Schule der Zukunft : Mehr Digitalisierung? Mehr Lehrer!

Die Digitalisierung der Schulen drohte nach den Sommerferien schon wieder ins Stocken zu geraten. Jetzt ist das Gespenst des Wechselunterrichts zurück – und mahnt zur Transformation, aber zu welcher?

Dieser Artikel erschien am 15.11.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Uwe Ebbinghaus
Klassenzimmer werden digitaler
Klassenzimmer werden digitaler
©sturti/iStock

Die Pandemie ist unnachgiebig. Nach den Sommer- und Herbstferien schien sich die coronabedingte Ausnahmesituation an den Schulen beruhigt zu haben, viele konnten in eine Art Konsolidierungsphase übergehen. Die fehlenden Luftfilter gerieten aus dem Blick, die Tests in den Schulen wurden zurückgefahren. Vielerorts wurden schon wieder die alten analogen Routinen abgerufen. Die Worte des Bundespräsidenten aus dem Juli, die Pandemie habe die Schwachstellen bei der Digitalisierung „schonungslos offengelegt“, diese seien dringend zu beseitigen, verhallten. Zum Schuljahresbeginn rückten andere unbewältigte Probleme wie Lehrermangel und Unterrichtsausfall in den Vordergrund. Die Ständige wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz immerhin umriss in einer Stellungnahme, wie die Voraussetzungen von gelingendem digitalen Lernen aussehen könnten. Aber es sind noch nicht einmal die Kernforderungen des alten Strategiepapiers zur Digitalisierung aus dem Jahr 2016 umgesetzt, in dem es noch viel um Infrastruktur ging.

Nun hat sich innerhalb weniger Tage die Situation an den Schulen wieder verschärft. Der Inzidenzwert steigt exponentiell, in Berlin haben bereits erste Grundschulen auf Wechselunterricht umgestellt. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird es viele Schulen ohne tragfähige digitale Strategie abermals kalt erwischen. Denn noch immer ist die Schullandschaft bei der Digitalisierung stark gespalten. Eine Untersuchung der Universität Göttingen, deren Daten bis auf den Jahresbeginn zurückreichen, unterscheidet in „Digitale Vorreiter-“, „Digital orientierte“, in „Durchschnitt-“ und „Nachzügler-Schulen“. Letztere beiden machten dabei 62 Prozent der Schulen in Deutschland aus; zu den Vorzeigeschulen gehörten nur zwölf Prozent. Unter den meisten Schülern herrscht derweil große Unsicherheit. Der neue Abiturjahrgang, der den unzureichenden Distanzunterricht der letzten Jahre in voller Breite erfahren hat, würde das vorpandemische System wohl gerne gegen die Teilnahme an einem rumpelnden „Digitalisierungsschub“ eintauschen.

Die Schule als „Resilienzzentrum“

In diese unübersichtliche Gemengelage fiel jetzt ein vom rheinland-pfälzischen Bildungsministerium veranstalteter Kongress zur „Schule der Zukunft“, auf dem Ministerpräsidentin Malu Dreyer zum Auftakt den Aufbruch in ein „Zeitalter der Transformation“ ankündigte, gemeint war wohl die digitale. Die Podiumsdiskussion nach einem Impulsvortrag, in dem es von Begriffen wie „Skillset“ und Forderungen nach „gutem Leadership auf Schulleiterebene“ nur so wimmelte, war dann insofern bemerkenswert, als die Digitalisierung von allen Beteiligten sehr kritisch gesehen wurde. So fragte Hans Anand Pant von der Humboldt-Universität, ob eine weitgehende Digitalisierung nach lettischem Vorbild in Deutschland überhaupt sinnvoll wäre, und Matthias Busch von der Universität Trier lenkte zwar den Blick auf die Möglichkeiten zum individuellen Lernen auf der Grundlage von KI-Software, gab im nächsten Moment aber Probleme beim Datenschutz und der angestrebten Chancengleichheit zu bedenken. Dieses Ergebnis war angesichts der Erfordernisse in einer Pandemie dann doch überraschend mager.

Die Schule wurde vor allem als „Resilienzzentrum“, „Schonraum“, als „Beziehungsraum“ gepriesen, „Reallabore“ und ein „Freiday“ seien nötig, um auf die Herausforderungen der Zukunft und die anstehenden Multigrafien vorzubereiten. Die Aufbruchstimmung ging in eine eher analoge Richtung. Uneinigkeit herrschte eigentlich nur in der Frage, ob jetzt eher zur „Schulentwicklung“ oder zur „Schultransformationsentwicklung“ geschritten werden müsse. Es war an Markus Warnke von der Wübben Stiftung, daran zu erinnern, dass es bei allen Verbesserungsvorschlägen am Ende „um Ressourcen, ums Geld“ gehen werde.

Bildungsministerin Stefanie Hubig kündigte in ihrem Ausblick dann zur Unterstützung von Pionierschulen immerhin einen zweistelligen Millionenbetrag für die kommenden drei Jahre an. Von zusätzlichen Lehrerstellen, die von den Verbänden seit Jahren gefordert werden, war nicht die Rede. Ohne sie aber, ohne eine erhebliche Steigerung der Bildungsausgaben, wird es – darin sind sich alle praktisch am System Beteiligten einig – wohl keinen echten Transformationsprozess nach wohin auch immer geben.