Dieser Artikel erschien am 22.01.2020 in DIE ZEIT
Autor: Martin Spiewak

Schule : Hier spricht der Oberlehrer

Heinz-Peter Meidinger ist Deutschlands einflussreichster Pädagoge. Wie viel Gewicht hat seine Stimme wirklich?

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands
Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands
©Deutscher Lehrerverband

Der erste Anruf kommt an diesem Morgen von der Zeitung Die Welt. Heinz-Peter Meidinger sitzt im Auto in Richtung Schule und fährt rechts ran. In einem Klassen­chat einer nordrhein-westfälischen Schule sind porno­grafische Bilder aufgetaucht, und die Zeitung interessiert, was Meidinger dazu zu sagen hat. Etwas später möchte ein Radio­sender ein Statement zum Streit der Kultus­minister über die Ferien­regelung. Und dann wartet heute noch die Journalistin von Xinhua auf einen Rück­ruf. Wegen einer neuen inter­nationalen Jugend­studie, sie will wissen, was die deutschen Lehrer davon halten.

„Wie kommt die chinesische Nachrichten­agentur auf Sie, Herr Meidinger?“

„Keine Ahnung, wahrscheinlich haben die mich im Internet gefunden.“

Es ist leicht, Heinz-Peter Meidinger im Internet zu finden, selbst in China. Man gibt nur „Lehrer“ ein und „Deutschland“, und schon ist er da. Aber auch „Kopf­tuch­verbot für Grund­schüler“ wäre das Stich­wort oder „Helikopter­eltern“, „Akademisierungs­wahn“ oder „Noten­inflation“. Immer wenn etwas in deutschen Schulen schief­läuft – und das tut es ja eigentlich ständig –, ist Meidingers Meinung nicht weit.

Kaum ein anderer verfügt bei dem Thema Schule über so viel öffentliche Deutungs­macht wie der Präsident des Deutschen Lehrer­verbandes. In puncto Medien­präsenz kann er es mit jedem Kultus­minister aufnehmen, der Bundes­bildungs­ministerin inklusive. In den vergangenen Monaten hat sich das besonders gezeigt. Ob Lehrer­mangel, Föderalismus­streit oder mäßige Pisa-Ergebnisse: Heinz-Peter Meidinger spricht in jedes Mikrofon.

Doch wen vertritt der Mann eigentlich? Warum kann er überall seine Ansichten verbreiten? Und wie schafft Meidinger es über­haupt, ständig in die Medien zu kommen? Obwohl er über keinen Mitarbeiter­stab verfügt und sein Lobbyisten­amt nur ehren­amtlich erledigt – auf der Autobahn, in den Unterrichts­pausen, vor Schulbeginn –, neben seiner Haupt­aufgabe als Schul­leiter.

Es ist halb zehn geworden, als Meidinger auf den Parkplatz des Robert-Koch-Gymnasiums im bayerischen Deggendorf einbiegt. Gerade endet die zweite Stunde, auf dem Pausen­hof grüßt ein einzelner Schüler höflich den Direktor. Das große Schul­haus ist ein Traum aus Licht und Holz mit Glas­faser­anschluss. Alle Räume haben eine digitale Tafel, die Toiletten Turbo-Hände­trockner wie im Hotel. Mit einem elektronischen Schlüssel öffnet Meidinger sein Büro. Auf dem Schreib­tisch warten ein Antrag für neue Mittel aus dem Digital­pakt und die Beurteilung für eine Beförderung. Doch erst einmal interessiert den Schul­leiter, ob heute Morgen Schüler fehlen. Es ist Freitag, die Aktivisten von Fridays for Future haben erneut zum Schul­streik aufgerufen. In ganz Deutschland werden an diesem Tag Hundert­tausende junge Menschen den Unterricht schwänzen und durch die Straßen ziehen. In Deggendorf ist die Resonanz verhalten: Zwei Schüler hatten sich morgens im Sekretariat erkundigt, ob sie zum Demonstrieren dürfen. Die Antwort hieß Nein, also gingen sie in ihren Klassen­raum.

„Sie hätten den verpassten Stoff dann ohnehin nach­holen müssen“, sagt Meidinger. Für eine politische Demonstration könne er kein Schul­frei geben, „allein schon wegen der Aufsichts­pflicht“. Für großen Protest hat die harte Haltung an seiner Schule nicht gesorgt. „Die nieder­bayerischen Schüler sind eher brav“, sagt der Schul­leiter. Nur einmal gab es auch am Robert-Koch-Gymnasium eine größere Klima-Demo. Die Schüler stellten sich an die Straße und hielten den vorbei­fahrenden Autos Plakate entgegen. Die Demo fand um halb acht morgens statt – vor dem Unterricht.

Für mehr Wirbel dagegen sorgten Meidingers Äußerungen zum Thema in der Öffentlichkeit. „Feige“ seien die Kultus­minister, dass sie keine klaren Vorgaben machten – und stattdessen die Frage „Erlauben oder bestrafen?“ den Schul­leitungen überließen. Der Bundes­kanzlerin, die Sympathie für die streikenden Schüler bekundete, warf er „Heuchelei“ vor. Schließlich sei sie für die Klima­politik verantwortlich.

Meidinger redet mit jedem

Da war er wieder, der Oberlehrer aus Bayern. Der gegen die Politik austeilt und konservative Kante zeigt: für das drei­gliedrige Schul­system und einen klaren Leistungs­begriff, für eine Schule ohne Reform-Schnick­schnack. Die Inklusion sei „gescheitert“, das Abitur „immer weniger wert“. Zur Jahres­wende holte er die ganz große Keule raus: Angesichts des Lehrer­mangels Quer­einsteiger ohne ausreichende Vorbereitung einzusetzen sei ein „Verbrechen an den Kindern“. Das Zitat lief auf allen Kanälen.

Heinz-Peter Meidinger kann zuspitzen, und er tut es gern und gut. Gelernt hat er das bereits während des Studiums in Regensburg, in den Siebziger­jahren. Für den unionsnahen Studenten­verband RCDS gewann er damals bei den Wahlen zum Studierenden­parlament gegen den linken Main­stream mehrfach die meisten Stimmen. Ein Mitstreiter von einst sitzt heute sogar als bayerischer Innen­minister für die CSU im Kabinett, Joachim Herrmann. Auch Meidinger gehört der CSU an, aller­dings als „Kartei­leiche“, wie er sagt.

Tatsächlich ist Meidinger kein rechter Polterer. Davor bewahren ihn schon sein leichtes Lispeln und die gelassene Freundlichkeit, mit der er einem im persönlichen Gespräch begegnet. Dort erfährt man vieles, was nicht ins Bild des strengen Schul­meisters aus Bayern passt. Dass er selbst einmal sitzen geblieben ist. Dass er nach der Schule den Kriegs­dienst verweigerte und heute für das Engagement der klima­bewegten Jugendlichen Sympathie, ja sogar Bewunderung hegt: „Viele Schüler sind sehr gut informiert und äußerst rational. Da muss man sich argumentativ richtig ins Zeug legen.“

In der Öffentlichkeit aber bevorzugt der Ober­studien­direktor (Fächer Deutsch, Geschichte und Politik) die deutlichen Töne. Er weiß: Wer im digitalen Dauerpalaver Gehör finden will, muss erkennbar sein und stets erreichbar. „Wer bei mir anfragt, bekommt schnell eine klare Antwort“, sagt Meidinger. Sein Vor­gänger im Deutschen Lehrer­verband, Josef Kraus, hatte seine Botschaften vornehmlich über die konservativen Medien verbreitet. Meidinger redet – ob FAZ oder taz, Fernsehen oder Online-Plattform – mit jedem.

Und jeder kann mit ihm reden. Denn seine Handy­nummer steht auf der Homepage des Lehrer­verbands. Bekannte hatten ihn, als er sein Amt im Juni 2017 antrat, vor so viel Öffentlichkeit gewarnt. Da melden sich Spinner, sagten sie. Ab und zu passiert das tatsächlich, er legt dann einfach auf. Viel häufiger aber rufen Journalisten an, die seinen Anschluss im Netz finden und ein schnelles Zitat brauchen.

Andere Lehrerverbände veranstalten Presse­konferenzen, Bildungs­ministerien verschicken Minister­statements. Meidinger hat das nicht nötig. Er wartet einfach ab, bis das Handy klingelt. Denn alle wissen, Meidinger liefert – schnell, verständlich und stets bestens informiert.

Verbände für Lehrer

Die rund 800.000 deutschen Lehrer sind gut organisiert, wenn auch in recht unter­schiedlichen Verbänden. Die größte Interessen­vertretung ist die tendenziell linke Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mit 280.000 Mitgliedern (sämtliche Zahlen sind Eigen­angaben) – sie vertritt alle Schul­formen. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE, 164.000 Mitglieder) ist dagegen an Grund­schulen und nicht­gymnasialen Schul­formen stark, der konservative Deutsche Philologen­verband (DPhV, 80.000 Mitglieder) an den Gymnasien. Er bildet mit dem Verband der Real­schul­lehrer (25.000), der Berufs­schul­lehrer (38.000) und der katholischen Erzieher (10.000) den Deutschen Lehrer­verband (DL).

Seit zweieinhalb Jahren ist er jetzt gewählter Präsident des Lehrer­verbandes. Davor stand er 13 Jahre dem Philologen­verband vor, der Interessen­vertretung der Gymnasial­lehrer in Deutschland. Heinz-Peter Meidinger gehört damit zum Inventar der Bildungs­republik. Sehr viele können das nicht von sich sagen. Die Zeit der großen Kultus­minister in der Bildungs­politik – Hans Zehetmair (CSU), Annette Schavan (CDU) oder Jürgen Zöllner (SPD) – ist lange vorbei. Ihre Nach­folger wechseln meist in schneller Folge und zeigen sich oft schon mit den schul­politischen Problemen im eigenen Bundes­land über­fordert. Die Bundes­bildungs­ministerin in Berlin kämpft seit ihrem Amtsantritt ums politische Überleben.

Die Schulforschung hat öffentlich an Gewicht verloren; ähnlich wie die Lehrer­gewerkschaften, deren Funktionäre sich heute hauptsächlich als Klientel­vertreter verstehen und die Bildungs­probleme vor allem auf zwei Ursachen zurück­führen: Die deutschen Lehrer arbeiten zu viel. Und: Die deutschen Lehrer verdienen zu wenig.

„Wenn es brennt, ist er da“

Da fragt die Presse lieber beim Herrn Meidinger nach. Der kennt als aktiver Schul­leiter den pädagogischen Alltag und besitzt eine gewisse Street-Credibility. Außerdem steht auch er einem Verband vor, scheinbar sogar dem wichtigsten über­haupt: dem Deutschen Lehrer­verband. „Ja, der Name ist Gold wert“, sagt Meidinger.

Was wenig bekannt ist: Ganz so groß und mächtig ist dieser Verband eigentlich gar nicht. Streng genommen hat er nur vier Mitglieder. Der Deutsche Lehrer­verband ist ein Lobby­konstrukt, unter dessen Dach sich wiederum Vertreter der Einzel­verbände von Gymnasien, Real-, Berufs- und katholischen Schulen versammeln. Vor 50 Jahren haben sich deren Verbände zusammen­geschlossen. Ihr Haupt­ziel: das gegliederte Schul­system zu verteidigen und die Gesamt­schule zu verhindern.

Die Geschäftsstelle liegt in einem Berliner Hinter­hof, eine Etagen­wohnung, zwei Zimmer, getäfelte Decke, das Mobiliar aus den Sechziger­jahren. Die anderen Lehrer­verbände haben Dutzende Mitarbeiter, der Deutsche Lehrer­verband nur eine Geschäfts­führerin und eine Sekretärin. Mehr gibt das geringe 150.000-Euro-Budget nicht her. Die eigentliche Zentrale ist der Präsident mit seinem Handy. Für den hat die dürre Organisation eher Vorteile. Meidinger kann sich mühsame Abstimmungs­runden sparen. Und kein Einzel­mitglied beschwert sich, wenn er mal anderer Meinung ist.

Nur muss der Verbandsleiter Meidinger achtgeben, dass der Schul­leiter Meidinger seine Aufgaben nicht vernachlässigt. Ein, zwei offizielle Verpflichtungen – Podiums­diskussionen, Vorträge, Fach­gespräche – absolviert er neben seinen Medien­auf­tritten pro Woche, oft irgendwo in Deutschland. Mit dem ersten Flieger geht es dann zurück nach München. Zum ersten Klingeln ist er selten in der Schule, dafür bleibt er oft bis spät­abends und schickt seinen Lehrern noch nachts E-Mails. „Meidinger lässt uns viel Freiheit“, sagen die Kollegen: „Wenn es brennt, ist er aber da.“

Was jedoch selten passiert. Denn so gut wie alles, was Heinz-Peter Meidinger öffentlichkeits­wirksam beklagt – Unterrichts­aus­fall, Digital­pleite, Familien­probleme –, ist im Bayerischen Wald ziemlich weit weg. Hier scheint die Schulwelt noch in Ordnung. Das Robert-Koch-Gymnasium kennt keinen Lehrer­mangel. Die Inklusion wird von einer einzigen Schülerin im Roll­stuhl präsentiert. Und wer sich in den Unterricht setzt, erlebt, dass selbst pubertierende Jugendliche dem frontal unterrichtenden Physik­lehrer an den Lippen hängen. Größere Probleme? Bei der Frage muss selbst der Personal­rat lange nach­denken.

„Ja, es hat etwas Schönes, an einer Schule zu arbeiten, wo Eltern, Schüler und Lehrer noch an einem Strang ziehen“, sagt Meidinger. 65 Jahre ist er jetzt, in diesem Sommer geht er in den Ruhe­stand. Dem Deutschen Lehrer­verband und der Öffentlichkeit wird er wohl noch etwas erhalten bleiben. Ein Nachfolger mit ähnlichen Qualitäten ist nicht in Sicht.

So genießt Heinz-Peter Meidinger am Ende seiner Karriere den größten Einfluss. Sogar sozial­demokratische Schul­minister würden ihn mittler­weile anrufen, wenn sie etwas Unangenehmes zu verkünden haben, sagt er. Damit er nicht gleich so laut los­schimpft. Dabei würde er auch gern öfter mal etwas Positives über die deutsche Schule sagen, ja sogar über die Bildungs­politik. Über Kinder und Jugendliche, die fröhlich zur Schule gehen, Eltern, welche die Schule ihrer Kinder weiter­empfehlen, und Lehrer, die ihren Job voller Über­zeugung wieder ergreifen würden. Das alles ist durch Studien belegt. Und Meidinger kennt sie alle. „Doch damit“, sagt er, „kommt man nun mal nicht in die Medien. So läuft das eben.“