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Deutsches Schulbarometer : Sind Schulen jetzt besser auf den Fernunterricht vorbereitet?

Auch der Start in den zweiten Lockdown ist an vielen Schulen holprig. Dabei haben Lehrkräfte und Schulen 300 Tage nach den ersten Schulschließungen im März 2020 viel dazugelernt. So setzt fast die Hälfte der Lehrkräfte digitale Tools nun auch vermehrt im Präsenzunterricht ein, und die große Mehrheit der Schulen arbeitet mit digitalen Lern- und Arbeitsplattformen. Das geht aus der Folgebefragung von Lehrkräften für das Deutsche Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise hervor. Die erste Befragung fand Anfang April kurz nach den Schulschließungen statt. Mit der Folgebefragung vom Dezember 2020 liegt die erste umfangreiche Längsschnitterhebung zur Situation an den Schulen während der Corona-Pandemie vor. Sie zeigt: Schulen haben sich auf den Weg gemacht und sich vor allem im Online-Unterricht weiterentwickelt. Sie zeigt zugleich aber auch, dass noch vieles auf der Stelle tritt.

Annette Kuhn 13. Januar 2021 Aktualisiert am 27. Oktober 2021 6 Kommentare
Schulbarometer Spezial 1

Schwerpunkt der Folgebefragung für das Deutsche Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise war der Fernunterricht und die Frage, ob die Schulen und Lehrkräfte jetzt besser auf diese herausfordernde Situation vorbereitet sind als im Frühjahr. Demnach haben allerdings 39 Prozent der Schulen weder Kinder noch Eltern zu ihren Erfahrungen mit dem Fernunterricht nach dem ersten Lockdown befragt, um Konzepte für den Fernunterricht im Schuljahr 2020/21 zu entwickeln oder zu verbessern.

Das geht aus der repräsentativen Umfrage unter 1.015 Lehrerinnen und Lehrer hervor, die Forsa im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT im Dezember, kurz vor den erneuten Schulschließungen, durchgeführt hat. Zusammen mit der ersten Befragung für das Deutsche Schulbarometer Spezial Anfang April ergibt sich ein umfassendes Bild von der Situation der Schulen und Lehrkräfte in der Corona-Pandemie.

Lehrer-Umfrage offenbart enorme Probleme infolge der Pandemie

Die 2. Folgebefragung vom September 2021 für das Deutsche Schulbarometer mit aktuellen Daten zur Situation der Schulen in der Corona-Krise

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Die Ergebnisse der Folgebefragung sind ambivalent: Auf der einen Seite haben sich die Lehrkräfte in der Nutzung digitaler Tools sichtbar weiterentwickelt. Auf der anderen Seite wurden an den meisten Schulen bislang nur wenige verbindliche Konzepte zu Vorgehensweisen im Fernunterricht etabliert. Laut der Befragung haben 40 Prozent von ihnen noch keine Strategie dafür entwickelt, wie sie während des Fernunterrichts den Kontakt zu Schülerinnen und Schülern sowie deren Eltern aufrechterhalten. Und nicht einmal jede vierte Schule (23 Prozent) hat ein Konzept dafür, wie sie Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten unterstützt.

Befragung zum Schulbarometer zeigt: Die Versorgung mit digitalen Endgeräten ist mangelhaft

Eines der größten Probleme, die das Deutsche Schulbarometer sichtbar macht, ist weiterhin die digitale Ausstattung. 61 Prozent der befragten Lehrkräfte sagen, dass ihre Schule hier weniger gut oder schlecht auf den Fernunterricht vorbereitet ist. Im April waren es mit 66 Prozent nur unwesentlich mehr.

58 Prozent der Befragten bemängeln außerdem immer noch die schlechte technische Ausstattung der Schule und ebenso viele die unzureichende Versorgung der Lehrkräfte mit digitalen Endgeräten. Hier sehen vor allem Lehrkräfte von Grundschulen ein großes Defizit (67 %). 57 Prozent sagen, es mangele auch an den Kompetenzen der Lehrkräfte in der Anwendung digitaler Lernformate, und 58 Prozent fühlen sich nicht ausreichend über den Datenschutz informiert.

Insgesamt bekommt das Corona-Management der jeweiligen Landesregierung bezüglich der Schulen von den befragten Lehrkräften schlechte Noten. Die Durchschnittsnote liegt bei 4,2. In Nordrhein-Westfalen fällt der Wert mit 4,6 am schlechtesten aus.

Schulbarometer Spezial 2

Dennoch hat die Corona-Krise an den Schulen einiges in Bewegung gebracht. So haben 78 Prozent der Schulen heute eine Lernplattform und kommunizieren im Fernunterricht auch über diese. Dabei gibt es allerdings zwischen den Schularten große Unterschiede. Demnach gibt es an 98 Prozent der Gymnasien eine Lernplattform, bei Grundschulen und Förderschulen liegt der Anteil bei nur knapp 60 Prozent.

Nur in jeder dritten Schule reicht laut Schulbarometer die Internetverbindung aus

Ähnlich groß ist die Schere bei der Möglichkeit, Unterricht zu streamen. Während dies 60 Prozent der Lehrkräfte in Gymnasien können, sind es bei den Grundschulen nur 34 und bei Förderschulen 40 Prozent. Oft hapert es allerdings an der Internetverbindung im Schulgebäude. Nur bei jeder dritten Schule (36 %) ist sie ausreichend stark. Und noch schlechter sieht es bei der Versorgung mit Laptops oder Tablets für Lehrkräfte und die Schülerschaft aus. Hier zeigen sich auch nur geringe Vorteile bei den Gymnasien.

Schulbarometer Spezial 3

Ein deutlicher Entwicklungssprung gegenüber der Befragung für das Deutsche Schulbarometer Spezial im April zeigt sich bei der Nutzung digitaler Tools sowohl für die schulinterne Kommunikation als auch im Unterricht. Viele Lehrkräfte haben in den vergangenen Monaten offenbar Kompetenzen im lernförderlichen Einsatz digitaler Medien erworben oder ausgebaut.

Es gilt jetzt alles dafür zu tun, diese Motivation und Bereitschaft ganz konkret durch verlässlich funktionierende Lernplattformen zu nutzen und umzusetzen.
Britta Ernst (SPD), Präsidentin der Kultusministerkonferenz 2021 und brandenburgische Bildungsministerin

62 Prozent der Befragten nutzen heute digitale Möglichkeiten zur Vermittlung und Aneignung neuer Lerninhalte, so zum Beispiel für die Erstellung von eigenen Erklärvideos. Vor Beginn der Pandemie im Frühjahr machten dies nur 36 Prozent. Und während vor März nur ein Prozent der Lehrerinnen und Lehrer Unterricht per Stream oder als Videokonferenz angeboten haben, ist es heute in der Corona-Pandemie fast ein Viertel (24 Prozent).

„Es gilt jetzt alles dafür zu tun, diese Motivation und Bereitschaft ganz konkret durch verlässlich funktionierende Lernplattformen zu nutzen und umzusetzen“, kommentiert Britta Ernst (SPD), die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz und brandenburgische Bildungsministerin, die Ergebnisse der Befragung gegenüber dem Deutschen Schulportal. Sie versichert dabei aber auch, dass viele Länder „ihre Plattformangebote kapazitär und inhaltlich ausgebaut und systematisch sichere Kommunikationswege etabliert“ hätten. Und auch das Sofortausstattungsprogramm habe die Anschaffung von Laptops und Tablets für Schülerinnen und Schüler auf den Weg gebracht. „Ebenso sollen auch alle Lehrkräfte absehbar mit Dienstgeräten ausgestattet werden.“ Digitalisierung sei aber „eine Mega-Aufgabe, die sich nicht in kurzer Zeit lösen lässt“.

Schulbarometer Spezial 4

Das Engagement vieler Lehrerinnen und Lehrer, Digitalunterricht zu entwickeln, ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, welch großen Belastungen sie in der Corona-Pandemie ausgesetzt sind. Fehlende Planbarkeit, ein hohes Arbeitspensum und wenig Unterstützung bei der Organisation von Fernunterricht beklagen jeweils 60 bis 80 Prozent der Lehrkräfte.

Lehrkräfte haben größere Angst vor einer Ansteckung als die Bevölkerung insgesamt

Dazu kommt als weitere Belastung die Sorge um die eigene Gesundheit, wie aus dem Schulbaromter Spezial hervorgeht. 56 Prozent der Befragten haben sich demnach Anfang Dezember große oder sehr große Sorgen gemacht, sich an ihrer Schule mit dem Coronavirus anzustecken. Damit ist die Angst vor einer Corona-Infektion unter Lehrkräften deutlich weiter verbreitet als in der Gesamtbevölkerung. Das zeigt ein Vergleich zu einer anderen Forsa-Umfrage zum selben Zeitpunkt, bei der ein Drittel der Befragten die Sorge äußerte, sich anzustecken. Entsprechend verwundert es wenig, dass sich bereits Anfang Dezember, als noch fast alle Schulen in Deutschland im Präsenzbetrieb arbeiteten, 60 Prozent der Lehrkräfte für eine Umstellung auf Fern- oder Wechselunterricht aussprachen.

Welche langfristigen Auswirkungen die Corona-Krise für die Schulen haben wird, bleibt abzuwarten. Bei vielen Lehrkräften lassen die Ergebnisse eine Aufbruchstimmung und eine erhöhte Veränderungsbereitschaft vermuten. So sagen 44 Prozent, dass die Corona-Krise langfristig zu positiven Veränderungen an ihrer Schule führen wird. Mit 50 Prozent am stärksten vertreten ist diese Ansicht bei Lehrkräften von Haupt-, Real- und Gesamtschulen.

78 Prozent der Lehrkräfte – gegenüber 59 Prozent im April – sind der Meinung, dass an ihrer Schule seit März 2020 einige Dinge im Hinblick auf digitale Lernformate oder die digitale Kommunikation umgesetzt wurden, die ohne die Schulschließungen vermutlich erst später oder gar nicht umgesetzt worden wären. 69 Prozent der befragten Lehrkräfte haben selbst seit März vergangenen Jahres neue Methoden oder Ansätze im Unterricht erprobt, die sie auch in Zukunft anwenden wollen.

Schulbarometer macht deutlich, dass viele Schulen die Krise als Chance verstehen

Offenbar hat die Corona-Krise vielen Lehrkräften und Schulen einen Innovationsschub gegeben. „Viele Lehrkräfte und Schulen sind in den vergangenen Monaten über sich hinausgewachsen”, sagt Dagmar Wolf, Leiterin des Bereichs Bildung der Robert Bosch Stiftung  zu den Ergebnissen des Schulbarometers. „Auch die zahlreichen Bewerbungen für die Sonderausgabe des Deutschen Schulpreises in diesem Jahr zeigen, dass Schulen diese herausfordernde Zeit als Chance genutzt haben und zahlreiche Ideen entstanden sind, die das Potenzial haben, das Lehren und Lernen langfristig zu verändern.“ Sie betont aber auch: „Neben dem individuellen Engagement der Lehrkräfte ist auch eine systematische Schul- und Unterrichtsentwicklung überfällig, denn viele Schulen haben noch keine verbindlichen Konzepte für den Fern- und Wechselunterricht erarbeitet.”

Insgesamt macht die Folgebefragung für das Deutsche Schulbarometer Spezial deutlich, dass im vergangenen Schuljahr bei einem großen Teil der Schulen an vielen Stellschrauben gedreht wurde. Jetzt kommt es darauf an, dass die begonnenen Entwicklungen weiter voranschreiten und dass aus Ideen und Erfahrungen nachhaltige Konzepte werden.

Prüfung digitaler Bildungsmedien soll länderübergreifend erfolgen

Damit das gelingt, müssen Kompetenzen und Qualitätskriterien für den Digitalunterricht gestärkt werden. „Die Länder sind dazu im intensiven Austausch, beispielsweise in Form von bundes- und landesweiten Kompetenzzentren für digitales und digital gestütztes Unterrichten, in denen systematisch Forschung, Lehrkräftebildung und Schulpraxis miteinander verbunden, neue Unterrichtsszenarien entwickelt und erprobt und in die Breite der Schulen transferiert werden“, sagte die KMK-Präsidentin Britta Ernst dem Deutschen Schulportal und stellt in Aussicht: „Außerdem gibt es einen Antrag aller 16 Bundesländer zur Entwicklung und Erprobung eines ländergemeinsamen Prüfverfahrens für digitale Bildungsmedien. Dabei geht es um die Prüfung und Bewertung von digitalen Bildungsmedien in Übereinstimmung mit allen rechtlichen Anforderungen für den Einsatz in der Schule.“

Ein Selbstläufer sind diese Entwicklungsprozesse nicht – auch das macht die Befragung für das Schulbarometer deutlich. So sagen 49 Prozent der Lehrkräfte: „Ich glaube, dass wir nach der Pandemie schnell wieder zu alten Routinen und Lehr- und Lernformaten zurückkehren werden.“

Auf einen Blick

Alle Ergebnisse der Folgebefragung für das Deutsche Schulbarometer Spezial zur Corona-Krise stehen hier als PDF zum Download bereit:

Stimmen zum Schulbarometer Spezial Corona-Krise

Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): „In einem Dreivierteljahr ist es nicht gelungen, die Schulen coronafest zu machen. Besonders deutlich wird dies beim Thema Digitalisierung. Interessant ist, dass die Lehrkräfte trotz mangelhafter Unterstützung durch Politik und Bildungsadministration feststellen, dass die Schulen die Weiterentwicklung in diesem Bereich deutlich vorangetrieben haben. Mit anderen Worten: Das Engagement der Lehrkräfte vor Ort hat den entscheidenden Beitrag geleistet, wenn Schulen mit ihren digitalen Angeboten heute besser aufgestellt sind als vor einem knappen Dreivierteljahr.“

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands: „Das lange Festhalten der Politik am vollständigen Präsenzunterricht trotz massiv steigender Inzidenzzahlen und unzureichende Gesundheitsschutzmaßnahmen an Schulen sind mit Sicherheit dafür verantwortlich, dass bei Lehrkräften die Angst vor einer Infektion fast doppelt so hoch ist wie in der Gesamtbevölkerung! Die Politik ist gefordert, mehr dafür zu tun, Schulen zu sicheren Orten zu machen! Die Umfrage unterstreicht auch unsere Kritik am suboptimalen Krisenmanagement der Schulministerien. Fast 80 Prozent der Lehrkräfte empfanden die mangelnde Planbarkeit, die oft durch fehlende klare politische Vorgaben bedingt war, als besonders belastend!“

Edgar Bohn, Vorsitzender des Grundschulverbands e. V.: „Sehr unterschiedliche, sich rasch überholende Vorschriften erforderten ständig neue Planungsvarianten, die in kürzester Zeit wieder zu Makulatur wurden. Da Unterricht gleichzeitig für verschiedene Organisationsformen geplant werden musste, stieg die Arbeitsbelastung für Lehrkräfte erheblich. Der Grundschulverband fordert Planungssicherheit für überschaubare Zeiträume. Dies erfordert eine verlässliche Definition, unter welchen pandemischen Bedingungen welche Unterrichtsszenarien in welcher Schulart umgesetzt werden. Bei Schulöffnungen muss Grundschulen Vorrang gewährt werden.“

Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE): „Das Schulbarometer zeigt, dass die Bildungsgerechtigkeit mehr denn je leidet. Durch die pandemiebedingten Maßnahmen seit März 2020 stellen die Lehrkräfte messbare Lernrückstände fest. Zwei von fünf Lehrkräften sagen, dass fast alle oder zumindest mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler Lernrückstände haben. Fast ein Drittel der Lehrkräfte sagt, dass dies bei weniger als der Hälfte der Fall ist. Gerade im Vergleich mit den Gleichaltrigen ist es fatal, wenn es bei einigen Schülerinnen und Schülern nicht gelingt, sie auf ein ähnliches Niveau zu bringen. Es ist leicht zu erraten, welche Schülerinnen und Schüler gut mit dem Stoff zurechtkommen: diejenigen, deren Eltern sich intensiv kümmern können, gegebenenfalls selbst eine pädagogische Ausbildung haben und die sich eine gute technische Ausstattung sowie Nachhilfe für ihr Kind leisten können.“