Herkunftssprachlicher Unterricht : „Niemand möchte doch seine Muttersprache vergessen!“

Ein Herbstnachmittag am Hamburger Gymnasium Klosterschule. Im Oberstufenhaus sitzen Raghad, Hasan H., Hasan M., Hevin und ihre Lehrerin Afoua Zouaghi im Kreis. Die fünf sind an diesem Nachmittag schon früher gekommen, bevor ihr Herkunftssprachenunterricht in Arabisch beginnt. Sie erzählen dem Schulportal, warum es für sie und andere junge Menschen mit arabischen Wurzeln so wichtig ist, dass es Kurse wie diesen gibt.

Alexandra Mankarios 21. November 2022
Die vier Jugendlichen Hasan H., Raghad, Hasan M. und Hevin sitzen zusammen in ihrem Klassenraum
Die vier Jugendlichen Hasan H., Raghad, Hasan M. und Hevin (v.l.) in einem Klassenzimmer im Oberstufenhaus am Hamburger Gymnasium Klosterschule.
©Michael Kohls
Lehrerin Afoua Zouaghi lächelt in die Kamera
Die Arabisch-Lehrerin Afoua Zouaghi ist zudem Lehrerin für Französisch und Deutsch als Fremdsprache.
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Ein Porträtfoto von Hasan H.
Hasan H. findet es wichtig, dass er als Muttersprachler seine Sprache nicht vergisst.
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Hevin steht auf dem Schulhof des Hamburger Gymnasiums Klosterschule
Hevin möchte den Koran auf Arabisch lesen und verstehen können.
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Hasan M. sitzt auf einem Fußballtor auf dem Schulhof des Gymnasiums Klosterschule
Hasan M. möchte auf Lehramt studieren und ist sich sicher, dass ihm Arabisch dabei nützlich sein kann.
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Raghad sitzt auf einem Stuhl vor einem Fenster und schaut hinaus. Ihre Beine liegen überschlagen auf der Fensterbank.
Raghad möchte später Zahnmedizin studieren und danach in einem arabischen Land leben.
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Wenn Raghad (19), Hasan H. (18), Hasan M. (21) und Hevin (19) 2024 in Hamburg ihr Abitur machen, dann wird auf ihren Zeugnissen auch eine Note für Arabisch, ihrer Herkunftssprache stehen. Die vier sind zwischen 2016 und 2018 von Syrien nach Deutschland gekommen und gehören heute zu mehr als 150 Schülerinnen und Schülern ihrer Jahrgangsstufe, die Herkunftssprachenunterricht in Arabisch besuchen.

Die Hansestadt hat ihr Angebot für Herkunftssprachen in den vergangenen Jahren nicht nur ausgebaut, sondern bietet mittlerweile Unterricht in zwölf Herkunftssprachen auf Grundlage der Hamburger Bildungspläne an – und damit auf einer Ebene mit Fremdsprachen wie Spanisch oder Französisch. Die Herkunftssprachlichen Unterrichtsangebote (HSU) finden teilweise schulintern für die Schülerinnen und Schüler der eigenen Schule statt, teilweise aber auch nachmittags an zentralen Standorten, sodass Schülerinnen und Schüler aus ganz Hamburg daran teilnehmen können.

Wenn wir hier auf Arabisch diskutieren, dann fühlt es sich ein bisschen an, wie nach Hause kommen. Manchmal komme ich schon drei oder vier Stunden vor dem Kurs und warte darauf, dass es losgeht.
Hasan M., Schüler in Hamburg

Das Deutsche Schulportal: Wie aufwendig ist es für euch, von euren eigentlichen Schulen zum Arabischunterricht zu fahren?
Raghad: Hevin, Hasan und ich gehen auf dieselbe Schule. Wir fahren ungefähr eine halbe Stunde mit der S-Bahn hierher.
Hasan H.: Das ist zwar ein bisschen Aufwand, hat aber auch Vorteile. Zum Beispiel habe ich dafür Freistunden, während die anderen an meiner Schule Spanisch oder Französisch haben.
Raghad: Ich finde es gar nicht anstrengend herzukommen. Es ist eher so, dass ich die ganze Woche darauf warte, dass wieder Mittwoch ist und wir Arabischunterricht haben.
Hasan M.: So geht es mir auch. Ich nehme den Unterricht ganz anders wahr als Deutsch oder Mathe zum Beispiel. Wenn wir hier auf Arabisch diskutieren, dann fühlt es sich ein bisschen an wie nach Hause kommen. Manchmal komme ich schon drei oder vier Stunden vor dem Kurs und warte darauf, dass es losgeht.

Wieso habt ihr euch entschieden, diesen Kurs zu besuchen?
Hevin: Ich habe mich sehr gefreut, als ich gehört habe, dass wir in der Schule Arabisch machen können. Für uns ist es sehr wichtig, unsere Herkunftssprache nicht zu vergessen.
Hasan M.: Ich habe Schwierigkeiten mit Deutsch. Obwohl ich gut sprechen kann, bekomme ich immer schlechte Noten. Egal, wie viel ich lerne. Ohne Arabisch als Hauptfach würde ich das Abitur nicht schaffen. Wenn ich stattdessen Deutsch oder Spanisch wählen müsste, wäre das sehr schwer für mich.
Raghad: Ich habe mich daran erinnert, wie es früher in der Schule war: Texte analysieren und interpretieren – diese Dinge, die wir immer auf Arabisch gemacht haben. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich das wieder machen kann.

Ich befürchte: Je länger wir die deutsche Schule besuchen, desto schwächer wird unser Arabisch. Deshalb müssen wir etwas dafür tun, um es auf demselben Niveau zu halten.
Raghad, Schülerin in Hamburg

Hevin, du hast gesagt, es sei dir wichtig, deine Herkunftssprache nicht zu vergessen. Kannst du das genauer erklären?
Hevin: Erstens ist der Koran auf Hocharabisch geschrieben. Wir brauchen Arabisch, um ihn lesen und verstehen zu können. Und wenn ich später mal Kinder habe, möchte ich ihnen auch Arabisch beibringen können.
Hasan H.: Arabisch ist eine besondere Sprache. Ich habe mal gehört, das sei die zweitschwerste Sprache der Welt, und ich bin stolz, dass ich Arabisch kann. Ich finde es wichtig, dass ich als Muttersprachler meine Sprache nicht vergesse. Das ist ja Teil meiner Identität.
Raghad: Niemand möchte doch seine Muttersprache vergessen! Ich befürchte: Je länger wir die deutsche Schule besuchen, desto schwächer wird unser Arabisch. Deshalb müssen wir etwas dafür tun, um es auf demselben Niveau zu halten.
Hasan M.: Ja, das stimmt. Meine Schwester und viele jüngere Kinder in der Schule haben Schwierigkeiten mit Arabisch. Sie können gut sprechen, aber nur langsam lesen. Meine Eltern lesen mit meiner Schwester Geschichten aus dem Internet oder dem Koran, damit sie besser lesen lernt.
Hasan H.: Mein Bruder hat auch Schwierigkeiten damit. Er war sechs, als wir hergekommen sind. Wenn ich ihm auf WhatsApp eine Nachricht schicke, dann antwortet er: „Was schreibst du da? Schick mir eine Sprachnachricht.“
Raghad: Mein 16-jähriger Bruder braucht sehr lange, um eine Nachricht auf WhatsApp zu schreiben. Manchmal löscht er sie dann wieder und schreibt stattdessen auf Deutsch. Meine jüngeren Geschwister sind hier aufgewachsen, sie sprechen untereinander Deutsch. Nur mit meinen Eltern sprechen sie Arabisch.

Wenn ich später mal Kinder habe, möchte ich ihnen auch Arabisch beibringen können.
Hevin, Schülerin in Hamburg

Ist euer Interesse an dem Kurs eher privat, oder habt ihr auch berufliche Pläne, bei denen Arabisch nützlich sein könnte?
Hasan M.: Ich habe vor, auf Lehramt zu studieren. Dabei würde mir Arabisch sicher sehr nützen. Als ich hier Schüler in einer Internationalen Vorbereitungsklasse war, habe ich kein Wort Deutsch verstanden. Zum Glück gab es einen Lehrer, der aus dem Iran kam und ein bisschen Arabisch konnte. Er hat mir fast alles beigebracht, indem er es mir auf Arabisch erklärt hat. Ich glaube, so könnte ich später auch Schülern helfen.
Zouaghi: Das würde mich sehr freuen – wir brauchen drin­­gend Nachwuchs! Es gibt zwar viele tolle Arabisch-Lehrkräfte, aber ihre Diplome werden oft nicht anerkannt. Ich selbst bin nur anerkannt, weil ich Lehrerin für Französisch und Deutsch als Fremdsprache bin.
Raghad: Ich möchte später Zahnmedizin studieren und danach in einem arabischen Land leben. Dafür brauche ich natürlich die Sprache.
Hasan H.: Ich möchte nach der Schule vielleicht Mathe oder Physik studieren. Mathematik ist eng mit Arabisch verbunden, zum Beispiel haben sich viele arabischsprachige Menschen mit Algebra beschäftigt. Für mich gehört das zu unserer Geschichte.

Hasan, du hast gesagt, Arabisch sei Teil deiner Identität. Was bedeutet das genau?
Hasan H.: Ich bin mit zwölf Jahren nach Deutschland gekommen. Aber auch wenn ich noch sehr lange hierbleibe, werde ich mich sicher nie völlig deutsch fühlen – das will ich auch gar nicht. Manchmal komme ich mir vor wie eine Brücke. Meine Freunde stellen oft Fragen über unsere Kultur oder Religion: Warum sind manche Dinge für euch inakzeptabel? Oder, zum Beispiel: Ist es bei euch okay, die Eltern anzuschreien? Ich versuche dann, das zu erklären – ich bin für sie wie ein Lexikon. Sie lernen durch die Begegnung mit mir meine Kultur kennen.

Wenn man will, dass sich jemand integriert, dann möchte man ja mit ihm kommunizieren und ihn verstehen. Aber man möchte nicht, dass er ein anderer Mensch wird und seine Herkunft verliert.
Hasan H., Schüler in Hamburg

Wenn über Herkunftssprache gesprochen wird, gibt es zwei Standpunkte. Die einen sagen: Menschen, die nach Deutschland ziehen, sollen vor allem gut Deutsch lernen. Die anderen sagen: Unterricht in der Herkunftssprache, zusätzlich zu Deutsch, kann dazu beitragen, dass sich jemand gut integriert. Wie seht ihr das?
Raghad: Ich glaube, es kommt darauf an, wie alt man ist. Kleinere Kinder integrieren sich sicher schneller in eine fremde Gesellschaft, wenn sie ihre Herkunftssprache nicht so gut können. Aber wir als Jugendliche wissen, wie wichtig es ist, integriert zu sein und gleichzeitig unsere eigene Identität zu wahren, unsere eigene Sprache zu sprechen.
Hasan H.: Ich stimme dem zweiten Standpunkt zu. Wenn man will, dass sich jemand integriert, dann möchte man ja mit ihm kommunizieren und ihn verstehen. Aber man möchte nicht, dass er ein anderer Mensch wird und seine Herkunft verliert.

Herkunftssprachenunterricht in Hamburg

  • Hamburg bietet in zwölf Herkunftssprachen Unterricht auf Grundlage der Hamburger Bildungspläne an. Das bedeutet, dass der Herkunftssprachenunterricht ein reguläres Schulfach ist und damit dem Unterricht in einer Fremdsprache gleichwertig.
  • Wenn zum Beispiel, wie am Gymnasium, neben Englisch eine weitere Sprache gefordert ist, kann dies durch den Unterricht in der Herkunftssprache erfüllt werden.
  • Derzeit nehmen mehr als 4.500 Hamburger Schülerinnen und Schüler am Unterricht in einer der zwölf Sprachen teil. Sie verteilen sich auf knapp 400 Kurse an 80 Hamburger Schulen.
  • Für Angebote in weiteren, seltener vertretenen Herkunftssprachen arbeitet die Behörde mit einem Träger zusammen – so zum Beispiel für Aramäisch oder Vietnamesisch.
  • Viele der Unterrichtsangebote sind zentral am Nachmittag organisiert, sodass Schülerinnen und Schüler von möglichst vielen Schulen daran teilnehmen können.
  • Für viele Herkunftssprachen – darunter Arabisch – gibt es im deutschsprachigen Raum kein Lehramtsstudium. Deshalb haben die Lehrkräfte in der Regel andere Unterrichtsfächer in Deutschland studiert und bringen die Sprachkenntnisse durch ihren eigenen familiären Hintergrund mit. Andere haben ihre Lehramtsausbildung in der jeweiligen Sprache im Ausland absolviert.
  • In Zukunft will die Hansestadt den Herkunftssprachenunterricht weiter ausbauen – so startet aktuell in Hamburg Arabischunterricht für Grundschulkinder. Dieser Unterricht richtet sich gezielt auch an hier geborene Kinder mit keinen oder geringen sprachlichen Vorkenntnissen im Arabischen.