Individuelle Förderung : „Kennt meine Lehrkraft mich richtig?“

Von verstärkter Lernstands­diagnostik über die Wichtigkeit lernförderlichen Feedbacks bis hin zu einem sinnvollen Mix aus Begleitung und Machenlassen: Bildungs­forscherin Jasmin Decristan erklärt, wie individuelle Förderung während und nach Corona gelingen kann, welche Ansätze der Bewerber­schulen des Deutschen Schulpreises 20|21 Spezial dabei wegweisend sind – und warum es dabei mehr um eine ganzheitliche Unterrichts­strategie als um die Förderung einzelner Schülerinnen und Schüler gehen muss.

Nina Heitele / 29. März 2021
Schüler-Lehrer-Gespräch
©dpa

Deutsches Schulportal: Für individuelle Förderung ist die Erfassung von Lernstand und -entwicklung essenziell. Während der Lockdowns war das schwierig. Inwiefern können digitale Lern­stands­erhebungen, wie sie an manchen Bewerber­schulen des Deutschen Schulpreises 20|21 Spezial verstärkt eingesetzt wurden, persönliche Beobachtungen ersetzen – was wären zukunfts­weisende Alternativen?
Jasmin Decristan: Normalerweise findet die fortlaufende Lernstands­erfassung „on the fly“ während des Gesprächs im Präsen­zunterricht statt. Ehrlicher­weise muss man aber sagen, dass Lehrkräfte mündlich nicht alles mitbekommen können. Kleinere diagnostizierende Aufgaben bieten Orientierung zum Lernstand aller Kinder und die Möglichkeit, ihnen zu spiegeln: Ich realisiere, was du kannst. Eine große Chance, auch über Corona hinaus, liegt für mich in digitalen Tools zur Lern­verlaufs­diagnostik. Durch systematische Nutzung ließen sich bessere Einblicke gewinnen. Selbst im Unterrichts­gespräch gibt es immer wieder Kinder, die durchs Raster fallen.

Kleinere diagnostizierende Aufgaben bieten Orientierung und die Möglichkeit, den Kindern zu spiegeln: Ich realisiere, was du kannst.

Welche praktischen Konzepte halten Sie aus Sicht der Unterrichts­forschung für sinnvoll? Kann ein personen­gebundenes Einzel­coaching, wie das auch während der Pandemie von Bewerberschulen umgesetzt wurde, die Lösung für alle sein?
Um herauszufinden, wo Schülerinnen und Schüler stehen und wie ihre Lebenswelt aussieht, ist so etwas definitiv sinn­voll – und höchst engagiert. Denn ein einziger Termin kurz vor der Zeugnis­konferenz bringt wenig, aber beispiels­weise monatlich statt­findende Gespräche würden Kontinuität schaffen. Klein­gruppen, um soziale Elemente zu nutzen, könnten ebenso förderlich sein. Manche fühlen sich mit ihren besten Freundinnen und Freunden zusammen wohler – sie kommen dann mehr aus sich heraus. Wichtig für die individuelle Lernmotivation und auch das Lernen selbst bleiben regel­mäßige Feedbacks. Digitale Feedback­formate, wie sie während der Lockdowns lern­förderlich eingesetzt wurden, ließen sich fortführen.

Der Deutsche Schulpreis 20|21 Spezial zeigt, dass Schulen in der Corona-Pandemie verstärkt digitale Projekt­arbeit eingeführt haben, zum Teil mit differenzierten Aufgaben für verschiedene Leistungs­niveaus. Inwiefern ist das eine gute Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler mit unter­schiedlichem Lernstand gleicher­maßen abzuholen – wo sehen Sie Grenzen dieses Lernmodells?
Durch zunehmend heterogene Klassen ist Differenzierung unbedingt nötig. Unterschiedliche Schwierigkeits­niveaus können eine Möglichkeit darstellen. Wir müssen die Debatte aber weiter­führen: Welche Aufgaben fördern und fordern alle? Welche Aufgaben­stellungen gibt es, die sich auch mit verschiedenen Lernständen lösen lassen? Eine vorgegebene Unterteilung in Niveaus setzt voraus, dass die Lernstände auch zu den Niveaus passen. Aus Sicht der Schülerinnen und Schüler stellt sich dann die Frage: Wer sagt, auf welchem Niveau ich arbeite – kennt meine Lehrkraft mich richtig? Dürfen Schülerinnen und Schüler selbst wählen, spielt wiederum die eigene Motivation rein: Möchte ich es mir leicht machen, oder habe ich Lust, mich richtig anzustrengen? An der Stelle braucht es Begleitung.

Bei individueller Förderung geht es häufig auch um das individuelle Abwägen von Lern­begleitung (Monitoring) und Ausblenden der Unterstützung (Fading). Wie stehen Sie dem Ansatz gegenüber, im Stunden­plan bewusst Raum für offenes Lernen zu lassen oder interessen­geleitete Tage einzuführen?
Interessen zu berücksichtigen und Kinder mit freien Lernzeiten zu selbstständigen Menschen zu erziehen, ist ein wichtiger Gedanke. Schule muss Raum für Partizipation bieten. Aber ein organisatorischer Rahmen, Struktur und Begleitung durch Lehrende sind wichtig, um niemanden zu über- oder unter­fordern. Vielen fällt es schwer, sich selbst zu motivieren. Das betrifft übrigens nicht nur Lern­schwächere. Lernstarke Schülerinnen und Schüler profitieren stärker von einer Öffnung, Anregung brauchen sie trotzdem. Vor dem Hintergrund der Pandemie kann ich nur betonen, wie wichtig Unterrichts­vorbereitung, Strukturierung und Begleitung sind und bleiben werden.

Was halten Sie im Sinne der Partizipation davon, wenn Schülerinnen und Schüler Lernleistungen entsprechend ihren Talenten und Neigungen selbst wählen dürfen? Als Ersatz von Klassenarbeiten haben das während Corona manche Schulen angeboten …
Wenn ich als Lehrkraft transparent mache, was bei welcher Leistungs­form gefordert ist, kann es im Sinne einer Mitbestimmung von Schülerinnen und Schülern eine gute Idee sein, verschiedene Möglichkeiten zur Auswahl zu stellen. Keine Lösung ist es, wenn einzelne nie einen Test schreiben oder immer ein Poster abgeben wollen, weil es ihnen leichter fällt. Damit Kinder breit aufgestellt sind, sollten Lehrkräfte mitberaten, unterstützen, Mut machen, etwas auszuprobieren – also auch fördern, indem sie fordern.

Sich in Zeiten wie einer Pandemie nur an der am Ende erbrachten Leistung der Kinder zu orientieren, wäre weder gerecht noch wertschätzend.

Wie passt Notengebung als eine Form von Standardisierung zum Konzept von individualisiertem Lernen – sollten statt Ergebnissen lieber Prozesse bewertet werden, wie das einige Schulen im Lockdown mit Prozessnoten gemacht haben?
Wir befinden uns hier tatsächlich in einem Dilemma zwischen individueller Förderung und Standardisierung. Sich in Zeiten wie einer Pandemie nur an der am Ende erbrachten Leistung der Kinder zu orientieren, wäre weder gerecht noch wertschätzend. Man muss aber auch berücksichtigen, dass Zeugnis­noten nie allein auf Basis von Test­ergebnissen vergeben werden. Sie sind oft ein bunter Blumenstrauß, in den auch die Anstrengungsbereitschaft und Mitarbeit mit einfließen. Zudem kann man durch regel­mäßige Rückmeldungen dazu, wo sich jemand bereits verbessert hat und welche weiteren Schritte nun gegangen werden sollen, sehr gut den individuellen Lernprozess aufzeigen.

Jenseits des Präsenzunterrichts haben Schulen, die sich für den Deutschen Schulpreis 20|21 Spezial beworben haben, während der Pandemie zum Beispiel digitale Lernräume für Kleinst­gruppen eingerichtet oder im Netz Lerntandems gebildet. Sind das Lösungs­strategien, um von Heterogenität zu profitieren?
Es braucht einen Mix aus individuellem und gemeinsamem Lernen. Gruppenarbeit ist ein wichtiger Bestandteil, damit sich Kinder untereinander unterstützen können. Aber auch die funktioniert nur nach bestimmten Regeln und Strukturen, die von Lehrkräften vorgegeben werden sollten. Als erwiesen gilt, dass Unterricht mit Kleingruppen lernwirksamer ist als ohne – und dass leistungshomogene Gruppen für leistungs­schwache Lernende nachteilig sind. Breakout-Sessions in Videokonferenzen oder virtuell zusammenkommende Lerntandems sind jenseits von Präsenz­zeiten eine gute Über­brückungs­strategie. Das Miteinander kann digital nicht ersetzt werden. Damit individuelle Förderung gelingen kann, braucht es Schule nicht nur als Lernort, sondern auch als sozialen Raum. Sonst hätten wir lauter Einzelkämpfer.

Was kann sich vor dem Hintergrund von zwei Lockdowns in puncto individuelle Förderung jetzt konkret am System Schule ändern – worin liegt für Sie das größte Potenzial?
Die Erfahrungen, die hier mit digitalen Tools gemacht wurden, sollten mitgenommen werden in die Zukunft. Nun muss überlegt werden, wie sie sich im Dienst individueller Förderung sinnvoll wieder einbinden lassen. Für sehr gewinnbringend und lernförderlich aus Forschungssicht halte ich adaptive Testsysteme. Wenn Kinder mit solchen Programmen drei, vier Aufgaben gelöst haben, gehen sie adaptiv auf den nächsten Schwierigkeits­grad. Damit werden auch leistungs­stärkere Schülerinnen und Schüler nicht gelangweilt. Wichtig an dieser Stelle: Es geht nicht darum, dass die Kinder einzeln in der Klasse vor Tablets sitzen. Auch hier gilt es, eine ausgewogene Mischung aus individuellen und gemeinsamen Lernzeiten zu realisieren.

Was ist für Sie die größte Lehre aus der Pandemie und daraus resultierend die drängendste Frage?
Es geht verstärkt darum, wie es gelingen kann, Kinder abzuholen, die zu Hause keine bestmögliche Unterstützung erfahren. Festzuhalten ist, dass individuelle Förderung nicht Einzelarbeit heißt. Sie meint nicht, dass alle eigene Arbeits­blätter bearbeiten und einzelne Kinder die bestmöglichen fachlichen Lernziele im bestmöglichen Lern­tempo erreichen. Stattdessen stehen die Begleitung individueller Lernstände, Strukturierung und am Ende ein Mix aus individuellem und gemeinsamem Lernen im Mittelpunkt. Individuelle Förderung ist eine „Gesamt­unterrichts­strategie“, sagt Hanna Dumont vom Deutschen Institut für Inter­nationale Pädagogische Forschung. Dem stimme ich unbedingt zu.

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Der Input von Jasmin Decristan von der Bergischen Universität Wuppertal beim Digitalen Impuls „Alle Schülerinnen und Schüler individuell fördern” vom 30. März 2021.

Zur Person

Wie sieht guter Unterricht für alle aus? Als Professorin für „Schulische Interventions­forschung bei besonderen pädagogischen Bedürfnissen“ am Institut für Bildungs­forschung in der School of Education an der Bergischen Universität Wuppertal forscht Jasmin Decristan, 1979 in Northeim geboren, unter anderem zu den Schwerpunkten individuelle Förderung, Unterrichts­qualität und kooperatives Lernen. Ein Ziel ist es, neue, wirksame und praxis­relevante Unterrichts­konzepte zu entwickeln und zu evaluieren.

Jasmin Decristan
©privat