Jürgen Budde : Warum pauschale Jungenförderung ins Leere läuft

Wegen der Corona-Krise sind Girls‘ Day und Boys‘ Day in diesem Jahr abgesagt. Eigentlich hätten an diesem Donnerstag Mädchen und Jungen Berufe in der Praxis kennenlernen können, in denen das jeweils andere Geschlecht eher selten vertreten ist. Ziel der bundesweiten Aktionstage ist vor allem eine klischeefreie Berufsorientierung. Und es geht auch darum, Benachteiligungen zu vermeiden. Lag der Fokus dabei ursprünglich mehr auf den Mädchen, gelten nicht erst seit den Ergebnissen jüngster Bildungsstudien häufig Jungen als Bildungsverlierer. Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Budde hält von dieser Zuspitzung wenig. Im Interview mit dem Schulportal erklärt er, welche Rolle Geschlechterstereotype in der Schule spielen, wieso Maßnahmen für einen jungengerechten Unterricht oft ins Leere laufen, wieso er aber eine Breakdance-AG durchaus bei der Jungenförderung für hilfreich hält.

Annette Kuhn / 22. April 2020
Jungen in einem Klassenraum
Viele Jungen fühlen sich in der Schule nicht gesehen, sagt Erziehungswissenschaftler Jürgen Budde.
©Arno Burgi/dpa

Schulportal: Die Debatte um Jungen als Bildungsverlierer ist nach der Veröffentlichung der jüngsten PISA-Ergebnisse wieder einmal entbrannt. Jungen schneiden in den meisten Bereichen schlechter ab als Mädchen. Woran liegt das?
Jürgen Budde: Das ist zu pauschal. Es schneiden ja nicht die Jungs schlechter ab als die Mädchen, sondern einige Jungs schlechter als einige Mädchen. Die Schnittmengen bei Studien wie PISA sind sehr viel größer als die Ränder. Die Unterschiede scheinen also nicht daran zu liegen, dass die Jungen an sich weniger talentiert sind. Im Hochbegabtenprogramm finden wir zum Beispiel mehr Jungen als Mädchen.

Trotzdem verlassen mehr Jungen die Schule ohne Abschluss, schreiben häufiger schlechte Noten.
Zwei Gründe spielen dabei eine Rolle: Es entsteht eine ungünstige Konstellation, wenn eine Orientierung an traditioneller Männlichkeit mit dem Fokus auf Wettbewerb, Konkurrenz, Stärke mit einem Elternhaus zusammenkommt, das über wenig ökonomisches Kapital verfügt. Außerdem geht eine bestimmte Form von Männlichkeitsvorstellung nicht mit schulischen Leistungserwartungen zusammen.

Können Sie das näher erläutern?
Wir erwarten in der Schule zweierlei: Einerseits gelten Leistung und Konkurrenz, andererseits wollen wir, dass sich die Schülerinnen und Schüler auf plurale Lebensvorstellungen einlassen und demokratisch handeln. Wenn sich Jungen aber an sehr traditionellen Formen von Männlichkeit orientieren, kann das im Widerspruch zu dem stehen, was Schule erwartet, und dadurch zu Konflikten führen.

Die Fokussierung auf Stärke und Wettbewerb ist aber doch zumindest eine Facette von Schule, die Jungen anspornen könnte.
Das Erstaunliche ist tatsächlich, dass Jungen eine starke Vorstellung von Wettkampf und Leistung haben können, sie aber oft in der Schule nicht zum Ausdruck bringen. Schule scheint eher eine Domäne zu sein, die Jungen nicht so richtig zum Wettbewerb reizt.

Woran liegt das?
In unseren Untersuchungen haben wir festgestellt, dass sich viele Jungen nicht gesehen fühlen. Das kann auf die Leistung drücken oder auf den Willen, Leistung zu erbringen. Oft entwickelt sich daraus eine Negativspirale: schlechte Leistungen, störendes Verhalten, Probleme im Verhältnis zwischen Lehrkraft und Schüler. Dem begegnen wir dann auf institutioneller Ebene mit disziplinarischen Maßnahmen. Die sind vielleicht auch nötig, aber helfen würden vor allem unterstützende Maßnahmen und mehr Verständnis.

Erziehungswissenschaftler und Jungenforscher Jürgen Budde
©privat

Die Gruppe der Jungen ist zu vielschichtig, als dass wir sie insgesamt als Gruppe fördern könnten. Pauschale Maßnahmen, Schulen jungengerecht zu gestalten, laufen oft ins Leere. Man muss immer das konkrete Problem betrachten: Habe ich zum Beispiel eine Gruppe von Jungen, die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, dann muss ich genau da ansetzen.

Jungen – die unbekannten Wesen. Wissen Lehrkräfte zu wenig über Jungen?
Es ist sicher sinnvoll, sich mit der männlichen Sozialisation auseinanderzusetzen, um sich in Jungen besser hineinversetzen zu können. Was bedeutet beispielsweise Sport für Jungen? Welche Rolle spielen dabei Anerkennung, Leistungsfähigkeit, Eingebundensein in die Gruppe? Allerdings haben wir bislang nur wenig Daten. Ich wünsche mir mehr Forschung zu Jungen, vor allem in Verbindung mit verschiedenen Referenzkategorien, zum Beispiel zu Jungen mit Migrationshintergrund oder Jungen mit Behinderung – das ist eine völlige Leerstelle. Und wir brauchen mehr Längsschnittstudien zu Bildungskarrieren.

Wie könnte eine gute Jungenförderung aussehen?
Die Gruppe der Jungen ist zu vielschichtig, als dass wir sie insgesamt als Gruppe fördern könnten. Pauschale Maßnahmen, Schulen jungengerecht zu gestalten, laufen oft ins Leere. Man muss immer das konkrete Problem betrachten: Habe ich zum Beispiel eine Gruppe von Jungen, die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, dann muss ich genau da ansetzen.

Jungenförderung hat viel mit Anerkennung zu tun

Die Frage ist aber sicher auch, inwieweit Jungen in der Schule Orte der Anerkennung finden. Es ist interessant zu sehen, wie sich weiterführende Schulen am Tag der offenen Tür vorstellen: meist mit dem Chor, dem Orchester, der Theatergruppe. Häufiger sind es Mädchen, die hier auftreten, seltener Jungen. Vielleicht liegt es auch daran, dass es wenig Breakdance- oder Hiphop-Gruppen an Schulen gibt. Auch auf der Schul-Homepage finden wir Jungen oft dann auf den Fotos, wenn es um Pause oder Fußball geht. In Lernsituationen werden hingegen mehr Mädchen abgebildet. Hier könnte man ansetzen.

Sollte es auch in der Schule mehr Angebote für Jungen geben – Kampfsport zum Beispiel?
Bei Kampfsport oder Boxen bin ich mir nicht sicher, ob man das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet. Es gibt ja auch viele Jungen, die gerade nichts mit Kampf und hypermännlichen Bildern anfangen können. Die verweisen wir damit auf Geschlechterstereotype, in denen die sich gar nicht wiederfinden. Die Botschaft „Echte Jungen boxen“ ist für die Jungen, die nicht gerne boxen, ein Problem. Aber Breakdance oder Hiphop spricht viele Jungen an – und auch Mädchen. Solche Angebote halte ich für sinnvoll.

Über andere Unterrichtsformate nachzudenken würde sicher helfen – und nicht nur den Jungen. Das ist ohnehin wichtig bei der Jungenförderung: Von den Maßnahmen, die sich Lehrkräfte ausdenken, müssen Jungen genauso profitieren wie Mädchen.

Eignet sich geschlechtergetrennter Unterricht zur Jungenförderung?
Mal abgesehen davon, dass die Umsetzung organisatorisch sehr anspruchsvoll ist, setzt das ja genau an den Stereotypen an. Wie begründe ich denn den Jungen gegenüber, dass sie Deutschunterricht jetzt ohne die Mädchen haben? Weil sie nicht so gut sind? Darauf reagieren Jungen doch nicht mit Leistungssteigerung! Geschlechtergetrennter Unterricht hilft vielleicht dabei, Unterschiede aufzuzeigen, aber das reicht nicht aus und ist noch nicht die Lösung. Es müssen dann weitere Schritte der Differenzierung folgen.

Werden Jungen in der Schule benachteiligt?
Die Mehrzahl der Lehrerinnen und Lehrer benachteiligen die Jungen nicht im Unterricht, dafür haben wir in unseren Untersuchungen keine Hinweise gefunden. Ich frage mich aber, ob ein Unterricht mit 30 Kindern in einem relativ kleinen Raum, in dem alle still sitzen und lernen, eine angemessene Form ist, die allen Kindern gerecht wird. Das funktioniert auch nur, wenn sich alle an eine bestimmte Ordnung halten. Jungen haben vielleicht nicht so viel Interesse daran, sich auf diese Ordnung einzulassen – das kann zu Konflikten führen.

Aber ich halte diese Form ohnehin nicht mehr für angemessen. Ich verbringe ja auch nicht meinen Arbeitstag acht Stunden lang in 45-Minuten-Blöcken am Schreibtisch sitzend, obwohl das eigentlich mein Arbeitsort ist. Über andere Unterrichtsformate nachzudenken würde sicher helfen – und nicht nur den Jungen. Das ist ohnehin wichtig bei der Jungenförderung: Von den Maßnahmen, die sich Lehrkräfte ausdenken, müssen Jungen genauso profitieren wie Mädchen.

Zur Person

  • Jürgen Budde ist Vizepräsident der Europa-Universität Flensburg und dort seit 2012 Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Theorie der Bildung, des Lehrens und Lernens.
  • Zu seinen Forschungsgebieten gehören Fragen zum Umgang mit Heterogenität an Schulen und insbesondere Jungenpädagogik.
  • Zu dem Thema hat er auch zahlreiche Bücher veröffentlicht, u. a. „Umgang mit Heterogenität in Schule und Unterricht“ (utb, 2017), „Jungenpädagogik zwischen Tradierung und Veränderung“ (Verlag Barbara Budrich, 2014), und „Zwischen Differenz und Differenzierung. Erziehungswissenschaftliche Forschung zu Mono- und Koedukation“ (Springer, 2015).