Landkreis Erding : Mit einem festen Stundenplan zurück in die Sicherheit

An sieben Schulen im Landkreis Erding sind bis jetzt pädagogische Willkommensgruppen für aus der Ukraine geflüchtete Kinder und Jugendliche eingerichtet worden. So will man den traumatisierten jungen Menschen ein Stück Alltag zurückgeben.

Dieser Artikel erschien am 10.05.2022 in der Süddeutschen Zeitung
Kristina Remmert
Ukraine-Flagge im Klassenzimmer
Die Schüler aus der Ukraine sollen sich an den Schulen im Landkreis gut aufgenommen fühlen.
©dpa

An sieben Schulen im Landkreis Erding sind bis jetzt pädagogische Willkommensgruppen für aus der Ukraine geflüchtete Kinder und Jugendliche eingerichtet worden. Mit der Einrichtung der Gruppen will das Bayrische Kultusministerium den geflüchteten jungen Menschen ein Stück Alltag zurückgeben, das Struktur schafft – und damit eine gewisse Normalität. Außerdem sollen die Willkommensgruppen den Übergang in den bayrischen Unterrichtsalltag erleichtern – drei Monate nach Ankunft in Deutschland greift schließlich die Schulpflicht. Ehrenamtliche, Drittkräfte, Lehramtsstudierende, pensionierte Lehrkräfte, aber auch bereits vorhandenes pädagogisches Personal sollen den Schülerinnen und Schülern so nicht nur den Umgang mit der deutschen Sprache und ihrem neuen Umfeld erleichtern, sondern auch Betreuende und Ansprechpartner für sie sein. Die konkrete Ausgestaltung der pädagogischen Willkommensgruppen ist abhängig von der jeweiligen Schule und deren Möglichkeiten.

Robert Leiter, fachlicher Leiter des Schulamts Erding, erklärt, die Willkommensgruppen würden von einer Steuerungsgruppe eingerichtet, in die Vertreterinnen und Vertreter aller Schularten integriert seien, man treffe hier gemeinschaftliche Beschlüsse. Sobald an einer Schule mehr als zehn Kinder an einer Willkommensgruppe teilnehmen wollten, würde in der Regel eine solche an der Schule eingerichtet. Ansonsten würden die jungen Ukrainerinnen und Ukrainer auch ohne Willkommensgruppe an den Schulen vor Ort aufgenommen – man wolle nicht, dass die Schülerinnen und Schüler an andere Orte gefahren werden müssen. Obwohl diese Angebote freiwillig seien, würden sie gut genutzt, meint Leiter. Insgesamt nähmen bisher mehr als 150 Kinder an dem Unterricht in einer Willkommensgruppe in Erding teil, das sei den Zahlen vom Landratsamt zufolge mehr als die Hälfte aller jungen Ukrainerinnen und Ukrainer im Landkreis Erding, die gerade im Schulalter seien.

An der Grundschule Dorfen-Nord sind aktuell 16 Kinder Teil einer Willkommensgruppe. Der Unterricht habe für sie schon in der Woche vor den Osterferien begonnen. „Die Kinder haben hier einen festen Klassenstundenplan“, erklärt Gerhard Maintok, Rektor der Grundschule. Jeden Tag unterrichte eine Förderkraft in Anwesenheit einer Lehrerin aus der Ukraine zwei Stunden Deutsch. Danach übernehme die ukrainische Lehrkraft, unterrichte die Kinder auf ihrer Muttersprache. Bis 11.30 Uhr dauere der Unterricht dann meistens, sagt Maintok, „die Lehrerin aus der Ukraine würde natürlich gerne noch viel mehr machen – sie hat die Not dort schließlich miterlebt“. Weil in der Willkommensklasse Schülerinnen und Schüler aus allen vier Jahrgangsstufen zusammenkommen, gestalte sich der Unterricht zwar manchmal etwas schwierig, aber „wenn man die Kinder so sieht, weiß man, sie fühlen sich gut aufgehoben“, sagt der Schulleiter. „Es sind viele Kinder da, die sehr gerne lernen“, betont er, man merke, „wie schön sie es finden, diese Regelmäßigkeit zu erleben“.

Ausflug ins Deutsche Museum

Von ähnlichen Erfahrungen berichtet auch Regine Hofmann, Rektorin des Anne-Frank-Gymnasiums. Auch hier sei die Arbeit mit und in der pädagogischen Willkommensgruppe bisher „ein voller Erfolg“. Für den Deutschunterricht habe man die 17 ukrainischen Kinder und Jugendlichen an der Schule in zwei Gruppen aufgeteilt – je nach deren bereits vorhandenen Deutschkenntnissen. Sie haben so bis zu zwei Deutschstunden täglich. Wenn sie gerade nicht im Deutschunterricht seien, seien die Schülerinnen und Schüler in den regulären Klassen. Bei der Verteilung hierbei sei darauf geachtet worden, dass in jeder Klasse mindestens ein Schüler sei, der auch Russisch spreche und deshalb beim Übersetzen helfen könne. Auch einen Ausflug ins Deutsche Museum habe das Gymnasium mit den jungen Ukrainerinnen und Ukrainern schon gemacht; die Gruppe habe sich als „super interessiert“ gezeigt, wie Hofmann meint. Eine Schülerin habe dort sogar direkt eine Praktikumsstelle gefunden.

Nicht nur die Schülerinnen und Schüler selbst, auch die an der Umsetzung des Projekts des Kultusministeriums beteiligten Leiter, Organisatoren und Lehrkräfte haben die pädagogischen Willkommensgruppen bisher als sehr positive Erfahrung empfunden. Robert Leiter meint, das liege zu einem großen Teil an der Unterstützung, die man durch das Landratsamt in Zusammenhang mit der Aufnahme ukrainischen Personals erfahren habe, aber auch an einem „großartigen Engagement der Lehrkräfte, die Zusatzaufgaben übernehmen“. „Wir haben hier eine ganz enge Verbindung der Schulen untereinander und kurze Wege ins Landratsamt“, sagt er.

Schulmaterialien werden gespendet

Auch Gerhard Maintok (Grundschule Dorfen-Nord) ist dankbar für die Unterstützung von außen – Nachbarschulen, die keine eigene Willkommensgruppe hätten, hätten beispielsweise Federmäppchen gespendet, die Flüchtlingshilfe Dorfen und Erding habe die Schule bei Formalitäten und der Besorgung von Schulmaterialien unterstützt. Maintok betont: „Es ist schön, diese Solidarität zu erleben.“ Das Projekt könne so auch dazu beitragen, den Geflüchteten ein Willkommensgefühl zu vermitteln, und die Sprachbarriere zwischen allen Beteiligten aus dem Weg zu schaffen. Allerdings: Würde die Gruppe noch größer werden, werfe das bald Probleme mit Platz und Personal auf.