Dieser Artikel erschien am 26.07.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autorin: Anna Vollmer

Lernen mit Youtube : Mathe in fünf Minuten

Lernen kann man nicht nur in der Schule: Immer mehr Schüler schauen sich dazu auch Videos an. Der Kanal von Mathelehrer Kai Schmidt ist besonders beliebt. Das kommt nicht von ungefähr.

Kai Schmidt sitzt an seinem Schreibtisch und rechnet eine Matheaufgabe. Nichts Ungewöhnliches für einen Mathe­lehrer. Einige Stunden später werden sich Tausende Schüler seine Rechnung auf Youtube ansehen. Denn Kai Schmidt ist nicht nur Lehrer und Schul­leiter einer Ober­schule in Nieder­sachsen, er ist auch Youtuber. Auf seinem Kanal „Lehrer Schmidt“ hat er seinen Beruf zum Hobby gemacht: Online erklärt er Bruch­rechnen, schriftliches Dividieren, Geometrie. Über 170.000 Abonnenten hat sein Kanal, seine Videos werden hundert­tausend­fach geklickt, Kopf­rechnen gar über eine Million Mal.

Immer mehr Schüler schauen sich auf Youtube nicht nur Musik- oder Katzen­videos an, sondern auch Lern­videos. Laut einer Studie des Rats für kulturelle Bildung nutzt fast die Hälfte der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren die Plattform, um Unterrichts­inhalte zu wiederholen, Haus­aufgaben zu machen und sich auf Prüfungen vorzu­bereiten. Der deutsche Youtube-Kanal mit den meisten Abonnenten spiegelt das wieder: „Kurz­gesagt – In a nutshell“ ist ein Bildungs­kanal, der über politische, gesellschaftliche und natur­wissen­schaftliche Themen aufklärt.

Kai Schmidt überrascht all das nicht. Eher schon der Hype, der um dieses „neue“ Medium entstanden ist. Die Ergebnisse, sagt Schmidt, hätte man auch schon vor vier Jahren haben können. Doch nicht nur die Debatte um Youtuber Rezo hat gezeigt, wie weit die mediale Öffentlichkeit von der digitalen entfernt ist: „Ich war jetzt sogar in den ,Tagesthemen’, aber an meinen Abonnenten­zahlen hat sich nichts signifikant geändert“, erzählt Schmidt.

Kommentare: „Anders wäre das gar nicht zu schaffen“

Die meisten seiner Abonnenten sind Schüler: „Sie sind der beste ich hätte sie gern als lehrer (können sie die kürzung erklären schreibe morgen eine mathe arbeit“, steht zum Beispiel unter einem seiner Videos. Oder: „Bro Danke viel malll!!!!! ohne dich wehre mein Test safe ne 3 (in der schweiz).“ Hunderte von Kommentaren bekommt Schmidt am Tag, manchmal sogar bis zu 3000. Er antwortet auf jeden einzelnen: „Ich finde, das gehört sich einfach so.“ Er hat sich Shortcuts angelegt: Tippt er „vd“ ein, steht dort „vielen Dank“. „Anders wäre das gar nicht zu schaffen.“

In seinem Gästezimmer hat Schmidt sich ein Studio gebaut. Eine schwarze Wand, vor der er sein Intro dreht, ein selbst­gebautes Gerüst, mit Hilfe dessen er sich filmen kann, wenn er seine Mathe­auf­gaben aufschreibt. Immer mit der Hand, mit verschiedenen Farben und Geodreieck. Wie in der Schule, diese Optik ist ihm wichtig. Auf dem Schreib­tisch stehen drei Bild­schirme. Hier schneidet Schmidt seine Videos und verfolgt die Besucher­zahlen auf seinem Kanal. Gerade ist es ruhig, 3700 Besucher, die Hochzeit ist abends, zwischen 19 und 22 Uhr. An den Aufs und Abs der Besucher­zahlen kann Schmidt ablesen, was gerade auf dem Lehr­plan steht – und womit die Schüler Schwierig­keiten haben. Bruch­rechnen ist der Hit, römische Zahlen eher nicht so. „Dabei dachte ich, dass sei so ein tolles Thema!“ Seine Zuschauer nutzen Youtube sehr praktisch: Was nicht im Unterricht vorkommt, ist wenig relevant; nach der Prüfungs­zeit sacken die Zahlen in den Keller. Einer der häufigsten Kommentare unter Schmidts Videos ist etwas wie: „Lehrer Schmidt ich will einfach sagen Sie sind der aller beste. Unser Lehrer kann gar nicht erklären ich schaue ihre Videos und verstehe alles.“ Was macht Schmidt anders als andere Lehrer? Liegt es an ihm – oder an der Platt­form?

Die Mathematikdidaktikerin und Dekanin der School of Education an der Technischen Universität München (TUM), Kristina Reiss, wundert sich, dass viele Schüler so begeistert von Erklär­videos sind. In ihrer Forschung hat die Professorin eher negative Erfahrungen mit diesem Format gemacht. Oft seien Videos sogar noch passiver als Frontal­unterricht: „Selbst beim schlechtesten Unterricht stellt mal jemand eine Zwischen­frage. Kein Lehrer redet 45 Minuten, das würde an den Schülern vorbei­gehen.“ An ihrem Lehr­stuhl arbeitet Reiss mit inter­aktiveren Methoden. In einem E-Book zum Thema Bruch­rechnen können Lernende virtuell Dinge tun, die sie auch in der analogen Welt tun würden – eine Pizza teilen zum Beispiel. Eigen­tätig­keit sei zentral, sagt Reiss. Deshalb würden Videos auch vor allem dann gut funktionieren, wenn man dabei selbst aktiv werde. Man könne sich vielleicht beibringen, kleine Defekte einer Wasch­maschine zu reparieren. Bei abstrakten Konzepten wie Mathematik sei das aller­dings schwieriger: „Sich Vorträge online anzuhören strengt oft an und macht müde. Die Konzentrations­spanne ist extrem kurz, selbst wenn man gut­willig ist.“ Diesen Punkt sieht auch Schmidt. Seine Videos dauern häufig nur drei bis fünf Minuten, selten länger als zehn.

Es fehlt ein Qualitäts­siegel

Auch auf den Lehrer könne man nicht verzichten, sagt Schmidt. Der persönliche Kontakt und der Austausch mit seinen Schülern sei zentral, Youtube nur eine Ergänzung. In seinen Videos sieht man deshalb nicht nur den Rechen­vorgang, sondern immer auch ihn selbst. Wie im echten Unterricht ist die Lehrer­persönlichkeit auf Youtube wichtig, vielleicht sogar noch wichtiger – denn dort können sich Schüler ihre Lehrer selbst aussuchen. Das kann aller­dings auch ein Nachteil sein: Der Sympathischste muss nicht unbedingt der Kompetenteste sein.

Weder Schmidt noch Reiss glauben, dass Jugendliche dazu in der Lage sind, zu bewerten, welches Video ihnen korrekte Inhalte vermittelt. „Wie sollen sie auch? Wenn man zu einem Thema nichts weiß, kann man die Informationen, die einem vermittelt werden, nicht einschätzen“, sagt Reiss. Medien­bildung, meint Schmidt, sei aus diesem Grund fundamental, auch wenn die Algorithmen mittler­weile gut funktionierten: „Die oberen Videos sind meistens auch die besten.“ Aber möchte man sich darauf tatsächlich verlassen? Offenbar nicht, denn auch 60 Prozent der Schüler wünschen sich im Unterricht eine aktive Auseinander­setzung mit Youtube.

Eine Lösung wäre eine Art Qualitätssiegel oder, noch besser, eine Lern­platt­form, sagt Schmidt, auf der Lehrer wie er Videos hochladen könnten. Ob die die gleiche Anziehungs­kraft wie Youtube hätte, ist allerdings fraglich. Denn vermutlich ist es die Kombination von Freizeit und Schule, die die Platt­form bei Jugendlichen so beliebt macht: „Wenn man zum Gaming auf Youtube ist, kann man sich auch schnell noch ein Mathe­video anschauen“, glaubt Schmidt. Sicherlich liegt die Attraktivität von Youtube aber auch daran, dass man genauso schnell wieder zurück beim Gaming ist.

An Schmidts Wand hängt eine Plakette: Silbern, mit einem Play­button in der Mitte. Die bekommt jeder, der auf Youtube 100.000 Abonnenten hat. Vielleicht ist sie der Grund dafür, dass Lehrer Schmidt ganz selten auch wütende Kommentare lesen muss: „Na ja, der durch­schnittliche Zwölf­jährige möchte Youtuber werden. Und dann sieht er dort einen Lehrer, und der hat auch noch mehr Follower als er – mag sein, dass das manch einer nicht verkraften kann.“