Für MINT begeistern : „Jugend forscht“ als Schulfach

Bei „Jugend forscht“ gibt es eine Menge Wieder­holungs­täter. Vor allem Schulen mit starkem MINT-Profil setzen auf die motivierende Kraft des Wett­bewerbs und begleiten jedes Jahr wieder Jugendliche in ihren Forschungs­projekten. Zwei Lehrer­innen erzählen, woher die Ideen für die Projekte kommen, wie sie die Schüler­innen und Schüler unter­stützen und wie ihre Schulen gezielt das Interesse für natur­wissen­schaftliche Frage­stellungen wecken.

Alexandra Mankarios / 19. April 2018
Rechnen macht Spaß! Das wissen Schulen mit starkem MINT-Profil, deren Schülerinnen und Schüler regelmäßig am Wettbewerb „Jugend forscht“ teilnehmen.
Rechnen macht Spaß! Das wissen Schulen mit starkem MINT-Profil, deren Schülerinnen und Schüler regelmäßig am Wettbewerb „Jugend forscht“ teilnehmen.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Den Chemiebaukasten haben die Schüler­innen und Schüler, die bei „Jugend forscht“ ihre Arbeiten präsentieren, lange hinter sich gelassen. Ihre Frage­stellungen stammen direkt aus dem Leben, mit ihren Antworten möchten sie echte Probleme lösen – etwa Welt­raum­schrott recyceln, Alz­heimer fördernde Ablagerungen im Gehirn auf­spüren, umwelt­freund­lichere Akkus herstellen. In ihrer Forschung stecken mehrere Monate intensive Arbeit, viel Herzblut und Frei­zeit­stunden. Über 12.000 Kinder und Jugend­liche haben allein 2018 am Wett­bewerb teil­genommen. Wer sich auf den Regional- und Landes­wett­bewerben umsieht, merkt aller­dings schnell: Einige Schulen sind jedes Jahr wieder vertreten. Ihnen gelingt es offenbar besonders gut, den Forscher­geist ihrer Schüler­innen und Schüler zu wecken.

Selbst gewählte Forschung statt fester Lehrplan

Die Otto-Hahn-Schule in Hamburg ist so eine Schule, 35 ihrer Schüler­innen und Schüler haben zum Beispiel aktuell am Wett­bewerb teil­genommen. Das liegt nicht nur daran, dass die Hamburger Stadt­teil­schule ein aus­gewiesenes MINT-Profil hat. Es gibt hier sogar ein eigenes Unter­richts­fach „Jugend forscht“, in dem die Schüler­innen und Schüler gezielt an Wett­bewerbs­projekten arbeiten. Ob sie am Ende auch wirklich teil­nehmen, ist ihnen aller­dings frei­gestellt. „Sie müssen aber ein Projekt bearbeiten und am Ende präsentieren. Das wird auch benotet“, erklärt Maria Holldorb. Die Chemie-, Physik- und Englisch­lehrerin hat schon einige Jahr­gänge im Fach „Jugend forscht“ an der Otto-Hahn-Schule betreut. Dass die Note sogar in die Abitur­note einfließen könne, sei für viele Jugendliche eine zusätzliche Motivation, den Kurs zu wählen, erzählt Holldorb: „Sie können sich selbst ein Thema aus­suchen, für das sie sich wirklich interessieren – anders als im normalen Chemie- oder Physik­unter­richt. Deshalb glauben viele, dass es ihnen im Fach ‚Jugend forscht‘ leichter fällt, eine gute Note zu schaffen.“

Beraterrolle statt Oberlehrer

Für Lehrerinnen und Lehrer, die Jugendliche bei Forschungs­projekten begleiten, ist die Arbeit oft eine inhaltliche Heraus­forderung. „Ich bin in Mathe­matik zum Beispiel nicht so ein Profi wie jemand, der das Fach studiert hat. Wenn sich eine Gruppe ein mathe­matisches Thema sucht, dann kann auch ich nicht jede Frage sofort beantworten“, gibt Holldorb zu. „Wir fragen dann meist Kolleg­innen und Kollegen oder suchen in Büchern und im Inter­net nach Antworten.“ Als Defizit sieht Holldorb es nicht, dass sie manchmal selbst erst recherchieren muss – im Gegen­teil: „Ich finde es gut, wenn die Schüler wissen, dass wir gemeinsam zum Ziel gehen müssen. Dann habe ich als Lehrerin wirklich eine Beraterrolle, anstatt ober­lehrer­haft alles besser zu wissen.“

Früh das Interesse wecken

Auch Kirsten Mantau, Biologie-, Chemie- und Informatik­lehrer­in am Gymnasium Reutershagen in Rostock, betreut regelmäßig „Jugend forscht“-Projekte. Mit Erfolg: 2018 haben es zum dritten Mal in Folge Schüler­innen und Schüler von ihr ins Bundes­finale des Wett­bewerbs geschafft. An Mantaus Schule ist „Jugend forscht“ kein eigenes Schul­fach, aber auch sie bahnt das Interesse am Wett­bewerb früh an. Zum Beispiel besuchten die neunten Klassen meist den Landes­wett­bewerb, um sich selbst umzu­sehen. Mit einer laufend aktualisierten Präsentation versucht Mantau außerdem, ihnen die Forschungs­arbeit schmack­haft zu machen. „Und dann hoffe ich, dass die Saat aufgeht“, erzählt Mantau. An der Hamburger Otto-Hahn-Schule helfen außer­dem Frage­bögen den Schüler­innen und Schülern dabei, eigene Forschungs­projekte zu entwickeln: Indem sie sich gegen­seitig befragen, finden sie heraus, wo ihre Interessen liegen.

„Das kann ich nicht“ gibt es nicht

Dass sich jedes Jahr wieder Schülerinnen und Schüler auf die intensive Forschung einlassen, führt Mantau darauf zurück, dass sie ihre eigene Begeisterung für ihre Fächer mit den Lernenden teilt. „Außerdem versuche ich, die ‚Das kann ich nicht!‘-Schwelle abzubauen“, erzählt sie. „Wenn mir ein Schüler erzählt, er könne Chemie einfach nicht, sage ich: ‚Das glaube ich nicht!‘ Und wenn er sich dann anstrengt und sein Maximum erreicht, dann lobe ich ihn – egal, welche Zensur dabei herauskommt.“

Ich bin sicher, du kannst das – es kann gar nicht anders sein!
Maria Holldorb, Lehrerin für Chemie, Physik und Englisch an der Otto-Hahn-Schule in Hamburg

Maria Holldorb an der Hamburger Stadt­teil­schule setzt außerdem auf viele Versuche im Unter­richt. „Ich kann mir meinen Chemie­unter­richt ohne Versuche gar nicht vor­stellen. Auch in Physik bestehen sicher 80 Prozent des Unterrichts aus Experimenten.“ An anderen Schulen, habe sie gehört, werde viel häufiger mit dem Buch unter­richtet, und das sei dann oft lang­weilig. Bei den Experimenten hin­gegen gingen die Jugendlichen einer Frage­stellung nach. „Der Versuch beantwortet die Frage – anschließend kommen sie selbst darauf, was dahinter­steckt.“ Und wenn mal jemand glaubt, er komme nicht weiter, reagiert sie ganz ähnlich wie ihre Rostocker Kollegin Mantau: „Ich bin sicher, du kannst das – es kann gar nicht anders sein!“ Wenn sich das dann bestätigt, seien die Schüler­innen und Schüler glücklich und kämen eben gern zum Unter­richt.

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