Lernplattformen : „PDF-Wüsten sind nicht zukunftsweisend“

Unter Lehrkräften gibt es einen Witz: „Lernplattformen heißen so, weil sie, vor allem vormittags, meistens ,platt‘ sind.“ Eine Erfahrung, die Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich häufig machen. Kaum eine Lernplattform oder ein „Lernmanagementsystem“, wie es korrekt heißt, ist auch in diesem zweiten Lockdown nicht schon ausgefallen. Die meisten Plattformen sind allerdings auch nicht für Hunderttausende Zugriffe gleichzeitig entwickelt worden. Was soll eine Lernplattform überhaupt leisten? Welche Kriterien sollten bei der Auswahl eines Systems berücksichtigt werden? Wer ist für den Datenschutz verantwortlich? Darüber sprach das Schulportal mit Jacob Chammon. Der Däne war Schulleiter in Berlin und ist seit einem knappen Jahr Vorstand vom Forum Bildung Digitalisierung.

Annette Kuhn 22. Februar 2021 Aktualisiert am 22. Juli 2021 8 Kommentare
Lernplattformen Kinder vor Tablets
Lernplattformen sind nicht nur eine wichtige Unterstützung für das Lernen zu Hause, sondern können auch den Präsenzunterricht mit neuen digitalen Formaten bereichern.
©Julian Stratenschulte/dpa

Deutsches Schulportal: Wundert es Sie, dass so viele digitale Lernplattformen in Deutschland auch im zweiten Lockdown ständig zusammenbrechen?
Jacob Chammon: Deutschland hat großen Nachholbedarf beim Digitalunterricht. Es würde mich eher wundern, wenn jetzt alles perfekt laufen würde. Vor zwei Jahren waren Lernplattformen noch fast kein Thema. Man hat sich zwar schon Gedanken darüber gemacht, Systeme entwickelt und Test-Pilotphasen durchgeführt, aber es war kaum Druck dahinter.

Dann kam Corona und hat eine Explosion ausgelöst. Aber in der Corona-Krise waren plötzlich andere Dinge wichtig als die, die bis dahin auf den Lernplattformen entwickelt wurden. Wir haben alle nicht damit gerechnet, dass die Schulen flächendeckend schließen müssen, und brauchten nun ein Krisenbewältigungsprogramm. Es ist wichtig, zu trennen, was Schulen jetzt in der Krise brauchen und worauf es danach ankommt.

Worauf kommt es denn jetzt an?
Jetzt muss eine Lernplattform vor allem ein Kommunikationssystem sein. Wir haben schon im ersten Lockdown als größte Herausforderung erkannt, Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern zu halten. Und natürlich braucht man jetzt auch einen Weg für den Austausch im Kollegium, zwischen Lehrkräften und Eltern und unter den Schülerinnen und Schülern.

Wo ein System schon etabliert war und wo alle Schulbeteiligten in dieses System integriert waren, ist es besser gelaufen. Holprig war es vor allem dort, wo noch keine E-Mail-Adressen oder Kontaktdaten in einem System erfasst waren, wo alle erst miteinander verknüpft werden mussten.

Die 5 wichtigsten Fragen zu Lernplattformen

Und was muss eine Lernplattform leisten, wenn die Corona-Krise überwunden ist?
Die Lernplattformen sind in ihrer jetzigen Form nicht das, was ich mir für die Zukunft wünsche. Nach der Krise müssen wir mehr darauf schauen, wie wir den Unterricht durch die digitalen Möglichkeiten differenzierter, vernetzter und individualisierter gestalten und weiterentwickeln können.

Bislang läuft es meist so, dass der analoge Unterricht auf der Lernplattform einfach ins Digitale übersetzt wird. Die 45-Minuten-Stunde aus dem Klassenraum wird zu einer 45-Minuten-Videokonferenz – schlimmstenfalls frontal. Aufgaben werden meist als PDFs hochgeladen, die die Kinder dann wieder herunterladen, ausdrucken und bearbeiten. Die Zettel fotografieren sie ab und laden sie wieder auf der Lernplattform hoch. Dann geht das Ganze wieder von vorne los, wenn die Lehrerin oder der Lehrer die Aufgaben kontrolliert und kommentiert.

Solche PDF-Wüsten sind nicht zukunftsweisend, und dadurch lernen die Kinder auch kein selbstständiges Arbeiten. Das kann also höchstens eine Notlösung für den Augenblick sein. Es fehlt zum Beispiel noch der ganze Bereich Kollaboration. Wie können Kinder zum Beispiel von verschiedenen Standorten aus ein Dokument gemeinsam bearbeiten? Wie lässt sich gemeinsam auf einer Plattform brainstormen? Wie lassen sich auf einer Plattform außerschulische Orte oder Experten in den Unterricht holen? Schülerinnen und Schüler können dann zum Beispiel virtuelle Besucher in einem Museum werden. Oder sie können jemanden in den Unterricht einladen. Kollaboratives Arbeiten ist auch ein spannendes Thema für neue Prüfungsformate.

Lernplattformen eignen sich gut für mündliche Prüfungsformate

Wie kann denn eine Prüfung auf einer Lernplattform aussehen?
Die klassische Prüfungssituation, bei der alle in einem Klassenraum sitzen und per Hand eine Arbeit schreiben, ist ja im Fernunterricht nicht möglich. Wir brauchen also dringend Alternativen: Projektarbeiten, Prüfungen in Kleingruppen und neue Formate für mündliche Prüfungen. Dabei können auch externe Personen einbezogen werden.

Wäre es nicht toll, wenn zum Beispiel ein Schüler ein Projekt in Physik einem Wissenschaftler in Russland oder in den USA vorstellt und mit ihm darüber auf Englisch diskutiert? So hat man zugleich eine Physik- und eine Englischprüfung. Die Lehrkräfte sind dabei Beobachter und haben zusätzlich noch einen externen Gutachter. Und dieses Format ermöglicht einen Blick in die Welt.

Schon jetzt ist es allerdings möglich, die Lernplattform stärker für mündliche Prüfungen zu nutzen. Wenn ich ein Kind oder eine Gruppe im Fernunterricht einen Aufsatz oder eine schriftliche Ausarbeitung zu einem Projekt machen lasse, dann kann ich natürlich nicht wissen, ob es die Arbeit selbst gemacht hat. Aber ich kann  hinterher mit ihm ein Gespräch per Video führen. Dabei merke ich doch sehr schnell, ob es den Sachverhalt verstanden hat oder nicht.

Jacob Chammon
Jacob Chammon ist Vorstand beim Forum Bildung Digitalisierung und war viele Jahre Schulleiter in Berlin.
©Phil Dera / Forum Bildung Digitalisierung

Wir sind immer auf der Suche nach der ,eierlegenden Wollmilchsau’, also nach dem einen System, das alles kann. Ich glaube, das werden wir nicht finden. Und das ist auch gar nicht nötig. In anderen Ländern wie Dänemark, die sich schon länger mit dem Thema beschäftigen, gibt es auch mehrere parallele Systeme.

Ein Problem bei der Nutzung von digitalen Lernplattformen ist auch, dass es bislang noch nicht genügend gute Inhalte für digitale Lernformate gibt. Das hat auch die Folgebefragung für das Deutsche Schulbarometer gezeigt. Rund die Hälfte der befragten Lehrkräfte sieht demnach in der Verfügbarkeit qualitativ guter Inhalte für den onlinegestützten Unterricht einen der größten Verbesserungsbedarfe. Woher sollen diese Inhalte kommen?
Ich schätze, dass bislang ein Großteil des Unterrichts mit Material aus analogen Lehrwerken durchgeführt wird. Wir brauchen daher auch digitale Lehrmittel aus dem Angebot der Verlage, die in die Lernmanagementsysteme fließen. Das müssen aber neue Formate sein, sonst sind wir wieder bei den PDF-Wüsten. Auch Open Educational Resources sind sehr wichtig, also Materialien, die Lehrkräfte selbst einstellen, die frei verfügbar sind und weiterbearbeitet werden können. Voraussetzung ist dafür aber eine Kultur des Teilens, die in der Schule noch nicht so recht angekommen ist. Aus meiner Erfahrung als Schulleiter weiß ich: Lehrkräfte sind keine Weltmeister des Teilens. Sie sind es gewohnt, in ihren Klassen allein für die Vermittlung des Unterrichtsstoffs in ihrem Fach verantwortlich zu sein.

Kann eine Lernplattform alles bieten? Kann sie Krisenbewältigungsprogramm und zukunftsweisendes Unterrichtsmodell auf einmal sein?
Wir sind immer auf der Suche nach der „eierlegenden Wollmilchsau“, also nach dem einen System, das alles kann. Ich glaube, das werden wir nicht finden. Und das ist auch gar nicht nötig. In anderen Ländern wie Dänemark, die sich schon länger mit dem Thema beschäftigen, gibt es auch mehrere parallele Systeme.

Die Schullandschaft ist sehr divers, dadurch ergeben sich individuelle Bedürfnisse und Herausforderungen. Die können gar nicht durch ein einziges System abgedeckt werden. Ich habe in Berlin eine quatrolinguale Schule geleitet. Wir brauchten dort ein System, das alle vier Sprachen – Deutsch, Dänisch, Schwedisch und Norwegisch – abbildet, weil nicht alle Eltern Deutsch konnten. So ein Programm gab es aber nicht. Wir haben dann für das Kommunikationsmanagement selbst eine Plattform entwickelt. Aber mit diesem System hätten wir nicht auch Unterricht per Videokonferenz gestalten können.

Schulen nicht mit Fragen zum Datenschutz allein lassen

Tatsächlich gibt es inzwischen ja auch in Deutschland sehr viele digitale Lernplattformen, und viele Bundesländer lassen auch verschiedene Systeme zu. Schulen können zum Teil auch selbst entscheiden, mit welchem System sie arbeiten wollen. Ist das nicht eine Überforderung?

Es kann nicht die Aufgabe der Schulen sein, jede Lernplattform zu prüfen. Schulleitungen sind Pädagogen, aber keine Software-Entwickler. Und sie haben gerade jetzt schon genug Herausforderungen zu bewältigen. Ich sehe hier die Schulverwaltung und die Schulträger in der Verantwortung, sich gemeinsam mit den Schulleitungen an einen Tisch zu setzen und eine Lösung zu finden, mit der die Schulen dann arbeiten können.

So läuft das auch in Dänemark. Immer wenn eine neue Plattform oder eine neue Anwendung in der Schule gesucht hat, wird vonseiten des Bundesbildungsministeriums ein Anforderungskatalog dazu erstellt, was dieses Portal leisten und welche Schnittstellen es bedienen muss. Nach diesem Anforderungskatalog bauen Softwarefirmen eine solche Plattform. Die Produkte werden dann geprüft und genehmigt, und die Kommunen, Schulträger oder Schulen können selbst entscheiden, welches Produkt am besten zu ihnen passt.

Ist es denn sinnvoll, dass jede Schule ihr eigenes System hat?
Eine gewisse Einheitlichkeit ist schon wichtig und sinnvoll. Ich finde es gut, wenn sich zum Beispiel eine Kommune oder ein Schulträger für ein System entscheidet. Das erleichtert auch die Netzwerkarbeit, und auch die Fortbildung für die Lehrkräfte lässt sich besser organisieren.

Wie können Schulen sichergehen, dass die Nutzung der von ihnen bevorzugten Lernplattform auch mit dem Datenschutz vereinbar ist?
Das ist aus meiner Sicht nicht die Aufgabe von Schulen und Lehrkräften. Es ist sehr wichtig, dass kein Missbrauch mit den Daten von Kindern gemacht wird. Aber mit diesem Problem kann man die Schulen nicht alleinlassen. Politikerinnen und Politiker müssen sich zusammen mit den Datenschützerinnen und Datenschützern über die Plattformen verständigen und den Schulen dann einen rechtssicheren Raum bieten, in dem sie sich bewegen können.

Zu wenig Weiterbildung für die Arbeit mit digitalen Lernplattformen

Datenschutz, Überlastung der Systeme, fehlende Digitalformate – beim Umgang mit Lernplattformen stehen Schulen jetzt vor ähnlichen Fragen wie im Frühjahr 2020. Ist in Deutschland seit dem ersten Lockdown zu wenig passiert?
Es war absehbar, dass wir eine zweite Welle bekommen würden und dass nicht alle Schulen den ganzen Winter über geöffnet bleiben werden. Dennoch hat die Bildungspolitik nach dem Sommer erst einmal ganz auf Präsenzunterricht gesetzt.

Bei den Schulen war es anders. Manche haben ein gutes System für den Wechselunterricht entwickelt. Andere haben sich eher schwer damit getan und hatten Herausforderungen. Die Unterschiede zwischen den Schulen in Deutschland sind daher jetzt immens. Und ich habe die Befürchtung, dass sie noch größer werden, weil es kein einheitliches Mindestmaß gibt, was technische Ausstattung oder digitales Arbeiten anbelangt.

So ein technisches Mindestmaß zu setzen ist aber auch schwierig, wenn nicht mal jede Schule einen Internetzugang hat.
Das ist richtig. Solange nicht jede Schule eine stabile Internetverbindung hat und für jeden in der Schulgemeinschaft eine eigene E-Mail-Adresse zur Verfügung steht, lässt sich ein Mindestmaß für den Digitalunterricht nicht festschreiben. Aber diese technische Basis müsste inzwischen eigentlich stehen. Da hätten die Verwaltungen mehr Gas geben müssen. Und auch das Weiterbildungsangebot für Lehrkräfte hätte größer sein müssen. Der Umgang mit einer Lernplattform muss geübt sein, um guten Unterricht auf ihr gestalten zu können.

Die digitale Entwicklung erfolgt Schritt für Schritt

Sie haben sich schon seit vielen Jahren mit Lernplattformen beschäftigt. Was würden Sie einer Schulleitung raten, die am Anfang steht?
Natürlich muss eine Schule jetzt erst mal die akute Krisensituation lösen und schauen, welches System ihr dabei hilft. Wichtig ist aber auch, dass sich eine Schulleitung überlegt, wie das Lernen nach der Krise aussehen soll, wie sie den Unterricht zum Beispiel projektorientierter oder fächerübergreifender gestalten kann.

Dann muss die Schulleitung schauen, wie sie dieses Ziel erreichen will. Die digitale Entwicklung erfolgt Schritt für Schritt – es geht nicht alles auf einmal. Und die Schritte müssen für alle nachvollziehbar, der zeitliche Rahmen klar gesteckt sein. Ich kann nicht alles auf einmal angehen, und ich muss alle auf dem Weg mitnehmen. Das ist eine große Herausforderung.

In diesem Prozess darf man aber eines nie vergessen: Die Technik soll die Pädagogik unterstützen – nicht umgekehrt. Wir dürfen nicht Sklaven der Lernplattform sein, sondern wir müssen sie so gestalten, dass sie uns hilft, den Unterricht besser zu machen.

Zur Person

  • Jacob Chammon ist seit April 2020 Vorstand des Forum Bildung Digitalisierung.
  • Seit ihrer Gründung 2012 war der gebürtige Däne Schulleiter der Deutsch Skandinavischen Gemeinschaftsschule in Berlin und hat dort den Entwicklungsprozess zu einer digitalen Schule gestaltet.
  • Dabei konnte er auf seine Erfahrungen aus Dänemark zurückgreifen. Dort hat er als Lehrer und Berater von Schulleitungen und Schulverwaltungen gearbeitet.
  • Chammon hat auch zahlreiche didaktische Bücher und Unterrichtsmaterialien veröffentlicht.

Angriffe auf Lernplattformen

Seit die Schulen im Dezember zum zweiten Mal geschlossen wurden, häufen sich die Angriffe auf digitale Lernplattformen. Fremde schleusen sich in den Online-Unterricht ein und stören den Unterricht. In manchem Fällen haben die Unbekannten von Schülerinnen oder Schülern selbst die Zugangsdaten bekommen. Was so ein ungebetener Besuch ausrichten kann, überblicken sie dabei meist nicht. In manchen Fällen haben Unbekannte pornografische oder rechtradikale Inhalte eingespielt. Bekannt ist auch ein Fall, in dem sich ein Maskierter mit einer Schusswaffe in der Hand gezeigt hat. Zuvor wurde in einigen Fällen auch die Lehrkraft aus dem virtuellen Unterrichtsraum entfernt.

Vor diesem Hintergrund fordert der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) mehr Schutz für Kinder im Netz. „Nun ist nicht mehr nur die Schulhaustür der Zugang zur Schule, auf den es aufzupassen gilt. Jetzt haben wir es mit dem völlig offenen Einfallstor worldwideweb zu tun”, erklärte BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann in einer Pressemitteilung zum „Safer Internet Day” 2021. Hackerangriffe seien eine neue Gefahr für Schülerinnen und Schüler. Digitale Lernplattformen müssten sicher und verlässlich sein, forderte der Verband daher. Bei vielen technischen Neuerungen, der Auswahl von Apps und Fragen des Datenschutzes bräuchten die Lehrkräfte mehr Unterstützung.

Das Y-Kollektiv, ein Netzwerk junger Journalistinnen und Journalisten, hat sich auch mit dem Thema beschäftigt. Das Y-Kollektiv erstellt Dokumentationen für funk, ein  Online-Medienangebot von ARD und ZDF, und veröffentlicht sie in seinem Youtube-Kanal. Das Y-Kollektiv hat für die Reportage „Online-Unterricht crashen” einen Hacker getroffen, der es sich zum Ziel gesetzt hat, den Unterricht mit seinen Störaktionen zu beenden. Außerdem kommen ein Schüler und ein Lehrer zu Wort, die ihre Haltung zu dem Problem schildern.

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