Homeschooling : „Mir tun die Kinder wahnsinnig leid“

Wie gelingt der erneute Distanzunterricht in Hamburg? Eltern und Lehrkräfte haben uns geschrieben. Sie schildern Herausforderungen, Verzweiflung – und tiefe Dankbarkeit.

Dieser Artikel erschien am 14.01.2021 auf ZEIT Online
Oskar Piegsa
Homeschooling
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An Hamburgs Schulen bleiben die meisten Klassenzimmer leer. Weil es immer noch sehr viele neue Infektionen gibt, sollen die Lehrerinnen und Lehrer ihren Unterricht online halten. Und die Eltern wurden aufgefordert, ihre Kinder wenn möglich zu Hause zu behalten.

Während die Schulen auf den ersten Lockdown im vergangenen März völlig unvorbereitet waren, haben inzwischen die meisten von ihnen neue Geräte und neue Software bekommen und zudem Routinen entwickeln können. Wie also läuft es? Das haben wir Leserinnen und Leser des Newsletters Elbvertiefung gefragt.

Eine Auswahl ihrer Antworten dokumentieren wir hier. Der Distanzunterricht gelingt nicht überall, so klingt in ihnen an. Er bleibt eine Frage des persönlichen Einsatzes. Und zwar von allen Beteiligten, den Schülerinnen und Schülern, den Eltern und nicht zuletzt den Lehrkräften.

„Mein Sohn ist neun Jahre alt, besucht die vierte Klasse und hat seit März 2020 kaum Unterricht gehabt. Sein Klassenlehrer weigert sich, Unterricht auch im virtuellen Raum anzubieten. Argumente hierfür: Kinder in dem Alter könnten nicht mit den Geräten umgehen und die Schule biete hierfür kein ausreichendes WLAN. Das höchste der Gefühle ist, dass sich die Kinder in Fünfergruppen für jeweils 15 Minuten pro Tag mit dem Lehrer auf der schulinternen Plattform einwählen und er die Hausaufgaben abfragt. (Ironie der Geschichte: Er ist der Computerlehrer der Schule …) Die Schulleiterin beruft sich darauf, dass sie nicht weisungsbefugt sei, sondern jeder Lehrer das für sich selber entscheiden könne. Mein Sohn geht in Eppendorf auf eine Grundschule. Alle Mittel und Gelder sind vorhanden. Wenn es darum geht, iPads zu spenden, schreien die Eltern hier gerne ‘Ja!’. Aber wir sind mittlerweile so verzweifelt, so unmotiviert. Ich kann nur höhnisch lachen, wenn mir jemand von Fernunterricht und digitalen Lösungen erzählt.“
– eine Mutter aus Eppendorf

„Die Stadtteilschule meines Sohnes hat ihre Hausaufgaben gemacht und pro Jahrgang ein Fernunterrichtskonzept erarbeitet, das gut durchdacht ist. Ich bin aber irritiert, dass einzelne Lehrer ihren Unterricht nicht machen können, weil sie sich bis heute nicht in das Lernmanagementsystem eingearbeitet haben, das seit Schuljahresbeginn genutzt wird. Zum Glück ist das eine Minderheit.“
– ein Vater aus Winterhude

„Was wir Lehrer zurzeit leisten sollen, ist realistisch nicht machbar. Diese Woche habe ich mehr als 70 Aufgaben zu korrigieren. Zwei Tage pro Woche muss ich an die Schule zum Präsenzunterricht, gleichzeitig läuft meine Betreuungspflicht für den Fernunterricht weiter. Weil ich mich nicht klonen kann, muss ich an diesen Tagen bis nachts E-Mails beantworten und weitere Aufgaben schicken.“
– eine Lehrerin

„Der Fernunterricht sieht bei meinem Sohn wie folgt aus: Pro Woche findet eine ‘Plauderstunde’ (30 bis 40 Minuten) mit der gesamten Klasse remote statt. Das ist alles. Mein Mann versucht seine Firma zu retten und ist von morgens bis abends im Büro. Wir sind mehr denn je auf mein Einkommen angewiesen, deshalb arbeite ich im Homeoffice. De facto muss sich unser Achtjähriger von morgens bis in den frühen Nachmittag alleine beschäftigen und Zettel und Arbeitshefte abarbeiten. Ich habe noch nie ein so schlechtes Gewissen gegenüber meinem Sohn gehabt und frage mich, ob ich nicht ständig die Aufsichtspflicht verletze, wenn ich ihn stundenlang im Zimmer nebenan allein lasse. Mir tun die Kinder wahnsinnig leid.“
– eine Mutter aus Eimsbüttel

„Der Frühjahrslockdown war für uns als Familie mit zwei Kindern traumatisch. Aber diesmal ist die Situation ganz anders! Meine beiden Kinder, der Gymnasiast und die Grundschülerin, haben täglich mindestens eine Videokonferenz als Unterricht plus wöchentliche Sprechstunden für Rückfragen. Die Lehrer stellen kreative Aufgaben, auch mal mit Augenzwinkern zum Beispiel Sport: Trage alle Aktivitäten an der frischen Luft in Teams (eine Internetplattform) ein. Ich bin beeindruckt von der Strecke, die Schulen in den letzten Monaten zurückgelegt haben, und ich sehe, dass so mancher Lehrer sich auf seine Kernaufgabe besonnen hat: Kindern auch unter ungewöhnlichen Umständen zum Verstehen zu verhelfen. Danke!“
– eine Mutter aus Bergstedt

„Im vergangenen Jahr wurden meine Söhne mit schlecht gescannten Aufgabenblättern versorgt oder wählten sich ‘halblegal’ per WhatsApp-Call in den Unterricht ein. Nun stellen wir fest, dass ein guter strukturierter Unterricht per Microsoft Teams möglich ist. Es ist aber noch Luft nach oben.“
– ein Vater aus Wandsbek

„Ich freue mich darüber, wie viel Onlineunterricht stattfindet!“

„Ich bin Mutter von zwei Töchtern, eine Grundschülerin (10) und eine Gymnastin (fast 13). Beide Schulen sind vorbildlich aufgestellt und ich muss sagen, dass ich mich sehr darüber freue, wie viel Onlineunterricht im Vergleich zum März stattfindet und wie gut die Organisation und Information klappen. Insbesondere von der Leiterin des Gymnasiums sind wir Eltern absolut begeistert! Sie reagiert, informiert, organisiert und ist so positiv und humorvoll dabei, dass es eine Freude ist.“
– eine Mutter aus Hoheluft

„Meine erste Arbeitswoche war großartig! Die Schüler sind pünktlicher als beim Präsenzunterricht, beteiligen sich sehr diszipliniert am Gespräch (alle immer Mikrofon auf mute, melden, Mikrofon einschalten und reden, Mikrofon wieder auf mute), arbeiten sogar freiwillig in der Zeit zwischen den Schultagen, dabei gibt es bei uns in der Regel keine Hausaufgaben, und erzielen echt gute Ergebnisse. Ich bin auch heilfroh, nicht mehr jeden Tag mit drei unterschiedlichen Gruppen à 20 jungen Erwachsenen in einem Raum sitzen zu müssen.“
– ein Lehrer einer Berufsschule

„Grundsätzlich ist das Unterrichten von Oberstufenschülern von zu Hause aus gut machbar. Kommunikation in Echtzeit, Unterricht in Kleingruppen und Sprechstunden für einzelne Schüler bei Bedarf: Alles kein Problem. Das geht aber nur, wenn man als Lehrkraft sich nicht auf die Nutzung der von der Behörde vorgesehenen Kommunikationsplattformen beschränkt (die ihre technischen Probleme haben), sondern auch andere Dienste und vor allem eigene Endgeräte verwendet. Ich habe den Unterricht mit meinen Schülern im Vorfeld noch in Präsenz erprobt – unter Verwendung eines persönlichen Hotspots, hergestellt über Bluetooth und mein Handy, weil meiner Schule eine vernünftige Internetverbindung immer noch abgeht.“
– ein Lehrer einer Stadtteilschule

„Videokonferenzen sind häufig überlastet, Ton oder Bild funktionieren nicht, oder man kann sich gar nicht erst einwählen. Ich bin bei meiner jüngeren Tochter, die eine Grundschule besucht, also ständig dabei und muss technisch intervenieren. Hinzu kommt, dass Kinder in dem Alter gedanklich abschweifen und den Anschluss nicht wiederfinden. Eine einstündige Zoom-Session ist schon für Erwachsene anstrengend. Man kann sein Kind nicht unbeaufsichtigt mehrere Stunden vor dem Bildschirm lassen.“
– eine Mutter aus Niendorf

„In unserer Familie gibt es jetzt ein beidseitig beschriebenes Schild. Auf der einen Seite steht ‘Mama ist in einer Videokonferenz, geh zu Papa’, auf der anderen Seite steht ‘Papa ist in einer Videokonferenz, geh zu Mama’. Dieses Schild wechselt immer zwischen Küchentür (hinter der mein Mann arbeitet) und Wohnzimmertür (wo ich arbeite). Heute hat mein Sohn weinend im Onlineunterricht seiner Klasse gesessen, weil mein Mann und ich parallel in Videokonferenzen waren und bei einem technischen Problem nicht helfen konnten.“
– eine Mutter aus Eimsbüttel

„Es wird zu wenig über die Nebenwirkungen des digitalen Unterrichts gesprochen. Unser großer Sohn, der die sechste Klasse des Gymnasiums besucht, hat zwar verlässlich Unterricht per Videokonferenz. Aber am Computer kann man nebenher auf YouTube klicken, chatten, statt dem Mathe-Unterricht zu folgen, oder, oder, oder. Wir können als Eltern nicht pausenlos dahinterstehen, um dies zu kontrollieren. Und welche Kinder merken selbst, wie schnell sie sich ablenken lassen (merken wir Erwachsene das überhaupt)?“
– eine Mutter aus Lemsahl-Mellingstedt

„Mein Sohn sitzt um kurz nach acht Uhr am Rechner, damit er einen einigermaßen geregelten Tagesablauf hat. Ich bin in der komfortablen Situation und arbeite fast ausschließlich im Homeoffice, sodass ich mitbekomme, wann er am Rechner für die Schule arbeitet oder mit seinen Freunden spielt. Die Spielzeit überwiegt, aber so viele Alternativen haben Jungs mit 14 oder 15 Jahren auch im Moment leider nicht.“
– eine Mutter aus Osdorf