Mobbing : Wie Lehrkräfte Beziehungen gestalten

Mobbing, Diskriminierung oder auch Lehrkräfte, die mit dem Verhalten ihrer Schülerinnen und Schüler überfordert sind, – Beziehungen in Schulen sind derzeit ein zentrales Thema in der Schullandschaft. Am 11. und 12. Februar veranstaltet die Deutsche Schulakademie in Berlin das Forum „Beziehungen gestalten – erfolgreich lernen!“, das innerhalb kürzester Zeit ausgebucht war. Das Schulportal sprach mit Wolfgang Vogelsaenger, der seit November an der Deutschen Schulakademie für das Thema „Beziehungen professionell gestalten“ verantwortlich ist. Zuvor war er Schulleiter der Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen, die 2011 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde.

Florentine Anders / 08. Februar 2019
Lehrerin hilft einem Schüler bei einer Aufgabe
Bildung und Lernerfolg sind wesentlich von professionellen pädagogischen Beziehungen abhängig.
©shutterstock

Schulportal: Herr Vogelsaenger, der Suizid eines elfjährigen Mädchens aus einer Berliner Grundschule hat eine Debatte zum Umgang mit Mobbing an Schulen entfacht. An der Grundschule des Mädchens hatten Schulinspektionen schon vor Jahren festgestellt, dass dort Kinder mit Angst zur Schule gehen. Warum ist es so schwer, die Beziehungskultur an einer Schule zu ändern?
Wolfgang Vogelsaenger:
Inspektionen messen nur, sind selten Hilfe, meist auch noch  beziehungsfeindlich. Eigentlich könnte eine gute Beziehungskultur ganz simpel sein: Werden an einer Schule das „Ich“, das „Du“ und das „Wir“ respektiert, dann gibt es auch kein Mobbing. Es geht darum, jeden Einzelnen als Subjekt zu behandeln und nicht zum Objekt zu machen. Denn nichts anderes ist Mobbing: Es ist eine Form, den anderen als Objekt zu instrumentalisieren, um sich selbst besser zu fühlen.

An einer Schule, an der alle Anerkennung finden und einander auf Augenhöhe begegnen, gibt es keinen Nährboden für Mobbing.

An einer Schule, an der alle Anerkennung finden und einander auf Augenhöhe begegnen, gibt es keinen Nährboden für Mobbing. Wichtig ist aber auch, dass jede Schülerin und jeder Schüler weiß, wohin sie oder er sich wenden kann, wenn sie oder er ein Problem hat.

So einfach scheint das in der Schulpraxis nicht zu sein. Streitschlichter auf dem Schulhof reichen da wohl nicht aus?
Streitschlichter sind eine gute Sache – denn es ist immer gut, wenn Gleichaltrige Probleme unter sich lösen. Aber es gibt Fälle, da reicht das nicht aus. An meiner ehemaligen Schule habe ich als Schulleiter die neuen Schülerinnen und Schüler immer begrüßt, indem ich ihnen am Tag der Einschulung die wichtigste Regel der Schule erklärt habe: „An dieser Schule darf niemand Angst haben – nicht vor anderen Schülern, nicht vor Zensuren, nicht vor Klassenarbeiten, nicht vor Lehrkräften oder dem Schulleiter und auch nicht vor den Eltern. Und sollte doch mal jemand von euch Angst haben und niemand anderen finden, dann steht meine Tür euch immer offen.“ Viele Schülerinnen, Schüler und Eltern haben sich später für diese Begrüßung bei mir bedankt, denn natürlich kommen nach der Grundschule die Kinder mit vielen Unsicherheiten an eine so große weiterführende Schule.

Häufig schauen sich ja die Schülerinnen und Schüler das Verhalten von den Erwachsenen ab. Welchen Anteil haben die Lehrkräfte, wenn die Beziehungskultur an einer Schule nicht stimmt?
Natürlich sind die Lehrkräfte immer Modelle. Die Schülerinnen und Schüler spiegeln, wie sich die Lehrkräfte untereinander oder gegenüber den Kindern verhalten. Wenn die Lehrkräfte etwas gegen Mobbing unternehmen wollen, müssen sie selbst glaubwürdig sein und nicht zum Beispiel einzelne Schülerinnen oder Schüler vor den anderen an den Pranger stellen oder herabwürdigend behandeln. Ein respektvolles Klima erreicht man, wenn auch im Kollegium Vertrauen statt Misstrauen herrscht. An meiner ehemaligen Schule konnten zum Beispiel die Lehrkräfte untereinander absprechen, wer wen vertritt oder wie sie den alltäglichen Stundenplan verändern wollen, ohne den Schulleiter zu fragen. Genau diese Eigenverantwortung erwarten wir ja von den Kindern in der Gruppenarbeit. Wer selbst Vertrauen erlebt, kann es glaubwürdig weitergeben.

Die Anmeldezahlen für das Forum „Beziehungen gestalten – erfolgreich lernen“ der Schulakademie waren enorm. Wie erklären Sie sich den großen Bedarf bei den Lehrkräften?
In der Ausbildung und auch in der Diskussion um die Qualität des Unterrichts spielt meist die Fachdidaktik eine Rolle, selten die „Beziehungsdidaktik“. Diesen Begriff findet man nicht mal in Wikipedia. Dabei wissen wir heute, dass Bildung und Lernerfolg wesentlich von professionellen pädagogischen Beziehungen abhängen. Es ist manchmal gar nicht so bedeutsam, ob eine Unterrichtsstunde professionell rein fachlich-methodisch vorbereitet wurde, wenn es der Lehrkraft gelingt, die Kinder mitzunehmen, sie zu begeistern und ihnen deutlich zu machen, dass man auch selbst von dem Thema begeistert ist. Umgekehrt kann eine perfekt vorbereitete Stunde völlig ins Leere laufen.

Viele Lehrkräfte stellen erst in der Schulpraxis fest, dass ihnen in kritischen Situationen die richtigen Werkzeuge fehlen für eine professionelle Beziehungsarbeit.

Die Beziehungen zu den Schülerinnen und Schülern müssten schon in den Ausbildungsseminaren der Referendarinnen und Referendare und in den Universitäten viel stärker in den Blick genommen werden. Viele Lehrkräfte stellen erst in der Schulpraxis fest, dass ihnen in kritischen Situationen die richtigen Werkzeuge fehlen für eine professionelle Beziehungsarbeit. Oder dass sie sich aufgrund ihrer Persönlichkeit nicht für den Lehrerberuf eignen. Auf dem Forum werden viele Workshops angeboten von Schulpreis-Schulen, an denen gute professionelle Beziehungen gelingen.

Mehr zum Thema

  • Am 11. und 12. Februar veranstaltet die Deutsche Schulakademie das Forum „Beziehungen gestalten – erfolgreich lernen! Pädagogische Beziehungen in der Schule professionell entwickeln“.
  • Im Zentrum stehen unter anderem folgende Fragen: Was wissen wir aus der Bildungsforschung über die Bedeutung von pädagogischen Beziehungen für die Kompetenzentwicklung und den Schulerfolg? Wie kann eine professionelle Beziehungskultur in multiprofessionellen Teams in Schulen entwickelt werden?
  • Mit dabei als Vortragende sind unter anderem die Psychologin Helga Breuninger, die Erziehungswissenschaftlerin Annedore Prengel, der Bildungsforscher Olaf Köller vom Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, sowie Sirkku Kupiainen von der Universität Helsinki.
  • Auf dem Schulportal finden Sie zudem ein aktuelles Konzept mit einem Video und Download-Material aus der Waldparkschule in Heidelberg zum Thema Beziehungskultur.
  • Die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen-Geismar wurde ab 1969 von Lehrern, Wissenschaftlern der Göttinger Universität, Architekten, Politikern und vielen anderen geplant und auf der grünen Wiese erstellt. Das Planungsteam hat dafür viele Reformschulen im In- und Ausland besucht. Auch in Schweden war man und brachte von dort nicht nur das flächendeckende Duzen in der Schule mit, sondern auch eine andere Haltung, die in dem Artikel von Maike van den Boom ganz aktuell wieder beschrieben wird.