Dieser Artikel erschien am 06.03.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Barbara Mooser

Schule 4.0 : Landkreis-Lehrer testen das digitale Klassenzimmer

Whiteboards und interaktive Flach­bild­schirme könnten künftig in den Schulen eingesetzt werden. Wie genau, prüfen Pädagogen zwei Monate lang in einem Raum in Ebersberg.

Leeres Klassenzimmer mit Whiteboard
In Bayern ist ein digitales Klassenzimmer aufgebaut worden, das nun als Testlabor dient. Lehrkräfte sollen dort herausfinden, welche technischen Möglichkeiten, die die Digitalisierung bietet, zu ihren Schulen passen. Das soll die Gefahr von Fehlinvestitionen minimieren.
©Getty Images

Mit dem Finger zeichnet der Landrat Kringel auf der weißen Fläche, zieht geometrische Elemente auf und malt schließlich mit energischen Hand­strichen ein großes rotes Herz neben dem Schrift­zug „Herzlich willkommen“ aus. Man kann also zweifel­los Spaß haben mit den White­boards und Active Panels, die da in einem kleinen Saal im früheren Hauptsitz der Kreis­spar­kasse auf­gebaut sind.

Vor allem aber kann man mit den inter­aktiven Schul­tafeln und anderem technischen Zubehör Unterrichts­inhalte auf moderne Weise vermitteln. Der Land­kreis will in die Digitalisierung der Schulen in den nächsten Jahren viel Geld stecken; damit es keine Fehl­investition wird, haben die Fach­leute vom Land­rats­amt ein digitales Klassen­zimmer eingerichtet. Dort können Vertreter der Schulen ausprobieren, welche Technik für ihre Bedürfnisse am besten passt.

Die Idee, auf diese Weise den Schulen zu einem maßgeschneiderten Technik­konzept zu verhelfen, ist in Bayern bisher einzig­artig und war eine Idee des Teams Bildung im Land­rats­amt. Die Pädagogen aus den Landkreis-Schulen sollen die Gelegen­heit bekommen, sich ungestört mit den technischen Geräten für das Klassen­zimmer vertraut zu machen und sie einem echten Test zu unter­ziehen – und zwar ohne, dass ihnen jemand über die Schulter schaut oder schlaue Tipps gibt. Weder Mitarbeiter des Land­rats­amts noch Vertreter der Firmen, die schließlich ihre Geräte verkaufen wollen, werden bei den Tests anwesend sein, erläutert Brigitte Korber vom Team Bildung. „Es sollen individuelle und pass­genaue Konzepte für jede Schule entwickelt werden“, unter­streicht Landrat Robert Niedergesäß (CSU).

Bereits vor einigen Tagen waren je zwei Vertreter der Gymnasien, Real­schulen und Förder­zentren im Land­kreis im digitalen Klassen­zimmer zu Besuch, um sich in die Technik einweisen zu lassen. In den nächsten zwei Monaten können die Schulen nun Zeiten im Klassen­zimmer buchen, dann können die beiden Multi­plikatoren mit den zuständigen Fach­lehrern oder anderen technik­affinen Kollegen die White­boards und Panels ausprobieren.

Über das Schulamt hat der Kreis aber auch die Schulen, bei denen nicht der Landkreis der Träger ist, zum Ausprobieren eingeladen. Denn die Möglich­keiten, die die moderne Technik bietet, sind groß: Tafel­bilder am Flach­bild­schirm können beispiels­weise gespeichert und an alle Schülerinnen und Schüler verschickt oder durch Audio­dateien oder Videos ergänzt werden. Bisher sei die Resonanz der Schulen auf den Test­lauf im alten Spar­kassen­gebäude sehr positiv, sagt Hubert Schulze, einer der Schul­fach­leute im Land­rats­amt.

Poing ist Vor­reiter, ältere Schulen haben Nach­hol­bedarf

Was die Landkreis-Schulen betrifft, ist die Medien­aus­stattung bisher recht unter­schiedlich. Die noch recht neue Realschule Poing ist beispielsweise Referenz­schule für Medien­bildung, einige ältere Schulen haben zwangs­läufig Nach­hol­bedarf. Dementsprechend werden wohl nach der Erprobungs­phase auch die Wunsch­zettel der Schulen recht unter­schiedlich aussehen.

Klar ist bereits jetzt, dass es einige Jahre dauern könnte, bis jede Schule die erwünschte Ausstattung erhält. „Jeder weiß, dass so etwas für zehn Schulen nicht in einem Haus­halts­jahr möglich ist. Das wird Zug um Zug gehen“, sagt der Landrat. Und auch die Schulen müssen einiges tun, um für die Digitalisierung gerüstet zu sein: Bis Ende des Jahres muss jede von ihnen ein Medien­konzept entwickeln, in dem nicht nur ausgeführt wird, wie die Unterrichts­qualität durch den Medien­einsatz verbessert werden könnte, sondern auch ein Fort­bildungs­plan enthalten ist. Schließlich nutzt die modernste Technik nichts, wenn die Nutzer sie nicht bedienen können.

Investieren will der Kreis bis 2022 in die IT-Ausstattung seiner Schulen 3,3 Millionen Euro, allein in diesem Jahr sind 573.000 Euro vor­gesehen. Zuschüsse gibt es auch vom Freistaat, etwa 700.000 Euro werden wohl bis 2021 in den Land­kreis fließen. Niedergesäß hofft aber, dass diese Summe noch aufgestockt wird. Völlig unklar ist derzeit noch, inwie­weit der Kreis von den fünf Milliarden Euro profitieren wird, die durch den Digital­pakt vom Bund an die Länder und Kommunen fließen werden. „Es wird spannend, wie viel bei uns ankommt“, sagt Schulze.

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