Dieser Artikel erschien am 03.05.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Swantje Unterberg

Petition gegen „Grundschulabitur“ : „Mein Sohn hatte oft Bauchschmerzen und Kopfweh“

Anfang Mai entscheidet sich für Viert­klässler in Bayern, ob sie aufs Gymnasium dürfen. Das hängt vom Noten­schnitt ab. Seit Jahren kritisieren Eltern den damit verbundenen Leistungs­druck – einer Mutter reicht es nun.

Traurige Grundschülerin (Symbolbild).
Traurige Grundschülerin (Symbolbild).
©Getty Images

Natalie Tews hat in diesem Schuljahr häufiger geweint. Wie ihr ging es auch anderen Müttern an der Schule ihres Sohnes. „Es lief einfach nicht optimal“, sagt die 40-Jährige aus dem bayerischen Krumbach über den anstehenden Schul­wechsel ihres Ältesten. Damit meint sie aller­dings nicht die Leistung des Zehn­jährigen, sondern die vielen Tests für den Viert­klässler.

In Bayern bekommen die Grund­schüler Anfang Mai eine Empfehlung für ihre weitere Schul­lauf­bahn. Grund­lage ist der Noten­durch­schnitt in den Haupt­fächern. Die Kinder stünden deshalb das ganze Jahr unter Druck, sagt Tews, die Eltern­sprecherin ist.

Kaum bekämen die Kinder zu Beginn des Schuljahrs den ersten Stoff vermittelt, gehe es los mit den sogenannten Proben. Rund 20 solcher Tests schreiben die Viert­klässler zwischen Oktober und April in Mathe, Deutsch und Heimat- und Sach­unterricht, wie ein Sprecher des Kultus­ministeriums bestätigt. Wer einen Noten­schnitt bis einschließlich 2,33 schafft, darf demnach aufs Gymnasium, die Real­schul­lauf­bahn wird von der Schul­behörde bis 2,66 empfohlen.

Kinder klagen über Schmerzen und Schlaf­störungen

„Mein Sohn hatte oft Bauch­schmerzen und Kopf­weh“, sagt Tews. „Ich habe zu ihm gesagt: Wenn dir das zu viel wird, hörst du auf zu lernen. Aber er wollte unbedingt die Empfehlung fürs Gymnasium schaffen. Er hat ja auch seinen Ehr­geiz.“ Andere Eltern hätten ihr von Schlaf­störungen ihrer Kinder berichtet. Manch ein Viert­klässler habe angefangen, an sich selbst zu zweifeln.

„Grundschulabitur“ nennen Kritiker die Tests, die für die weitere Schul­lauf­bahn so wichtig sind. Doch Tews findet das noch beschönigend. Beim Abitur seien die Aufgaben wenigstens für alle gleich. Die Proben hingegen fielen ganz verschieden aus. Mal seien die Fragen uneindeutig, mal die Bewertungen nicht schlüssig, so empfindet es die Mutter. Darüber hat sie sich beschwert. Bis hoch zum Schul­amt ging das. Hätte sie sich nicht eingemischt, hätte ihr Kind eine schlechtere Note gehabt, sagt sie.

Auch Michael Zehtleitner, selbst Vater von bayerischen Schul­kindern, zweifelt an der Vergleich­bar­keit der Eignungs­prüfung. Dem Psychologie­professor war auf­gefallen, dass sich der Noten­durch­schnitt von Region zu Region stark unter­scheide. Während in Starnberg in den vergangenen Jahren meist über 70 Prozent der Schülerinnen und Schüler eine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen hätten, seien es in Schwein­furt unter 40 Prozent gewesen.

Kritik an sozialer Ungerechtig­keit

Zehetleitner hat die Grünen zu einer Anfrage im Bayerischen Land­tag angeregt und dann die Daten aus der Antwort ausgewertet. Er habe dafür seine Statistik­kompetenzen als Psychologie­professor genutzt, sagt Zehetleitner, der hier als Vater, nicht als Wissenschaftler spricht. Seine Frau engagiert sich in einer Bürger­initiative für die Abschaffung der verbindlichen Schul­empfehlung in Bayern. „Es ist eindeutig, dass die Unter­schiede nicht zufällig, sondern systematisch sind“, sagt Zehetleitner.

Der Dozent verglich die Über­tritts­empfehlung mit Statistiken zum sozio­ökomischen Hinter­grund. Auch hier sei der Zusammen­hang eindeutig: In Regionen mit vielen Akademikern sei auch der Anteil der Gymnasial­empfehlungen hoch. Gebe es viele Familien mit Migrations­hinter­grund, sei der Anteil niedriger. Zehetleitner findet das ungerecht.

Immer wieder belegen Studien, dass der Schulerfolg in Deutschland tatsächlich stark vom sozialen Hinter­grund abhängt. Das ist spätestens seit dem Pisa­schock von 2001 klar und wird nur langsam besser, wie zuletzt die Bildungs­studie der OECD gezeigt hat.

Familienleben über­schattet

Natalie Tews will das nicht länger hinnehmen. Kurz vor der Schul­empfehlung für ihren Großen hat sie deshalb eine Petition an den Bayerischen Kultus­minister gestartet. Mit 37 Ausrufe­zeichen unter­streicht sie ihr Anliegen. Drei davon vergibt sie gleich zu Beginn ihrer Petition, weil der Über­tritt in Bayern zurzeit „nicht gerecht und chancen­gleich ist!!!“

Seit Mitte April hat sie erst gut tausend Unter­schriften eingesammelt. Doch seit Anfang Mai die Zeugnisse mit der Über­tritts­empfehlung an die Viert­klässler verteilt worden sind, werden es mehr.

Der Bayerische Elternverband kritisiert den Druck, „der das gesamte Familien­leben über­schatten kann“, und fordert, „wenigstens versuchs­weise die eingefahrenen Selektions­schienen“ zu verlassen. Es sei nicht zufrieden­stellend, dass allein Noten so weit­reichende Folgen hätten, sagt der Landes­vor­sitzende Martin Löwe. Sie würden nur einen geringen Teil der Stärken des Kindes abbilden.

Lehrer halten Druck kaum stand

Die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrer­innen­verbandes (BLLV) fordert das Kultus­ministerium auf, das gängige Verfahren kritisch zu hinterfragen. „Dieser Marathon über­fordert viele Kinder“, sagt Simone Fleischmann. Auch für die Lehrer sei die vierte Klasse eine extreme Heraus­forderung. „Viele halten dem Druck, der in dieser Zeit auch von vielen Eltern ausgeübt wird, kaum noch stand“, so Fleischmann. Viele Lehrer lehnten deshalb die Leitung dritter und vierter Klassen ab.

Doch Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) verteidigt das System. In den vergangenen zehn Jahren sei bereits nach­gebessert worden, teilt er dem SPIEGEL mit. Eltern hätten inzwischen ein Mit­sprache­recht: Sie könnten ihre Kinder zum Beispiel zum Probe­unterricht aufs Gymnasium oder die Realschule schicken, wenn der Noten­durch­schnitt nicht reicht. Und sogar darauf bestehen, dass die Kinder dort auf­genommen werden, selbst wenn sie an den drei Probe­tagen nur Vieren bekämen.

Eltern­wille statt Noten gefordert

Aber die Kritik am „Grund­schul­abitur“ ebbt trotz­dem nicht ab. Selbst die Vorsitzende der Landes-Eltern-Vereinigung der Gymnasien in Bayern, die Eltern vertritt, deren Kinder den Sprung aufs Gymnasium bereits geschafft haben, spricht sich gegen die bestehenden Regeln aus. Susanne Arndt sagt, sie halte es persönlich für besser, auf die Einschätzung der Lehr­kräfte statt auf Noten zu setzen.

Zehetleitner und Tews sehen das ähnlich. Sie fordern, das künftig Eltern über die Schul­wahl entscheiden dürfen – aller­dings auf Grund­lage einer Empfehlung der Lehr­kräfte, so wie es in den meisten Bundes­ländern bereits üblich ist.

Kultusminister Piazolo kontert, gerade das verstärke die Ungerechtig­keit, da Akademiker ihre Kinder eher aufs Gymnasium schickten. Forscher aus Berlin haben dafür in einer Studie von 2015 aller­dings keine Belege gefunden. Demnach wechselten nicht mehr Kinder aus bildungs­nahen Eltern­häusern auf das Gymnasium, wenn die Eltern darüber entschieden. Aller­dings lasse sich aus den Ergebnissen auch nicht ableiten, dass es mit dem Eltern­willen gerechter zugehe, stellten die Forscher fest.

Stress wächst bei verbindlicher Empfehlung

Wissenschaftler der Universität Würzburg sehen das Problem ohnehin in einem anderen Punkt: Sie verglichen die Belastung der Kinder in Bayern und Hessen: Fast die Hälfte der Kinder aus Bayern litt demnach den Eltern zufolge unter Stress. In Hessen dagegen, wo die Empfehlung der Schule nicht verbindlich ist, habe lediglich ein Viertel der Eltern angegeben, dass der Über­gang ihr Kind sehr belaste.

Piazolo aber stellt in Frage, wer hier Druck macht: Geht er von den Kindern aus oder kommt er von außen, etwa weil die Eltern das Kind unbedingt auf dem Gymnasium sehen wollen? Selbst wenn der Erwartungs­druck von Eltern komme, sei die Stress­belastung in Bayern höher, sagen die Forscher. Aller­dings sehen auch die Verbände die Eltern in der Verantwortung, die Kinder mit ihren Erwartungen nicht zu über­fordern.

Natalie Tews weist so ein Verhalten weit von sich. Von ihr und ihrem Mann käme der Druck nicht. So oder so – ihr Sohn hat es geschafft. Er darf aufs Gymnasium. Seine Mutter will trotzdem für neue Regeln kämpfen – um ihren Töchtern den Stress in zwei Jahren zu ersparen.