Stimmen von Lehrkräften : Ukraine: „Ausnahmslos alle Kinder hatten Fragen“

Mit dem Angriff Putins auf die Ukraine hatte sich in der vergangenen Woche alles verändert. Plötzlich war Krieg in Europa. Viele Kinder und Jugendliche kamen mit Fragen in die Schule. Das Schulportal hat am 25. Februar Lehrkräfte befragt, wie sie ihre Schülerinnen und Schüler an diesem Tag erlebt haben und wie sie mit dem Thema Krieg im Unterricht umgegangen sind. Schreiben auch Sie uns Ihre Erfahrungen und Tipps in den Kommentaren.

Florentine Anders 28. Februar 2022 1 Kommentar
Der Krieg in der Ukraine bewegt Kinder und Jugendliche. Schulen geben Raum für Fragen und Austausch.
©Lars Rettberg

Schulgemeinschaft diskutiert über eine Solidaritätsbekundung

Amira Yassine, Schulleiterin Gymnasium am Mühlenberg, Schleswig-Holstein: In den Pausen gab es schon am Donnerstag (24. Februar) nach dem Angriff Putins auf die Ukraine unter den Kolleginnen und Kollegen kaum ein anderes Thema. So aufgeregt habe ich das Lehrerzimmer selten erlebt. Es gibt viele Unsicherheiten. Wir haben Schülerinnen und Schüler, deren Familien aus der Region des Konflikts kommen, wissen jedoch nicht genau, aus welchem Teil. Thema war auch, ob wir uns als Schule auf unserer Homepage mit der Ukraine solidarisch zeigen. Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrkräfte haben das Bedürfnis, aktiv zu werden. Momentan tauscht sich die Schülervertretung dazu aus, denn ein solches Solidaritätsbekenntnis nach außen muss von der gesamten Schulgemeinschaft mitgetragen werden.

Sabine Czerny, Grundschullehrerin in einer Deutsch-Klasse in Bayern und Kolumnistin des SchulportalsIn meiner Deutschklasse ist der Ukraine-Konflikt bislang an sich kein Thema. Die Kinder haben es von sich aus gar nicht thematisiert, es wirkt, als hätten sie zu Hause noch nichts von dem Konflikt mitbekommen. Beim Sehen der Logo-Nachrichten haben die Kinder den Beitrag angeschaut wie andere Beiträge auch. Keiner hat verängstigt oder in irgendeiner Weise besonders auf die Bilder reagiert. Ich werde das im Weiteren aber genau beobachten und begleiten. Allerdings verstehen und sprechen die Kinder noch kaum Deutsch, gerade Komplexes ist daher sehr schwer zu vermitteln. Zudem sind sie noch sehr jung und haben wenig Vorerfahrungen, sodass es eventuell auch nicht unbedingt nötig ist, die Thematik derzeit aufzugreifen und sie unnötig zu besorgen. Ich werde situativ entscheiden.

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit

Ulrike Ammermann, Lehrerin an einer Stadtteilschule in Hamburg und Kolumnistin des Schulportals: Ich habe ein mulmiges Gefühl, seit die US-Amerikaner vor einem Krieg gegen die Ukraine warnen und Satellitenbilder des massiven russischen Militäraufgebots an den Grenzen der Ukraine im Norden, Osten und Süden zu sehen sind. Überall ist nun die Rede vom drohenden Krieg. Auch meinen Schülerinnen und Schülern macht das Angst. Schon einen Tag vor der russischen Invasion fragten sie, ob wir im Unterricht darüber sprechen könnten. „Ich habe Angst, ich will nicht sterben, wenn jetzt ein Krieg kommt“, sagt Veronika* aus meiner 7. Klasse. Für Freitag bereite ich eine Padlet-Seite mit gesicherten Fakten zur Kriegslage vor.

Wir beginnen den Unterricht am Freitag mit einem Zitat von Hiram Johnson: „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit.“ Die Schüler überlegen, warum Menschen in Kriegssituationen lügen. Dann erinnere ich sie an unseren Faktencheck, den wir zu Beginn der Corona-Pandemie schon mal erarbeitet hatten: Jemand muss mit seinem echten Namen für die Information bürgen; mindestens zwei Quellen müssen das Gesagte bestätigen; Medien mit Redaktionen, die journalistische Standards einhalten, sind besser als Privatpersonen.

Mit einigen wenigen gesicherten Fakten – die Ukraine ist ein souveräner Staat, die Hauptstadt Kiew ist gut vier Flugstunden von Hamburg entfernt, Nachbarländer der Ukraine, der ukrainische Präsident wurde in demokratischen Wahlen gewählt – gehen wir ins Gespräch über den Krieg. Und alles ist vergessen. Etliche Mädchen und Jungs aus meiner 7. Klasse stammen aus Russland, ein Junge hat eine ukrainische Mutter und einen russischen Vater. Offensichtlich hat die russische Propaganda-Maschine in den zwei Tagen seit unserem letzten Gespräch ihre Wirkung entfaltet. Als Erstes wollen die Jungs untereinander klären, ob man für oder gegen Russland sei. Den russisch-stämmigen Mädchen scheint das nicht so wichtig zu sein. Alle, wirklich alle bekennen sich zu Russland. Und dann geht es los: Er habe gehört, Putin wolle bloß amerikanische Stellungen in der Ukraine angreifen, sagt ein Schüler. Außerdem seien nur Flughäfen und Kasernen angegriffen worden, ein anderer. „Putin will sich ja bloß dagegen wehren, dass auch noch die Ukraine in die Nato eintritt. Das kann man ja verstehen“, sagt Juri*. Mein Einwand, dass die Ukrainer das Ziel, in die Nato einzutreten, freiwillig in ihre Verfassung geschrieben hätten, geht in der allgemeinen Zustimmung unter. Trotzdem wollen meine 13-Jährigen unbedingt noch den Filmbeitrag des ZDF sehen, der vom ersten Tag des Krieges berichtet. Zerbombte Mietshäuser sind da zu sehen, verletzte Zivilisten, Menschen auf der Flucht. Einige lässt das einen Moment verstummen, fürs Erste leider nur.

* Namen der Schüler:innen wurden geändert.

Ich wollte es nicht kleinreden, aber dennoch keine Panik verbreiten.
Nina Toller, Lehrerin

Egal, wie nah der Termin für die nächste Klassenarbeit liegt

Nina Toller, Lehrerin für Geschichte, Englisch, Latein und Informatik in allen Klassenstufen an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen. Diesen Text hat sie auf Twitter veröffentlicht und dem Schulportal zur Verfügung gestellt: Eigentlich wollte ich heute Morgen (Donnerstag, 24. Februar) weinen. Als ich das Radio anmachte, hörte ich, dass es in der Nacht die ersten Angriffe im Ukraine-Russland-Konflikt gegeben hatte. Das hatte ich nicht gedacht. Noch vor ein paar Tagen diskutierte ich mit meinem Leistungskurs über die Ursachen, Probleme auf allen Seiten sowie mögliche Lösungswege. Dass es zwei Tage später eskaliert, hielt ich für unwahrscheinlich.

Dennoch war mir heute Morgen direkt eines bewusst: Auch meine anderen Schülerinnen und Schüler werden aufgestanden und von dieser Nachricht auf die ein oder andere Weise geschockt worden sein. Ich wiederhole mich: Ich kenne mich wahrlich nicht mit allen aktuellen Krisen und deren Ursachen aus – geschichtlich übrigens auch nicht. Aber, ganz unabhängig vom Fach, kann ich ihnen einen Raum geben, um über Fragen und wohl auch Ängste zu sprechen.

Egal, welches Fach anstand. Egal, was ich vorbereitet hatte. Egal, wie nah der Termin für die nächste Klassenarbeit liegt. Jede Klasse habe ich begrüßt und direkt gesagt, sie können sich entscheiden, ob sie mit dem normalen Lernen fortfahren oder über die Entwicklungen und Geschehnisse in Ukraine und Russland reden möchten.

Keine Überraschung: Ausnahmslos ALLE Kinder hatten Fragen, die sie stellen wollten.

Also haben wir erst einmal gesammelt, was sie wussten. Keiner MUSSTE etwas sagen, konnte auch einfach nur zuhören. Es sind einige Kinder und Jugendliche an meiner Schule, die aus Kriegsgebieten geflohen sind (Syrien, ehem. Jugoslawien) und die auch russischstämmig sind.

Manche Sachen habe ich direkt klargestellt, manche Fragen, z. B. nach dem „Dritten Weltkrieg“ habe ich erst einmal nach hinten geschoben, um mehr Grundlage für die Beantwortung zu haben. Ich habe keine Frage mit „Das versteht ihr noch nicht“ beantwortet, sondern versucht, so kindgerecht wie möglich zu antworten – mit dem Wissen, das ich habe.

Ich habe sachlich Bündnisse beschrieben, erklärt, was Völkerrecht und Deeskalation bedeuten.

Ich habe bewusst auf alle möglichen Bilder verzichtet. Vor allem aber habe ich sehr deutlich gemacht, dass es nicht DIE Russen (und auch nicht DIE Ukrainer) sind. Weder Menschen vor Ort noch Menschen, die hier in Deutschland leben, können kaum etwas für das, was ein Regierungschef ihres (Herkunfts)Landes tut!

Wahrscheinlich wollt ihr noch wissen, ob wir noch auf die Weltkriegsfrage gekommen sind. Sind wir. Eine kleine Zwickmühle, finde ich. Also habe ich ihnen sehr sachlich erklärt, dass nur theoretisch, wenn der Bündnisfall einträte und daher so viele Länder beteiligt wären, man von einem „Weltkrieg“ sprechen könne. Ich wollte es nicht kleinreden, aber dennoch keine Panik verbreiten. Also habe ich gleichzeitig sehr klargemacht, dass ich davon nicht ausgehe. So viele Länder treffen sich noch, beraten sich und wollen genau das vermeiden und alles dafür tun, dass dieser theoretische Fall nicht eintritt. Natürlich fragten sie auch, was Deutschland nun machen wird. Egal, was beschlossen wird, habe ich geantwortet, wird Deutschland vor allem humanitäre Hilfe leisten, wie so oft. Es werden Medikamente, Lebensmittel und Kleidung in die Kriegsgebiete geschickt und fliehende Menschen aufgenommen werden – wie von anderen Staaten rund um die Ukraine herum auch. Das ist etwas, was wir aktiv tun können.

Zum Abschluss nochmals der Appell:

  • Wenn eure Schülerinnen und Schüler Gesprächsbedarf haben, geht darauf ein.
  • Sagt bitte nicht, dass Test X oder Klausur Y aber jetzt gerade wichtiger wären.
  • Sprecht keine Kinder direkt an, im Sinne von „Was sagst DU denn dazu?“.

Ich bin sehr aufgewühlt, wirklich. Und dass als Erwachsene, die Dinge einordnen kann. Stellt euch nur mal vor, wie es Kindern und Jugendlichen geht. Ich hoffe, ich konnte euch mit dieser Mischung aus Erfahrungsbericht und Tipps ein bisschen helfen, wie ihr es umsetzen könnt. Ich freue mich, wenn ihr weitere Hilfestellungen kommentiert.

Update: In der Zwischenzeit habe ich den Beitrag von @vielfalt_im_kinderzimmer (Instagram) gesehen. Hier sind nicht nur Bücherempfehlungen, wie man mit Kindern über Krieg sprechen kann, gegeben, sondern auch der Hinweis, WIE man aktiv werden kann: Ein Spendenpaket packen und/oder eine Kerze anzünden. Das werde ich auch „meinen Kindern“ vorschlagen.

Update 2: die @tagesschau zeigt in diesem Interview die geschichtliche Einordnung von Putins Nationalismus.

 

Mehr zum Thema

Der Krieg in der Ukraine erschüttert uns alle und schürt Ängste. Wie können Lehrerinnen und Lehrer in der Schule mit den Fragen und Unsicherheiten von Kindern und Jugendlichen umgehen? Wie können Informationen altersadäquat vermittelt werden? Was sind verlässliche Quellen und wie kann vor diesem Hintergrund ein kritisch-reflektierter Umgang in den Sozialen Medien im Unterricht thematisiert werden?

Expertinnen und Experten aus den Bereichen Kinder- und Jugendpsychologie, Schulpraxis und Journalismus gaben in einem Live-Panel auf dem Campus des Deutschen Schulpreises Einblicke und beantworten Fragen. Mit diesem Angebot unterstützt die Robert Bosch Stiftung Lehrkräfte dabei, Kinder und Jugendliche in dieser Zeit zu begleiten und sich des Themas im Unterricht anzunehmen. Mit dabei waren:

  • Mirko Drotschmann, Mr.Wissen2go
  • Hendrik Haverkamp, Evangelisch Stiftisches Gymnasium Gütersloh
  • Julian Schmitz, Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie Universität Leipzig
  • Leonie von Glahn und Julia Roispich, Schülersprecherinnen der BBS Osterholz-Scharmbeck
  • Moderation: Johannes Büchs, TV-Moderator

Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und steht hier als Video zur Verfügung:

YouTube

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Materialien zum Thema

  • Die meisten Landesinstitute für Lehrerfortbildung und Schulentwicklung haben Links und Hinweise zusammengestellt, wie Lehrkräfte die Themen Krieg und Flucht vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs im Unterricht behandeln können. Eine umfangreiche Sammlung gibt es zum Beispiel beim Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz. Auf der Seite gibt es auch Hinweise dazu, wie Lehrkräfte Sorgen und Ängsten der Schülerinnen und Schülern begegnen können.
  • Der Kindernachrichtenkanal Kika von ARD und ZDF bietet viele Informationen zum Krieg in der Ukraine. Die Erklärvideos zum Krieg, die vor allem in den Kindernachrichten logo!erschienen sind, sind hier zusammengestellt. Weitere Beiträge gibt es im Reportermagazin für Kinder Neun 1/2.
  • Kindgerechte Nachrichten zum Krieg in der Ukraine bietet auch der WDR im Kinderradio KiRaKa.
  • Der Medienratgeber Schau hin wendet sich direkt an Eltern. Er will ihnen hierHinweise gebe, wie sie mit ihren Kindern sprechen können und wo sie altersgerechte Formate finden.
  • Außerdem bekommen Eltern und Lehrkräfte Hinweise zum Umgang mit dem Krieg in der Ukraine über den Ratgeber Flimmo auf dieser Seite. 
  • Die Servicestelle Jugendschutz vom Verband junger Medienmacher Sachsen-Anhalt hat hier einige Punkte zusammengestellt, die Erwachsene beim Gespräch über den Krieg beachten sollten.

Tipps aus dem Live-Panel

  • Eine Sammlung von Unterstützungshilfen gibt es u.a. hier
  • Das Landesinstitut Hamburg hat eine Materialsammlung für Grundschule bis Oberstufe / Berufsschule zusammengestellt.
  • Auf Youtube beantwortet MrWissen2go aktuelle Fragen zum Krieg in der Ukraine.
  • Eine umfangreiche Materialsammlung bietet auch die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.
  • Hier geht es zur angesprochenen Seite des Landesinstituts von Rheinland-Pfalz. 
  • Auf diesem Padlet tauschen Pädagoge:innen mit Migrationsbiografien ihre Ideen zu dem Thema aus: „Erfahrungen gesucht: Wie mit geflüchteten Kindern, Jugendlichen und Eltern über den Krieg reden. Austausch zum konkreten Handeln in Vorbereitungsklasse ab Februar 2022“.
  • Um Kinder für FakeNews zu sensibilisieren ist eine Stunde mit einem der Journalisten von LieDetectors zu empfehlen.