Dieser Artikel erschien am 28.01.2019 in der taz
Autorin: Anna Klöpper

TU-Studie zu Antisemitismus in Schulen : Holocaust zu selten Schulstoff

Eine Studie zu Antisemitismus in Schulen sieht Nachhol­bedarf. Das betrifft insbesondere Schul­bücher und die Lehr­pläne.

Eine Schülerin steht vor dem Holocaust-Mahnmal in Berlin
Schülerin vor den Stelen des Berliner Holocaust-Mahnmals
©dpa

Eine Zahl machte am Wochenende die Runde: 40 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland, hatte der Fernseh­sender CNN in einer repräsentativen Umfrage unter jungen EuropäerInnen ermittelt, wissen nach eigener Einschätzung wenig bis gar nichts über den Holocaust. Vielleicht liegt es ja auch daran, dass das Thema im Schul­unterricht erstaunlich stief­mütterlich behandelt wird – und auch Berlin hat Nach­hol­bedarf, wie eine am Montag veröffentlichte Studie „Anti­semitismus in der Schule“ der Technischen Universität Berlin und der Justus-Liebig-Universität ­Gießen argumentiert.

Beispiel Schulbücher: Berlin stellt es, wie auch Hamburg, das Saarland und Schleswig-Holstein, den Schulen frei, das passende Material auszuwählen. „Lehr­mittel­frei­heit“ heißt die Fach­vokabel. Die AutorInnen der Studie sehen darin indes „eine eklatante Über­forderung der Schulen“. Die Schulen könnten „schon aus zeitlichen Gründen“ kaum „prüfen, inwie­weit die jeweiligen fachlichen und didaktischen“ Vorgaben des Lehr­plans erfüllt würden.

Abgesehen davon verfügten „viele deutsche Schulbücher mit Blick auf das Themenfeld Anti­semitismus nach wie vor über Mängel“, sagen die AutorInnen unter Berufung auf eine Studie von 2018, die 158 Schul­bücher hinsichtlich ihres Israel­bilds unter­sucht hatte. Fakten seien fehler­haft, die Didaktik „wahlweise über­wältigend oder unter­fordernd“.

In der Bildungsverwaltung von Senatorin Sandra Scheeres (SPD) hat man indes Vertrauen in die Kompetenz der Fach­lehrerInnen und Schul­buch­verlage und sieht zunächst keinen Handlungs­bedarf: „Wir gehen davon aus, dass wir Hinweise bekommen, wenn ein Thema nicht so abgehandelt wird, wie es sein sollte. Der Rahmen­lehr­plan gilt“, sagte eine Sprecherin am Montag.

Nahostkonflikt nur „optional“ Thema

Tatsächlich sieht die Studie auch da Verbesserungs­bedarf. Das Thema Nahost­konflikt etwa finde in den Lehr­plänen nur „optional“ in den Jahr­gangs­stufen 9/10 statt. Aller­dings ist Berlin da noch besser als das Gros der Länder: Nur Bayern hat den Nahost­konflikt verpflichtend im Lehrplan verankert. Scheeres’ Sprecherin betont indes, der Berliner Rahmen­lehr­plan sei „kompetenz­orientiert“ ausgelegt. Die LehrerInnen seien also frei, „auf aktuell-politische Sachlagen zu reagieren“. In Geschichte könne man zum Beispiel das allgemeine Thema „Konflikte und Konflikt­lösungen“ am Nahost­konflikt „konkretisieren“.

Allerdings müssen die LehrerInnen dafür selbst viel über ein schwieriges Thema wissen: 2017 hatte eine stich­proben­artige Befragung des American Jewish Committee an 21 Berliner Schulen gezeigt, dass LehrerInnen sich gerade beim Thema Nah­ost­konflikt und muslimisch motiviertem Anti­semitismus über­fordert fühlen.

Vorbildlich sei Berlin aller­dings hinsichtlich des „präzisen Erhebungs- und Melde­systems“ für anti­semitische Vorfälle, lobt die TU-Studie. Auch die bundes­weit einmalige Stelle der Anti­diskriminierungs­beauftragten für Schulen sei vorbildlich.

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