Dieser Artikel erschien am 15.04.2020 in DIE ZEIT
Autor: Christian Füller und Martin Spiewak

Homeschooling : Hausaufgabe

Millionen Kinder lernen dieser Tage zu Hause. Wie das gelingt, zeigt die erste Umfrage unter Lehrern in der Corona-Krise.

Playmobil-Figur
67 Prozent der Lehrer wollen ihre Schülerinnen und Schüler zu mehr Verantwortung ermuntern.
©AdobeStock

Eigentlich ist Homeschooling in Deutschland strikt verboten; doch zurzeit ist das Lernen zu Hause in allen 16 Bundesländern sogar Pflicht. Bis vor Kurzem galten deutsche Lehrer als Digitalmuffel; nun sitzen Hunderttausende stundenlang vor ihrem Computer und unterrichten online über Lernplattformen. Normalerweise richtet Valentin Helling seine Aufgaben am offiziellen Lehrplan aus. Jetzt versorgt er seine Sechst- bis Achtklässler mit „Challenges“.

Jeden Abend schickt der Klassenlehrer an der Alemannenschule im badischen Wutöschingen seinen Schülern eine besondere Herausforderung. Mal sollen sie mit Playmobilfiguren eine Szene ihres Lieblingsbuchs nachspielen und verfilmen, mal zum Leben des Mikrobiologen Robert Koch recherchieren und ein Quiz erstellen. Oft haben die Übungen mit der aktuellen Situation zu tun („Komponiere einen Corona-Song“), fast immer sind zu ihrer Bewältigung digitale Fähigkeiten gefragt. Eine Aufgabe lautet so: „Suche dir ein Greenscreen-fähiges Video eines exotischen Tieres auf YouTube. Lass das Tier vor deinem Haus oder im Garten herumlaufen. Exportiere das Video als .mp4.“

Hellings Übungen sind freiwillig. Er will sehen, „wohin es führt, wenn Schüler einen Impuls aufnehmen“. Mindestens zwei Drittel der Klasse machen immer mit. Als die Schüler sich eine Kobold-Geschichte ausdenken sollten, reichte es zwei Mädchen nicht, nur einen Text zu schreiben. Über Ostern erstellten sie einen Podcast und schickten ihn an die ganze Klasse. Die Corona-Schule macht es möglich.

In der Krise zeigt sich der wahre Charakter, heißt es gerne. Als die Schulen Mitte März auf Anordnung der Politik vom einen auf den anderen Tag auf das Zuhauselernen umstellen mussten, war der Druck maximal. Nach vier Wochen lässt sich sagen: Deutsche Schulen erweisen sich als gut organisiert und flexibel – und ihre Lehrer als lernfähiger und innovativer, als mancher vorher dachte. Zwar klaffen zwischen den Schulen, ja sogar innerhalb einzelner Kollegien, enorme Unterschiede. Doch kommt das System insgesamt mit dem pädagogischen Ausnahmezustand recht gut klar. Ja, vielen Pädagogen tut die Krise sogar richtig gut. Schon jetzt machen sie sich Gedanken, wie das Lernen auch nach der Krise anders aussehen könnte.

Das zeigt die erste repräsentative Umfrage unter Lehrkräften, welche Forsa im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT erstellt hat. Danach fühlten sich zwei Drittel der befragten Lehrkräfte – gerade was die Ausstattung angeht – unzureichend auf die Krise vorbereitet. Gerade einmal ein Viertel berichtete, in seinem Kollegium seien vor der Schulschließung im Unterricht regelmäßig digitale Medien eingesetzt worden. Doch sagen 80 Prozent der Befragten, dass sie mittlerweile ganz gut zurechtkämen mit der Schulschließung – und ebenso viele Lehrer stehen nach eigenen Angaben für die Anfragen ihrer Schüler „jederzeit“ zur Verfügung.

Arbeitsbelastung der Lehrer

Wie würden Sie Ihren derzeitigen Arbeitsaufwand seit der Schulschließung einschätzen?

 

Quelle: forsa-Umfrage © ZEIT-Grafik

Den Lernbetrieb fortsetzen, den Kontakt zu den Schülern halten – auch das scheint den meisten Schulen zu gelingen. Mitunter auf unkonventionellen Wegen. Björn Lengwenus, Rektor der Hamburger Stadtteilschule Alter Teichweg, nimmt regelmäßig eine Late-Night-Show auf. Michael Hose, Lehrer im thüringischen Königsee, nutzt in Ermangelung einer digitalen Plattform die Chatspalte eines Online-Computerspiels als Besprechungsraum. Reihum haben sich Schulen Instagram-Accounts zugelegt. Ob per E-Mail oder über die Lerncloud, per Messenger oder Telefon: Die Schule sucht ihre Schüler da auf, wo sie sich aufhalten – hat es in der deutschen Bildungsgeschichte schon mal Ähnliches gegeben?

Lange Zeit waren die Digitalisten in der Lehrerschaft eine elitäre Truppe. Sie trafen sich auf der Tagung EduCamps oder diskutierten dienstags abends auf Twitter unter dem Hashtag #edchatde. Oft waren keine 100 Leute dabei, und den Rest der 800.000 Kollegen juckte das Engagement wenig. Heute ist das anders. Seit der Schulschließung können sich die Schulen kaum noch retten vor Empfehlungen und Hilfsangeboten: Es gibt Linklisten mit Materialsammlungen, Internet-Seminare über das Erstellen von Lehrvideos, Eins-zu-eins-Coachings für den Gebrauch einer Lernplattform.

Art der Kommunikation

Auf welchem Weg lassen Sie Ihren Schülern bzw. den Eltern während der Schulschließung Aufgaben zukommen?*

 

Quelle: forsa-Umfrage © ZEIT-Grafik

Die Digitalszene breitet ihre Arme aus – und die Analog-Kollegen greifen zu. An einem der Webinare, veranstaltet von der Thüringer Lehrerbildung mit dem Titel „I have a stream“, nahmen kürzlich 1000 Lehrer teil. Mittlerweile lassen laut Forsa-Umfrage gut 40 Prozent der Lehrkräfte ihren Schülern die Aufgaben über eine Lernplattform zukommen. Bei der letzten Erhebung zum Thema, der internationalen Icils-Studie vor zwei Jahren, gab es nur in knapp 17 Prozent der Schulen eine solche Cloud fürs gemeinschaftliche Lernen. Das Coronavirus ist offenbar auch in den Schulen ansteckend. Nur dort in einem positiven Sinne: Es zwingt die Kollegien, Neues auszuprobieren.

Entsprechend deutlich fällt das offizielle Lob aus. Stefanie Hubig, Präsidentin der Kultusministerkonferenz, spricht vom „überdurchschnittlichen Engagement aller Beteiligten“. Und Hamburgs Schulsenator Ties Rabe, sonst keiner, der mit guten Noten für die Pädagogenschaft um sich schmeißt, sagt: „Insgesamt funktioniert das Lernen zu Hause sehr gut.“

Umso enttäuschter sind die Reaktionen, wenn es nicht gut läuft. Ein einziges kopiertes DIN-A4-Blatt – das war alles, was Finn Breske* an seinem letzten Unterrichtstag mit nach Hause brachte. Unter dem Logo seiner Grundschule in Berlin-Pankow standen die Lernvorschläge für die nächsten Wochen: „Deutsch: Grundwortschatz freies Arbeiten auf jeder beliebigen Seite“, „Mathematik: Aufgabenblatt S. 38–39“, „Sachunterricht: das Heft kapitelweise bearbeiten“. Handschriftlich hatte Finns Klassenlehrerin Notizen angefügt: „Bei Fragen dürfen die Eltern gern helfen“.

Doch wer soll die Arbeitsblätter kontrollieren? Gibt es neuen Lernstoff, wenn die Kinder ihr Pensum erledigt haben? „Niemand gab uns darauf eine Antwort“, sagt Torben Breske*, der Vater des Viertklässlers. Per Rundschreiben verwies die Schulleitung auf die Warnung der Lehrergewerkschaften vor einer sozialen Spaltung durch den heimischen Schulunterricht. Die Botschaft, die beim Vater ankam, hieß: Damit einige nicht etwas mehr lernen als andere, sollen lieber alle möglichst wenig lernen. Überhaupt bleibt dies eine große, offene Frage: wie stark die aktuelle Situation die soziale Ungleichheit der Schüler und Familien verschärft.

Viele Eltern zeigen angesichts des Engagements der Schulen eine neue Wertschätzung für den Lehrerberuf. Es gibt aber auch Familien, die sich ausgerechnet jetzt im Stich gelassen fühlen. Die tagelang keine Antwort auf ihre Kontaktversuche bekommen. Deren Vorschläge, die Klassengemeinschaft möge doch einmal virtuell zusammenkommen, mit Hinweisen auf den Datenschutz abgebügelt werden. Die sich Unterstützung von digitalen Ersatzlehrern wie „Anton“ holen müssen.

Über diese Lern-App finden besonders Grundschüler Zehntausende Übungen und Lernspiele; als Belohnung gibt es Sternchen und Pokale. Was fehlt, sind Rückmeldungen durch einen Lehrer. Genau die brächten jedoch den größten Lerneffekt, sagt Ulrich Trautwein. Der Erziehungswissenschaftler an der Universität Tübingen hat sich viel mit dem Sinn und Unsinn von Hausaufgaben beschäftigt. Jetzt, bei „Schule daheim“, besteht der Unterricht quasi nur noch aus Hausaufgaben.

Art der Aufgaben

Welche der folgenden Aufgaben- oder Unterrichtsformate im Internet haben Sie seit der Schulschließung mit Ihren Schülern genutzt?*

 

Quelle: forsa-Umfrage © ZEIT-Grafik

Auf die Menge der Aufgaben, so lautet die Quintessenz von Trautweins Forschungen, komme es nicht an. Entscheidend seien vielmehr deren Qualität und das Feedback des Lehrers: etwa zur Argumentation in einem Essay oder zum Rechenweg bei einer Matheaufgabe. Das fördere nicht nur die Motivation der Schüler, die sich ernst genommen fühlen. Es steigere, sagt Trautwein, auch die „kognitive Aktivierung“ – ob also etwas im Kopf geschieht oder eben nicht. Bleiben die Schulen länger geschlossen, steigen die Herausforderungen. Um Neues zu lernen, brauchen die Schüler Anleitung, die Kommunikation mit dem Lehrer sowie den Austausch innerhalb der Klasse.

Doch auch das kann online funktionieren – und ist sogar bereichernd. Diese Erfahrung hat Brit Mühmert gemacht, Schulleiterin am Paul-Gerhardt-Gymnasium in Lübben. Als Brandenburg den Unterrichtsbetrieb einstellte, brach sie die laufende Interpretation des Dramas Nathan der Weise nicht ab, sondern verlegte die Diskussion über Lessings Werk in die Lerncloud der Schule. Zu ihrer Überraschung wurde das Gespräch nicht etwa flacher, sondern tiefer. Im Sprechblasentalk befassten sich mehr Schüler mit dem Drama als im Klassenzimmer. „Und es kam dabei zu tiefgründigeren inhaltlichen Auseinandersetzungen“, berichtet Mühmert.

Warum funktioniert das so gut? „Im Chat sind die Äußerungen anonymer – selbst wenn der Name dabeisteht“, glaubt die Oberstudiendirektorin. Die Schüler liefen nicht Gefahr, dass jemand sie schief anschaut. Gleichzeitig nutzen sie das Netz. „Das funktioniert wie bei einem Spickzettel, durch die Vernetzung mit anderen Quellen werden Inhalte produktiv ergänzt“, sagt Mühmert. „Ich bin mir sicher, dass meine Elftklässler für eine Klausur jetzt sogar besser gerüstet wären.“

Die Schulschließung hat vieles beschleunigt und intensiviert: Rund die Hälfte der befragten Lehrer gibt jetzt an, nach der Corona-Krise häufiger digitale Lernformate einsetzen zu wollen. Zwei Drittel sagen sogar, sie wollten „Schülerinnen und Schüler künftig stärker dazu befähigen, mehr Verantwortung für ihren eigenen Lernprozess zu übernehmen“. Was bisher das vornehmste Ziel einer kleinen Schar von Reformschulen in Deutschland war, steht plötzlich bei der Mehrheit der Lehrer hoch im Kurs.

Schulleiter bestätigen den Trend. „Wir haben so viel gelernt in den letzten Wochen – ich will wissen, was wir davon in die Zeit nach Corona mitnehmen können“, sagt Irene Petrovic-Wettstädt vom privaten Da-Vinci-Campus im brandenburgischen Nauen. In einer internen Auswertung ihrer Schule steht dazu: „Schüleraktivität noch höher ansiedeln, vom Frontalunterricht im weitesten Sinne Abstand nehmen.“ Micha Pallesche, Leiter der Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe, geht noch weiter. „Klar, die Geräte und digitalen Tools sind wichtig“, sagt er, „aber wir sollten die Chance nutzen, neu über das Lernen nachzudenken.“ Pallesche würde am liebsten einzelne Fächer und das feste 45-Minuten-Zeitraster überdenken. Auch die Dynamik zwischen Lehrern und Schülern sollte sich verkehren – Letztere sollten die „Macher“ sein.

Die Schulen in Deutschland sollen nun schrittweise wieder öffnen, so die Empfehlung der nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina. Die Zeit ohne regulären Unterricht sollte nicht verloren gegeben werden, sagt der Bildungsforscher Manfred Prenzel, einer der Autoren der Stellungnahme. Die Schulschließung zwinge die Schüler, ihr Lernen stärker selbst zu organisieren. Lehrer müssten lernen, digital zu unterrichten, Kollegien, dass gemeinsames Handeln besser funktioniere als Einzelkämpfertum. Wenn von alledem etwas erhalten bliebe, könne sich die Krise für die Schulen „sogar als Gewinn erweisen“, sagt Prenzel, der einst für die Pisa-Studie in Deutschland verantwortlich war.

Wie geht es weiter?

Mögliche Veränderungen nach Aufhebung der Schulschließung

 

Quelle: forsa-Umfrage © ZEIT-Grafik

Seit zwanzig Jahren wird mit dem Wort „Pisa“ vieles begründet, was an den Schulen anders werden muss. Vielleicht bekommt das Kürzel bald Konkurrenz: Corona.

*Name geändert