Praxis-Tipps : Ideen für die Beziehungspflege in Krisenzeiten

Die Wübben Stiftung hat an mehr als 100 Schulen Ideen gesammelt, wie Lehrkräfte beim Distanzlernen regelmäßig Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern halten, und sie ermuntert, auch untereinander in den Austausch zu treten. Von „Stille Post“ bis zum „Wetterbericht der Stimmungen“ – die Methodensammlung, die kostenlos zum Download bereitsteht, bietet eine wertvolle Inspiration für neue Kommunikationswege.

Florentine Anders / 03. September 2020
Viele Kinder haben beim digitalen Lernen vor allem den Austausch untereinander und mit den Lehrkräften vermisst.
©dpa

Kaum hatte das neue Schuljahr in den ersten Bundesländern begonnen, mussten die ersten Schulklassen wegen Corona-Infektionen auch schon wieder zu Hause bleiben. Klar ist, dass die Pandemie auch das Schuljahr 2020/21 prägen wird. Präsenzunterricht und digitales Lernen zu Hause werden sich voraussichtlich abwechseln. Hinzu kommt, dass einige Schülerinnen und Schüler gar nicht in der Schule unterrichtet werden können, weil sie wegen Vorerkrankungen zur Corona-Risikogruppe gehören.

Gerade in diesen Situationen ist es wichtig, eine enge Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern aufrechtzuerhalten. Das Deutsche Schulbarometer Spezial, eine repräsentative Umfrage der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT Verlagsgruppe, hatte jedoch gezeigt, dass viele Lehrkräfte zu Beginn des Lockdown nur einen Teil der Schülerinnen und Schüler im Fernunterricht erreicht haben, und das oft auch nur sehr sporadisch.

Gemeinschaftsgefühl beim Distanzlernen fördern

Wie lassen sich die Beziehungen zwischen Lehrkräften und Lernenden auch in Zeiten des Distanzlernens aufrechterhalten? Wie kann das soziale Miteinander der Schülerinnen und Schüler in der Quarantäne unterstützt werden? Die Wübben Stiftung hat dazu Ideen aus der Praxis zusammengetragen und nun in der Methodensammlung „Beziehungspflege in Krisenzeiten“ veröffentlicht. Alle Methoden wurden in den mehr als 100 Schulen der verschiedenen Förderprojekte der Stiftung gesammelt. Es sind oft kleine Übungen, Spiele oder Anregungen, die über verschiedene Kommunikationskanäle umsetzbar sind. Der Aufwand ist meist gering, die Wirkung vielversprechend. Die Konzepte helfen, den Austausch zu fördern, im Kontakt zu bleiben und das Gemeinschaftsgefühl in der Klasse zu stärken. Die Anregungen sind auf die jeweilige Altersgruppe zugeschnitten, unterschieden wird zwischen Primarstufe und Sekundarstufe.

„Stille Post über eine Telefonkette“ heißt zum Beispiel einer der zahlreichen Praxistipps für die jüngeren Kinder der Primarstufe. Die Lehrkraft denkt sich dafür ein möglichst langes und schwieriges Wort aus und ruft das erste Kind aus der Telefonkette an, um das Wort weiterzugeben. Jedes Kind ruft nun den jeweils nächsten in der Kette an und gibt das Wort weiter, bis es am Ende wieder bei der Lehrkraft ankommt. Das Ausgangswort und das Ergebnis werden dann im Gruppenchat geteilt. Der positive Nebeneffekt: Jedes Kind führt zwei Gespräche mit Klassenkameraden und kommt so in Austausch. Die Sammlung hält viele weitere Ideen bereit: von Lese- und Schreibritualen über kleine Forschungsaufgaben bis hin zu Rätselspielen.

Jugendliche durch Beziehungspflege motivieren, am Ball zu bleiben

Bei den älteren Schülerinnen und Schülern geht es vor allem darum, Stimmungen aufzufangen, am Ball zu bleiben, denn einige Jugendliche tauchen während der Schulschließungen komplett ab, verweigern die Schule. Besonders wertvoll sind hier die Ideen der Projektschulen der ChangeWriters e. V., die von der Wübben Stiftung gefördert werden. Dieser Ansatz kommt aus den USA – ursprünglich ging es darum, über das Tagebuchschreiben Beziehungen zu „unbeschulbaren“ Jugendlichen aufzubauen und sie so wieder für die Schule zu motivieren. Während der Schulschließungen sind diese erprobten Methoden für sämtliche Jugendlichen hilfreich. Auf relativ niedrigschwellige Art werden die Schülerinnen und Schüler ermutigt, sich mit den eigenen Stimmungen und den Empfindungen der anderen auseinanderzusetzen, Beziehungen aufrechtzuerhalten, ihre Empathie zu stärken.

„Warme Dusche“ heißt wiederum eine der Übungen in der Sammlung für die Sekundarstufe. Die Lehrkraft stellt Paare von Schülerinnen und Schülern zusammen, die sich gegenseitig ein positives Feedback geben. Die Jugendlichen formulieren in einer E-Mail an die Lehrkraft, welche Eigenschaften sie an dem oder der anderen schätzen, erzählen dazu eine Situation, in der diese Eigenschaft besonders zum Ausdruck gekommen ist. Die Lehrkraft leitet die Mail dann an die Schülerinnen und Schüler weiter.

Eine andere Idee ist die „Wetterkarte der Stimmungen“. Jugendliche bilden mit Wettersymbolen wie Sonne, Regen oder Gewitter ihre Stimmungen an dem jeweiligen Tag ab und beschreiben den Tag rückblickend wie in einem Wetterbericht.

Die Methodensammlung bietet einen ganzen Fundus solcher Ideen für die Beziehungspflege – eine Inspirationsquelle für Lehrerinnen und Lehrer in Zeiten von Corona und darüber hinaus. Natürlich kann es trotz aller Bemühungen passieren, dass der Kontakt zu einem Schüler oder zu einer Schülerin abbricht. Auch für diesen Fall gibt es wichtige Hinweise in der Publikation.

Auf einen Blick

„Beziehungspflege in Krisenzeiten. Praktische Tipps und Methoden für Lehrkräfte“, eine Sammlung der Wübben Stiftung (20 Seiten).