Dieser Artikel erschien am 14.05.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Ewald Hetrodt

Sauklaue und Handkrämpfe : Kinder können nicht richtig schreiben

Die Stiftung Handschrift schlägt Alarm: Immer weniger Kinder verfügen über ein sauberes Schrift­bild. Nun adressiert das hessische Kultus­ministerium das Problem. Eine Lösung gibt es noch nicht.

Druckschrift, aber wenigstens ordentlich: Immer weniger Schüler können ohne Probleme mit der Hand schreiben.
Druckschrift, aber wenigstens ordentlich: Immer weniger Schüler können ohne Probleme mit der Hand schreiben.
©dpa

„Die Handschrift ist eine unserer grundlegenden Kultur­techniken und individuelles Marken­zeichen jedes Menschen.“ So formulierte es der hessische Kultus­minister Alexander Lorz (CDU) gestern bei einem Termin in der Wiesbadener Martin-Niemöller-Schule. Der Unter­nehmer Christian Boehringer berichtete anschaulich, dass sich in seiner Firma gerade dort, wo die größten Computer stünden, auch die meisten Zettel mit hand­schriftlichen Auf­zeichnungen fänden. Darum war das Lob groß, das der Stiftung Hand­schrift zuteil­wurde. Sie veranstaltet in diesem Jahr schon zum zweiten Mal einen Schreib­wettbewerb für die sechsten und siebten Klassen aller Schul­formen in ganz Hessen, und die Resonanz steigt.

Rund zehntausend Jungen und Mädchen sind schon dem Aufruf gefolgt, bis zum 31. Mai mit der Hand auf­zu­schreiben, wie man andere und sich selbst glücklich machen kann. Die Haus­herrin Elisabeth Walldorf hatte Kinder ihrer Schule ein­geladen. Auf großen Tafeln präsentierten sie die Texte, mit denen sie sich an dem Wett­bewerb beteiligen. Was sie zeigten, dürfte weit über dem Durch­schnitt liegen. Denn die von der Stiftung gelieferten Fakten sind alarmierend. Danach haben 51 Prozent der Jungen und 31 Prozent der Mädchen in den weiter­führenden Schulen Probleme mit der Hand­schrift. In der Sekundar­stufe I können nur noch die Hälfte der Schüler mit einer flüssigen Hand­schrift schreiben. Die anderen fallen mangels Übung in die gedruckte Hand­schrift zurück.

Schreibkrampf nach 15 Minuten

Die Lehrerinnen bestätigten gestern noch einen weiteren, dramatischen Befund. Zwei Drittel der Schüler können keine längeren Passagen beschwerde­frei mit der Hand schreiben. Sie bekämen nach zehn bis 15 Minuten einen Schreib­krampf, berichtete Raoul Kroehl, Bildungs­leiter der Stiftung. Dann würden Lockerungs­übungen gemacht. Die Schwierig­keiten beträfen alle Schul­formen gleicher­maßen. Der Kern des Problems bestehe darin, dass außer­halb des Schul­unterrichts nicht mehr geschrieben werde, sagte Lorz. Das sehen Eltern­vertreter anders: Sie beklagen, dass in hessischen Grund­schulen keine einheitliche Aus­gangs­schrift gelehrt werde und jeder Lehrer andere Schriften bevorzuge. Darum könnten viele Kinder nur noch Druck­schrift. Im Curriculum sei verankert, dass die Kinder am Ende der Grund­schul­zeit die Schreib­schrift beherrschen müssten, sagte Lorz. Doch der Weg dorthin ist offen­bar nicht geregelt.

Viele Kinder könnten bei der Einschulung die Druck­schrift, stellte der Sprecher des Ministeriums fest. Weil man sie „mit­nehmen“ wolle, beginne man häufig auch mit dieser Schrift. Sie ist aber keines­wegs eine Vorstufe zur verbundenen Schreib­schrift. Kinder, die sie erlernen könnten, verlieren also Zeit, wenn sie Pech und den falschen Lehrer haben. Die Landes­koalition werde die Stunden­tafel für die Grund­schule um eine Stunde Deutsch erweitern, sagte Lorz. Dass dies die Schreib­schrift retten werde, behauptete er erst gar nicht. Statt­dessen dachte er laut darüber nach, dass die Lehrkräfte den Grund­schülern Tipps geben könnten, „wie sie ihre Hände halten“. Boehringer sagte: „Mit dem Wettbewerb adressieren wir das Problem. Gelöst haben wir es nicht.“ Genau darin besteht die Aufgabe des Kultus­ministers.