Neue Oberstufe : „Lernexpedition“ statt Leistungskurs

Im Innovationslabor Neue Oberstufe der Deutschen Schulakademie werden alternative Modelle und Lernformate entwickelt. Ziel sei es, „den Gleichschritt, in dem jetzt an den meisten Oberstufen gelernt wird, aufzulösen“, sagt die Projektleiterin Barbara Stockmeier. Wie die neue Oberstufe aussehen kann, zeigt das Beispiel der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, die schon seit fünf Jahren neue Strukturen erprobt.

Annette Kuhn / 24. Juni 2020
Schüler der Oberstufe am Tisch vor einem elektronischen Gerät
Im Innovationslabor Neue Oberstufe werden Lernformate entwickelt, bei denen die Jugendlichen vor allem selbstbestimmt arbeiten.
©Getty Images

In der Oberstufe bleibt oft nur wenig Zeit für Kreativität und Extras – also für Exkursionen, Projekte, für all das, was nicht verbindlich im Lehrplan steht. Die Oberstufe konzentriert sich häufig vor allem auf das Abarbeiten des Lehrplans und auf einen eher klassischen Unterricht.

Es geht aber auch anders. Trotz der knappen Zeit und des straffen Lehrplans lassen sich auch in der Oberstufe alternative Lernformate umsetzen. Das zeigt das Beispiel der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ). Die Oberstufe erstreckt sich hier über drei Jahre von der 11. bis zur 13. Klasse. Auf die einjährige Einführungs- folgt die zweijährige Qualifikationsphase. Aber in der Gestaltung gibt es viele Unterschiede zu anderen Schulen.

In der Evangelischen Schule Berlin Zentrum werden seit fünf Jahren neue Lernformate in der Oberstufe erprobt

Schon vor sieben Jahren hat ein Team aus Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern sowie Eltern damit begonnen, an der Konzeption einer neuen Oberstufe an der ESBZ zu arbeiten. Seit 2015 wird sie in der Praxis umgesetzt. Ziel ist es vor allem, „den Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, ihren Lernweg nach den eigenen Interessen und Bedürfnissen mitzugestalten und das gelernte Fachwissen auch anzuwenden“, erklärt der stellvertretende Schulleiter Uli Marienfeld, der von Anfang an die Umgestaltung der Oberstufe mitgetragen hat.

In allen drei Oberstufenjahren gibt es einen Wechsel zwischen „Fließwochen“, in denen vor allem klassischer Unterricht nach Lehrplan stattfindet, und „Blockwochen“, in denen die Schülerinnen und Schüler das gelernte Fachwissen in Projekten oder Workshops vertiefen und auch interdisziplinär anwenden können. Diese finden immer vor den Ferien statt.

Acht Schulen entwickeln Modelle im Innovationslabor Neue Oberstufe

Dann gibt es Unterricht nicht in Leistungs- und Grundkursen, sondern vor allem in drei alternativen Lernformaten: In den „Pulsaren“ erforschen Schülerinnen und Schüler in jahrgangsgemischten Gruppen komplexe Zusammenhänge. Entsprechend dem fächerübergreifenden Lernen werden sie dabei von Lehrkräften in interdisziplinären Teams angeleitet.  Außerdem gibt es „Lernexpeditionen“ (LEX), in denen die Jugendlichen in Absprache mit den Lehrkräften selbst entscheiden, welches Thema sie bearbeiten, mit wem und mit welchen Methoden. Ein drittes Format in den Blockwochen sind „Lebens- und Arbeitskompetenzen“ (LAK), in denen sich die Schülerinnen und Schüler in Workshops auf das Leben nach der Schule vorbereiten.

Mit dieser Rhythmisierung des Schuljahres und den neuen Lernformaten hat die Evangelische Schule Berlin Zentrum deutschlandweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Ihre Erfahrungen hat sie auch im Innovationslabor Neue Oberstufe der Deutschen Schulakademie eingebracht. Acht Schulen aus fünf Bundesländern arbeiten hier zusammen und entwickeln, erproben und reflektieren neue Ansätze zum Lehren und Lernen in der Oberstufe.

Ziel des Innovationslabors Neue Oberstufe ist es, den Gleichschritt, wie jetzt an den meisten Oberstufen gelernt wird, aufzulösen.
Barbara Stockmeier, Projektleiterin des Innovationslabors Neue Oberstufe

Das Spektrum der beteiligten Schulen reicht vom Gymnasium über die inklusive Gesamtschule und die Gemeinschaftsschule bis zum Oberstufenkolleg. Es sind staatliche und private Schulen dabei, Schulen mit und ohne Profil. „Wichtig war uns, eine größtmögliche Heterogenität der Schulen darzustellen“, sagt Barbara Stockmeier, die Projektleiterin des Innovationslabors Neue Oberstufe. Unterstützt wird die Entwicklungsarbeit von außerschulischen Partnerinnen und Partnern, Bildungsinitiativen sowie Hochschulen.

Impulsgeber des Innovationslabors Neue Oberstufe war ein Forum der Deutschen Schulakademie

Hervorgegangen ist das Innovationslabor Neue Oberstufe aus dem Forum der Deutschen Schulakademie zum Thema „Oberstufe neu gestalten – Bildung für die Zukunft“, das im Frühjahr 2017 stattfand. Die Arbeit des Innovationslabors läuft noch bis zum Herbst dieses Jahres. Die Ergebnisse sollen dann in einem weiteren Forum im Frühjahr 2021 vorgestellt werden.

Die im Labor entwickelten Ansätze seien eine vielseitige Inspiration für alle Oberstufen, um im Lernen neue Wege zu gehen, so Stockmeier. Schulen könnten die Impulse aufgreifen, ihrem eigenen Profil anpassen und weiterentwickeln – dabei ihre Lage, ihre Schülerschaft und ihre Geschichte im Blick haben. „Ziel des Innovationslabor Neue Oberstufe ist es, den Gleichschritt, in dem jetzt an den meisten Oberstufen gelernt wird, aufzulösen“, erklärt Stockmeier. Für sie ist es nicht mehr zeitgemäß, wenn alle Schülerinnen und Schüler am selben Ort, im gleichen Tempo, nach den gleichen Vorgaben lernen. Das Innovationslabor suche daher Wege, wie Schülerinnen und Schüler stärker die Möglichkeit bekommen, nach ihren Interessen und ihrem persönlichen Profil zu lernen. „Wir wollen eine vertiefte Allgemeinbildung und die Persönlichkeitsentwicklung unter einen Hut bringen“, sagt die Projektleiterin.

Viele Modelle zielen auf eine Flexibilisierung im Lernprozess

Manche Konzepte im Innovationslabor werden, wie die Lernformate der Evangelischen Schule in Berlin, bereits in der Praxis erprobt. Andere sind noch in der Entwicklungsphase. Viele Modelle zielen auf eine Flexibilisierung des Lernprozesses. So werden zum Beispiel an manchen Schulen die Kernfächer in Module aufgeteilt, die die Oberstufenschülerinnen und -schüler nach ihren Interessen wählen können. Andere Modelle zielen auf eine eher an Themen orientierte, fächerübergreifende Arbeit.

Auch außerschulische Lernorte spielen eine wichtige Rolle – zum Forschen, für die praktische Anwendung von Fachwissen und auch für die Persönlichkeitsentwicklung. In „Quasaren“ lernen die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel im Rahmen ihrer Leistungskurse regelmäßig an außerschulischen Lernorten. Und in der Evangelischen Schule Berlin Zentrum gibt es in der elften Klasse das Projekt „Alle ins Ausland“. Es schließt an das Fach „Herausforderung“ an, in dessen Rahmen Schülerinnen und Schüler bereits ab der achten Klasse drei Wochen lernen, außerhalb Berlins mit wenig Geld und ohne Handy zurechtzukommen.

Die neuen Formate machen den Unterricht viel lebendiger, darum arbeiten die Schülerinnen und Schüler auch viel motivierter.
Uli Marienfeld, stellvertretender Schulleiter der Evangelischen Schule Berlin Zentrum

Bei „Alle ins Ausland“ gehen die Jugendlichen für drei Monate ins Ausland, um sich dort sozial zu engagieren: „Sie helfen in einer Suppenküche in New York, geben Deutschunterricht in einer Sprachschule in Havanna, pflegen Kriegsgräber in den Niederlanden“, zählt Marienfeld nur drei von vielen Möglichkeiten auf.  „Die drei Monate öffnen Türen, die jungen Menschen entdecken sich selbst und lernen, Verantwortung zu übernehmen“, erklärt er. An diese Erfahrungen sollen sie dann in der Qualifikationsphase anschließen können.

Die Abiturergebnisse der Schule liegen über dem Berliner Durchschnitt

Die Sorge, dass durch den Auslandsaufenthalt und die Blockwochen zu wenig Zeit für den Unterricht nach Lehrplan bleibt, kann er nicht teilen. „Die neuen Formate machen den Unterricht viel lebendiger, darum arbeiten die Schülerinnen und Schüler auch viel motivierter in den Fließwochen, in denen es eher klassischen Unterricht gibt“, sagt der stellvertretende Schulleiter.

Das schlägt sich auch auf die Leistung nieder – denn die Abiturergebnisse liegen an der ESBZ über dem Berliner Durchschnitt. Das ist aber für Marienfeld nicht der wichtigste Beleg dafür, mit der Neugestaltung der Oberstufe auf dem richtigen Weg zu sein. „Was mich am meisten an unseren Abiturienten freut, ist, dass sie mutig sind, ins Leben zu gehen und Neues auszuprobieren. Wenn andere sagen: ,Man könnte doch mal …‘, dann sagen sie: ,Ich mache das jetzt!‘“

Mehr zum Thema

  • Aus dem Forum „Oberstufe neu gestalten – Bildung für die Zukunft“ der Deutschen Schulakademie 2017 sind zwei Innovationslabore hervorgegangen: Innovationslabor Neue Oberstufe und das Innovationslabor G-Flex.
  • Auf der Website neue-oberstufe.de werden die Lernformate, die auch an der Evangelischen Schule Berlin Zentrum praktiziert werden, ausführlich erklärt.
  • Evaluiert wird die neue Oberstufenstruktur der Evangelischen Schule Berlin Zentrum von der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn. Zur Wirkung der „Pulsare“ wurden auch Schülerinnen und Schüler befragt. Demnach sahen 80 Prozent von ihnen in den „Pulsaren“ eine persönliche Bereicherung und sagten, dass die „Pulsare“ ihnen neue Perspektiven auf ein Themengebiet eröffnet hätten. 78 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich auch nach der „Pulsar“-Woche mit dem Thema weiterbeschäftigen wollten.