Interview : Kinderbücher brauchen keinen erhobenen Zeigefinger

Die Leipziger Buchmesse bietet Schulklassen und Lehrkräften vom 21. bis 24. März die Möglichkeit, neue Kinder- und Jugendbücher zu entdecken. Was ein gutes Kinderbuch ausmacht und wie es entsteht, darüber hat das Schulportal mit Alice Pantermüller, Autorin der Erfolgsreihe „Mein Lotta-Leben“, gesprochen. Ihr Werk „Mein Lotta-Leben (15) – Wer den Wal hat“ steht in diesem Monat auf Platz zwei der „ZEIT leo“-Bestsellerliste.

Fabian Schindler / 21. März 2019
Kinderbuch
Auf der Leipziger Buchmesse präsentieren Verlage neben Erwachsenenliteratur und Sachbüchern auch eine Vielzahl an neuen Kinder- und Jugendbüchern. Viele davon haben das Potenzial, künftig als Lektüre im Schulunterricht eingesetzt zu werden.
©dpa

Schulportal: Frau Pantermüller, Astrid Lindgren sagte einst, um Kinderbücher zu schreiben, müsse man „nur einfach selbst Kind gewesen sein und sich daran erinnern, wie es war“. Wie viel Kind steckt heute noch in Ihnen?

Alice Pantermüller: Ich gebe Astrid Lindgren recht. In mir stecken fünfzig Jahre und von denen sind auch die ersten zehn noch ziemlich präsent. Ich kann die Sichtweisen und Gefühle der kleinen Alice noch gut nachvollziehen.

Wenn Sie an Ihre Schulzeit zurückdenken, welches Kinderbuch mochten Sie besonders gerne lesen und warum?

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ von Michael Ende. Die Welt, die sich mir beim Lesen auftat, war so neu und so spannend und so anders als alles, was ich kannte. Welch ein Abenteuer!

Kinderbuchautorin Alice Pantermüller
Alice Pantermüller ist eine der erfolgreichsten zeitgenössischen deutschen Kinderbuchautorinnen. Im Schulportal-Interview sagt sie, was gute Kinderbücher ausmacht: Sie kommen ohne einen erhobenen Zeigefinger aus.
©privat

In der Schule haben Sie ganze Hefte mit eigenen Geschichten gefüllt. Wovon handelten Ihre Erzählungen damals?

Von Pferden. Von Freundschaft. Von Pferden. Ja, tatsächlich habe ich, was Pferdebücher betrifft, mein komplettes Pulver schon als Kind verschossen. Mit viel fundiertem Wissen und Herzblut.

Zurück zur Gegenwart: Was zeichnet eigentlich Ihrer Ansicht nach heutzutage ein gutes Kinderbuch aus?

Ein Kinderbuch soll in erster Linie Freude machen und zum Lesen anregen. Ein gutes Kinderbuch bleibt dabei nicht an der Oberfläche, sondern zeigt dem lesenden Kind so ganz nebenbei, wie bunt und vielfältig die Welt ist. Es erweitert seinen persönlichen Horizont und das ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

An Kinder- und Jugendliteratur wird zumeist der Anspruch gestellt, dass diese didaktisch intelligent und pädagogisch besonders wertvoll sein müsse. Wie können Autorinnen und Autoren dem gerecht werden?

Die meisten Autoren möchten ihren jungen Lesern sicherlich ohnehin ein paar Dinge mit auf den Weg geben, die sie für wichtig halten. Wobei das, was der schenkende Erwachsene als „pädagogisch wertvoll“ erachtet, häufig etwas anderes ist als das, was der Autor seinen Lesern zeigen möchte. In jedem Fall ist wichtig, dass sich pädagogischer Anspruch nicht in den Vordergrund drängelt, sondern der Lesefreude den Vortritt lässt.

Sie waren ja mal selbst Lehrerin. Hat Ihnen diese Erfahrung dabei geholfen, zu erkennen, was Kinder gerne lesen mögen? Oder war vielleicht der Input Ihrer eigenen Kinder hilfreicher?

Nein, meine kurze Erfahrung als Lehrerin war in der Beziehung wohl eher unerheblich. Meine eigenen Kinder hatten darauf schon mehr Einfluss. Aber am hungrigsten nach Lesefutter war doch das Kind, das ich selbst einmal gewesen bin.

Das sagen die Facebook-Fans

Welche Bücher sind als Schullektüre besonders geeignet? Auf der Facebook-Seite des Schulportals haben unsere Leserinnen und Leser eine Reihe von Büchern vorgeschlagen, die aus ihrer Sicht unbedingt im Unterricht behandelt werden sollten. Hier sind einige der Literaturempfehlungen:

Clara Asscher-Pinkhof: Sternkinder; Bertolt Brecht: Leben des Galilei; Bertolt Brecht: Der gute Mensch von Sezuan; Bertolt Brecht: Die heilige Johanna; Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür; Max Frisch: Andorra; John Green: Das Schicksal ist ein mieser Verräter; Judith Hermann: Sommerhaus, später; Wolfgang Herrndorf: Tschick; Hermann Hesse: Siddhartha; Aldous Huxley: Schöne neue Welt; Franz Kafka: Die Verwandlung; Christian Kracht: Faserland; George Orwell: 1984; Ottfried Preußler: Krabat; Hans Peter Richter: Damals war es Friedrich; Joseph Roth: Hiob; Marjane Satrapi: Persepolis.

Welche Bücher Kinder gerade gerne lesen, steht in der aktuellen Bestsellerliste für den Monat März von „ZEIT leo“.

Außenstehende fragen sich ja oft, woher Kinderbuchautorinnen und -autoren ihre Inspirationen nehmen, um unterhaltsame und packende Kinderbücher zu schreiben. Was ist Ihr Geheimrezept?

Ein Bild, ein Wort, ein Satz von außen können bei mir ganze Geschichten auslösen, aber die meisten Ideen kommen aus meinem Kopf. Häufig muss ich mich an meinen Schreibtisch setzen und über Ideen für eine neue Geschichte nachdenken – aber sobald die Grundidee steht und ich am Schreiben bin, sprudeln die Einfälle wie von allein. Und immer wieder bin ich selbst überrascht von dem, was ich schreibe.

Ihre Erfolgs-Figur „Lotta“ soll ja im Herbst in die Kinos kommen. Als Sie mit dem Schreiben von Kinderbüchern angefangen haben, hatten Sie jemals erwartet oder erhofft, dass Ihre Geschichten den Weg auf die Kinoleinwand finden werden?

Groß geträumt habe ich immer … war aber auch realistisch genug, um nicht zu viel Hoffnung in den Gedanken zu stecken. Beim Lotta-Film habe ich mehrere Jahre lang ziemlich entspannt abgewartet, wie sich die ganze Sache entwickelt, denn viele Filmprojekte platzen sogar noch kurz vor Drehstart. Aber seit dem Kindercasting und vor allem seit Beginn der Dreharbeiten hibbele ich dem Film mit Spannung entgegen.

Was können Kinder von Ihren Buchfiguren positiv mitnehmen?

Viele meiner Figuren sind etwas überzeichnet, ziemlich schräg … irgendwie „anders“. Und trotzdem auf ihre Art und Weise liebenswert und einmalig. Insofern hoffe ich, ohne, dass ich es darauf angelegt hätte, dass meine Figuren Kinder darin bestärken können, sich selbst und andere so zu akzeptieren, wie sie sind. Mit allen Träumen und allen Macken.

Zur Person

  • Alice Pantermüller ist 1968 in Flensburg geboren worden und lebt in Celle. Nach dem Abitur hat sie Deutsch, Kunst und Geschichte fürs Lehramt an Grund- und Hauptschulen in Flensburg studiert und als deutsche Fremdsprachenassistentin in Schottland gearbeitet. Wenig später orientierte sie sich beruflich um, machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin.
  • 2009 hat Pantermüller an einem Schriftstellerwettbewerb teilgenommen, der ihre Karriere als Kinderbuchautorin initiierte. 2011 ist mit „Bendix Brodersen – Angsthasen erleben keine Abenteuer“ ihr erstes Kinderbuch im Arena-Verlag Würzburg erschienen.
  • Einem weiten Publikum ist sie durch ihre Bestseller-Buchreihe „Mein Lotta-Leben“ bekannt, die teilweise in zehn Sprachen übersetzt worden ist. 2017 hat Pantermüller in der Buchreport-Jahresbestenliste die Plätze zwei und drei mit der Lotta-Reihe in der Kategorie Kinderbuch belegt. Insgesamt hat die Autorin bislang mehr als 30 Kinder- und Jugendbücher verfasst.