht legitim? Welche Auswirkungen haben sie?

Ich kann mir hier einen Unterricht vorstellen, in dem sich die Schülerinnen und Schüler das komplexe Wissen über die Corona-Pandemie aneignen, Argumente sammeln und dieses Wissen gleichzeitig aus verschiedenen Perspektiven reflektieren. Sie könnten dann, zum Beispiel zum Thema Impfen, einen Zeitungsartikel mit Pro und Kontra schreiben, eine Podiumsdiskussion veranstalten oder einen Film drehen. Die Lehrerinnen und Lehrer planen eine solche „Lernarchitektur“ didaktisch, unterstützen fachlich und begleiten den Lernprozess je nach Bedarf mit mehr oder weniger intensiver Beratung.

Klausuren als handschriftliche Einzelarbeiten, die in einer befristeten Zeit erstellt werden, sind ein Format, das man in der Arbeitswelt nicht mehr findet.

Wieweit sollten Schülerinnen und Schüler in die Entwicklung neuer Lernformate eingebunden sein?
In dem genannten Beispiel stünde das Thema fest – aber viele Fragestellungen kommen von den Schülerinnen und Schülern. Sie sollten auch Vorschläge zur Form der Bearbeitung, zur Gruppenbildung, zu den Lernprodukten, zu Feedback-Formaten und  Leistungsnachweisen machen können. Je geübter sie in diesen Verfahren werden, desto professioneller werden ihre Vorschläge.

Noch ein Beispiel: Geschichte wird lebendig, wenn wir den Scheinwerfer auf das Phänomen „Jugend“ legen: Gab es diese Phase in allen historischen Epochen? Die Schülerinnen und Schüler werden herausfinden, dass dies von kulturellen, sozialen und geschlechtsspezifischen Kontextbedingungen abhängt. Sie lernen dabei auch, welche systematischen Fragestellungen ihnen geschichtliche Phänomene erschließen. Will man dies in ein fachübergreifendes Profil einbinden, so recherchieren sie zu Initiationsriten verschiedener Religionen, zu Musikstilen – mit denen man Erwachsene provozieren kann –, oder sie untersuchen international die Bedeutung von Peergroups.

In Nicht-Corona-Zeiten kann man dies mit einer Profilreise nach England verbinden. Das macht zum Beispiel die gymnasiale Oberstufe einer großen Gesamtschule in Hamburg, in der die Leistungskurse Englisch und Geschichte mit den Grundkursen Religion und Musik in einem Profil zusammenarbeiten.

Zur Person

Portrait von Cornelia von Ilsemann
Cornelia von Ilsemann
©Tobias Bohm
  • Cornelia von Ilsemann war bis zu ihrer Pensionierung Leiterin der Bildungsabteilung bei der Bremer Bildungsbehörde und Vorsitzende des Schulausschusses der Kultusministerkonferenz (KMK). Dort war sie an der Entwicklung der Bildungsstandards für das Abitur beteiligt.
  • Zuvor leitete sie die gymnasiale Oberstufe der Max-Brauer-Schule in Hamburg, die 2006 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde.
  • Cornelia von Ilsemann gehörte zum Gründungsteam der Deutschen Schulakademie und war im Programmteam für den Bereich „Neue Oberstufe entwickeln“ und „Schule leiten“ verantwortlich.
  • Als Mitglied der Vorjury ist sie im Auswahlgremium für den Deutschen Schulpreis.

Wie lassen sich solche Projekte bewerten?
Ein Leistungsnachweis dient dazu, den Kompetenzerwerb zu überprüfen. Er orientiert sich also an die Zielen des Unterrichts. In einem projektorientierten Unterricht geht es um den Nachweis fachlicher und überfachlicher Kompetenzen, denen die Lernformate entsprechen müssen. Das können Portfolios sein oder Präsentationen, kleine Forschungsstudien, experimentelle Nachweise einer These oder künstlerische Produkte, immer begleitet durch eine schriftliche Reflexion.

Im Vorfeld sollte man dabei mit den Schülerinnen und Schülern besprechen, nach welchen Kriterien ein Produkt als „gut“ zu bewerten ist: Es muss zum Beispiel verständlich und fachlich richtig sein; die Argumente müssen überzeugen und sich aufeinander beziehen, die Präsentation sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren und gleichzeitig lebendig sein.

So können die Schülerinnen und Schüler ihre Arbeit selbst überprüfen und überlegen, was sie gut gemacht haben oder was sie beim nächsten Mal ändern würden. Über die Kriterien zu entscheiden gehört zum professionellen Handwerkszeug der Lehrkräfte. In fachübergreifenden Projekten bewerten sie gemeinsam.

Klassische Klausuren finden dann gar nicht mehr statt?
Klausuren als handschriftliche Einzelarbeiten, die in einer befristeten Zeit erstellt werden, sind ein Format, das man in der Arbeitswelt nicht mehr findet. Wer heute etwas schreibt, schläft eine Nacht darüber, zeigt den Text anderen und überarbeitet ihn noch mal. Viele schreiben gleich in digitalen Schreibkonferenzen. Diese Methoden sollten auch Schulen aufgreifen und mutig sein, neue Formate zu erproben.

Die Hälfte der Bundesländer erlaubt inzwischen sogenannte „Klausurersatzleistungen“, die Gestaltungsmöglichkeiten für neuartige Leistungsnachweise bieten. Auch die „laufende Kursarbeit“ ermöglicht zum Beispiel die Arbeit mit Portfolios  oder Schreibkonferenzen.

Zwei Drittel der Abiturnote werden durch die Leistungen in den zwei Jahren vor dem Abitur erworben. Und auch die Facharbeit, die besondere Lernleistung und – in manchen Ländern – die Projektprüfung bieten Schülerinnen und Schülern Möglichkeiten, ihre im Projektunterricht erworbenen Kompetenzen nachzuweisen.

Im Lockdown hat sich gezeigt, dass gerade in der Oberstufe manche Schülerinnen und Schüler besser gelernt haben, weil sie sich mit mehr Ruhe in Themen vertiefen konnten.

Auch in der Corona-Krise wurden neue Unterrichtsformen erprobt. Welche Auswirkungen hat das für die Oberstufe?
Schule muss Schülerinnen und Schülern Angebote für individualisierte Lernwege, unterschiedliche Lerntempi und die Vertiefung anspruchsvoller Fragestellungen machen. Für die Weiterentwicklung der Oberstufe ist die Corona-Krise ein echter Reformtreiber. Warum müssen alle immer gleichzeitig in einem Raum sitzen und das Gleiche lernen? Im Lockdown hat sich gezeigt, dass gerade in der Oberstufe manche Schülerinnen und Schüler besser gelernt haben, weil sie sich mit mehr Ruhe in Themen vertiefen konnten. Andere hätten dagegen deutlich mehr Unterstützung gebraucht.

Diese unterschiedlichen Bedarfe könnte ein zeitgemäßer Unterricht auch zukünftig mithilfe der digitalen Medien abbilden. Während der eine Schüler mithilfe von Lernprogrammen seine Mathematiklücken aus der Mittelstufe schließt, kann eine andere Schülerin anspruchsvolle physikalische Experimente in einem Schülerlabor der Universität durchführen.

Wenn Kompetenzen in vielen Herkunftssprachen systematisch zertifiziert würden, könnten sie Fremdsprachenauflagen ersetzen, und die Schülerinnen und Schüler hätten mehr Zeit, ihre fachbezogenen Deutschkenntnisse zu vertiefen.

Andere könnten an internationalen Universitäten digitale Sprachkurse absolvieren oder in Lerngemeinschaften mit Schülerinnen und Schülern anderer Schulen vertieft arbeiten.

Diejenigen, die mehr persönliche Hilfe brauchen, bekommen in der Schule in Präsenz mehr Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer. Daneben muss es dann auch immer wieder Zeiten und Räume geben für gemeinsame Lernprozesse in der ganzen Gruppe. Das ist eine Frage der Balance.

So ließe sich das Lerntempo entsprechend den Begabungen und Interessen dosieren. Warum soll denn nicht jemand in zwei Jahren und jemand anderes in vier Jahren Abitur machen?

 Wie groß ist die Bereitschaft der Lehrkräfte, die Oberstufe zu reformieren?
Das hängt auch von den Rahmenbedingungen ab – und vor allem von der pädagogischen Haltung und Professionalität der Einzelschule. Viele Regelungen in der gymnasialen Oberstufe sind standardisiert, damit das Abitur als Studieneingangsberechtigung vergleichbar ist. Darauf zielt auch das Zentralabitur. Die Regelungsdichte lässt viele Lehrerinnen und Lehrer sagen: „Ich kann nicht so viel riskieren, ich muss meine Schülerinnen und Schüler gut auf das Abitur vorbereiten.“ Das Ziel ist ja auch richtig. Tatsächlich sind die Freiräume aber deutlich größer, als sie von vielen Schulen genutzt werden.

Allerdings gelingt ein Veränderungsprozess nur, wenn sich die Schule insgesamt darauf verständigt. Eine gute Kooperation im Team ist die Grundvoraussetzung für interdisziplinären Unterricht. Auch der Stundenplan muss Zeit und  Raum für selbstständiges Arbeiten und interdisziplinäre Projekte systematisch einplanen. Eine Kultur der Digitalität kann und muss sich entwickeln. Die Schulleitung muss solche Change-Prozesse mutig und langfristig steuern. Die Oberstufe als Einzelkämpfer, als Einzelkämpferin zu verändern wird nicht gelingen.

Demnächst werden die Rahmenregelungen für das Abitur verändert, um es zwischen den Ländern vergleichbarer zu machen. Das ist eine gute Gelegenheit für die Kultusministerkonferenz, um neue Lernformate und Leistungsnachweise sowie flexible Bildungswege zu ermöglichen.

Was brauchen Schulen für den Veränderungsprozess?
Es muss gute Beispiele dafür geben, wie man die Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler fördern, flexible Lernformate entwickeln und anspruchsvoll projektorientiert unterrichten und gleichzeitig die Bildungsstandards erfüllen kann. Gute Beispiele zeigen die Realisierbarkeit, mobilisieren den eigenen Erfindungsreichtum und machen Mut. Und die Lehrkräfte brauchen Unterstützung bei ihrer Professionalisierung durch Fortbildung, kollegiale Hospitationen, Beratung und Netzwerke.

Welche Voraussetzungen muss die Politik dafür schaffen?
Die Bildungspläne und Abiturstandards sowie der Aufgabenpool für die zentralen Anteile an der Abiturprüfung sollten sich noch deutlicher auf zukunftsweisende fachliche und überfachliche Kompetenzen konzentrieren, denn an ihnen orientiert sich das Lernen in den Schulen.

Demnächst werden die Rahmenregelungen für das Abitur verändert, um es zwischen den Ländern vergleichbarer zu machen. Das ist eine gute Gelegenheit für die Kultusministerkonferenz, um neue Lernformate und Leistungsnachweise sowie flexible Bildungswege zu ermöglichen. Und schließlich sollten die Länder über ihre Landesinstitute Fortbildungen und Unterstützungsmöglichkeiten schaffen und ihre Schulen zu entsprechenden Innovationen ermutigen.

Mehr zum Thema

  • Vom 22. bis 23. März 2021 fand das Forum „Neue Oberstufe” der Deutschen Schulakademie statt. Die Dokumentation der Veranstaltung finden Sie hier.
  • Bereits 2017 hatte die Deutsche Schulakademie eine Tagung zum Thema „Oberstufe neu gestalten – Bildung für die Zukunft“ veranstaltet. Daraus sind zwei Innovationslabore hervorgegangen: das Innovationslabor „Neue Oberstufe” und das Innovationslabor „G-Flex”.
  • Zur Arbeit des Innovationslabors G-Flex und vor allem zu den dabei entwickelten Wegen für eine Flexibilisierung der Oberstufe ist im Oktober 2021 das Buch „Die flexible Oberstufe” im Beltz Verlag erschienen. Die Autorinnen und Autoren zeigen anhand von Beispielen aus der Praxis Lösungsansätze auf, wie die Oberstufe zeitlich und inhaltlich flexibler gestaltet werden kann, wie Schulen die dafür nötigen Freiräume schaffen können und wie über eine Flexibilisierung auch mehr Gerechtigkeit erreicht werden kann. Dazu haben einige Schulen eigene Wege gefunden: So führt das vierjährige duale Gymnasium zum Abitur und zugleich zum Ausbildungsabschluss. Oder an Sportschulen kann die Verweildauer in der Oberstufe je nach Bedarf individuell angepasst werden.
  • Zu den Ergebnissen der Arbeit des Innovationslabors „Neue Oberstufe“ gibt es eine Publikation, die hier kostenlos zum Download bereitsteht. Dargestellt sind neue Lernformate, Modelle für flexibilisiertes Lernen, Praxisbausteine für die Persönlichkeitsentwicklung von Schülerinnen und Schülern, und es gibt eine Toolbox zur Schulentwicklung:

Wir haben im #Twitterlehrerzimmer nach Meinungen gefragt, welche Kompetenzen für Abiturientinnen und Abiturienten heute wichtig sind.