Jenaplan-Schule Jena : Verantwortung steht auf dem Stundenplan

Die Reportage-Reihe „Auf dem Stundenplan“ stellt ungewöhnliche Schulfächer vor. Im ersten Teil steht die Jenaplan-Schule in Jena mit dem Fach „Verantwortung“ im Mittelpunkt.

Antje Tiefenthal / 07. Mai 2018 / 1 Kommentar
Hannah (links) und Alba besuchen die Jenaplan-Schule Jena. Einmal in der Woche steht auf dem Stundenplan der Mädchen das Fach „Verantwortung“. Dann verlassen sie die Schule und machen sich selbstständig auf dem Weg zu ihrem Projekt.
Hannah (links) und Alba besuchen die Jenaplan-Schule Jena. Einmal in der Woche steht auf dem Stundenplan der Mädchen das Fach „Verantwortung“. Dann verlassen sie die Schule und machen sich selbstständig auf dem Weg zu ihrem Projekt.
©Thomas Eisenhut

„Wer, was, wann, wo … Welche W-Fragen gibt es denn noch?“, fragt Hannah mehr sich selbst als ihre Freundin Alba, die neben ihr sitzt. „Wieso!“, ruft Hannah laut, und dabei fällt ihr gleich noch eine weitere mögliche W-Frage ein: „Warum?“ Ihre Stimme klingt fragend – ganz sicher ist sie sich nicht, aber Alba schreibt trotzdem auf, was Hannah sagt.

Jugendliche übernehmen Verantwortung

Die beiden Mädchen sind Schülerinnen der Jenaplan-Schule Jena. Hannah geht in die neunte Klasse, Alba ist in der achten Klasse. Ein besonderes Konzept der Schule bringt die Freundinnen während der normalen Unterrichtszeit zusammen: das Projekt Verantwortung. Seit fünf Schuljahren ist „Verantwortung“ Teil des Unterrichts: „Alle Schülerinnen und Schüler des siebten bis neunten Jahrgangs engagieren sich hier entsprechend ihren Fähigkeiten und Neigungen 1,5 Stunden im Gemeinwesen“, heißt es auf der Website der Schule über das ungewöhnliche Unterrichtsfach.

Die beiden Freundinnen engagieren sich für den Offenen Kanal Jena, das Bürgerradio für die Stadt und Umgebung. Zum Studio fahren Hannah (links) und Alba einmal quer durch die Stadt.
Die beiden Freundinnen engagieren sich für das RADIO OKJ, das Bürgerradio für die Stadt und Umgebung. Zum Studio fahren Hannah (links) und Alba einmal quer durch die Stadt.
©Thomas Eisenhut

Hannahs und Albas selbst gewähltes Verantwortungsprojekt ist das RADIO OKJ. Immer donnerstags nach dem Mittagessen machen die beiden Mädchen sich auf den Weg zum Bürgerradio der Stadt. Das Studio liegt nicht gerade um die Ecke – zuerst laufen Hannah und Alba zu Fuß zur nächstgelegenen Bushaltestelle, nehmen den Bus ins Jenaer Zentrum, steigen dort in die Straßenbahn und fahren ein paar Stationen bis über die Saale. Zum Schluss geht’s noch mal zu Fuß bis zum Schillerhof, einer alten, gelben Backsteinvilla. Die Zeit von der Schule bis zum Schillerhof nutzen Hannah und Alba zum Quatschen.

Wie die Profis: Hannah (rechts) spricht den Text ein, den sie zuvor mit Alba formuliert hat …
Wie die Profis: Hannah (rechts) spricht den Text ein, den sie zuvor mit Alba formuliert hat …
©Thomas Eisenhut

Heute sollen die beiden Freundinnen, die sich zu Beginn des Schuljahrs bewusst ein gemeinsames Projekt gesucht haben, einen Bericht über eine Sozialraumkonferenz für die Jugendredaktion „Luxohr“ produzieren. Tobias Marx, der Leiter des OKJ, hat Hannah und Alba eine Pressemitteilung in die Hand gedrückt. Nun sollen sie die wichtigsten Informationen zusammentragen und einen zwei- bis dreiminütigen Text einsprechen.

Abschlussfeier statt Schulnoten

Die Mädchen sind nicht begeistert: „Nicht unser Lieblingsthema! Keins, das wir uns selbst ausgesucht hätten“, grummeln sie. Für gewöhnlich ist Julia ihre Ansprechpartnerin beim OKJ. Julia unterstützt die Schülerinnen und bestätigt mit ihrer Unterschrift die wöchentliche Anwesenheit von Hannah und Alba. Am Ende des Schuljahrs wird Julia zur Verantwortungsfeier in die Jenaplan-Schule kommen, so wie alle anderen Kooperationspartner des Projekts auch. Die Feier ist der jährliche Abschluss des Projekts, Noten gibt es dafür nicht.

… während Alba überprüft, ob alle Einstellungen für den perfekten Sound korrekt sind.
… während Alba überprüft, ob alle Einstellungen für den perfekten Sound korrekt sind.
©Thomas Eisenhut

Heute aber ist Julia nicht da. Doch nach mehr als einem halben Schuljahr haben Hannah und Alba mittlerweile schon etwas Radio-Routine. Sie wissen, wie man Interviews führt, wählen die passende Musik für ihre Beiträge aus und kennen die Funktionen der vielen Knöpfe und Schalter, die sie bedienen müssen, um ihren Text einzusprechen und später auch zu schneiden. Zuletzt haben sie einen Beitrag über einen Kinderzirkus gemacht, ein Feature über die DDR und eine Sendung über Menstruation.

Die zwei Schuljahre zuvor hat Hannah sich in einem Kindergarten der Stadt engagiert, jetzt war Zeit für einen Wechsel. Denn auch das ist Bestandteil des Konzepts: Die Jugendlichen sollen Neuland betreten, sich selbst bei den Kooperationspartnern vorstellen und grundlegende Kompetenzen wie Selbststeuerung, -planung und -management einüben.

„Verantwortung“ ist ein Erfolgsprojekt

Die Einführung des Projekts „Verantwortung“ vor fünf Jahren war „nicht ohne“, sagt Heike Schmidt-Heineck von der Jenaplan-Schule. Die organisatorische Herausforderung sei groß gewesen, die Eltern sorgten sich zum Beispiel um Versicherungsfragen. Doch inzwischen sei das alles längst geregelt und „Verantwortung“ zu einem richtigen Erfolgsprojekt geworden. Im Laufe der vergangenen Jahre ist ein engmaschiges Netzwerk zwischen der Schule und vielen Vereinen und anderen Kooperationspartnern der Stadt gewachsen: Die Schülerinnen und Schüler können aus über 50 Angeboten wählen oder sich selbstständig auch eine völlig neue Aufgabe suchen.

Wenn Hannah und Alba ihre Hörfunkbeiträge einsprechen, warnt das rote Lämpchen: Bitte nicht stören!
Wenn Hannah und Alba ihre Hörfunkbeiträge einsprechen, warnt das rote Lämpchen: Bitte nicht stören!
©Thomas Eisenhut

Oft besteht die Bindung zwischen den Schülerinnen und Schülern und ihren Partnern über das Projektende hinaus. Heike Schmidt-Heineck erzählt zum Beispiel von Jugendlichen, die syrischen Flüchtlingskindern Deutsch beibringen wollten und am Ende selbst Arabisch gelernt haben. Oder von der Schülerin, die sich selbst die Braille-Schrift angeeignet hatte, um für den Blindenverband Korrespondenzen zu schreiben, und am Ende so viel Vertrauen gewonnen hatte, dass sie blinde Menschen sogar daheim besuchen durfte.

Nächstes Schuljahr wechselt Hannah in die zehnte Klasse, für sie geht das Projekt „Verantwortung“ in wenigen Wochen zu Ende – genau wie die gemeinsame Zeit mit Alba. Doch das sei kein Drama, sagen beide, dann sehen sich die Freundinnen eben nach dem Unterricht.

Alba überlegt schon, welches Projekt sie im kommenden Schuljahr auswählt, wenn Hannah nicht mehr dabei ist. Ganz sicher ist sie sich noch nicht. Vielleicht die Schülerzeitung, mal schauen … Denn Medien interessieren Alba. Und außerdem ist die Redaktion der Schülerzeitung nicht ganz so weit weg wie das Radio-Studio.

Mehr zum Thema

  • Der Jenaplan ist ein mehr als 90 Jahre altes Schulentwicklungskonzept, das der Pädagoge Peter Petersen an der Universität Jena konzipierte.
  • Heute gibt es in Deutschland rund 40 Schulen, die nach seinen Ideen arbeiten.
  • Das aktuelle Konzept der Jenaplan-Schule in Jena haben die Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher gemeinsam mit den Eltern, Kindern und Jugendlichen überarbeitet und weiterentwickelt.
  • Die Schule ist in fünf Gruppen strukturiert: In der „Vorschulgruppe“ werden Kinder ab drei Jahren bis zum Schuleintritt betreut; in der „Untergruppe“ lernen Kinder des ersten bis dritten Jahrgangs gemeinsam; die „Mittelgruppe“ umschließt die vierte bis sechste Klasse, und zur „Obergruppe“ gehören die Jahrgänge sieben, acht und neun.
  • Nur der zehnte Jahrgang wird altershomogen unterrichtet, da die Jugendlichen am Ende den Realschulabschluss ablegen. Danach führt die dreijährige „Oberstufe“ zum Abitur.
Sie haben JavaScript deaktiviert oder verwenden einen veralteten Browser. Aktuelle Browser finden Sie hier. x