Dieser Artikel erschien am 04.02.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Christian Bleher

Schule : „Ich habe noch nie so engagierte Lehrer erlebt“

Frustriert vom deutschen System ging Jeanne Mundel für ein Jahr nach Dänemark – auf die erste Rollen­spiel­schule der Welt. Hier erzählt sie, wie es ist, im Unterricht einen Mord­fall zu lösen.

verkleidete Kinder
Schüler einem Rollenspiel (Symbolbild)
©shutterstock

Ich bin gar kein Rollenspielfan. Im Wald herumspringen und aufeinander schießen, das ist nicht so meine Welt. Aber neugierig war ich trotz­dem: In Hobro, einer Stadt im Norden von Jütland, gibt es eine Schule, an der durch Rollen­spiele gelernt wird. Vor drei Jahren hatte ich darüber in einem Artikel im SZ-Magazin gelesen, in einer Zeit, in der ich frustriert war, wie Schule bei uns funktioniert. Am G 8 ist alles auf Noten aus­gerichtet. Es gibt viel Intoleranz und Ungerechtig­keit, und wenig Zusammen­halt. Auch bei uns sind Schüler, die anders ticken, wir haben aber nie gelernt, darüber zu reden.

Ich schrieb dem Schulleiter der Østerskov-Schule, durfte eine Woche hospitieren – und war total fasziniert. An diese Schule wollte ich, um jeden Preis, auch wenn ich erst mal Dänisch lernen musste. Es ist keine inter­nationale Schule, sondern eine Efterskole, eine „Nach­schule“. Die Dänen gehen neun Jahre gemeinsam auf die Schule, danach besuchen viele eine solche Efterskole, um heraus­zufinden, in welche Richtung sie gehen wollen, ob sie einen Beruf erlernen oder drei Jahre Gymnasium dranhängen. Diese Schulen sind Internate, und sie haben jeweils einen eigenen Schwer­punkt, Musik zum Beispiel, Kunst oder Sprachen. Und diese hier war die erste weltweit, die den gesamten Unter­richts­stoff in Form von Live-Rollen­spielen vermittelt.

Bei meiner Hospitanz habe ich gemerkt, was für eine tolle Platt­form die Spiele sind, was für ein Ventil. Die Schüler können raus­lassen, was sie sonst nicht sein können oder dürfen. Sie können jemand anders sein und Selbst­bewusst­sein tanken. Jetzt, ein halbes Jahr nach meiner Rück­kehr, will ich davon erzählen, um anderen Jugendlichen zu zeigen, dass Schule auch anders geht: dass sie richtig Spaß machen kann, dass man einen eigenen Weg finden kann.

Natürlich wird an der Østerskov nicht den ganzen Tag gespielt. Es ist ein Wechsel aus Spiel­phasen und Unterricht, aber nie Frontal­unter­richt. Jede Woche wird ein neues Spiel eingeführt, und der gesamte Stoff, egal ob Mathe, Sprachen, Bio, Politik, war dem Motto des Spiels unter­geordnet. Wir hatten eine „Star-Wars-Woche“, eine „Peace-in-our-Time-Hippie-Woche“, eine „Jack-the-Ripper-Woche“. Die Deutsch­lehrerin hat die Woche „Anti­faschistischer Wall“ konzipiert. Mit Stell­wänden teilten wir den Raum, ich schlüpfte in die Rolle einer braven DDR-Bürgerin. Ein Perspektiv­wechsel, der einen ganz neuen Blick auf die historischen Ereignisse eröffnet.

„Das vergisst man so schnell nicht mehr“

In der „Serienmörder-Woche“ war ich Ermittlerin. Ich besorgte mir aus dem Fundus Leder­jacke und Piloten­brille. Wir hatten einen Mord­fall zu lösen, ein Mann war an seinem Schreib­tisch erschossen worden. Der tödliche Schuss konnte nur von draußen durchs Fenster abgefeuert worden sein. Nur: von wo genau? Ein Schuss ging daneben und traf die Wand, ein anderer den Schreib­tisch. Aus den Daten konnten wir Ein- und Aus­fall­winkel berechnen und die Schuss­linien nach­zeichnen. Dazu brauchten wir Winkel­funktionen, die wir uns im regulären Unterricht erarbeitet hatten. So fanden wir heraus, wo der Mörder gestanden haben musste.

Jede Ermittlergruppe hatte das Rätsel zu lösen, wann genau der Mord geschah: anhand der Maden, die in dem Leichnam heran­gewachsen waren. Wir wussten, dass sie sich 24 Stunden nach dem Tod bilden und bei bestimmten Temperaturen um soundso viele Milli­meter wachsen. Wenn sie jetzt also drei Zenti­meter lang waren, wie lange war dann die Person schon tot? Ziemlich morbide alles, klar. Aber was man da in Geometrie oder Bio oder Physik lernt, das vergisst man so schnell nicht mehr.

Das ist das Tolle: Man lernt im Kontext. Was man lernt, hat unmittelbar Sinn.

„Meine Lieblings­woche: Road to the White House“

Manches spielt man als sogenanntes Live-Action-Rollen­spiel im Freien, manches am Computer, und manches auch als Brett­spiel. Bei „In 80 Tagen um die Welt“ zum Beispiel: Die 20 Schülerinnen und Schüler unserer Klasse wurden in Gruppen aufgeteilt. Für die Aufgaben, die wir im Unter­richt zu lösen hatten, bekamen wir Coins. Je besser die Lösung, desto mehr Coins. Und je mehr Coins wir hatten, desto schneller kamen wir voran. Ein Flug­ticket ist eben teurer als eine Zug­fahrt. In London ging es dann zum Beispiel um Englisch-Recht­schreibung, in Russland um Mathe. Wir mussten die Mengen Holz berechnen, die in unter­schiedlich großen Gebieten in Sibirien zu ernten wären.

Meine Lieblingswoche war „Road to the White House“, Präsidenten­wahlen in den USA. Alle vier Klassen der Schule wurden aufgeteilt in Demokraten und Republikaner. Die Fächer, um die es da haupt­sächlich ging, waren Englisch und Ethik oder Religion. Jeder zog einen Namen, einen Bundes­staat, eine Partei. Ich war eine berühmte Demokratin, leider im republikanischen Bible Belt, in Georgia.

Wie bei allen Spielen bekamen wir auch hier kein Skript, sondern nur die Charakter­profile der Protagonisten. Wir sollten unsere Haltung zu den Kern­themen der Wahl bestimmen: Abtreibung, Waffen­kontrolle, kulturelle Vielfalt und einiges mehr. Dann wurde argumentiert, das war der Wahl­kampf. Ich habe Pennsylvania, Rhodes Island und Massachusetts geholt, durch meine 48 Stimmen in Vermont wäre ich beinahe Präsidentin geworden – unter 80 Schülern!

An der Østerskov lernt man, in der Gruppe zu arbeiten. Man lernt zu recherchieren. Man lernt, dass es vollkommen okay ist, Fehler zu machen, und dass jeder sein eigenes Tempo hat. Man lernt, sich zurück­zu­nehmen und zuzuhören, statt zu reden – eine kleine Heraus­forderung für mich als Einzel­kind. Und vor allem lernt man Respekt und Toleranz. Es war das erste Jahr in meinem Schul­leben, dass ich das Gefühl hatte, ich muss mich nicht verteidigen für das, was ich bin. Es gab nie dieses unter­schwellige: Du bist anders! Von den wenigen Regeln ist die wichtigste die Anti-Bullying-Regel. Wer jemanden tyrannisiert, kann raus­geschmissen werden.

An dieser Schule verschweigt man Konflikte nicht, man trägt sie aus. Wie im Fall eines Schülers, der als Mädchen geboren wurde, sich aber als Junge fühlt und als Junge lebt. Er sollte in einem Mädchen­zimmer wohnen. Einem der Mädchen war das unangenehm. Wir Schüler sprachen unter uns darüber, es bildeten sich Fronten. Das Mädchen hat die Sache dann an einen Lehrer heran­getragen, alles wurde im wöchentlichen Gesprächs­kreis ausdiskutiert.

Ziemlich heftig, aber: Man redet miteinander. In den letzten zwei Monaten wird nicht mehr gespielt, da bereiten sich alle auf die Abschluss­prüfungen vor. Ich durfte in dieser Zeit für die 11. Klasse an meiner Schule in Freiburg lernen. In den meisten Fächern bin ich jetzt so gut wie nie zuvor. Ich habe gelernt, wieder Spaß zu haben am Lernen, ich habe über­haupt gelernt, zu lernen. Autonom zu sein – aber nicht allein. An der Østerskov haben wir viel gearbeitet, es war aber klar: Wenn man einen schlechten Tag hat, wenn man mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen hat, dann kriegt man Unter­stützung von den Mit­schülern und von den Lehrern.

Jede und jeder hatte einen Lehrer als Tutor. Ich habe noch nie so engagierte Lehrer erlebt. Sie können dort wirklich individuell auf die Schüler eingehen und ihnen zur Seite stehen. Das war mit die schönste Erfahrung. Ich weiß, dass ich dort eine Familie habe, dass es Menschen gibt, die sich unter­stützen. In der Klasse, aber auch bei den Lehrern. Zu Ostern fahre ich wieder hin.

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