Dieser Artikel erschien am 20.11.2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Jürgen Kauber

Mädchen, lernt mehr Mathe!

In Ostdeutschland können Mädchen besser rechnen als im Westen. Woran mag das nur liegen?

Tafel im Mathematikunterricht
Noch immer studieren wenige Mädchen Mathematik.
©dpa

Vor 25 Jahren lag der Anteil der weiblichen Studenten an deutschen Hoch­schulen noch knapp unter 40 Prozent. Zehn Jahre später war die Lücke fast geschlossen, und es studierten anteils­mäßig fast so viele Frauen, wie in einem Jahr­gang vertreten sind, nämlich knapp 50 Prozent. In manchen Fächern, von der Jurisprudenz bis zur Medizin, liegen die Anteile inzwischen deutlich höher, von Kunst­geschichte, Psychologie oder Germanistik ganz zu schweigen.

Nur in Studiengängen, die viel Mathematik voraussetzen, ist es anders. In der Physik entfallen zurzeit etwa 20 Prozent der Studien­abschlüsse auf Frauen, wobei das Lehramt stark dominiert. Etwas ältere Zählungen der Chemiker von 2013 kamen auf stagnierende 40 Prozent. Bei den Bau­ingenieuren machen Frauen nur ein gutes Viertel der Studenten aus, bei den Wirtschafts­ingenieuren verhält es sich ähnlich. In der Informatik ist es nicht einmal ein Fünftel, im Maschinen­bau ein Zehntel.

Auch in der Mathematik greift dasselbe Muster. Von zehn Studenten, die sich für Mathematik im Lehramt der Grund­schule einschreiben, sind acht Frauen. Geht es ums Lehramt an Gymnasien, sind es fünf. In Mathematik außer­halb des Lehr­amts kommen dann nur noch drei Frauen auf sieben Männer.

Dieses Muster der Studienfachwahl schlägt sich nicht zuletzt in den geschlechts­spezifischen Einkommens­profilen nieder. Wie Francine Blau und Lawrence Kahn von der amerikanischen Cornell-Universität kürzlich in ihrem Überblick zum „Gender-Wage-Gap“ gezeigt haben, erhalten Frauen über alle Berufe hinweg derzeit etwa 80 Prozent dessen, was Männer verdienen. Auf die Verweil­dauer im Arbeits­markt geht das kaum mehr zurück und auf die Höhe des Bildungs­abschlusses ebenfalls nicht. Aber eben unter anderem auf die studierten Fächer. Denn Ingenieure verdienen durch­schnittlich mehr als Pädagogen, Physiker mehr als Psychologen.

Woran liegt es, dass Frauen in den Mathematik-nahen Berufen und Studien­fächern weniger stark vertreten sind? Als der Ökonom Lawrence Summers 2005 auf einer Konferenz zum Thema etwas frei­händig darüber spekulierte, es könnten dafür im Bereich der mathematischen Leistungs­fähig­keit geschlechts­spezifische Begabungen ursächlich sein, war er nach heftigen Diskussionen ein Jahr später seinen Posten als Präsident der Harvard-Universität los. Tatsächlich hat sich die Forschung bislang nicht einigen können, ob die Hypothese zutrifft, dass Männer sowohl unter den ganz schlechten wie unter den sehr guten „Rechnern“ stärker vertreten sind. Hinzu kommt die Frage, ob man, um ein Ingenieur­studium erfolgreich abzuschließen, überhaupt sehr gut in Mathematik sein muss oder ob nicht solide Leistungen genügen.

Zwei französische Ökonomen haben jetzt anhand eines in Deutschland durch­geführten Experiments untersucht, ob der Studien- und Berufs­wahl nicht vielmehr rationale Kalküle zugrundeliegen. Das Experiment ist die Wieder­vereinigung. In den ost­deutschen Bundes­ländern, so weisen die Forscher nämlich nach, ist die Distanz von jungen Frauen gegen­über Mathematik weit weniger ausgeprägt als im Westen des Landes. Die Mädchen haben dort auch zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer bessere Noten in Mathematik, teilen weniger Reserven gegen­über dem Fach mit, fühlen sich weniger durch das Fach gestresst und trauen sich mehr in ihm zu. Insgesamt unter­scheiden sie sich weniger stark von ihren männlichen Mit­schülern, als das bei Schülerinnen im Westen der Fall ist. All das geht übrigens nicht mit Defiziten bei den sprachlichen Leistungen einher.

Mehr Schulstunden in Mathematik erhielten die so dem Fach gewogenen Mädchen in den ostdeutschen Bundes­ländern nicht. Auch in anderen Merkmalen des Unterrichts – den Methoden der Lehrer, ihren Leistungserwartungen, ihrer Wert­schätzung nicht­mathematischer Fähig­keiten – erkennen die Ökonomen keinen ausschlag­gebenden Unter­schied, genauso wenig wie in der stärker protestantischen Prägung der ostdeutschen Familien.

Die Erklärung der Wissenschaftler ist vielmehr: In der DDR wurde früh die berufs­tätige Frau als Rollen-Ideal propagiert. 1990 waren 89 Prozent aller ost­deutschen Frauen in einem Beruf und 92 Prozent der Männer. Die Vergleich­zahlen für West­deutschland liegen bei 56 und 83 Prozent. Zehn Jahre später sah es nicht viel anders aus: 80 Prozent berufs­tätige Frauen im Osten, 65 Prozent im Westen.

Frauen, so die ökonomische Deutung, haben sich in der DDR in viel stärkerem Maße in einer Konkurrenz­situation gegenüber Männern gesehen. Wenn Berufs­tätig­keit normal ist und es keine legitime Rückfall­position für Frauen in die ausschließliche Familien-Rolle gibt, erfolgt demnach schon das schulische Engagement stärker im Zeichen des späteren beruflichen Erfolgs. Dass man Mathematik später ohnehin nicht brauchen werde, dieser vielgehörte Satz ist in einer Gesellschaft, die alle in den Arbeits­markt zieht, weniger plausibel. Oder anders formuliert: Ihn sich früh zu eigen zu machen ist in einer solchen Gesellschaft riskanter.

Vergleicht man die europäischen Frauenerwerbs­quoten, so bestätigt sich der Eindruck der Forscher. Am höchsten sind diese Quoten in den „westlichen“ Ländern in Schweden, in den Niederlanden, in Dänemark und Finnland. Drei dieser Länder gehören auch zur Gruppe mit den geringsten geschlechts­spezifischen Leistungs­unter­schieden der Schüler in Mathematik; nur Dänemark fällt heraus. Und Island, wo die Mädchen im Mathematik­unter­richt sogar besser abschneiden als die Jungs, gehört eben­falls zu den Ländern mit der höchsten weiblichen Berufs­tätig­keit in Europa.

Die meisten osteuropäischen Länder wiederum bewegen sich, was die Mathematik-Leistungen der Mädchen angeht, im Bereich Skandinaviens. Hier gibt es gleich vier Nationen, in denen Mathematik in den Schulen gewisser­maßen weiblich ist: Albanien, Bulgarien, Litauen und Mazedonien.

Dass die sozialistische Ideologie allgemein vorteil­haft für Frauen war, will die Studie, die an der Pariser Sorbonne entstand, nicht behaupten. Sondern nur, dass sich in der schulischen und universitären Präferenz für Fächer auch gesellschaftliche Berufs­bilder und sozial­politische Entscheidungen (Ausbau von Tagesstätten, Mutter­schafts­zeiten) auswirken. Ob zusätzlich nicht doch auch eine bestimmte Art von Erziehung im Spiel ist, sei nur als Frage notiert. Vielleicht sprachen und sprechen im Osten Mathematik­lehrer und -lehrerinnen sowie die Eltern den Nachwuchs gleicher an als im Westen.