Dieser Artikel erschien am 09.07.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Jürgen Kaube

Bildung : Macht die Laberfächer schwieriger!

Und entschlackt die Lehrpläne! Statt angeblich Unentbehrliches schematisch abzuhaken, sollte der Schulunterricht in Religion, Literatur oder Politik lieber länger und gründlicher bei einem Thema verweilen.

Schülerin einer Gymnasialklasse: Auf Wikipedia-Niveau durch den Lernstoff hetzen?
Schülerin einer Gymnasialklasse: Auf Wikipedia-Niveau durch den Lernstoff hetzen?
©dpa

Dieser Tage geht das Schuljahr zu Ende. Der Protest gegen zu schwierige Abitur­aufgaben ist noch nicht ganz verhallt. In zwölf Bundes­ländern wurden Petitionen eingereicht, die forderten, den Noten­durch­schnitt anzuheben. Kaum zufällig betrafen sie Mathematik, ein Fach, das seit jeher als besonders schwierig gilt. So wie Physik. Inzwischen hat man aber auch schon von Gymnasien gehört, in Frankfurt etwa, an denen kein Deutsch-Leistungs­kurs mehr zustande kommt, weil die Recht­schreibung als zu anspruchs­voll empfunden wird. Entsprechende Klagen über Kunst, Geschichte oder Politik sind hingegen noch nicht laut geworden.

Weshalb also sind nicht alle Schul­fächer gleich schwer? Weshalb empfinden schon die jüngsten Schüler den Religions­unterricht als eine willkommene Pause vom Pauken, während die sogenannten Mint-Fächer, aber beispiels­weise auch Latein, meistens Respekt einflößen? Die Frage mag naiv klingen. Manches ist eben schwieriger als anderes: Kite-Surfen schwieriger als Minigolf, Hegel schwerer als Harari, Spiegelei leichter als Fasan auf Kartäuser Art.

Tatsächlich aber entscheiden Lehr­pläne und die Art, ein Fach aufzufassen, über seine Schwierig­keit. Die Schwierig­keiten in Mathematik etwa beruhen nicht zuletzt auf ihrer Eigen­schaft, ständig bereits Gelerntes voraus­zu­setzen. Bei wem also einmal der Faden abreißt, weil es schon mit der Arithmetik nicht leicht war, muss befürchten, bei Algebra und Trigonometrie immer weiter in Rückstand zu geraten. Die schwachen Schüler hecheln so den starken ständig hinter­her, weil im Stoff ständig fort­geschritten wird, auch wenn er von vielen gar nicht verstanden wurde. Häufig dienen die Klassen­arbeiten nur dazu, einen Leistungs­stand festzustellen, aber nicht zur Diagnose, was angesichts von Nicht­wissen oder Nicht­können getan werden sollte. Das Argument dafür lautet: Keine Zeit, wir müssen zum nächsten Thema kommen. Wenn aber alle Themen mit­einander zusammen­hängen, wachsen so die Abstände zwischen den Schülern.

Das Problem des Abgehängt­werdens

Das Gegenbeispiel ist ein Fach wie Geschichte. Hier hängt nicht alles eng mit­einander zusammen, und also sind Miss­erfolge im Mittel­alter zu verschmerzen, wenn die Industrialisierung dran­kommt. Vor allem dort, wo es oft nur um Gedächtnis­leistungen geht, die Schüler also einfach wiedergeben sollen, was im Unterricht und Schul­buch vorkam, existiert das Problem des Abgehängt­werdens nicht. In Deutsch hingegen ziehen sich eine verpasste Beherrschung der Grammatik und Recht­schreibung ebenso wie Defizite beim Lesen die ganze Schul­zeit über hindurch.

Schulpolitisch hieße das, vor allem in den Elementar­unterricht – Lesen, Schreiben, Rechnen – zu investieren, also in den Erwerb dessen, was immer gebraucht wird. Stattdessen erhalten Grund­schüler in Deutschland weniger Unterricht als solche in der Sekundar­stufe; den rund 2800 Zeit­stunden an einer deutschen Grund­schule stehen 4000 in Kanada gegen­über. Man verschwendet Zeit mit Sperenzchen wie Früh­englisch oder dem Ausprobieren von „individualisierten“ Methoden des Rechen- und Schreib­unterrichts, anstatt die wenige Zeit, die man hat, für das insistente Üben und Routinisieren zu verwenden. Über kurz oder lang sind dann solche Fächer für viele schwer.

Manche Fächer werden eher anspruchslos unterrichtet

Der andere Grund, weshalb manche Fächer schwer erscheinen, liegt darin, dass andere mitunter eher anspruchslos unterrichtet werden. In Religion oder Ethik oder Politik oder im Literatur­unterricht scheint vielen – Lehrern, Schülern wie Eltern – das Spektrum guter Antworten und gelungener Heran­gehens­weisen größer zu sein als in den natur­wissen­schaftlichen Fächern. Die Unter­scheidung von Richtig und Falsch wird oft nur an die Wieder­gabe von Fakten heran­getragen. Weshalb? Einerseits, weil sich das leichter abprüfen lässt. Anderer­seits, weil in Antworten wie „Bismarck war gegen die Menschen­rechte“, aber auch „Lessing war für mehr Toleranz zwischen den Religionen“ den Lehrern das Misslingen eines Unterrichts entgegen­tritt, der nicht auf das Verstehen schwieriger Zusammen­hänge ausgeht, sondern auf das Erwirken irgendwie gerade noch akzeptabler Antworten. Es ist ein bisschen so, als würde in Mathematik die Lösung „fünf“ für „zwei plus zwei“ besser sein als „sieben“. Warum denn schauen die Schüler bei Wikipedia oder in einem Zehn-Minuten-Tutorial auf Youtube nach, worum es in „Nathan der Weise“ geht? Weil man mit den dort vorfindlichen Informationen eben durchkommt.

Eine schulpolitisch gebotene Folgerung hieraus könnte die Entschlackung des Lehr­plans sein. Lieber in Religion, Literatur oder Politik sechs Wochen bei etwas bleiben, das die Lehr­kraft gerne, ausführlich und problem­orientiert unterrichtet und das wenigstens einige Schüler in den Stoff hineinzieht, als angeblich Unentbehrliches schematisch abzuhaken. Die sogenannten Laber­fächer würden dann schwieriger. Aber es wären erfreuliche Schwierigkeiten.