Dieser Artikel erschien am 05.02.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Sascha Zoske

Antisemitismus an Schulen : Mit Fakten und Empathie gegen Judenfeindlichkeit

Wie lässt sich Judenfeindlichkeit in Schulen bekämpfen? Mit pädagogischen Bemühungen allein ist dem Anti­semitismus nach Über­zeugung von Wissen­schaftlern nicht beizukommen.

Kippa
Antisemitismus: Juden werden auch auf Schulhöfen immer wieder Opfer von Angriffen und Beleidigungen (Symbolbild).
©dpa

Gegen Antisemitismus helfen nicht nur guter Geschichts­unter­richt und die Fahrt zur KZ-Gedenk­stätte, sondern auch das Lernen von Grammatik­regeln und die Suche nach den Gemeinsam­keiten unter­schiedlicher Tier­skelette. Das mag erst einmal absurd klingen, lässt sich aber nach Ansicht von Alexandra Kurth und Samuel Salzborn plausibel begründen.

Die Politikwissenschaftlerin der Uni Gießen und der Berliner Professor für Anti­semitismus­forschung haben in einem Gutachten Über­legungen formuliert, wie sich Juden­feindlichkeit in Schulen bekämpfen lässt. Ein Ansatz, der dazu beitragen kann, die Gedanken­gebäude von Israel­hassern und Welt­verschwörungs­gläubigen zu erschüttern, ist nach Ansicht der Forscher die Förderung abstrakten Denkens. Wer gelernt habe, auf der Grund­lage von Fakten logische Schlüsse zu ziehen, durch­schaue die Propaganda der Anti­semiten leichter.

Empathie und Mitgefühl stärken

Ebenso wichtig ist es nach Meinung von Salzborn und Kurth, konkrete Empathie zu stärken. Wenn Schüler etwa bereit seien, einem gestürzten Klassen­kameraden zu helfen, seien sie auch weniger anfällig für menschen­feindliche Welt­anschauungen. Im Kampf gegen Anti­semitismus kann das Mitgefühl durch Gedenk­stätten­besuche und die Beschäftigung mit Zeit­zeugen­berichten gestärkt werden. Aller­dings warnen die Autoren vor emotionaler Über­wältigung, die gut gemeint sei, aber das Gegen­teil des Gewollten bewirken könne und zudem kein Fakten­wissen ersetze. Sie verweisen in diesem Zusammen­hang auf Unter­suchungen, denen zufolge viele Studenten glaubten, sich in der Schule „permanent“ mit der NS-Zeit befasst zu haben – während sie tatsächlich noch nicht einmal in der Lage waren, Beginn und Ende des Zweiten Welt­kriegs richtig zu datieren.

Kurth, die mit ihrem Berliner Kollegen ein Seminar zum Thema Anti­semitismus konzipiert hat, ist nach eigenen Worten in der Lehrer­aus­bildung schon mit anti­semitischen Vor­fällen konfrontiert worden. Es gebe zwar noch keine empirischen Belege dafür, dass der Juden­hass in Schulen zugenommen habe, doch das Problem bestehe und müsse ernst genommen werden. Deshalb haben Kurth und Salzborn ihren Beitrag auch als Gutachten und nicht als wissen­schaftlichen Aufsatz deklariert: Sie wollen, dass er vor allem von Lehrern, Politikern und Verantwortlichen der Kultus­behörden gelesen wird.

Mischung aus „Prävention, Intervention und Repression“

Mit pädagogischen Bemühungen allein ist dem Antisemitismus nach Über­zeugung der Wissen­schaftler nicht beizukommen. Viel­mehr bedürfe es einer Mischung aus „Prävention, Intervention und Repression“. Schul­leiter dürften sich nicht scheuen, in schweren Fällen die Polizei einzu­schalten, anti­semitische Vor­fälle müssten zudem konsequent der Schul­auf­sicht gemeldet werden. Hessen, das dies seit vergangenem Jahr vorschreibe, sei damit weiter als andere Bundes­länder, etwa Rheinland-Pfalz, sagt Kurth. Ebenso wenig wie bei Schülern dürfe juden­feindliches Verhalten bei Lehrern geduldet werden. Nicht über­all werde in solchen Fällen das Disziplinar­recht hin­reichend genutzt.

Antisemitisches Denken bei Pädagogen ist nach Kurths Eindruck nicht selten eine „Erbschaft“ der Acht­und­sechziger-Bewegung. Oft verberge es sich hinter ein­seitiger Partei­nahme für die Sache der Palästinenser und Kritik am Zionismus, der pauschal als rassistische Ideologie denunziert werde. Die Politologin hat auf Fort­bildungs­seminaren fest­gestellt, dass mancher links eingestellte Lehrer sich schwer damit tut, in Israel einen demokratischen Staat zu sehen – und empört reagiert, wenn man ihm daraufhin Anti­semitismus vorwirft.

Alternative Fakten in Schul­büchern

Sorge bereitet Salzborn und Kurth auch die Tendenz, im Sinne einer vermeintlichen „Multi­perspektivität“ Juden­feindlich­keit nicht mehr klar zu verurteilen. Dies sei auch im Umgang mit muslimischem Anti­semitismus zu beobachten. Verschwörungs­theorien seien aber gerade keine alter­nativen Fakten, sondern Lügen.

Mit den Fakten nehmen es indes nicht einmal die Schul­bücher so genau, wie die Verfasser des Gutachtens fest­stellen. Gestützt auf Befunde der Deutsch-Israelischen Schul­buch­kommission, beklagen sie etwa die falsche Verwendung des Begriffs Palästina auf Land­karten, die den Nahen Osten nach der Gründung des Staates Israel zeigten. Bedenklich sei es auch, wenn den Schülern „Suggestiv­fragen“ gestellt würden – etwa, ob sie die Zerstörung der Häuser von „angeblichen“ palästinensischen Selbst­mord­atten­tätern gut fänden.

Informationen über alle Aspekte des Themas

Kurth stellt klar, dass es ihr nicht darum gehe, eine Diskussion über menschen­rechts­widrige Praktiken Israels zu unter­binden. Den Schülern müssten in einem solchen Fall jedoch Informationen über alle Aspekte des Themas geliefert werden, zum Beispiel über finanzielle Hilfen für die Familien palästinensischer Terroristen und die Rechts­grund­lagen, auf die sich Israel berufe.

Ein probates Mittel, um legitime Israel-Kritik von israel­bezogenem Anti­semitismus abzugrenzen, erwähnen Salzborn und Kurth in ihren Empfehlungen nicht: den „3D-Test“. Die drei „D“ stehen hierbei für Dämonisierung, Delegitimierung und Doppel­moral. Juden­feindlich ist es demnach zum Beispiel, den Umgang Israels mit den Palästinensern als „Holocaust“ zu bezeichnen, den Juden­staat als illegales „zionistisches Gebilde“ zu diffamieren und ihm anders als anderen Ländern kein Recht auf Selbst­verteidigung zuzubilligen. Kurth sagt, sie habe die „3D“-Regel im Aufsatz vielleicht unbewusst weg­gelassen, weil sie ihr so selbst­verständlich erschienen sei. Auch wenn der Test nicht alle Zweifels­fälle umfasse, sei er „natürlich hilfreich“.